Krimi statt Fußball

11/12/2022 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gab gestern Frankreich gegen England im Fernsehen, aber das habe ich nicht geguckt. Weil ich die FIFA durch Nichtbeachtung boykottiere. Ich habe stattdessen abends um zehn etwas ganz Nostalgisches geguckt: den ersten Tatort der Fernsehgeschichte, Taxi nach Leipzig. Der hatte in meinem ersten Jahr als Blogger hier im November 2010 schon einen Post, den zwölf Jahre alten Text stelle ich heute noch einmal hier hin: 

Das Böse ist immer und überall!sang vor Jahren die Erste Allgemeine Verunsicherung. Wir wissen das natürlich längst, weil wir seit vierzig Jahren den Tatort haben. Früher war es ein nationales Ereignis, wenn sonntags ein Tatort Kommissar ermittelte, heute guckt da schon keiner mehr hin. Höchstens bei Thiel und Boerne in Münster. Es gibt zuviel Tatorte, zuviel Kommissare. Und das Qualitätssiegel, das die ersten Sendungen trugen, ist längst abgelaufen. In der DDR hatten sie keinen Tatort, da hatten sie den Polizeiruf 110. Nach der Wende bekamen wir den auch. Wobei der aus ✺Schwerin mit Uwe Steimle und Kurt Böwe der beste war. Böwe krönte damit auch seine schauspielerische Karriere, deren beste Filme man hierzulande kaum sehen konnte. Filme wie Konrad Wolfs Ich war Neunzehn oder Der nackte Mann auf dem Sportplatz. Gute Schauspieler im Tatort sind heute rar, und wenn man einem Serienstar heute eine Pistole und einen Dienstausweis in die Hand drückt, dann ist das ja eher das berufliche Abstellgleis. Statt Rente Tatort Kommissar, oder Kommissar in irgendeiner der anderen Krimisendungen, die die ganze Woche über laufen. Sogar Iris Berben war schon Polizistin, Veronica Ferres auch. Nur Ingrid Steeger noch nicht. Vielleicht kommt das ja noch.

Bevor wir den Tatort hatten, hatten wir Stahlnetz im Fernsehen. 22 Folgen in zehn Jahren. Das war noch seriöses Handwerk, alle Drehbücher von Wolfgang Menge, Regie Jürgen Roland. Und alles in schwarz-weiß. Links ist Rudolf Platte als Oberkommissar Roggenburg in Das Haus an der Stör, wahrscheinlich dem berühmtesten Film aus der Reihe. Die Filme waren noch sehr langsam, hatten nichts von der heutigen Hektik in Schnitt und Einstellung. Zeigten aber ein Bild der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Und sie beruhten auf wahren Fällen, und wahre Fälle sind immer langweiliger und mühseliger als das, was uns heute im Tatortaufgetischt wird. Warum sind wir so begierig, das alles zu sehen?

In diesen Tagen hat ja beinahe jede Zeitung einen Bericht über vierzig Jahre Tatort. Mit Bildern von allen Tatort Kommissaren, ich gucke die an, und ich kenne sie nicht. Ich kenne die Namen der Schauspieler, aber ich weiß, dass ich sie nie als Kommissare in Aktion im Ersten Deutschen Fernsehen gesehen habe. Weil da viele dabei sind, die ich für unerträglich halte. Hätte ich mir nicht mal aus beruflichen Gründen angeguckt, damals, als ich noch wissenschaftliches Zeug über den Krimi schrieb. Selbst schrottige Edgar Wallatze Filme sind häufig noch besser als das Elend vieler Tatort Folgen. Die wirklich erinnerungswerten Tatort Filme hießen Kressin stoppt den Nordexpress (Drehbuch: Wolfgang Menge) und all die, die den Namen Trimmel im Titel hatten oder den Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel das Verbrechen bekämpfen liessen.

Und Taxi nach Leipzig mit Paul Trimmel, alias Walter Richter, war auch der erste Tatort, heute vor vierzig Jahren. Der Roman stammte von einem gewissen Friedhelm Werremeier. Der hatte gerade angefangen, für die Reihe der rororo thriller zu schreiben. Da hatte Richard K. Flesch, den die ganze Branche Leichenflesch nannte, bei Rowohlt schon ein gutes Händchen gehabt. Wenn Sie hier hineinschauen, werden Sie sehen, ich wiederhole mich gerade ein wenig. Aber ich will jetzt auf etwas ganz anderes hinaus, nicht auf Sjöwall Wahlöö und auch nicht auf Richard K. Fleschs Whiskykonsum. Nein, ich meine ein ganz anderes Phänomen, das Der neue deutsche Kriminalroman hieß. So hieß auf jeden Fall 1985 ein Sammelband, in dem die Ergebnisse einer Tagung im Kloster Loccum zusamengetragen waren. Den ich aus unerklärlichen Gründen jetzt nicht im Regal finde. Das ist ärgerlich, weil ich nicht nachgucken kann, was ich damals geschrieben habe.

Wenn wir plötzlich in den sechziger Jahren einen neuen deutschen Kriminalroman hatten, dann heißt das allerdings nicht, dass wir einen alten gehabt hätten. Engländer, Amerikaner und Franzosen haben in diesem Genre eine Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wir nicht. Es wäre verwegen, eine Entwicklungslinie von Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre, E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi, Fontanes Unterm Birnbaum bis zu Jakob Wassermanns Der Fall Maurizius ziehen zu wollen. Aber jetzt ist der Krimi plötzlich da. Werremeier, Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Fred Breinersdorfer, Michael Molsner, Paul Henricks und Horst Bosetzky (der unter dem Pseudonym -ky) schrieb. Und viele andere. Selbst im kommunistischen Bruderstaat, wo man sich zuerst bemühte, einen Damm gegen die westliche Schundliteratur zu errichten, fügte man sich drein und ließ Krimis zu: Nicht länger mehr blieb das Feld dem Gegner überlassen, mit dessen geistiger Rüstung wir uns vertraut machten.

Was den deutschen Krimi der sechziger Jahre auszeichnet, ist eine Hinwendung zu soziologischen Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft, am prominentesten in den Büchern von -ky. Der zuerst auch noch glaubte, mit seinen Krimis einen – wenn auch noch so bescheidenen – Beitrag zur Veränderung unserer Gesellschaft in Richtung auf einen humanistisch-demokratischen Sozialismus zu erbringen. Er musste aber Jahre später, als er sein Thesenpapier Dreizehn Flüche und eine Träne. Die Unmöglichkeit des Sozio-Krimis Über das Elend des bundesdeutschen Krimimachers bis zum kriminalliterarischen Selbstmord veröffentlichte, resignierend feststellen, dass das wohl nicht so ganz funktionierte. Die Formeln der Kriminalliteratur sind nicht zu überwinden, es gibt nur Variationen der erzählerischen Einkleidung.

Die aber damals, und das haben die Romane von Werremeier, -ky und Co. gezeigt, recht originell ausfallen konnten. Auf jeden Fall origineller als das, was heute im Tatort geboten wird. Taxi nach Leipzig ist da nur eins der Beispiele. Der Roman war zuerst in einer Reihe erschienen, die den Titel Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands (1970) hatte. Der Film präsentiert uns eine glaubwürdige Hauptfigur (und mit Walter Richter eine überzeugende Verkörperung), auch wenn Simenons Kommissar Maigret (und Jean Gabin) in dieser Figur ein wenig durchscheint. Dazu eine schöne Frau (Renate Schroeter), ein DDR Grenzpolizist (Hans Peter Hallwachs, durch Zadeks Theater in Bremen berühmt geworden) und eine deutsch-deutsche Problematik.

Der bullige Paul Trimmel war von Anfang an, daran hat Werremeier in Interviews keinen Zweifel gelassen, als Serienfigur konzipiert. Allerdings war der Film Taxi nach Leipzig gedreht, bevor es die Tatort Reihe gab. Es war aber ein geschickter Zug von Tatort Erfinder Gunther Witte, den als ersten Film der Reihe zu nehmen, nachdem er dem WDR die Idee verkauft hatte: Das Schreckliche war nur, die wollten es dann sofort! So eine Reihe muss man doch erst einmal entwickeln, das braucht schon so anderthalb Jahre. Aber nein, das sollte gleich losgehen. Und so haben wir alle erst mal Projekte aufgegriffen, die sowieso schon in der Schublade lagen … Es begann mit ‚Taxi nach Leipzig‘, ein Krimi, der schon fertig entwickelt war. Der wurde sofort umgesetzt. Am peinlichsten war mir, was wir vom WDR als erstes einbrachten. Meine Kriterien waren ja grob: Es muss sich um einen Kommissar drehen, es muss regional und es muss realistisch sein. In unserer Schublade lagen aber Drehbücher mit Kressin. Das war ein Zollfahnder und kein Kommissar, das war ein deutscher Bond und keineswegs eine realistische Polizeifigur. Ich war da auf schlimmste Diskussionen vorbereitet, aber es hat keiner gemault.

Da sind wir aber dankbar, dass von den Intendanten der ARD keiner gemault hat, und wir so auch Sieghardt Rupp als Kressin bekommen haben. Hat das Genre zweifellos belebt. Taxi nach Leipzig gibt es als DVD (Kressin stoppt den Nordexpress auch, demnächst wird es noch einen Dreierpack Kressin geben), und es lohnt sich auch heute noch, diesen Film zu sehen. Es lohnt sich natürlich auch, alle Werremeier Romane zu lesen. Die Krimiautoren der sechziger Jahre haben die Türen geöffnet für eine beständige Produktion deutscher Krimis. Sind die wirklich gut? Ich weiß es nicht, aber wenn jemand wie Thea Dorn im Jahre 2000 den Deutschen Krimipreis gewinnt, dann kann das nix sein. Manchmal gibt es was Nettes wie Norbert Klugmann und Peter Matthews‘ Beule oder wie man einen Tresor knackt (1984), aber der Rest ist irgendwie Hausmannskost. Obgleich die St Pauli NoirRomane von Simone Buchholz schon ein wenig hervorstechen.

Es lohnt sich aber immer, die Autoren des Neuen deutschen Kriminalromans wieder zu lesen. Und wenn man wirklich gute deutschsprachige Krimis lesen will, dann sollte man doch zu dem Schweizer Friedrich Glauser und seinem Wachtmeister Studer greifen. Dagegen sehen viele neuere Autoren alt aus. Deutschsprachige Krimiautoren sind inzwischen organisiert, schauen Sie auf die Seite von dem Syndikat, mehr als 600 deutschsprachige Autoren. Wir sind ein kriminelles Volk. Über alles was neu ist, informiert hervorragend der immer rührige Thomas Przybilka und seineAlligatorpapiere.

Ich hatte 2010 gewisse Vorbehalte, über einen Tatort zu schreiben. Ich hatte zu Beginn meiner wissenschaftlichen Karriere einiges über den englischen und amerikanischen Krimi geschrieben, Bücher und Aufsätze. Ich wollte nichts von dieser Zeit mit in diesen Blog nehmen, alles hier sollte neu sein Und das war es auch, von den beinahe dreitausend Posts in zwölf Jahren sind nur ein halbes Dutzend zuvor im Druck erschienen. Da habe ich mich an meine Vorsätze gehalten. Aber bei dem Trimmel Krimi konnte ich nicht widerstehen, weil dieser Film doch so etwas wie ein deutscher Klassiker ist. Das fand 2008 auch Michael Hanfeld in der FAZDieser allererste ‚Tatort‘ war ein Meisterstück, von der Kritik schwer verkannt, dabei all jene Qualitäten aufweisend, die der Reihe später tatsächlich immer mal wieder verlorengingen. Ein Kammerspiel, ein spannender Thriller, eine Geschichte von Rang, mit stimmiger Dramaturgie und einem bestechenden Ensemble – der Krimi als Gegenwartsroman. Sie können das Urteil überprüfen, den Film ✺Taxi nach Leipzig habe ich auch für Sie. Das Fußballspiel gestern soll auch ein Krimi gewesen sein, aber dieser deutsch-deutsche Krimi hält sich seit über fünfzig Jahren.

Meine Vorbehalte, Posts über Kriminalliteratur in den Blog zu nehmen, habe ich dann aufgegeben; Sendungen wie Tatort kamen nun relativ häufig in diesem Blog vor. Ich mochte sie immer weniger. Sie werden auch immer skurriler, manche verstehe ich gar nicht mehr. Woher kommen die ganzen Serienmörder? Warum verschwinden immer wieder Kinder? Meistens Mädchen, die dann von Heino Ferch gesucht werden. Warum gibt es an jedem Wochentag mindestens einen Tatort oder einen Wilsberg oder einen Polizeiruf 110? Und wenn das nicht reicht, dann werden noch diese schrottigen Serien aus Skandinavien gesendet, über die ich schon in Henning Mankell und Nordic Noir Böses gesagt habe. Der Höhpunkt war White Sands, acht völlig inhaltlose Folgen, die nur wegen der 1,80 großen dänischen Blondine zu ertragen waren. Was mit Taxi nach Leipzig als einer Art Kammerspiel begann, ist zu einem visuellen Overkill geworden. Es gibt mehr als 1.200 Tatorte, man kann sie beliebig oft wiederholen. Die Produzenten haben das nicht begriffen, was Gustl Bayrhammer vor vierzig Jahren sagte, als er die Rolle des Kriminalhauptkommissars Melchior Veigl aufgab: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr.

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Wenn man das alles zusammenpappt, könnte man es im Print on Demand Verfahren als Buch verkaufen, aber das will ich nicht. Diesen Blog mit seinem prodesse und delectare kann jeder frei von Werbung lesen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Das war meine Grundidee, als ich mit dem Bloggen begann. Ich wünsche Ihnen einen schönen dritten Advent.

Into the night

08/11/2022 § Hinterlasse einen Kommentar

Letztens konnte man bei arte den Film ✺Fahr zur Hölle, Liebling sehen. Eine späte Verfilmung eines Romans von Raymond Chandler mit Robert Mitchum als Philip Marlowe, durchaus ein akzeptabler Film. Mit den Remakes von Klassikern ist das so eine Sache, die Zauberformel funktioniert beim zweiten Mal sehr selten. So gut wie Mitchum in Out of the Past war, war er nie wieder. In dem Post Nina van Pallandt, der über die Neuverfilmung von The Long Goodbye geht, habe ich damals geschrieben: Robert Mitchum als alternder Marlowe in Farewell My Lovely war nicht schlecht (Charlotte Rampling auch nicht), er hätte es dabei belassen sollen. Denn in dem Remake von ✺The Big Sleep (nicht mehr im L.A. von 1939, sondern im London der 70er Jahre) von Michael Winner hat er seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt. Michael Winner ist einfach nicht intelligent genug für einen richtigen neo-noir Film. Und London ist nicht L.A.

Man sollte viel mehr von den guten Filmen aus der Zeit des Film Noir senden und uns nicht mit Tatort, Polizeiruf 110, Wilsberg und Kroaten-Barcelona-Usedom-Erzgebirge-Stralsund-Krimis vollmüllen. Als ich las, dass Cornell Woolrich, der auch unter den Pseudonymen George Hopley und William Irish schrieb, am 26. September 1968 gestorben war, dachte ich mir, ich müsste unbedingt über ihn schreiben. Denn seine Romane und Kurzgeschichten sind die Basis von vierzig Filmen und TV-Serien Hollywoods. 

Und nicht nur Hollywood hat ihn verfilmt, François Truffaut liebte Cornell Woolrich (hier ein Bild aus ✺The Bride Wore Black). Die Romane von Cornell Woolrich handeln immer von Liebe, Sehnsucht und Tod, deshalb mochte Truffaut, der sich immer wieder in seine Hauptdarstellerinen verliebte, sie wahrscheinlich: Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j’ai aimés, et j’ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n‘ empêche pas la tristesse d‘ être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie.

Truffaut hat Woolrichs Roman Waltz into Darkness unter dem Titel ✺La Sirène du Mississipi verfilmt, dazu gibt es hier einen ganz langen Post. Als Truffaut an die Verfilmung von The Bride Wore Blackheranging, lebte Cornell Woolrich noch. Er hatte allerdings noch nie etwas von François Truffaut gehört, ließ ihm aber durch Truffauts amerikanische Agentin ausrichten, dass er durchaus in der Lage sei, einen Brief in französischer Sprache zu lesen, falls Truffaut ihm schreiben wolle. Er hat den Erfolg von  La Mariée était en noir und La Sirène du Mississipi nicht mehr erlebt. Woolrich konnte nicht nur Französisch, er hatte an der Uni auch Deutsch studiert.

Als seine ersten Geschichten gedruckt wurden, verließ er die Columbia Universität. Seiner Schreibmaschine hat er in seiner fragmentarischen Autobiographie Blues of a Lifetime ein Denkmal gesetzt, das erste Kapitel heißt Remington Portable NC69411. Seine ersten Geschichten haben noch nichts mit dem hardboiledGenre zu tun, er ist schwer unter den Einfluss von F. Scott Fitzgerald gekommen und schreibt in Magazinen wie College Humorund McClures über das Jazz Age: I was a true son of the Twenties, carrying them with me through the long after-years. I made the Twenties last for forty years. This was the only possible answer, the only there could be: after me the downpour. Auf einem Blatt Papier, das man nach seinem Tod unter seinen Manuskripten fand, wird die Schreibmaschine wieder erwähnt: I was trying to cheat death. I was only trying to surmount for a little while the darkness that all my life I surely knew was going to come rolling in on me some day and obliterate me. I was only to stay alive a little brief while longer, after I was already gone. To stay in the light, to be with the living, a little while past my time. I loved them both so. A fool and his machine. Yes, a fool and his machine.

Auch wenn er sein Studium vorzeitig beendete und nicht wie sein Studienfreund Jacques Barzun als Wissenschaftler berühmt wurde, hielt er doch immer noch Kontakt zur Columbia Universiät. Als ihm Mark van Doren, der einmal sein Professor gewesen war, schrieb, dass er sich gerade den Film Black Angel angeschaut hatte, ging auch Woolrich ins Kino. Und schrieb Mark van Doren: I was so ashamed when I came out of there. All I could keep thinking of in the dark was: Is that what I wasted my whole life at? Woolrich hat diesen Film gehasst, er hasste beinahe alle Verfilmungen seiner Werke. Und er hasste Hitchcock, der ihn nicht zur Premiere von Rear Window eingeladen hatte: Hitchcock wouldn’t even send me a ticket to the premiere in New York. He knew where I lived. Woolrich hat gut an den Filmen verdient. Bei seinem Tod hinterließ er der Columbia University beinahe eine Million Dollar. Und all seine Manuskripte. Und das Copyright für all seine Werke. Wie auch solch unveröffentlichte Texte: I turned away from him and went on my way, up the street and about my business. The past was dead. The future was resignation, fatality, and could only end one way now. The present was numbness, that could feel nothing. Like Novocaine needled into your heart. What was there in all the dimensions of time for me? 

I have led a completely uneventful life, as far as outward incident is concerned. Fortunately I am a writer of the imagination, hat er geschrieben. Wir wissen wenig über sein Leben. Es gibt zwar seit 1988 mit Cornell Woolrich: First You Dream, Then You Die eine voluminöse Biographie von Francis M. Nevins, aber die ist mit großer Vorsicht zu genießen. Viele Spekulationen, wenig harte Fakten. Ich liebe Sätze wie I can’t prove it, but I know it. Die 613 Seiten bieten eine Bibliographie aller Werke von Woolrich und aller Verfilmungen, besprechen alle Werke, aber der wirkliche Cornell Woolrich bleibt in der Dunkelheit. Bei Amazon schrieb ein enttäuschter Leser: No. The book was supposed to be a biography of Cornnell Woolrich and it isn’t. The whole book gives a summary of the crime writer’s short novels and that’s all. Not a biography. Nevins war Juraprofessor an der Saint Louis University, kein Philologe. Mit dem Krimiautor Woolrich verbindet den Professor, dass er zahlreiche Krimis geschrieben und Anthologien von Detektivliteratur herausgegeben hat. 

Cornell Woolrich, in dessen Werk die Frauen einen so großen Platz einnehmen, hat über sich gesagt: I was born to be solitary, and I liked it that way. Er war einmal verheiratet: I never loved women much, I guess. Only three times, that I’m fully aware of. And each time I got more or less of a kick in the jaw, so there wasn’t much incentive to go ahead trying more frequently. The first time it was just puppy love, but it ended disastrously for at least one of us, through no fault of mine. The second time, somebody else married her, and it was only after it happended that I realized I wished it hadn’t. The third time, I married her, and it was only after it happened that I realized I wished it hadn’t. Er hat seine erste Liebe Vera Gaffney in das Kapitel The Poor Girl in Blues of a Lifetime hineingeschrieben.

Und Szenen aus seiner Ehe hat er auch in einem Fragment beschrieben: 1 woke up about two o’clock in the morning, everything dead still. 1 wanted a drink of water, or told myself 1 did anyway. She was sound asleep, or seemed to be; never moved as 1 got up. 1 shucked on a robe, went to the tap, and ran a little water into a glass. But then 1 didn’t drink it after all. 1 carried it over to the window with me and stood there holding it in my hand, looking down into the street. The street was empty, and gun-metal-gloom in color. No one on it, nobody, nothing that moved. Not an eddy of dust, not a cat on the prowl. 1 don’t know why, but that made it less quieting than if there had been. The switch in the traffic-light control box up on the corner gave a click in the stillness that was as loud as the fall of a loose handcuff. Still holding the water, 1 turned around and came back to the bed. Without moving, without changing position at all, she asked through closed eyes and all: „Anyone there?“ „No,“ 1 answered tersely, and got back to bed. There was this tiny fist-sized cloud on the horizon now, no more than that. But a tiny fist-sized cloud can mean a storm is coming, looming and monstrous. Das Bild hier ist von Edward Hopper. There is a lot of Edward Hopper in Woolrich’s word paintings of the Thirties and Forties hat Ed Gormangesagt.

Ich möchte Tom Milne, dem wahrscheinlich bedeutendsten englischen Filmkritiker des letzten Jahrhunderts, das letzte Wort lassen. Er beginnt seinen Essay mit der Aufzählung von ✺Romantiteln von Woolrich: Story to be whispered. Night has a thousand eyes. Walls that hear you. Dark melody of madness. Everyone has to die alone. If I should die before I wake. You’ll never see me again. The living lie down with the dead. Das klingt beinahe wie ein Gedicht aus der dunklen Welt des Autors, die viel mit der Gothic Novel gemein hat. Und Milne fährt fort: The very titles of Cornell Woolrich’s novels and stories say all that needs to be said about the dark terrors, the unrelenting nightmares and the sinister presences that haunt his work (apart from the early novels) from beginning to end. More than any other writer since Edgar Allan Poe, Woolrich used archetypal fears and phobias, seemingly spun out of some recurring personal trauma, to orchestrate a world entirely his own in which the characters stalked by death and self-destruction through dark alleyways and endless nights of their own making – predators and victims alike – are always hopefully protected by a sort of despairing tenderness on the part of their creator. Since Woolrich was a pulp writer, you won’t find his name in any of the literary histories, biographies or who’s whos. But for my money, he wrote better than Chandler, Hammett and Cain, all of whom could (and sometimes did) provide lessons for ‘serious‘ novelists.

Cornell Woolrich ist schon einige Male in diesem Blog erwähnt worden, zum Beispiel in den Posts Waltz into DarknessElmore Leonardwhere life and movies overlapJeanne Moreau und Jacques Tourneur.

Aufhören

08/11/2022 § Hinterlasse einen Kommentar


Nein, nicht ich. Wir reden heute mal eben über Serien, die einfach nicht aufhören. Nach Hubert und Staller kommt Hubert ohne Staller. Nach dem Filmtod von Detective Inspector Richard Poole hat Death in Paradise jetzt schon den dritten Inspektor. Die hübsche Sara Martins als Sergeant Camille Bordey ist nicht mehr dabei. Élizabeth Bourgine, die schon vor vierzig Jahren in Nestor Burma mitspielte und mit Cours Privé 1986 durch ihre ✺Nacktszenen berühmt wurde, ist aber noch da. Produzenten mögen eine Serie ungern aufgeben. Helden verschwinden von der Bildfläche, aber die Serie bleibt. Der Chief Inspektor Morse kommt als Der junge Inspektor Morse zurück. Der Schmunzelkrimi (eine Wortschöpfung der ARD) Mord mit Aussicht hat auch eine neue Kommissarin. 

Wie viele Maigrets es nach Jean Gabin gegeben hat, möchten wir lieber nicht wissen. Gabin sah so aus wie der Maigret der Romane Simenons. Rowland Atkinson sieht nicht so aus. Der Kommissar Van der Valk ist eigentlich in The Long Silence gestorben, aber jetzt ist er neu wieder da. Der Serientod ist unter Schauspielern gefürchtet, das thematisierte schon 1968 der englische Film ✺The Killing of Sister George. Manchmal sterben Schauspieler wirklich. Die tote Maja Maranow aus Ein starkes Teamist jetzt angeblich in Australien. Totgesagte Serienhelden können auch wieder aufstehen. Wie Bobby Ewing in Dallas, der plötzlich aus der Dusche kommt. Coleridges Satz vom willing suspension of disbelief gilt für alle Serien.


Selten verschwindet der Held wirklich. Ein Held muss bleiben. Ewig. Der berühmte kanadische Literaturwissenschaftler Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism die Literaturform der romance so definiert: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form … At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness.

Da fällt uns doch sogleich James Bond ein, wie hat der sich doch in den letzten Jahrzehnten verändert. In ✺Dr No kam er mit den scharfen Anzügen von Anthony Sinclair (lesen Sie mehr in Agentenmode) dem Bond der Romane noch nahe. Die refrigerated deathlessness des Helden lässt ihn weiterleben, aber von der Eleganz ist nichts geblieben, von Ian Flemings Romanen auch nicht. Im Fernsehen gibt es zur Zeit jeden Dienstag bei Nitro James Bond Filme. Und die werden immer wiederholt, manchmal noch am selben Tag. Gestern gab es zwei James Bond Filme hintereinander. Sie haben das mit den Wiederholungen sicher schon bemerkt, dies ist der Sommer der Wiederholungen. 007 sieht jede Woche anders aus. So gut wie Sean Connery in den Klamotten von Anthony Sinclair sieht keiner aus. Roger Moore erst recht nicht.

Wiederholungen, Remakes, Reboots und Sequels. Nicht erst in diesem Sommer. Hollywood hat schon früh damit angefangen, seine Fortsetzungsformate zu wiederholen. Magnum hat keinen Schnurrbart mehr. Auf Peyton Place folgte Peyton Place: The next Generation (mit Dorothy Maloneund so weiter. Englands führender Filmkritiker Philip French hat vor vielen Jahren seinen Artikel And here’s one they made earlier im Observer mit einem Dorothy Parker Zitat begonnen, wonach the only -ism Hollywood believes in is plagiarism.

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen.

Diese Sätze standen hier im Januar dieses Jahres in dem Post Verliebt in scharfe Kurven. Damals kannte ich Patricia Schlesinger noch nicht und wusste nicht, was ihr Dienstwagen gekostet hat. Was mich allerdings wundert, ist die Tatsache, dass der Post aus dem Januar immer noch gelesen wird. Ist beharrlich in den letzten Wochen in den Top Ten. Ist es der Titel des Posts, der die Leser anzieht? Klicken Sie den Post wegen Jean-Louis Trintignant oder der vielen schönen Frauen an? Oder weil Catherine Spaak vor wenigen Monaten gestorben ist? Jetzt sind beinahe alle Darsteller aus dem Film tot. Der Film ist sechzig Jahre alt, aber er ist heute noch frischer und jünger als vieles, das heute produziert wird. Einschließlich der Remakes, Reboots und Sequels. Er wird auch selten wiederholt, aber hier bei mir können Sie ✺Il Sorpasso sehen. Ist bestimmt besser, als das Fernsehprogramm heute Abend.

Van der Valk

07/11/2022 § Hinterlasse einen Kommentar

Muste es wirklich sein? Brauchte man noch einen Kommissar Van der Valk? Barry Foster war ja schon schlimm. Ich weiß nicht, ob Bryan Marshall 1973 in ✺Because of the Cats besser war, aber der Film bleibt in Erinnerung, weil da  Sylvia Kristel mitspielte, die ein Jahr später durch Emmanuelle berühmt wurde. Dass einmal Wolfgang Kieling (der Vater von Maja Maranows Kollegen Florian Martens in Ein starkes Team) in einem englischen Film den Kommissar Van der Valk gespielt hat, daran erinnert sich heute wohl niemand mehr. Seit zwei Jahren ist der Engländer Marc Warrren der neue Van der Valk, jetzt ist er auch bei uns im Fernsehen in ✺Kommissar Van der Valk zu sehen. Der Independent hatte nur einen Verriss für die Serie übrig und titelte: ITV’s Amsterdam-set sleuth remake is woefully miscast.

Es ist eine dieser typischen europäischen Billigserien, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Wie diese zehnteiligen Schwedenkrimis, die uns als Nordic Noir verkauft werden. Hat mit den hervorragenden Romanen des Engländers Nicolas Freeling, der lange Zeit in Holland lebte, wenig zu tun. Eigentlich gar nichts. Für Freeling war Georges Simenon ein großes Vorbild gewesen. Den Meister des psychologischen Kriminalromans wird wohl niemand mit dem kantigen blonden Marc Warren assoziieren. Ian Fleming hat in einem Augenblick der Selbsterkenntnis an Raymond Chandler geschrieben: Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write ’novels of suspense‘ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety. Freelings Romane sind soziologische Gesellschaftsstudien. Das, was uns heute unter dem Namen seines Helden Van der Valk verkauft wird, ist nur die billige bang-bang, kiss-kiss variety.

Ich hole mal etwas aus und beginne bei der Ehrenrettung für den echten Van der Valk mit Napoleon. 1804 hatte der den militärischen Rang eines Marschalls von Frankreich wieder eingeführt. Und gleich achtzehn Generäle zu Maréchaux d’Empire ernannt. Generäle, die nicht mehr im aktiven Dienst waren, wie zum Beispiel François-Christoph Kellerman, wurden Ehrenmarschall. Ich könnte jetzt natürlich über die napoleonischen Marschälle schreiben, das ahnen Sie schon. A.G. Macdonnell, der das schöne Buch Napoleon and his Marshals geschrieben hat, hat allerdings hier schon einen Post. Michel Ney hat auch schon einen Post, Soult auch. Napoleon kommt hier ständig vor. Doch als ich die Sache mit den achtzehn Marschällen las, war meine erste Assoziation: Nicolas Freeling.

Denn Soult, Kellermann und Ney kommen in einem Kriminalroman von Freeling vor, der The King of the Rainy Country heißt (ich habe hier eine ✺Hörspielversion der BBC). Der Romanheld ist der holländische Polizist namens Van der Valk, der zum ersten Mal 1962 in dem Roman Love in Amsterdam auftrat und ein Jahr später in Because of the Cats die vollentwickelte Hauptfigur war. Dies war Freelings sechster Van der Valk Roman, er sicherte dem Autor den Edgar Award der Mystery Writers of America. Alle anderen Preise dieses Genres, wie den Golden Dagger der Crime Writers‘ Association und den Grand Prix de littérature policière hat er auch bekommen. Als The King of the Rainy Country erschien, gab es im Times Literary Supplement (das ja nicht unbedingt ein fanzine für Krimis ist) eine erstaunliche Rezension, aus der ich einmal den Hauptteil zitiere:

In about five years, with five books, Nicolas Freeling has taken the position of preferred English detective writer, at least among those with respect for the genre. Freeling’s books are much more than simple thrillers. It would in fact be fair to say that from a melange of existing ingredients he has remade and extended the thriller. There is mystery, not only the mystery of who is doing what but more importantly, who is capable of doing it and why. Then his English is good, unusually good in today’s light novel; notice his metaphors and similes, often arresting yet unforced. On place and the feeling of place he is usually excellent. His detective, Van der Valk, is at present head and shoulders above others – a sort of apotheosized Maigret. And finally he has the popular story-teller’s gifts, the right pace and the constant satisfaction of controlled expectation. Excitement – this is the important novelty – is integral, not, as with Dorothy Sayers, a knob on the top. Mr Freeling is at the moment the educated man’s Ian Fleming.

Nicolas Freeling hat mich durch die sechziger Jahre begleitet, sein Amsterdam war ein Amsterdam, das ich kannte. Ich fand es schade, dass er Van der Valk eines Tages mit dem Roman A Long Silence aufgab: Mit einem letzten bewussten Gedanken an diese Welt fiel ihm ein, daß Stendhal gesagt hatte, es sei keine Schande, auf der Straße zu sterben, wenn man es nicht absichtlich tat. Van der Valk begann, sein langes Schweigen zu studieren. Aber er kam nicht weit. Er war tot. Der Roman A Long Silence hat in der amerikanischen Ausgabe den Titel Auprès de ma blonde, ich weiß nicht weshalb.

In der Sunday Times schrieb Freelings Kollege Edmund Crispin in einem Nachruf auf Van der Valk: he was the best of all police detectives, quirky yet sympathetic, a professional but still very much an individual: compared with him even Maigret seems scarcely better than two-dimensional. Freeling, der inzwischen in Frankreich lebte, war der Meinung, er sei zu weit von Amsterdam entfernt, um noch glaubwürdig über die Stadt schreiben zu können. Er hatte eine neue Detektivfigur, die Henri Castang hieß, aber für mich (wie für viele Leser) blieb Freeling eben dieser Piet Van der Valk. Viele Freeling Fans liefen zu Janwillem van de Wetering über, der just in dem Augenblick, als Freeling seinen Helden in A Long Silence beerdigte, zu schreiben begonnen hatte.

Es gab zahlreiche Verfilmungen, ich lasse jetzt mal die Serie mit Barry Foster aus, die beinahe zwanzig Jahre in England lief. Erstaunlicherweise brachte die ARD damals drei sehr gute Filme zustande. Die erste Verfilmung (alle zeigten Frank Finley als Van der Valk) war von Peter Zadek. Drehbuch Peter Zadek und Robert Muller. Das heißt, dass das Drehbuch von Robert Muller ist, der für Zadek immer die Arbeit machte, zu der Zadek keine Lust hatte. Er schrieb auch das Drehbuch von Ich bin ein Elefant, Madame. Pardon, das war natürlich Zadek. Muller musste sich dann dafür von Zadek in der Autobiographie beschimpfen lassen, aber wen hat Zadek in seiner Autobiographie nicht beschimpft? Muller arbeitete auch mit Zadek unter Hübner am Bremer Theater, dazu kam der 1938 emigrierte Schriftsteller extra aus London. Er schrieb Thomas Valentins RomanDie Unberatenen zu einem erfolgreichen Theaterstück um. Aus dem dann, noch einmal umgearbeitet, Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame wurde. Mullers erfolgreichste Artbeit war übrigens das Drehbuch zu Die Gentlemen bitten zur Kasse.

Das Drehbuch zu Van der Valk und das Mädchen (nach dem Roman Gun Before Butter) war nicht der einzige Beitrag zu den Freeling Filmen der ARD. Muller schrieb auch das Drehbuch zu Wolfgang Petersens Van der Valk und die Reichen (und dem dritten Film Van der Valk und die Toten), einem Film, in dem Petersen zeigen konnte, dass er lange vor dem Boot und vor Hollywood sein Handwerk beherrschte. Ich habe den Film (der eine Verfilmung von The King of the Rainy Country ist) schon erwähnt, als ich leicht bösartig über Henning Mankell schrieb. Es war ein Glücksgriff des Fernsehens, dass man als Verkörperung des Piet Van der Valk einen englischen Vollblutschauspieler wie Frank Finlay gewinnen konnte. Die ARD wäre besser beraten gewesen, ihre alten drei Van der Valk Filme einmal neu herauszubringen, statt für viel Geld diese englische Serie zu kaufen.

Verfilmungen von Detektivromanen mit einem bekannten Helden leben von einem Schauspieler. Basil Rathbone als Sherlock Holmes war O. K., Jean Gabin als Maigret auch. Heinz Rühmann als Maigret, nein, das ging nun gar nicht. Van der Valk war kein armchair detective wie Sherlock Holmes, er war kein Snob wie Lord Peter Wimsey, er war kein exzentrischer Außenseiter. Irgendwie war er der letzte Vertreter der gebildeten Bourgeoisie im Detektivroman. Er konnte (wie John Buchans Richard Hannay) mit dem gesellschaftlichen Unten und Oben umgehen. Die Gattin des verschwundenen Millionärs, den Van der Valk in The King of the Rainy Country suchen sollte, könnte ihn eiskalt abwimmeln. Aber Van der Valk hat seinen eigenen Charme:

A woman in a silk housecoat was standing on the steps. Narrow vertical stripes, olive-green and silver-grey.
‘Sorry – I was staring admiring.’ She had his card in her hand which she gave back to him, with a careful slow look of appraisal.
‘That does not matter in the least. Perhaps we will go in here, shall we?’ She opened a door beyond the stairs and waited for him.
‘Please sit down, Mr Van der Valk, and be quite comfortable. You have plenty of time? Good. So have I. Would you like some port?’
‘Not just by myself.’
She gave him a slight smile. ‘Oh no. I like port.’ She did not ring, but went to do it herself.

Erinnert ein wenig an Colin Dexters Inspector Morse, der kann auch gut mit Frauen. Hier sehen wir ihn in Van der Valk und die Reichen mit Judy Winter, die ich mal auf einer Party kennengelernt habe. Das war dieselbe Party, auf der mir eine angeschickerte Preußenprinzessin ins Ohr flüsterte: Ihr könnt uns ja wiederhaben, ihr müsst es nur wollen. Aber ich schweife ab. Es ist natürlich dieses charmant freche Sorry – I was staring admiring, das die Situation entkrampft. Figure looked quite full; one couldn’t tell in a housecoat. Manner polite, even warm. There was a foot in a leather slipper; a glimpse of neat instep and neat ankle. Lot of blood, lot of race, lot of breeding. Sat very upright – convent trained. Van der Valk ist mit seiner Arlette glücklich verheiratet, aber er kann es nicht lassen, Frauen zu beobachten. Überhaupt Menschen zu beobachten, er ist ein guter Beobachter (das teilt er mit Philip Marlowe), von der genauen Beobachtung des Alltags leben Freelings Romane. Das Treffen mit Anne-Marie Marschal wird zu einer Beziehung auf Leben und Tod werden.

Es war ein Merkmal des Detektivromans des Golden Age of the Detective Novel, dass er für ein gebildetes Publikum geschrieben war. Fans von Mickey Spillane werden die Romane von Michael Innes nicht verstehen. Für die Romane des Komponisten Edmund Crispin muss man als Leser ebenso viel Bildung mitbringen, wie für die Romane des Universitätsprofessors Michael Innes – für die Romane von Henning Mankell braucht man allerdings gar keine Bildung mitzubringen. Freelings Romane erschienen zuerst (wie die seiner Kollegen Michael Innes und Edmund Crispin) beim renommierten Verlag Victor Gollancz als Hardcover, danach als Paperbacks bei Penguin (in Deutschland zuerst in Richard K. Fleschs Rowohlt Reihe und danach bei Ullstein und Goldmann).

Und weil unser Autor seinen Helden mit ein wenig Bildung begabt (er lässt ihn auch ständig Anzüge und gute Schuhe tragen), färbt natürlich auch davon etwas auf den Leser ab. Wie zum Beispiel die Kenntnis der Marschälle Napoleons in The King of the Rainy CountryHe suddenly recalled, then, a most important thing. He had been shot. He was a soldier in Soult’s army, that was it, and that tripehound Soult had left him here to die on the hillside. Er ist kein Soldat in Soults Armee (ich bilde den alten Kunsträuber mal eben hier ab – Sie könnten jetzt noch den netten Post Kunstraub lesen), er ist im Fieberwahn in einer Klinik in Biarritz. Schwer verletzt auf dem Hügel liegend phantasierte er von Robert Jordan mit seinem Maschinengewehr – unser Autor setzt voraus, das wir For Whom the Bell Tolls kennen.

Im Krankenhaus kommt Van der Valk langsam wieder zu sich: This was the end of the story that had started ‚Once upon a time, in a rainy country, there was a king…‘ The end had not happened in a rainy country, but on a bone-dry Spanish hillside, three hundred metres from where Van der Valk had left a lot of blood, some splintered bone, a few fragments of gut, and a ten-seventy-five Mauser rifle bullet. No one had broken any laws. But a handsome, middle-aged millionaire had disappeared with a naked girl. And Van der Valk was given the job of finding out why. Er hat seine Retter mit Geschichten über den Marschall Soult traktiert. Und ständig Baudelaire zitiert. Das ist Ihnen doch nicht etwa entgangen, dass der Buchtitel The King of the Rainy Countryein Gedicht von Baudelaire zitiert? Je suis comme le roi d’un pays pluvieux, Riche, mais impuissant, jeune et pourtant très vieux, Qui, de ses précepteurs méprisant les courbettes, S’ennuie avec ses chiens comme avec d’autres bêtes… Wenn der deutsche Titel des Romans unsinnigerweise Bluthund ist, geht natürlich jede literarische Anspielung verloren.

Van der Valk wird die Schußverletzung überleben. Das Schöne an Van der Valk (und Freeling) ist, dass er nicht ohne Selbstironie ist. Wie zum Beispiel an einer Stelle wie dieser: And here I am, thought Van der Valk ruefully. I’ve made every mistake I could have; I haven’t been professional; I’m not clever enough, being much too Dutch, to be an amateur, and now, as a fitting climax to so much inefficacity, I’m driving across the whole breadth of France in a hired Renault when, obviously, I should be burning up the highway in James Bond’s Aston Martin. 

Es ist ein weiter Weg von solch literarischen Detektiven zu einer Figur wie Derrick. Der Schriftsteller, dem wir diese in Deutschland so beliebte Serie verdanken, ist bekanntlich ein willfähriger Gehilfe der Nazis gewesen. Wenn wir mal etwas bessere Fernsehkrimis wie Die Gentlemen bitten zur Kasse brauchen, dann lassen wir sie von einem nach England emigrierten Juden wie Robert Muller schreiben. Herbert Reinecker von der SS Propagandakompanie hat (wie sein Held Derrick, der von einem ehemaligen SS Mann gespielt wurde) einen Wikipedia Artikel, Robert Muller hat lange gebraucht, um einen zu bekommen. Dafür kennt die IMDb wenigstens seine Leistungen. Inzwischen ist es dem Deutschen Historischen Museum gelungen, Reineckers Tätigkeit als Drehbuchautor kritisch zu sehen. 

Ich weiß jetzt nicht, wie ich von Nicolas Freeling auf Reinecker und Derrick gekommen bin. Da wollte ich eigentlich nicht hin. Vielleicht sollte ich sagen, dass in der Zeit von Freelings großen Erfolgen auch eine durchaus beachtliche Produktion guter deutscher Krimis entstand. Die Kritik sprach damals schon von Der neue deutsche Kriminalroman. Ich habe das schon in einem Post gesagt, der Tatort heißt. Aber leider muss man auch anmerken, dass diese Autoren von Werremeier bis Bosetzky (der als -ky schrieb) heute schon beinahe vergessen sind. Ebenso wie Nicolas Freeling. Es scheint ein Gesetz der – wie man so schön sagt – Trivialliteratur zu sein, dass sich Qualität nicht durchsetzt. Zwei Jahre, bevor das TLS Nicolas Freeling als educated man’s Ian Fleming würdigte, hatte Freeling dort Ian Fleming attackiert und seine Romane als a bit of elegant masturbation bezeichnet. Was einen erstaunlichen Leserbrief zeitigte:

Sir, – I think Mr Freeling (TLS, May 20) is unkind about Ian Fleming – and about many of his readers – because he has misunderstood the nature of the James Bond novels. A few years ago somebody (a don, I believe) described them very aptly as ‚comic sex for the literate reader‘. They are more than that, of course, for they embody caustic social satire, as well as being masterly examples of good straight writing that many other crime-writers could well use as a model. The publication of paperbacks and the transmogrification into popular films has introduced them to an unsophisticated and rather literal-minded public, some members of which do no doubt use these novels for ‚bit of elegant masturbation‘, to use Mr Freeling’s expression. But it is hardly fair to condemn Ian Fleming for this, for many respectable books, from the Bible onwards, have been misused in the same way.

Nicolas Freeling ist von den englischen quality papers seit Beginn seiner Karriere als Romanautor ernstgenommen worden, er wurde nicht mit dem Stempel Krimi-Autor versehen. Nur einmal gab es Kritik von Rayner Heppenstall, als der im TLS schrieb: Mr Freeling is a crime writer who often evinces signs of wishes to be thought more than that. Anders urteilte Gero von Wilpert in seinem Lexikon der WeltliteraturSeine Romane um den holländischen Detektiv Van der Valk werden dem Anspruch gerecht, es dürfe keinen Unterschied geben zwischen einem guten Roman und einem Kriminalroman. Der Guardian schrieb 2003 in seinem Nachruf auf Freeling: But the question remained as to whether he was really a crime writer or a straight novelist who chose to use crimes as a forcing house in which to examine questions of personality, propensity, even national characteristics, under abnormal conditions.

Es ist nicht nur ein weiter Weg von Van der Valk zu Derrick, es ist auch ein weiter Weg, bis die Kriminalliteratur nicht mehr so aussah wie auf diesem Cover hier. Sondern in den Leinenbänden des Gollancz Verlages mit dem quietschegelben Schutzumschlag präsentiert wurde. Doch die Distinktionen zwischen crime writer und straight novelist scheinen unaufhebbar zu sein. Raymond Chandler brachte es auf den Punkt, als er von To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment redete.

Graham Greene hatte einen eleganten Weg gefunden, indem er Romane wie The Ministry of Fear als entertainmentbezeichnete, gab aber diesen Begriff im Laufe seiner Schriftstellerkarriere langsam auf. Als die ersten Freeling Romane erschienen, schrieb der Dichter Cecil Day Lewis (der als Nicholas Blake Detektivromane schrieb) im Vorwort zu dem Nicholas Blake Omnibusbut detection writers do sometimes get impatient at composing what are, after all, no more than elaborate puzzles: we yearn to explore at greater depth the behaviour of people under abnormal stress. This is of course dangerous, in so far as it is an attempt to write a realistic novel of character, centred upon a crime: few of us are equipped to undertake this fairly sombre task. Vielleicht hätte Freeling Küchenchef bleiben sollen, als der er lange gearbeitet hat, mit seinen Büchern, die The Kitchen (1970), Cook Book (1972) und The Kitchen and the Cook (2002), hätten wir nicht diese Probleme der literarischen Einordnung. Freeling bringt viel Kulinarisches in seine Romane. Van der Valk freut sich in dem Roman Double-Barrel schon tagelang auf die Erbsensuppe, die seine Frau, die eine Meisterköchin ist, ihm zubereitet. Auch in den Romanen von Len Deighton findet wir viel Kulinarisches, seine Mutter war Köchin in einem Hotel, und er hat viel bei ihr gelernt. In gewisser Weise sind Freeling und Deighton die Vorläufer von dem, was heute Gourmetkrmini heißt.

Wir sind in der Frage der Bewertung des Kriminalromans nicht viel weiter gekommen, seit Joseph Wood Krutch (der ja mit Edgar Allan Poe: A Study in Genius 1926 eins der ersten ernstzunehmenden Bücher über Edgar Allan Poe schrieb) in seinem vielzitierten Artikel Only a Detective Story im Jahre 1944 sagte: Only a detective story‘ is now an apologetic and depreciatory phrase which has taken the place of that ‚only a novel‘ which once moved Jane Austen to unaccustomed indignation. Professor Krutch hat eine Vielzahl von schönen Gründen für die Lektüre von Detektivromanen, von denen ich mal eben einige aufliste. Falls Sie nach Argumenten suchen, um ihre Lektüre von Krimis zu rechtfertigen:

But no one feels any compulsion to read a detective story. Few discuss what they have read with their neighbors. These books are read for pure pleasure, and there is certainly some significance in that fact … Perhaps instead of saying that the detective story follows a formula we should say that it has FORM, and perhaps we should go on from that to wonder whether this very fact may not be one of the reasons for its popularity at a time when the novel, always rather loose, so frequently has no shape at all … And while I am very far from suggesting that any of the detective stories that I have read are HAMLETs or EMMAs, I am suggesting that the fiction writer is in some ways better off and more successful when his public regards the reading of his works as a dubious self-indulgence than when the reading is regarded as a cultural duty.

Noch mehr von Nicolas Freeling und Van der Valck in den Posts: PeepshowFrank FinlayErbsensuppeHollandHolländerMai-Unruhen

Pik Adam

07/11/2022 § Hinterlasse einen Kommentar


Wer Josef Kastein ist, das weiß ich, weil mir mein Freund Peter vor Jahren den Roman Melchior geschenkt hat. Das steht schon in den Posts Geistiges Bremen und ave atque vale. Was ich nicht wusste war, wer dieser Johann-Günther König war, der den Roman herausgegeben hat. Doch das weiß ich inzwischen, denn er hat mir gerade seine Friedo Lampe Biographie geschickt. Zu meinem Erstaunen habe ich festgestellt, dass ein großer Teil des Werks des beinahe vergessenen Bremer Schriftstellers Josef Kastein beim Projekt Gutenberg zugänglich ist. Wenn Sie wollen, können Sie den hanseatischen Kaufmannsroman Melchior hier lesen. Das ist eine sehr verdienstvolle Sache vom Projekt Gutenberg.

Was man allerdings nicht auf der Gutenberg Seite findet, ist Kasteins Kriminalroman Pik Adam, der im selben Jahr erschien wie Melchior. An dem Krimi hat Kastein als Schriftsteller zum erstenmal richtiges Geld verdient. Johann-Günther König, der antiquarisch ein Exemplar gefunden hatte, hat auch diesen Roman neu herausgegeben, er ist vor fünf Jahren beim Kellner Verlag in Bremen erschienen. Dort war auch Königs Buch Friedrich Engels: Die Bremer Jahre 1838–1841erschienen. Dass Friedrich Engels mal in Bremen war, das wissen Sie, weil Sie den Post Karl Philipp Moritz gelesen haben. Pik Adam ist kein einfacher Nachdruck (man konnte es auch nicht kopieren, da es noch in Fraktur gesetzt war), es ist eine sorgfältige kritische Ausgabe mit Anmerkungen, einer Lebenstafel und einem Nachwort. Ich besitze die neue Ausgabe, habe aber nach vielem Suchen bei ebay Kleinanzeigen jemanden gefunden, der mir das Original von 1927 verkauft hat. Johann-Günther König hat die Auflage des Krimis auf zehn- bis fünfzehntausend Exemplare geschätzt, ich bin da ein wenig skeptisch.

Dorothy Sayers war in den zwanziger Jahren glücklich, wenn einer ihrer Romane eine Auflage von sechtausend Exemplaren erzielte. Verlage geben in vielen Fällen ungern Auskunft über die Auflagezahlen, es sei denn sie verlegen jemanden wie Henning Mankell. Ich habe in den siebziger Jahren mal Richard K. Flesch interviewt, den man in der Branche den Leichen-Flesch nannte. Der hatte bei Rowohlt 1962 eine Krimireihe ins Leben gerufen: schwarze Buchumschläge, gelbe Seiten und das Shakespeare Zitat a faint cold fear thrills through my veins auf dem Cover. Nach längerem Hin und Her gab er mir eine Liste mit den Auflagezahlen, ich musste aber schwören, die nicht zu veröffentlichen. Das habe ich schon in dem Post Sjöwall/Wahlöö geschrieben, die Auflagen lagen so bei zehn- bis fünfzehntausend. Das änderte sich, als Rowohlt Autoren wie Harry Kemelman mit seinen Rabbi Romanen und die Schweden Sjöwall und Wahlöö bekam. Maj Sjöwall hat aber von dem vielen Geld, das Rowohlt mit ihr machte, kaum etwas gesehen.

Ich springe mal eben von Bremen nach Ceylon. Die berühmten Wolkenmädchen des Bergs Sigiriya kommen in dem Roman Pik Adam nicht vor, aber ein anderer Berg. Der auf Französisch Le pic d’Adamheißt, auf Englisch Adam’s Peakund in älteren deutschen Quellen Adamspik. Also, wenn der gerade zum Obersten beförderte Prinz Waldemar von Preußen eine Auslandsreise macht, die ihn bis in den Himalaya und an die Grenze Tibets führt, dann können wir 1852 lesen: Sodann verweilte er eine Woche auf der Insel Ceylon, nahm an Tiger- und Elephantenjagden unerschrocken Antheil und erstieg unter großen Mühseligskeiten Adampik. 

Nun hätte man den heiligen Berg aus Ceylon auf das Cover von Pik Adam tun können, wo ja ein Teil der Romanhandlung spielt, aber man hat als Bild die alte Weserbrücke genommen. Die habe ich sofort erkannt, ich besitze eine Zeichnung von dem Bremer Maler Emil Mrowetz, die er einmal meinem Vater geschenkt hat. Sie ist signiert mit Zerstörte alte Weserbrücke 1945. Nur das Brückenportal mit den beiden Löwen, die das Bremer Stadtwappen halten, ist unversehrt. Dahinter sind nur noch von den Explosionen der Sprengung im April 1945 aufgebogene Stahlträger zu sehen. Aber die von den Deutschen gesprengte Alte Weserbrücke interessierte den Generalleutnant Brian Horrocks (der in dem Film ✺A Bridge too Far von Edward Fox gespielt wird) im Mai 1945 wenig. Die Engländer sind schon längst in Hoya über die Weser gekommen, also da unten, wo ich mit der Bundeswehr zwanzig Jahre später Weserübergänge üben darf. Seit Karl dem Großen sind Weserübergänge für Armeen nicht aus der Mode gekommen.

Die bei der Sprengung verloren gegangenen Löwenköpfe links und rechts von der Brücke hat man 1998 in der Weser gefunden, sie stehen jetzt auf Stahlstelen am Weserufer. Die Löwen sind den Bremern wichtig, weil sie das Bremer Stadtwappen zieren. Man kann sie jede Woche auf der ersten Seite der Zeit sehen. Die wollte das Hamburger Wappen als Logo haben, aber das erlaubte der Hamburger Senat nicht, da haben sie sich nach Bremen gewandt, wo ihnen Wilhelm Kaisen kurz und knapp den Abdruck des Bremer Stadtwappens auf der Hamburger Zeitung gestattet. Sie können die ganze Geschichte in dem Post Bremer Schlüssel lesen.

Josef Kastein war 1927 von Bremen nach Ascona gezogen, er hatte seine Anwaltspraxis in Bremen aufgegeben, er suchte ein neues Leben, seine Ehe war gerade zu Ende gegangen. Durch einen Zufall lernte er in Ascona einen Verleger kennen, der Autoren für Kriminalromane suchte. Kastein bot sich als Autor an. Als er nach dem Manuskript gefragt wurde, sagte er, der Roman sei noch im Stenogramm. Er war nicht im Stenogramm, er war in seinem Kopf, er musste ihn nur schreiben. In dem Lebensbild von Alfred Dreyer Joseph Kastein, ein jüdischer Schriftsteller (1890–1946). Die Bremer Jahre wird der Roman Pik Adam nicht erwähnt. Aber es hat ihn gegeben, und mit dem Honorar konnte Kastein jetzt beginnen, das zu schreiben, was er wollte. Er schrieb Sabbatai Zewi: Der Messias von Ismir, ein Buch, das Rowohlt 1930 verlegte. Johann-Günther König, der den Roman Pik Adam aus der Vergessenheit geholt hat, hat in einem Interview gesagt: Kasteins Literatur war ab 1934 in Deutschland verboten, viele Bücher jüdischer Autoren wurden zerstört. So kam es, dass dieser Kriminalroman als verschollen galt.

Die Gattin von Gustav Pauli, die unter dem Namen Marga Berck den Roman Sommer in Lesmona geschrieben hat, wollte mit ihrem Klub von Künstlern und Schriftstellern, der Die goldene Wolke hieß, das geistige Niveau der Gesellschaft heben. Johann-Günther König macht das ganz alleine. Er hat viel für die Bremer Literatur getan: die Edition der Werke von Kastein, die erste vollständige Ausgabe der Erzählungen und Gedichte von Friedo Lampe, die Friedo Lampe Biographie und der Roman Ich war Pierre, Peter, Pjotr von Yves Bertho. Das ist die Geschichte eines zwangsrekrutierten französischen Fremdarbeiters in Bremen, der sich in eine Frau namens Ingrid verliebt. Ich glaube, ich muss den Roman mal der Frau schenken, die als Ingrid immer wieder in diesem Blog vorkommt.

Sein neuestes Buch, das am 1. März erscheint, scheint nichts mit Bremen zu tun zu haben. Aber es ist der BremerJohann Carl Friedrich Gildemeister, der das Gut Klein-Siemen bei Kröpelin erwarb und die Ansätze für eine moderne und rationelle Agrikultur legte. Gildemeister war ein Freund des Bürgermeisters Johann Smidt, aber wichtger ist seine Freundschaft mit Wilhelm Olbers, mit dem er zu den Gründern der Astronomischen Gesellschaft gehört. 1812, als sein Sohn Johann Gustav geboren wird, der ein bedeutender Orientalist werden wird, zieht er nach Bremen zurück. Johann Gildemeister ist nicht nur der Vater des Orientalisten, er ist auch der Vater von Otto Gildemeister, des gebildetsten Mannes, den Bremen im 19. Jahrhundert hatte. Johann-Günther König hat jetzt die Chronik von Klein Siemen geschrieben, mit erhellenden Berichten des Bremer Gutsherrn Johann Gildemeister. Also ist es doch wieder ein Buch über Bremen. 

Nudität

27/02/2021 § Hinterlasse einen Kommentar

Schönheitschirurg Peter Hauptmann (Filip Peeters) stranguliert und peitscht seine Affäre Silvie Stein (Ursina Lardi) in seinem Sex-Appartment aus. Sie stöhnt vor Begierde und lässt sich willig auf das Liebesspiel ein. Als ihre Freundin Julia ihr jedoch erzählt, dass auch sie zu einem heißen Sado-Maso-Spiel von Peter in dessen Wohnung eingeladen wurde, bricht für Silvie eine Welt zusammen. Denn die Rechtsanwältin glaubt fest, dass nur sie die speziellen Phantasien von Peter befriedigen kann. Aus Rache, Eifersucht und Verzweiflung ermordet Silvie schließlich ihre Freundin Julia. Das konnte man 2014 so im web.de Magazin lesen. Da stand auch, dass die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi in vier Jahren in fünf Tatort Sendungen aufgetreten ist. In dem ✺Polizeiruf 110, den die ARD gestern sendete, war sie auch zu sehen.

Warum diese Häufung der Rollen? Weil man sie braucht, als femme fatale und ein bisschen nackt, um so einem todlangweiligen Tatort ein wenig Pep zu geben. Dieser Tatort hieß ✺Frühstück für immer, es gab ihn vor wenigen Tagen im Fernsehen. Habe ich reingeguckt, nur aus Verzweiflung, weil es mal wieder nix im Fernsehen gab. Außer Talkshows zu Corona, wo immer dieselben Leute auftreten. Ich kannte den Film allerdings schon, habe ihn sogar schon hier erwähnt. Für Christian Buß vom Spiegel war das eine ganz tolle Sache: 

‚Fifty Shades of Grey‘ in Leipzig? Saalfeld und Keppler ermitteln im SM-Milieu. Was leicht zum Trendstück über die neue angebliche Lust an der Unterwerfung hätte werden können, ist ein grausamer Krimi über die Grauzonen der Erotik – und der erste starke MDR-Tatort‘ seit Jahren. Seit den Tagen der Gothic Novel und den Phantasien des Marquis de Sade hält sich dieser Sado-Kram ja hartnäckig. Meist in Fantasy Filmen, selten im Leipziger Tatort. Ich fand diese SM Klamotte albern, aber Ursina Lardi rettet jeden Film. Frühstück für immer war übrigens der drittletzte Tatort aus Leipzig, dann wurden die Kommissare Simone Thomalla und Martin Wuttke (hier rechts neben Ursina Lardi) entlassen. Für immer.

Ich habe in dem Post Nackt im Jahre 2019 etwas über die Nackheit im deutschen Tatort geschrieben, offenbar muss Nackheit sein, weil man auf Quoten hofft. In dem Tatort ✺Freddy tanzt war Ursina Lardi wieder dabei, sie spielte eine alleinerziehende Kunstprofessorin, die nebenbei als Prostituierte in einem Schickeria Lokal arbeitet. Das ist ja die typische Nebentätigkeit von Kunstprofessorinnen. Wer kann so etwas glauben?

Im Tatort ✺Dunkelfeld spielte Lardi eine Polizistenwitwe, die mit dem Kommissar Karow (mit dem sie mal ein Verhältnis hatte) entführt wird, aber in Wirklichkeit mit den Entführern zusammenarbeitet. Man hatte ihr dafür Klamotten angezogen, die sie die ganze Zeit nackt aussehen ließen. Das muss offensichtlich sein. Coleridges Wort von der willing suspension of disbelief steht als Motto über den meisten TatortProduktionen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Die Tatorte werden ja nicht besser, wie der Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (gespielt von Gustl Bayrhammer) bei seinem Abgang so nett sagte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr. Damals gab es allerdings noch keine Nackheit im Tatort.

Heute vor sechsundachtzig Jahren erhielt der Film ✺It Happened One Night den Oscar in allen fünf Hauptkategorien, der Film war ein Riesenerfolg. Weil da jemand ein bisschen nackt war. Das war nicht Claudette Colbert, das war Clark Gable. Als der Film sein Oberhemd auszieht, konnte das Publikum sehen, dass er kein Unterhemd trug. Die Verkaufszahlenvon Unterhemden sanken in den USA dramatisch. Die romantic comedy kam in die Kinos, als der Motion Picture Code noch nicht griff. Sätze wie: Scenes of passion should not be introduced when not essential to the plot. In general, excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element und Excessive and lustful kissing, lustful embraces, suggestive postures and gestures, are not to be shown, hatten noch keine Gültigkeit. 

Ein Jahr, bevor man Clark Gables nackten Oberkörper im Kino sehen konnte, war dieser Film der Skandal Amerikas. So ausgezogen-angezogen war die kleine Temple Drake in ✺The Story of Temple Drake (der softcoreVersion von Faulkners Roman Sanctuary) allerdings nie, das Filmplakat suggeriert nach über achtzig Jahren immer noch Sex. Der Film führte direkt zur Etablierung des Motion Picture Code, Themen wie Kleinstadtbordelle und Vergewaltigungen (Sex perversion or any inference to it is forbidden) sollte es im amerikanischen Kino nie wieder geben. Was haben sich die beiden Katholiken Martin Quigley und Father Daniel Lord, die den Motion Picture Codeverfassten, bloß dabei gedacht, als sie schrieben: excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element? Wer ist das lower and baser element? Ich glaube, das sind wir. Miriam Hopkins landete übrigens noch Jahrzehnte später in Russ Meyers Softporno ✺Fanny Hill.  

Raymond Chandler (reloaded)

07/02/2021 § Hinterlasse einen Kommentar

Es geht heute noch einmal um Übersetzungen, gute und schlechte. Oder wie der Franzose sagt: Les traductions sont comme les femmes: quand elles sont belles, elles ne sont pas fidèles, et quand elles sont fidèles, elles ne sont pas belles. Am letzten Sonntag gab es hier Proust, heute gibt es hier Chandler. Ich las in der Zeitung, dass es eine neue Übersetzung der Romane von Raymond Chandler gäbe, die sehr cool sein sollte. Ich notierte mir das auf einem Zettel und ließ es erst einmal liegen. Mich beschäftigten gerade die Übersetzungen von Marcel Prousts Recherche. Und ehrlich gesagt, hatte ich mich für Chandler Übersetzungen noch nie wirklich interessiert. Aber vielleicht hat doch das eine mit dem anderen zu tun: beide Autoren wurden dem deutschen Publikum durch Übersetzungen in den fünfziger Jahren bekannt; beide Autoren waren große Stilisten in der Sprache, in der sie schrieben, beide Autoren haben ihre Übersetzer herausgefordert. Chandlers Englisch war das Upper Class Englisch seiner englischen Public School Erziehung, das gesprochene amerikanische Englisch – das H.L. Mencken in seinem Klassiker The American Languagebeschrieb – musste er erst einmal lernen. Er wird zu einem Meister dieser Sprache: If I hadn’t grown up on Latin and Greek, I doubt if I would know so well how to draw the very subtle line between what I call a vernacular style and what I should call an illiterate or faux naif style. There’s a hell of a lot of difference, to my mind.

Raymond Chandler war ein gebildeter Mann. Er wußte, wer Proust war, in einem Brief an seinen Verleger vergleicht er den Stil von Dashiell Hammet und James Malahan Cain miteinander. Zu Ungunsten von Cain: I hope the day will come when I don’t have to ride around on Hammett and James Cain, like an organ grinder’s monkey. Hammett is all right. I give him everything. There were a lot of things he could not do, but what he did he did superbly. But James Cain—faugh! Everything he touches smells like a billygoat. He is every kind of writer I detest, a faux naif, a Proust in greasy overalls, a dirty little boy with a piece of chalk and a board fence and nobody looking. Such people are the offal of literature, not because they write about dirty things but because they do it in a dirty way. Ich persönlich mag James Mallahan Cain, ich finde, dass sein Roman Serenade der Höhepunkt des melodramatischen Kitsches ist, der in der Zeit der tough guy writers geschrieben wurde. Aber diese wunderbare kleine Beleidigung im Vorübergehen: a Proust in greasy overalls, die hat schon etwas.

Die coole Blondine in dem Absatz oben ist auf dem Cover der neuen Penguin Ausgabe, und diese coole Blondine soll Eileen Wade in The Long Good-Bye sein. Wo wir Sätze finden wie: Es gibt solche Blondinen und solche, das ist heutzutage fast schon ein geflügelter Witz. Alle Blondinen haben ihre Mucken, mit Ausnahme vielleicht nur der wasserstoffblonden, die jenseits der Chemie so blond sind wie ein Zulu und von Gemüt so glatt wie ein Bürgersteig. Da gibt es das kleine süße Blondchen, das piepst und zwitschert, und die große statuenhafte Blondine, die nur einen einzigen ihrer eisblauen Blicke braucht, um einen auf Distanz zu halten. 

Da gibt es die Blondine, die hinreißend zu einem aufschaut und ebenso hinreißend duftet und schimmert und einem am Arm hängt und die dann immer so sehr, sehr müde ist, wenn man sie heimbringt. Sie macht dauernd diesen hilflosen Eindruck und hat dauernd diese gottverdammten Kopfschmerzen, und man würde ihr am liebsten eine runterhauen, wenn man nicht heilfroh wäre, das mit den Kopfschmerzen noch rechtzeitig entdeckt zu haben, bevor man zuviel Zeit, Geld und Hoffnung in sie investiert hat. Ich weiß nicht, von wem die Übersetzung ist, aber sie ist auf jeden Fall ziemlich nah am Original (der Blondinenkatalog findet sich hier im 13. Kapitel. Und eine Erklärung für das Knopfloch auf der falschen Seite bei Humphrey Bogarts Jackett finden Sie hier).

Coole Blondinen gehören offenbar zu Philip Marlowe, ebenso wie das leicht heruntergekommene Büro, in dem wir in The Big Sleep der einzigen Erwähnung von Proust in Chandlers Romanen begegnen, wenn Vivian Regan sagt: «Well, you do get up,» she said, wrinkling her nose at the faded red settee, the two odd semi-easy chairs, the net curtains that needed laundering and the boy’s size library table with the venerable magazines on it to give the place a professional touch. «I was beginning to think perhaps you worked in bed, like Marcel Proust.» «Who’s he?» I put a cigarette in my mouth and stared at her. She looked a little pale and strained, but she looked like a girl who could function under a strain. «A French writer, a connoisseur in degenerates. You wouldn’t know him.» «Tut, tut,» I said. «Come into my boudoir.»


Obgleich ich mich, wie gesagt, eigentlich nicht für die Übersetzungen von Chandler interessiere, weiß ich doch, dass The Big Sleep (hier im Volltext) in deutscher Übersetzung zum erstenmal bei einem kleinen Verlag in Nürnberg namens Nest Verlag erschienen war. Der Verlag hat eine gewisse Berühmtheit, weil er von Karl Anders gegründet worden war, der nach der Emigration als Korrespondent für die BBC über die Nürnberger Prozesse berichtet hatte.

Der Nest Verlag sollte ein politischer Verlag sein, der Bücher zum Thema Völkerverständigung und Vergangenheitsbewältigung druckte, aber so schön der Gedanke war, die Bücher verkauften sich nicht. Um eine finanzielle Basis für den Verlag zu haben, nahm Karl Anders Krimis ins Verlagsprogramm, das war der Beginn der Krimireihe Krähen Bücher, die sich bemühte, qualitätsvolle Krimis in guten Übersetzungen zu präsentieren. Helmut Karasek wird 2011 sagen: diese Übersetzungen können sich heute noch sehen lassen. Er weiß gar nicht, wie recht er hat. Politische Bedeutung erlangten die Krähen Bücher noch in einer nicht geahnten Weise, die Übersetzungen des Nest Verlages wanderten in die Produkte des Verlags Volk und Welt in Ostberlin, Chandler und Hammett waren in der DDR ideologisch gedultete Autoren. 

Dies hier ist der Umschlag zu der Übersetzung von Chandlers The Little Sister, 1953 in der Übersetzung von Peter Fischer erschienen (Fischer hat später noch Dashiell Hammett für Goldmann und Joseph Hayes für S. Fischer übersetzt). Die Übersetzung hielt sich lange, erschienen auch in anderen Verlagen (zum Beispiel Ullstein, die beinahe das ganze Programm vom Nest Verlag übernahmen), bis der Diogenes Verlag 1975 eine neue Übersetzung von dem berühmten Walter E. Richartz auf den Markt brachte. Im letzten Jahr hat Diogenes den Roman von Robin Detje neu übersetzen lassen, das war das, was ich in der Zeitung gelesen hatte. 

1953 erschien im Verlag von Karl Anders ein Buch, das sozusagen das begleitende Theoriewerk für die Krähen Krimisdarstellte: Fritz Wölckens Der literarische Mord. Es war seine Habilitationsschrift gewesen, zehn Jahre später wurde er Ordinarius für Anglistik an der Uni München. Ich kann mir das hier jetzt einfach machen, alles, was Sie über Wölcken und sein Werk wissen sollten, steht schon in dem Post Eric Ambler. Dies ist nicht das Cover vom Nest Verlag, sondern das Cover der digitalen Neuauflage des CulturBooks Verlag aus dem Jahre 2015. Die hat ein vorzügliches Vorwort von Thomas Wörtche, und das kann ich Ihnen hier auch zur Lektüre anbieten.

Raymond Chandlers berühmtester Roman The Big Sleep wurde von Mary Brand unter dem Titel Der tiefe Schlaf übersetzt. Eine Frau namens Mary Brand wird man in einem Lexikon vergebens suchen. Wenn man den Namen bei Wikipedia eingibt, bekommt mal als erstes die Hauptkommissarin Marie Brand, gespielt von Marielle Millowitsch, angeboten. Aber die haben nichts miteinander zu tun, in Wirklichkeit war Mary Brand das Pseudonym der Übersetzerin Maria von Schweinitz, die für den Nest Verlag auch Chandlers The High Window und The Lady in the Lake übersetzte. Und vieles mehr, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek kommt sie auf hunderte von Eintragungen. Ihre Übersetzung von The Big Sleep wurde von Ullstein bis in die siebziger Jahre nachgedruckt (eine Liste mit allen deutschen Ausgaben von Chandler finden Sie hier).

Und wenn Sie diesen Link anklicken, können Sie die angeblich besten fünfundzwanzig Cover von The Big Sleepbetrachten. Dies hier ist auch dabei, mit dem Kommentar: Büchergilde Gutenberg (Germany) (2013) (Artist: Thomas M. Müller). Driving down the highway into the sunset, with a lone palm tree as witness. The cover art may be from Germany, but this guy totally gets California. Die Ausgabe der Edition Büchergilde war durchgehend von dem Designer Thomas M. Müller illustriert, alles im Stil der dreißiger Jahre. Allerdings sahen die Bücher damals anders aus, das weiß ich, weil ich inzwischen einige Erstausgaben besitze, eine hat mir die Daniela geschenkt. Für die Büchergilde Ausgabe aus dem Jahr 2013 hat man die Übersetzung von Gunar Ortlepp gewählt, der den Roman 1974 für den Diogenes Verlag übersetzt hat. Weshalb der Verlag im letzten Jahr den Roman von Frank Heibert neu übersetzen ließ, das weiß ich nicht. Und weshalb Chandlers Roman unbedingt ein Nachwort von Donna Leon bekommen musste, das weiß ich auch nicht. Chandler und Donna Leon, das geht irgendwie nicht zusammen.

Das Diogenes Lektorat rechtfertigte die neue Übersetzung mit der Aussage: So eine knappe und schnelle Sprache, wie Chandler sie hatte, gab es noch nicht im Deutschen zur Zeit der früheren Übersetzungen. Wirklich? Nehmen wir einmal einen Satz aus dem vierten Kapitel: She approached me with enough sex appeal to stampede a business men’s lunch. Der lautet bei Frank Heibert: So sexy, wie sie sich auf mich zuschob, hätte sie jeden Businesslunch in eine Stampede verwandeln können. Mir gefällt das Verb zuschob nicht, und mit dem Verb stampede ist dem Übersetzer etwas durcheinandergeraten. In der ersten Übersetzung von Mary Brand klingt das etwas behäbiger: Sie näherte sich mir mit genügend Sex-Appeal, um einem Geschäftsmann den Appetit auf den Lunch zu verschlagen. Aber bei Gunar Ortlepp ist das 1974 durchaus richtig: Sie näherte sich mir mit genug Sex-Appeal, um eine ganze Aufsichtsratssitzung zu sprengen. Ich habe das Beispiel einer Besprechung der dpa entnommen, in der Heibert gegen Mary Brand ausgespielt wird, Gunar Ortlepp aber gar nicht erwähnt wird. 

Gunar Ortlepp war nicht irgendjemand, er war Kulturredakteur beim Spiegel, er kannte Arno Schmidt und hat ihn interviewt, als der Zettels Traum schrieb, und er hat The Big Sleep und Hammetts Blood Harvest für Diogenes übersetzt. Ich habe eigentlich an seiner Übersetzung von The Big Sleep, die sich hier im Volltext im Internet findet, wenig auszusetzen. Nehmen wir mal den Anfang des Romans: It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. Das klingt bei Ortlepp so: Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen verhieß. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Sportschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gut gekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet. 

Heiberts Übersetzung aus dem Jahre 2019 bietet folgenden Text: Es war gegen elf Uhr vormittags, Mitte Oktober, keine Sonne am Himmel, und die klare Luft am Fuß der Berge sah nach hartem, nassem Regen aus. Ich trug meinen taubenblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Einstecktuch, schwarze Budapester und schwarze Wollstrümpfe mit dunkelblauem Uhrenmuster. Ich war sauber, rasiert, korrekt und nüchtern, egal, wer das merkte. Ich war hundert Prozent der gutangezogene Privatdetektiv. Ich hatte einen Termin mit vier Millionen Dollar. Ist das wirklich besser? Musste das sein? Gut, taubenblau ist wohl besser als kobaltblau, das Einstecktuch ist besser als das Brusttaschenbuch. Aber dafür hat der Übersetzer große Schwierigkeiten mit den Hollywood Foothills und so etwas Geniales wie klatschkalter Regen gelingt ihm nicht.

Der Übersetzer Frank Heibert (wer hat ihm bloß diese Klamotten ausgesucht?) liest bei YouTube seine Übersetzung vor, die Videos wurden vom Verlag ins Netz gestellt. Mit dem Kommentar: Der Start der großen Neuedition! Über die Neuedition konnte man lesen: Der Schweizer Diogenes Verlag gibt die Krimis um den abgewrackten Detektiv Philip-Marlowe so nach und nach in einer Sprache heraus, die dem Heute entspricht. Eine Sprache, die dem Heute entspricht, solche Sätze lese ich zu gerne. Der Diogenes Verlag zitiert auf der Seite zu dem Buch einige Rezensionen: Frank Heibert macht den Oldtimer zu einem Genuss für alle, denen ein paar Erschossene nicht die Freude an guter Literatur nehmen – besser als jeder Tatort! Das findet sich in der Hessischen Allgemeinen. Noch tiefsinniger ist Sex, Drugs und doppelte Spielchen, herrlich! von dem Wiener Lifestyle Magazin Woman. Offenbar ist das Feuilleton der Zeit oder der Süddeutschensehr zurückhaltend gegenüber den Neuübersetzungen, sodaß man schon auf solche Rezensionen zurückgreifen muss.

Der Diogenes Verlag, der vor wenigen Jahren die Rechte an seinem Autor Georges Simenon an einen anderen Schweizer Verlag verloren hat, macht jetzt mit zwei Neuübersetzungen Anstrengungen, wieder in das Geschäft mit der Kriminalliteratur zu kommen, Simenon hatte sich ja sechzig Millionen mal verkauft. Jetzt heißt es über Chandler: Start der großen Neuedition. Die Philip-Marlowe-Romane von preisgekrönten Übersetzern und mit Nachworten von berühmten Chandler-Fans wie Donna Leon, Michael Connelly, Clemens Meyer und Rainer Moritz. Der Verlag wäre besser beraten, aus den vorhandenen Titeln mal die richtigen Luschen auszusortieren. Sätze wie Chandlers Romane sind haarsträubend übersetzt … Ein bisschen mehr Pflege könnte dieser Klassiker gebrauchen, kann man immer wieder lesen. Ein Beispiel wäre Hans Wollschlägers Übersetzung von The Long Goodbye (das hier sind Nina van Pallandt und Elliott Gould in der ✺Verfilmung von 1973), für die die Rezensenten bestenfalls das Wort hölzern fanden. 

Wenn man Joyces Ulysses übersetzt, garantiert das nicht, dass man auch Chandler übersetzen kann. Wollschläger schafft es, das schöne Wort unputdownablemit unwiderleglich zu übersetzen, und people that hold up a liquor store werden bei ihm Leute, die einen Schnapsladen betreiben. Da kann man dann auch (in Mord im Regen) einen Longdrink mit einem langen Drink übersetzen. Als Wollschläger die Briefe von Chandler übersetzte, wurde seine Übersetzung im Spiegel von Martin Compart wunderbar auseinandergenommen. Viele Leser begrüßten Comparts vernichtende Kritik, so konnte man in den Leserbriefen lesen: Die Enttarnung des Starübersetzers Wollschläger war überfällig, oder: Ich bin seit den fünfziger Jahren Chandler-Fan und habe Hans Wollschläger immer für den schlechtesten Übersetzer gehalten, da er offenbar weder die englische noch die deutsche Sprache beherrscht und es fertigbringt, mit seinem holprigen Deutsch noch aus Chandler einen Langweiler zu machen.

Noch furchtbarer war die Übersetzung von The Lady in the Lake durch Helmut Karasek. In der Fachzeitschrift Der Übersetzer fand sich 1987 ein Verriss, der mit den Worten endete: Daß die Übersetzung so ist, hat der Übersetzer zu verantworten. Daß sie erschienen ist, geht aufs Konto des Diogenes Verlags, und dieser muß sich sagen lassen: Es ist unanständig, solchen Schrott als Literatur unter die Leute zu bringen. Dieser Roman – er ist einer von Chandlers besten – muß noch einmal neu übersetzt werden, aber diesmal bitte ins Deutsche. Karasek wird allen Chandler Fans dafür in Erinnerung bleiben, weil er you darn fool mit Sie zusammengeflickter Narr übersetzt hat.

Fritz Wölcken wollte mit seinem Buch im Nest Verlag den Kriminalroman aus der Gosse holen und zeigen, dass er zur Literatur gehört. Die Einsicht, dass Kriminalromane richtige Literatur sein können, hatte es schwer, sich durchzusetzen. It doesn’t matter a damn what a novel is about, that the only fiction of any moment in any age is that which does magic with words, hat Chandler geschrieben, und diese Magie mit Worten, die kann er immer wieder herbeizaubern. Er hat in einem Brief kurz vor seinem Tod gesagt: To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment. Er hätte bessere Übersetzer verdient als Wollschläger, Karasek und Heibert.

Einer meiner ersten Aufsätze, den ich als junger Literaturwissenschaftler bei einer seriösen literaturwissenschaftlichen Zeitschrift einreichte, verstörte die Redaktion damals sehr. Der Schriftsteller Raymond Chandler galt den Herren als nicht literaturwürdig. Wir waren in Deutschland weit hinter den Franzosen zurück, André Gide hatte aus seiner Bewunderung für Dashiell Hammett nie einen Hehl gemacht, und die Existentialisten waren von den tough guy writers hin und weg. Muss ich noch sagen, dass Camus‘ Roman L’étranger auf James Mallahan Cains The Postman always rings twice basiert? Aber nach langem Hin und Her hat die Redaktion den Artikel über Chandler angenommen und gedruckt. Das war vor beinahe fünfzig Jahren eine Sensation, heute würde jede Redaktion einer literarischen Zeitschrift einen Chandler Artikel von mir mit Kusshand nehmen, meine Leser kriegen das natürlich hier umsonst. 

Es gibt viel Chandler in diesem Blog. Das begann im Februar 2010 mit dem Post Ritter, dem im Juli 2010 der Post Raymond Chandler folgte. Und dann noch mehr. Das Beste, was ich zu Chandler schrieb, steht in dem Post Raymond Thornton Chandler. In dem es auch als Schmankerl eine kleine Verfilmung von Chandlers Kurzgeschichte I’ll be Waiting mit Marg Helgenberger als Eve Cressy zu sehen gibt.

John le Carré ✝

14/12/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

David Cornwell, den wir besser unter seinem Schriftstellernamen John le Carré kennen, ist vorgestern im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben. Vor neun Jahren habe ich ihm mit dem Post John le Carré zum achtzigsten Geburtstag gratutliert, ich stelle diesen Post mit minimalen Änderungen heute noch einmal ein. Wenn Sie den Post Sir Sean Connery gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Doktorarbeit über den englischen Spionageroman geschrieben habe. In der le Carré natürlich auch auftauchte. Ich habe noch mehrfach über ihn geschrieben, einer der Aufsätze hatte den schönen Untertitel nolstagia for a lost paradise. John le Carré, der mit Ian Fleming wenig gemein hat, weil er erzählerisch eher in der Tradition von Joseph Conrad und Graham Greene und nicht der bang-bang, kiss-kiss stories (wie Fleming seine Romane nannte) steht, war eine Ausnahmeerscheinung im Genre des Spionageromans. Wenn Sie eine kurze Geschichte des englischen Spionageromans lesen wollen, klicken Sie hier den ausführlichen Post Secret Agents an. John le Carré war ein leidenschaftlicher Europäer. Er war vielleicht auch ein typischer Engländer, aber sein England hatte wenig mit dem England von Boris Johnson, den er verachtete, zu tun: Wenn ich mich heute in Grossbritannien umschaue, sehe ich, dass sich die Gesichter der Menschen verändert haben. In Cornwall, wo ich die meiste Zeit lebe, sehe ich das, was wir früher das ‹Dritte-Welt-Gefühl› genannt haben. Die Menschen sind deprimiert und getrieben, halten aber irgendwie durch. Der Humor ist verschwunden. Grossbritannien ist ein sehr unglückliches Land. Das muss sich ändern. Aber woraus können wir Hoffnung schöpfen?

Es ist hoffentlich noch nicht zu spät für die Geburtstagswünsche, John le Carré ist gestern achtzig geworden. Er ist derjenige Autor von realistischen englischen Spionageromanen, den man in Deutschland immer liebte. Immer wieder hat es Interviews mit ihm gegeben, sein Kollege Len Deighton (inzwischen 82) wurde in den deutschen quality papers nie so gefeiert. Wahrscheinlich mögen wir le Carré, weil er so aussieht, wie wir uns den typischen englischen upper middle class Gentleman vorstellen. Und weil er (wie sein Romanheld George Smiley) Deutsch kann. Er war ja auch lange in Deutschland, in Bonn und Hamburg. Offiziell im diplomatischen Dienst, etwas weniger offiziell war er beim MI6. Den hat er irgendwann verlassen (oder vielleicht doch nicht?), um seine Romane über den englischen Geheimdienst zu schreiben. Für den Geheimdienst hatte er schon während seiner Zeit in der Armee und während seines Studiums gearbeitet, er war der perfect spy, doppelte Existenzen und Betrug gehörten von klein auf zu seinem Leben. Seit dem autobiographischen Roman The Perfect Spy wissen wir einiges über die kriminelle Vergangenheit seines Vaters.

Die ersten beiden Romane von le Carré, Call for the Dead und A Murder of Quality, erschienen gleichzeitig mit Len Deightons Debütroman The Ipcress File. Deighton und le Carré veränderten in den sechziger Jahren den englischen Spionageroman vollständig, die abgegriffene Ian Fleming Romanformel hatte ausgedient. Sie hat natürlich nie ausgedient, es wird immer Leute geben, die die James Bond Romane ganz toll finden. Es wird wahrscheinlich auch immer Leser für die G-Man Jerry Cotton Hefte geben.

Len Deighton repräsentierte den Geist der Zeit, das Swinging London swingte auch in seine Romane hinein. Ähnlich wie Antonionis Blow-Up, wie SchlesingersDarling oder LestersThe Knack gehörten Len Deightons Romane in diese Kultur. George Melly hätte sie ruhig in Revolt into Style erwähnen können. Deightons namenloser Held, der in den Filmen Harry Palmer hieß (aber natürlich eigentlich Michael Caine hieß), war cool wie eine Hundeschnauze. Er war einer der ersten literarischen Geheimagenten, der nicht aus der Oberklasse kam. Das passte natürlich wunderbar zu Michael Caine, der mit dem Londoner Cockney Akzent aufgewachsen war; wenn man ein Ohr für Akzente hat, kann man den sprachlichen Klassenunterschied auf der Originaltonspur von ✺The Ipcress File sehr schön hören.

Das Swinging London war nicht die Sache von John le Carré, er strebte in seinen Romanen nach Höherem als ein Chronist des Zeitgeschmacks der sixties zu sein. Er hat in vielen Interviews Joseph Conrad und Graham Greene als seine literarischen Vorbilder bezeichnet, man merkt das auf beinahe jeder Seite seiner Romane. Er hat allerdings auch P.G. Wodehouse als sein Vorbild bezeichnet, das merkt man nun nicht unbedingt. le Carrés Romane sind – im Gegensatz zu den Romanen Deightons – weitgehend humorfrei. Er wäre nie auf die Idee gekommen (oder vielleicht doch), eine völlige Fälschung seines Lebenslaufes in das Who is Who zu schmuggeln wie Len Deighton das getan hat: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Nichts davon ist wahr, ich finde es immer noch sehr komisch.

John le Carré hielt sich nicht in den Niederungen der Trivialliteratur auf, um sich nach oben zu schreiben wie Raymond Chandler. Er begann gleich ganz oben, und nach der Verfilmung von ✺The Spy Who Came in from the Cold wusste die ganze Welt, dass England einen Superstar des Spionageromans hatte. Die Literaturkritiker sind ja auch immer nett zu ihm gewesen und haben ihm beinahe von Anfang an versichert, dass er kein Autor von billigen Thrillern wäre, sondern dass seine Romane zumindest auf der Ebene von Graham Greenes entertainments anzusiedeln wären. Es bestand für ihn also eigentlich gar kein Grund, seine Whippets so abzurichten, dass sie bei der Erwähnung des Wortes critic zu knurren anfingen.

Len Deighton überließ seinem Kollegen erst einmal das Feld des Spionageromans, da ihn andere Dinge interessierten: so schrieb er zwei Kochbücher, einen London-Führer und dann den Roman Bomber, in den Jahre der historischen Recherche hineingegangen waren. Seine Jahre bei der RAF haben ihn nie so recht losgelassen, damit meine ich jetzt nicht einen Roman wie Goodbye, Mickey Mouse sondern sein Buch über den Luftkrieg, Fighter: The True Story of the Battle of Britain, das ihm die Anerkennung der englischen Historikerzunft eintrug. Ich erwähne das mal eben im Kontrast zu John le Carré, um zu zeigen, dass die Bandbreite von Len Deighton viel größer ist als die von John le Carré.

Es kam für die Gemeinde der John le Carré Fans wie ein Schock, dass le Carré seinen vom Publikum geliebten Helden George Smiley aufgab, der in den ersten Romanen – und besonders in der Trilogie, die später unter dem Namen The Quest for Karla veröffentlicht wurde – so etwas wie eine moralische Instanz geworden war. Ähnlich wie der Kapitän Charles Marlow für manche Romane Joseph Conrads. Damals schrieb Bernd Eilert in Der Rabe unter der Rubrik Der Rabe rät abSeit le Carré seinen altmodischen Spion Smiley pensioniert hat, fehlt seinen Geschichten das, was sie anderen Spionage-Romanen voraushatten: eine gewisse Würde… Das haben viele Leser ähnlich gesehen, denn George Smiley, über den der Autor sagte The moment I had Smiley as a figure, with that past, that memory, that uncomfortable private life and that excellence in his profession, I knew I had something I could live with and work with, war ihnen ans Herz gewachsen. Mir auch, ich habe zwar weiterhin die meisten Romane von le Carré gekauft (und manchmal auch gelesen, häufig jedoch nicht), aber es war nicht mehr das, was ich mochte.

George Smiley begann sein literarisches Leben in Call for the Dead. Er kommt leider nicht so furchtbar oft in Filmen vor. Er wurde in ✺The Deadly Affair von James Mason gespielt, der passte genau in die Rolle. In der TV-Fassung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy wird er von Sir Alec Guinness gespielt – aber so sieht der George Smiley meiner Romanwelt nicht aus, sorry. Deshalb gibt es hier als Bild einmal den Helden mehrerer Len Deighton Verfilmungen zu sehen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine hervorragende Verfilmung von ✺Tinker, Tailor, Soldier, Spy.

Le Carré hatte sich in seinem ersten Roman bemüßigt gefühlt, zur Erklärung der Romanfigur noch A Brief History of George Smiley hinzuzufügen (Sie können sie hier nachlesen). Eigentlich eine ungewöhnliche Sache für einen Romanautor. Sie zeigt aber, dass le Carré von Anfang an diesen George Smiley als Serienhelden im Kopf hatte, so wie Conan Doyle seinen Sherlock Holmes im Kopf hatte – auch wenn le Carré seinem Helden den Sturz in die Reichenbach Fälle erspart. In den nächsten Romanen fristet George Smiley ein wenig eine Randexistenz. Man fürchtete damals als Leser doch schon den Tod in den Reichenbachfällen als le Carré The Naive and Sentimental Lover schrieb. Ein Roman, der ihm von den Kritikern um die Ohren gehauen wurde. Vielleicht stammt die Geschichte mit den Hunden aus dieser Zeit. Aber dann, wie Phönix aus der Asche, war George Smiley wieder da. Und dann gleich als Trilogie (Tinker Tailor Soldier SpyThe Honourable Schoolboy und Smiley’s People). Und auch noch passend zu all den Skandalen des englischen Geheimdienstes von Burgess und Maclean bis Kim Philby war er der einzige, der England retten konnte. Dafür sind die Helden des englischen Spionageromans ja da, ob sie Richard Hannay, James Bond oder George Smiley heißen. Immer müssen sie England retten. Meistens noch in der letzten Minute. Was wären die Engländer bloß ohne ihre spy novel Autoren?

John le Carré wurde vor Jahren in einem Interview der BBC gefragt, welche Romane er für seine besten hielte. Seine Antwort war: The Spy Who Came in from the ColdTinker, Tailor, Soldier, SpyThe Tailor of Panama,The Constant Gardener. Da Geburtstagskinder immer Recht haben, lassen wir das mal so stehen.

Sir Sean Connery ✝

01/11/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich wollte eine Doktorarbeit über englische Lyrik und englische Malerei in der Vorromantik schreiben, aber das gefiel meinem Professor überhaupt nicht. Interdisziplinäre Arbeiten waren damals nicht angesagt. Dass ich als Literaturwissenschaftler auch über Kunst schreiben kann, das können Sie sehen, wenn Sie in den Blog vita brevis, ars longa schauen. Ich verzichtete auf das Projekt, obgleich es mir weh tat. Ich schlug meinem Professor als Thema die Geschichte der englischen Spionageliteratur vor. Davon hatte er schon einmal gehört, es war damals die große Zeit von James Bond. Über den wollte ich aber eigentlich gar nicht schreiben, denn als Ian Fleming seinen Helden James Bond erfand, gab es schon mehr als ein halbes Jahrhundert englische Helden, die immer in der letzten Minute das Empire retteten. Über das Thema habe ich zuletzt in dem Post Basisformel etwas gesagt. Nichts an James Bond war originell, Fleming bediente sich der Ingredienzien der reichhaltig vorhandenen englischen cloak and dagger Literatur. 

William Cook hat das im New Statesman so zusammengefasst: James Bond is the culmination of an important but much-maligned tradition in English literature. As a boy, Fleming devoured the Bulldog Drummond tales of Lieutenant Colonel Herman Cyril McNeile (aka ‚Sapper‘) and the Richard Hannay stories of John Buchan. His genius was to repackage these antiquated adventures to fit the fashion of postwar Britain, at a time when the patriotic certainties championed in these Boys’ Own romps were under fresh assault from a new liberal elite. In this respect, like all good writers, Fleming was innovative and conservative. Aptly, the ‚Listener‘ called him a supersonic Buchan. In Bond, he created a Bulldog Drummond for the jet age.

Ich schrieb meine Arbeit, die Fakultät nahm sie naserümpfend an. Aber ein deutscher Verlag druckte sie noch im selben Jahr, und das Buch wurde in der Zeit wohlwollend rezensiert. Das sorgte bei der Fakultät für noch mehr Naserümpfen, man sah das Ganze als einen Verfall der Kultur. Aber es gab im wirklichen Leben eine Kultur jenseits der Philosophischen Fakultät, in der James Bond schnell zu einem cultural hero wurde. Ich bin kein großer Fan von Ian Fleming, seine Kollegen John le Carré und Len Deighton schrieben einwandfrei die besseren Romane. Von den Romanen John Buchans ganz zu schweigen.Der kanadische Literaturwissenschaftler Northop Frye hat über diese Art von Literatur gesagt: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form… At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Das gilt natürlich nur für die Romane. Und die Filme. Das mit der refrigerated deathlessness gilt nicht für das wirkliche Leben. James Bond, der in zehn  Tagen hundert Jahre alt wird, mag unsterblich sein, Schauspieler, die ihn verkörpert haben, sind es nicht.

Nun ist der erste Darsteller von James Bond gestorben, also derjenige, der in dem Film ✺Dr No zu Sylvia Trench sagt: My Name is Bond. James Bond. Den Mann, der 1954 in diesem ✺Film behauptete, James Bond zu sein, den lassen wir mal lieber weg. Sir Sean Connery, unser einzig wahrer James Bond, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Friedlich, im Schlaf. Er hat andere Filmrollen in seinem Leben gehabt, aber die Rolle des Geheimagenten mit der Doppel Null ist die, die uns zuerst einfällt, wenn wir den Namen Sean Connery hören. Möge er in Frieden ruhen, wir werden ihn nicht vergessen.
Ich stelle hier heute etwas ein, das in der ein oder anderen Form schon einmal hier stand. Es ist ein wenig überarbeitet, und man kann auch Filme anklicken. Der ursprüngliche Post hieß, glaube ich, Goldfinger (er taucht aber auch als Spectre auf), und deshalb fangen wir mal mit ✺Shirley Bassey an:
Goldfinger, he’s the man
The man with the midas touch
A spider’s touch
Such a cold finger
Beckons you to enter his web of sin
But don’t go in

Heute wohnen viele so, aber wenn man in der Willow Road im feinen Hampstead wohnt, dann hasst man es, dass da alte Backsteinhäuser abgerissen werden, um einem solchen Neubau zu weichen. In den fünfziger Jahren baute jeder so, aber dieses Haus, wurde schon 1939 gebaut. Von einem zugezogenen Ungarn namens Ernő Goldfinger, der heute aus unerfindlichen Gründen als Englands bedeutendster Vertreter der Moderne gilt. Seine Bauten mochte niemand leiden (sogar ein Vorkämpfer der Moderne wie Sir Nikolaus Pevsner äußert sich sehr zurückhaltend), den Menschen Ernő Goldfinger mochten noch weniger Leute leiden.

Er ist schon einmal in diesem Blog erwähnt worden. Nicht im Zusammenhang mit dem Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner oder der englischen Architektur (seine Bauten fallen unter den schönen Begriff Brutalist Architecture), sondern weil einer seiner Nachbarn in Hampstead (der ihn nicht ausstehen konnte) ihn in einen Roman hinein geschrieben hat.

In dem Post Agentenmode aus dem Jahre 2010 war hier zu lesen: Den letzten Namen [Goldfinger] hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, dass dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur.

Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bond meldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys ‚Goldfinger‘ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von ‚Goldfinger‘ schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger ‚Goldprick‘ zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Das Photo im oberen Absatz zeigt Ernő Goldfinger vor einem seiner Bauwerke; die Kinder, die in dem Trellick Tower Hochhaus wohnen, sehen nicht unbedingt glücklich aus. Vertical slums replaced horizontal slums, hat Harry Phibbs vom Guardian über das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bauwerk geschrieben. Die englische Presse ist nie sehr nett mit Ernő Goldfinger umgegangen, hat auch immer wieder genüsslich kolportiert, dass nach Ansicht der meisten Briten Goldfinger Selbstmord begangen habe, indem er vom Trellick Tower Hochhaus gesprungen sei. Solche urban myths halten sich lange. Der emigrierte ungarische Kommunist wird immer mit diesem Herrn verwechselt werden, den James Bond auf einem Golfplatz trifft.

Da ich gerade einen älteren Post zitiert habe, möchte ich noch etwas aus dem Post Bond Girl zitieren, nämlich das schöne Gedicht von Fiona Pitt-Kethley, das man gar nicht häufig genug zitieren kann. Es heißt Bond Girls (und findet sich auch in dem Post Britt):
Back in my extra days, someone once swore
she’d seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was ‚a passer-by‘.)

I’ve passed the lot in Pinewood Studios.
It’s factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that’s where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind –
Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red –
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Das Bild von der vergoldeten Shirley Eaton kriegen wir nie wieder aus unseren Köpfen. Dieses Bild hätten wir gerne wieder aus unseren Köpfen. Aber es geht nicht, das Filmgedächtnis hat es schon gespeichert. Das ist Shirley Eaton in dem Film ✺Doctor in the House, sie ist siebzehn. Aber sie hat schon begriffen, dass man mangelndes schauspielerisches Talent durch Oberweite und offene Blusenknöpfe kompensieren kann. Ein ehernes Gesetz der Filmindustrie, das natürlich auch für alle Filme mit Geheimagenten gilt.

Der junge Mann neben Shirley Eaton ist natürlich Dirk Bogarde (der hier einen langen Post hat). Der, wenn er in der Spionagefilm Parodie Hot enough for June auch mal einen Geheimagenten spielen darf, jemand anderen als Shirley Eaton an seiner Seite hat. Geheimagenten brauchen nun mal Frauen, ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das Thema der Geheimagenten und ihrer Gespielinnen ist schier unerschöpflich, vielleicht komme ich eines Tages noch darauf zurück.

Natürlich wissen wir, dass die Frau in dem Roman Goldfinger den Namen Pussy Galore hat. Dazu sage ich jetzt lieber gar nichts. Sie wird hier natürlich schon erwähnt. Das gleiche gilt für Ursula Andress (Undress?), Karin Dor und Britt Ekland. Dass die Kritiker die Romanfigur James Bond zu einem sex maniac gemacht haben, sei völlig falsch, sagt der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der auch unter dem Pseudonym Robert Markham einen James Bond Roman schrieb):

Not once, in the twelve novels and eight stories, does Bond or his creator come anywhere near judging a character by his or her social standing. We hear a good deal about high living and the elegant scene at Blades Club, but that is a different matter; at worst, harmless vulgarity. The practice of fornication in itself is not enough, these days, to brand a man as a monster, but then perhaps Bond goes at it too hard, weaves a compensation-fantasy for author and reader, is on a wish-fulfilment deal and all that.

I myself could see no harm in this even if it were true, but it is not. One girl per trip, Bond’s average, is not excessive for a personable heterosexual bachelor, and his powers of performance would not rate the briefest of footnotes in Kinsey. It is true that all the girls are pretty and put up little resistance to Bond’s advances, and this may help to explain his unpopularity with those critics who find it difficult to seduce even very ugly girls. Die Passage findet sich in Kingsley Amis‚ amüsantem BuchThe James Bond Dossier. Einer ein klein wenig ironischen Untersuchung der Flemingschen Romanfigur.

Die ja außer ihrem Namen nichts mehr mit jenem James Bond gemein hat, der heute in aller Munde ist. Und der zur Karikatur einer Figur geworden ist, die vielleicht schon selbst eine Karikatur war. Schon der James Bond der Kritiker der sechziger Jahre hatte wenig mit dem 007 der Romane gemein: The curious momentary suspicion one feels from time to time, that the critics have somehow got hold of a completely different version of the work one has been reading, has never invaded my mind more powerfully than in the case of Ian Fleming and his critics, sagt Amis.

Und damit meinte er nicht die deutschen Kritiker, die voller Moral- und Ideologiekritik waren, sondern seine eigenen Landsleute. Wie zum Beispiel Malcolm Muggeridge, der Fleming als Etonian Mickey Spillane bezeichnete und über James Bond so nette Dinge sagte wie: In so far as one can focus on to so shadowy and unreal a character, he is utterly despicable: obsequious to his superiors, pretentious in his tastes, callous and brutal in his ways, with strong undertones of sadism, and an unspeakable cad in his relations with women, toward whom sexual appetite represents the only approach. 

Sean Connery war in den ersten Filmen noch eine erkennbare Variation des Romanhelden. Heute ist James Bond Arnold Schwarzenegger in der Verkleidung von Daniel Craig. Wie das Monster von Dr Frankenstein ist die Kunstfigur längst der Kontrolle seines Herrn entwischt. Die Stärke von Fleming liegt in seiner Detailtreue, sagt Amis. Das sagt auch Fleming selbst: I try to write neatly, concisively, vividly, because I think that’s the way to write, I think that approach largely comes from my training as a fast-writing journalist under circumstances in which you damned well have to be neat, correct, concise and vivid. My journalistic training was far more valuable to me than all the English literature education I ever had. My plots are fantastic, while being often based upon truth. They go wildly beyond the probable not, I think, beyond the possible. 

To anchor my fantastic plots I employed the device of using real names of things and places. The constant use of real and familiar names and objects reassures the reader that both he and the writer have their feet on the ground in spite of being involved in a fantastic adventure. That is why I started using the technical device of referring to say, a Ronson lighter, a 41⁄2-litre Bentley with an Amherst-Villiers supercharger, the Ritz Hotel in London, the 21 Club in New York, the exact names of even the smallest details. All of this gives the reader the feeling of feasibility.

Das findet allerdings in den Augen moralisierender Kritiker keine Gnade: Diese Tatsachentreue im Kleinen schafft einen Pseudo-Realismus, der geistig unsauber ist, weil er den Anschein erweckt, auch alle Gewaltakte, Treulosigkeiten, Sexualabenteuer und kitschigen Bilder der Lebewelt müßten nach dem Leben gezeichnet sein, schreibt ein Peter Fischer im Jahre 1969. Für die Kritiker der sechziger Jahre wurde der Marineoffizier im englischen Geheimdienst zu einem Vorwand, schöne Allgemeinplätze zu produzieren: Wenn man Fleming schon reaktionär nennen will, dann nicht deswegen, weil er die Rolle des ‚Bösen‘ mit einem Russen oder Juden besetzt. 

Er ist reaktionär, weil er exzessiv schematisiert. Schematisierung, manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant; Demokrat ist, wer die Schemata verwirft und Nuancen anerkennt, Unterscheidungen macht, Widersprüche rechtfertigt. Fleming ist reaktionär, wie im Grunde das Märchen reaktionär ist, jedes Märchen, – er ist der althergebrachte statisch-dogmatische Konservativismus der Märchen und Mythen, die eine elementare Weisheit vermitteln, die durch simples Licht- und Schattenspiel mitgeteilt wird… Wenn Fleming Faschist ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und beherrschen. So Umberto Eco in Der Fall James Bond. Dass der Spionageroman per se eine faschistoide Literaturform ist, hatte Gertrude Himmelfarb für die Romane von John Buchan insinuiert, dessen Held Richard Hannay ja ein Vorläufer von James Bond ist.

Nicht viel an den James Bond Phantasien Ian Flemings war wirklich neu. Wunschfiguren, die mal eben schnell die Welt retten, hatte es schon zuvor gegeben. John Buchans Richard Hannay, Bulldog Drummond, Lemmy Caution und Hubert Bonisseur de la Bath (der Geheimagent OSS 117) waren das auch schon gewesen. Als die ersten James Bond Romane erschienen, konnte man Bond noch als eine Art cultural hero verstehen. Ein englischer Geheimagent zeigte den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, dass die Engländer immer noch das Great Game spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn sie das Empire längst verloren hatten. Ian Fleming wrote well, heißt es in dem Gedicht Bond Girls. So gut nun auch wieder nicht. Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write ’novels of suspense‘ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, vertraute er Raymond Chandler an.

In der Welt der pillow fantasies ist die Welt immer bedroht. Muss in letzter Minute gerettet werden. Das Böse ist immer und überall. Die Bösewichte sind natürlich keine Engländer, das ist ein Erbe der gothic novel (lesen Sie hier doch den Post Gothick), wo der gothic villain auch nie aus England kommt. Sie mögen sich englisch geben wie Gert Fröbe als Auric Goldfinger, aber der ist in seiner Golfkleidung doch nur eine Karikatur eines englischen Gentleman. Und dann dieser braune Smoking! Die Bösewichte tragen in den Filmen immer seltsame Kleidung, niemals diese zeitlosen Anzüge von Anthony Sinclair wie Sean Connery. Der Kampf gegen das Böse ist in den Ausstattungsfilmen auch ein sartorialer Kampf gegen den schlechten Geschmack.

Arno Schmidt (der einen Spionageroman von Ian Flemings Bruder übersetzt hatte) hat einmal über den viktorianischen Roman gesagt, dass da die Nebenfiguren zu Hauptfiguren werden. Ein Satz, der auch für ✺Goldfinger gilt, der nichts ohne Honor Blackman, Harold Sakata (als Oddjob), Tania Mallet und die golddoublierte Shirley Eaton wäre. Angeblich waren die Produzenten Broccoli und Saltzman von Fröbe als Kindsmörder in Es geschah am hellichten Tage begeistert und waren deshalb auf ihn verfallen. Ich fand ihn als Naziverbrecher in Alfred Andersch‘ Die Rote viel eindrucksvoller. Gert Fröbe war später noch einmal im Gespräch. Er sollte als Zwillingsbruder von Auric Goldfinger in Diamonds are Forever mitspielen, aber dann gab man den Gedanken doch auf. Ist auch besser so.

Die Filme retten die Romane Ian Flemings, so groß war der Erfolg der ersten Romane in England nicht. In Deutschland erst recht nicht. So hieß es beim Ullstein Verlag auf dem Buchrücken der deutschen Erstausgabe (Erstmalig in deutscher Sprache! stand vorne drauf): Casino Royale [ist] eine der harten, im amerikanischen Stil geschriebenen, abenteuerlichen Stories, mit denen der englische Autor Ian Fleming sich seinen Platz in der ersten Reihe der beliebtesten Kriminalautoren gesichert hat. Ullstein reichte den Autor übrigens wenig später wegen schlechter Verkaufszahlen an den Scherz Verlag weiter.

In der Tradition des harten amerikanischen Stils hätte sich Fleming auch gerne gesehen: I wanted my hero to be entirely an anonymous instrument and to let the action of the book carry him along. I didn’t believe in the heroic Bulldog Drummond types. I mean, rather, I didn’t believe that they could any longer exist in literature. I wanted this man more or less to follow the pattern of Raymond Chandler’s or Dashiell Hammett’s heroes—believable people, believable heroes. Aber in den sechziger Jahren waren Flemings Romane kalter Kaffee, Englands neuer Star hieß Len Deighton.

Der kam definitiv nicht aus der upper class wie Ian Fleming. Sein Held – the first anti-hero in spy fiction – hatte nicht einmal einen Namen. Harry Palmer hieß er erst in den Filmen. Ian Fleming war über The Ipcress File auf jeden Fall not amused. Er mokierte sich he could not be bothered with all [Deighton’s] kitchen sink writing and all this Nescafé. Ja, professional compliments are always pleasing, wie Doc Boone in Stagecoach sagt. Andere hatten mehr Lob parat: A spy story with a difference (Observer), A master of fictional espionage (Daily Mail), The poet of the spy story… Deighton is so far in the front of other writers in the field that they are not even in sight (Sunday Times), The Ipcress File helped change the shape of the espionage thriller… the prose is still as crisp and fresh as ever… there is an infectious energy about this book which makes it a joy to read, or re-read (Daily Telegraph).

All das gilt noch immer. Ich hatte große Schwierigkeiten, nach einem halben Jahrhundert einen James Bond Roman noch einmal zu lesen. Len Deightons The Ipcress File habe ich mit Vergnügen in einem Stück gelesen. In schöner Bescheidenheit hat Deighton über seinen Debütroman gesagt: it did very well, but that was really because the critics used me as a blunt instrument to beat Ian Fleming over the head. Und Harry Saltzman, der Produzent von Dr NoFrom Russia with Love und Goldfinger kaufte sofort die Filmrechte von ✺Ipcress. Sie können den Anfang von The Ipcress Filehier lesen. Das Photo zeigt Len Deighton (in der Mitte) neben Eva Renzi bei den Dreharbeiten von Funeral in Berlin. Rechts von ihm stehen Michael Caine und Paul Hubschmid. Paul Hubschmid ist der längste. Das weiß ich, weil ich am Donnerstag 27. September 1962, in der Komödie am Kurfürstendamm bei dem ersten Auftritt von Juliette Gréco in Deutschland hinter ihm gesessen habe.

Die Leser von Len Deighton fanden eine Figur wie James Bond einfach lächerlich – was sie ja eigentlich auch ist. Deighton hat sich zum Thema James Bond kaum geäußert, andere Kollegen waren nicht so zurückhaltend. Nicolas Freeling, ein besserer Schriftsteller als Fleming, bezeichnete dessen Romane als a bit of elegant masturbation. Und John le Carré nannte sie cultural pornography. Und äußerte sein Missfallen gegenüber der Superman figure who is ‚ennobled‘ by some sort of misty, patriotic ideas and who can commit any crime and break any law in the name of his own society. He’s a sort of licensed criminal who, in the name of false patriotism, approves of nasty crimes. So richtig das ist, muss man aber auch sagen, dass das letztlich Argumente sind, die R. Austin Freeman schon 1924 in seinem ArtikelThe Art of the Detective Story vorgetragen hat. Und die zwanzig Jahre später noch einmal George Orwell in seinem EssayRaffles and Miss Blandish formuliert hat.

Ähnlich wie die Literaten und Literaturwissenschaftler äußerte sich auch Nina Hibbin, die im Daily Worker in ihrer Filmrezension Goldfinger—Slickest: Bond’s Latest Film Repeats the Dose Daily den Film in Grund und Boden verdammte: The cult of James Bondism ist a vicious one, a symptomatic sickness of our age…. But this is all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. The constantly lurking viciousness, and the glamorisation of violence — they are real enough…

Sie hatte Ähnliches schon zu den ersten Bond Filmen geschrieben, da hatte die jüdische Kommunistin (ohne die Ken Loach niemals hätte Kes drehen können) noch die Masse der high-brow Kritiker hinter sich. Jetzt war die Front aufgeweicht. Leonard Mosley, der Filmkritiker des Daily Express tönte: Even for eggheads, I swear this film is worth a visit. Honor bright. My word is my Bond.

Und Roger Ebert schrieb: Of all the Bonds, ‚Goldfinger‘ (1964) is the best, and can stand as a surrogate for the others. If it is not a great film, it is a great entertainment, and contains all the elements of the Bond formula that would work again and again. Man kann die wichtigsten Positionen der Rezeption in James Chapmans seriösem und ausgewogenen Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Movies nachlesen. Er hat auch ein schönes Kapitel mit dem Titel Bondmania.

Mit den Bond Filmen rollte eine Vermarktungswelle an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Es gab bei Moeris eine 007 Armbanduhr, und es gab ein 007 Rasierwasser (so etwas wird heute noch verkauft). Selbst in Deutschland tauchten James Bond Anzüge auf. Den ersten habe ich 1965 in einem Schaufenster des Kaufhauses DeFaKa gesehen. In England heuerte die Firma DAKS/Simpson den Photographen Helmut Newton an. Der photographierte dann Möchtegern Geheimagenten in DAKS Anzügen für eine aufwendige Werbeaktion in den colour supplements von Sunday Times und Observer. Ian Fleming hatte sich überreden lassen, im Rahmen dieser Werbekampagne als Geheimdienstchef M photographiert zu werden. In Frankreich lief bei Dormeuil eine ähnliche Kampagne. Mit einer gewissen Berechtigung, denn Dormeuil Tonik war der Stoff, den Fleming für seine Anzüge bevorzugte.

Die Anzüge von Sean Connery waren das äußerliche Symbol für die völlige Transformation eines Menschen. Die Romanfigur von Ian Fleming war (wie Fleming selbst) natürlich ein Gentleman, Sean Connery war ein schottischer Proll. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, war der Regisseur Terence Young. Wenn es einen James Bond gibt, dann ist er es. Ein Gentleman, der in Eton wie Ian Fleming (und der fiktionale Bond) gewesen war. Danach in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde gewesen. Er schleppte Connery als erstes zu seinem Schneider Anthony Sinclair. Der Rest ist Geschichte. Nie hat der Satz Kleider machen Leute so viel bedeutet wie jetzt.

Es ist erstaunlich, was man alles mit dem Namen James Bond verkaufen kann. Besonders gut gefallen hat mir dieser Werbetext:  Ein halbes Jahrhundert lang beeindruckte James Bond die Welt. Eine unantastbare Legende – von Männern verehrt, von Frauen begehrt. James Bond ist die ultimative Ikone der Männlichkeit – die vollkommene Kombination von unwiderstehlicher Kultiviertheit und kompromissloser Männlichkeit. In James Bond 007 verbinden sich all diese Charakteristika auf gefährlichste Weise zu einem kraftvollen Duft, der jene Dualität versprüht, die Bond so außergewöhnlich macht: der Mix von Kultiviertheit und Männlichkeit. James Bond 007 ist der maskuline Duft für den Bond Mann. Der Duft ist natürlich sehr exklusiv. Man kriegt ihn bei Rossmann. Bevor Sie sich das Zeuch kaufen, sollten Sie hier den Post Aftershave lesen.

Etwas mehr als für das Rasierwasser, wird man für die Teile von Duponts James Bond Collection auf den Tisch legen müssen. Das Hemd von Turnbull & Asser, das Sean Connery hier trägt, kann man noch kaufen. Kostet schlappe 245 Pfund Sterling. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer mir letztens zugeflüstert hat, dass die Hemden von Turnbull & Asser nicht mehr aus der Jermyn Street, sondern aus Danzig von Emanuel Berg kommen. Da sind die Hemden bei Rudolf Böll billiger. Und wahrscheinlich besser.

Den Smirnoff Wodka, den Bond hier trinkt, kann man natürlich auch kaufen. Aber – und das mag jetzt für viele wie ein Schock kommen – Bond Fans werden sich auf Heineken Bier, vulgo Grachtenpisse, umstellen müssen. Ich weiß jetzt nicht, ob die Plörre geschüttelt oder gerührt serviert wird. Die Filmfirma hat einen 28 Millionen Pfund Sterling Deal mit den Holländern gemacht, das war ein Drittel der Produktionskosten. Auf die Frage Did Fleming’s Meta-branding in the books have an impact on product placement in today’s movies and books? antwortete Professor Chapman:

The answer is “Yes – and No”. The brand name products in Fleming’s books served a cultural-ideological purpose: as well as being indicators of snob value they can also be seen as reflecting the gradual emergence of Britain from a post-war culture of austerity (Casino Royale was published in 1953) to a culture of affluence. Today the ideological import of this is lost: I’ve met taxi drivers who wear Rolexes! The product placement in the films is more tied to commercial branding and has less obvious snob value: Aston Martin, yes, but Bond drinking Heineken in ‚Skyfall‘ is a mass-market rather than an exclusive product. This reflects the fact that the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader.

Ich habe noch nie einen Taxifahrer gesehen, der eine echte Rolex trug (Fahrer mit Rolex Fälschungen am Arm sieht man häufig), aber ich hatte schon mal eine Rolex von dem Typ, den Connery in Dr No trägt, in der Hand. Was damals übrigens die Uhr des Produzenten Albert Broccoli war; Rolex (die Firma hat hier einen Post) war zu geizig, der Filmfirma ein Exemplar für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Das bereuen sie bis heute.

Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex trüge, ist seine Antwort: Omega. Die Uhr aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran (Bild). Ich will lieber nicht sagen, was mein Uhrmacher dem Typen gegeben hat, der die alte Rolex, bei der die Lünette fehlte, beim Pokern gewonnen hatte.

Inzwischen ist uns allen klar, dass man James Bond nur noch am Leben erhält, weil man die Filme für das product placement braucht. Seit der Great Gatsby Verfilmung von 1974 hat die Filmindustrie diese Einnahmequelle in großem Stil entdeckt. Wer sich in der ersten kommerziellen Bond Welle solch eine potthässliche James Bond 007 Uhr von Moeris wie die da oben gekauft hat, kann heute ein gutes Geschäft damit machen. Wenn meine Mutter den dunkelblauen James Bond Anzug mit den Geheimtaschen von meinem Bruder nicht zum Roten Kreuz gegeben hätte, wäre der heute vielleicht auch noch etwas wert.

James Chapman hat mit dem Satz the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader natürlich recht. Schon vorher sagte John Adkins in The British Spy Novel in dem Kapitel Spies and the Class WarThe class issue has been one of the major concerns of British fiction this century. Die Welt Ian Flemings und seines Gentleman-Agenten bestand, um zwei Buchtitel zu zitieren, aus Snobbery with Violence (Colin Watson) und Clubland Heroes (Richard Usborne). Ian Fleming suggerierte dem Leser in seinen Romanen, er sei ein Teil der großen eleganten Welt. Aus dem Casino Royale der Romane ist (bildlich gesprochen) die Daddelhalle geworden, snobbery ist nicht mehr da, class auch nicht, dafür umso mehr violence. Die Bild Zeitung konnte vor Jahren titeln: Til Schweiger ist der ‚deutsche James Bond‘. Darauf warten wir alle.

James Bond wurde bekanntlich am 11.11.1920 in Wattenscheid geboren. Den Film ✺Skyfall (von dem ich letztens einen Teil im TV gesehen habe) hatte das einzige Kino von Wattenscheid nicht im Programm, da gab es die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Na ja, manche Kritiker fanden den Film auch grottenolmschlecht. James Bond nennt sich heute Daniel Craig und trägt wieder Anzüge, die wie die Anzüge von Anthony Sinclair aussehen. Er bereut es heute bitter, dass er mal den Decknamen Roger Moore verwendet und diese schrecklichen Klamotten getragen hat.

Auch der Name Pierce Brosnan, der BMW und die Brioni Anzüge haben ihm nicht wirklich gefallen. Dass man ihn überredet hat, sich bei Facebook anzumelden, bereut er auch schon. Er kann seinen Ruhestand nicht wirklich genießen, immer wieder ruft M an (der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat und nicht mehr Bernard Lee, sondern Judi Dench heißt) und will etwas von ihm. England expects that every man will do his duty. Das ist das Schicksal des hero with a thousand faces, das olympische citior, altior, fortior gilt erst einmal für sie. Wenn da irgendwelche kleinwüchsigen Amerikaner auf einer mission impossibile sind und sich das gut verkauft, dann müssen sie im nächsten Film noch besser sein. Das ist der Fluch der Superhelden, die ewig leben müssen.

Die Geister, die wir gerufen haben, werden wir nicht mehr los. Der Kinostart für den neuesten James Bond Film ist für November angekündigt. Sie können sicher sein, dass ich nicht darüber schreiben werde. Die halbe Stunde, die ich von Skyfall gesehen habe, hat mir gereicht. 1964 Jahren hatte der Film Goldfinger seine deutsche Premiere. Ian Fleming hat die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebt.

An mir lief das auch völlig vorbei. Ich habe den ✺Film 1965 nicht gesehen. Der einzige filmische Geheimagent, den ich damals im Kino sah, hieß Lemmy Caution. Der trug wenigstens einen Regenmantel, wie es sich für Geheimagenten gehört. Das taten auch Joel McCrea in Foreign Correspondent, Michael Caine in Ipcress und Richard Burton in The spy who came in from the cold. Sean Connery hatte als 007 keinen. Wenn England einen Agenten mit der Doppelnull in die Karibik oder nach Miami schickt, dann braucht der keinen Trench. Hier in Another Time, Another Place trägt Connery einen Aquascutum Kingsway, aber das ist natürlich kein James Bond Film.

Ian Fleming mag tot sein, aber der nächste James Bond Roman wird schon geschrieben (der letzte wurde von William Boyd geschrieben, er liegt bei mir noch irgendwo in der Mitte eines Bücherstapels). Von einem Mann namens Anthony Horowitz. Den kennen Sie vielleicht als Drehbuchautor von sechs Folgen von Inspector Barnaby. Und – noch viel, viel besser – von 21 Folgen der SerieFoyle’s War.

Horowitz hat über seinen Roman gesagt: It’s no secret that Ian Fleming’s extraordinary character has had a profound influence on my life, so when the estate approached me to write a new James Bond novel how could I possibly refuse? It’s a huge challenge – more difficult even than Sherlock Holmes in some ways – but having original, unpublished material by Fleming has been an inspiration. This is a book I had to write. Und weil es viel Geld bringt. Und wenn wir noch einen schönen Satz brauchen, wie wäre es mit dem schönen Satz: Une réception? A la bonne heure, ce sera l’occasion de porter mon smoking en alpaga. Sagt der Agent OSS 117 von Jean Bruce.

Falls Sie den Herrn hier nicht kennen sollten, das ist Barry Nelson als Jimmy Bond 1954 in ✺Casino Royale (Peter Lorre war auch als Le Chiffre in dem 48 Minuten langen Film). Der Smoking von Hubert Bonisseur de la Bath sitzt besser als der von Jimmy Bond (auch beim ✺Tanzen). Der mit den Worten von Macbeth zu fragen scheint: why do you dress me in borrow’d robes? So hat alles angefangen. Der Rentner in Wattenscheid ist nicht besonders stolz auf diese Verkleidung.


post scriptum: Dies stand schon im Netz, da fiel mir ein Gedichtband von Frank Schulz (dem Autor des Klassikers Kolks blonde Bräute) in die Hand, aus dem ich noch eben ein kleines Gedicht zitieren möchte:
Geschürt, nicht gerüttelt Sein Name ist Bond, James Bond.  Das Girl, es ist blond, schön blond. Jawohl, Bond ist Schond. Na ond?


Bei ✺arte gibt es eine kleine Sean Connery Doku, da wird sich noch etwas folgen. Es wird Sie nicht wundern, dass bei einem Blogger, der sozusagen James Bond seinen Doktortitel verdankt, Ian Flemings Fantasiefigur immer wieder im Blog aufgetaucht ist. Lesen Sie auch: Sir Thomas Sean ConnerySecret AgentsSpectreSylvia TrenchDominoAgentenmodeMetropolisIan FlemingBachs CellosuitenSecret AgentsScotland foreverJames Bond007GoldfingerCathy GaleBond GirlDaliah LaviBrittGeorge Spencer WatsonChristine KeelerSchmutzige LyrikJohn le CarréEric AmblerNicolas FreelingIntertextualitätKingsley AmisRitterRoyal Flying CorpsKyritz an der KnatterLaurence HarveyUli BeckerHaikuKingsmanOperation MincemeatKen AdamSiegfried SchürenbergFilm und ModeEnglische Herrenschuhe (London)StilBlazerInspector Barnaby und die ModeJankerRoyal Flying CorpsAufklärungTalsperrenPlayboy

Nordic Noir

17/07/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich wusste nicht, was da über den Bildschirm flimmerte. Lohnte sich das Hingucken? Ich schaltete den Teletext ein, da ich nicht wusste, unter welchem Berg von Zeitungen sich die Programmzeitschrift verbarg. Offenbar hatte in diesem Film, den die Degeto in Norwegen gekauft hatte, ein Kommissar namens Wisting seinen zweiten Fall zu lösen. Der Teletext blieb nicht auf der Ebene der sachlichen Beschreibung: Mit einer grandiosen Kameraarbeit, der präzise inszenierten Ermittlergeschichte und einem dramatischen Showdown bietet der zweite Teil der Doppelfolge ‚Jagdhunde‘ alles, was die Erfolgsmarke ‚Nordic Noir‘ auszeichnet. Meisterhaft beherrschen die Serienmacher die hohe Kunst des Thrillergenres, beim Zuschauen ein Gänsehautgefühl zu erzeugen. So etwas nimmt dem Zuschauer das Denken ab, er weiß jetzt, dass das alles grandios, präzise und dramatisch ist. Dass die Serienmacher eine hohe Kunst meisterhaft beherrschen. Und dann gibt es da noch ein Gütesiegel drauf, das Nordic Noir heißt.

Ich fand das Ganze mit seinen holzschnittartigen Figuren stinkelangweilig. Ich bin da offensichtlich nicht ganz alleine: Eine gewisse kalt-düster-befremdliche nordische Atmosphäre mag ‚Kommissar Wisting‘ dabei durchaus auszustrahlen vermögen – doch die allzu konstruierten Plots und die in Setzkastenlogik entworfenen Charaktere verhindern leider konsequent eine zweite Ebene, die etwas Ernsthaftes zu den verhandelten Themen – Vereinsamung und Überforderung – hätte beitragen können. Dass ich gewisse Vorbehalte gegenüber dem, was neuerdings als Nordic Noir verkauft wird, habe, das können sie schon dem Post Henning Mankell entnehmen.

Ich kenne Mankells Übersetzer Wolfgang Butt, der mit seiner Arbeit nicht immer glücklich gewesen ist. Als ich mich vor Jahren mit ihm über Mankell unterhielt, sagte er, dass er gerade Per Olov Enquists Der Besuch des Leibarztes übersetzte. Das sei eine schöne Aufgabe. Dadurch, dass er an Mankell gut verdiene, könne er eine Vielzahl von schwedischen Autoren, die sonst keine Chance auf eine Übersetzung gehabt hätten, sozusagen zum Discountpreis übersetzen. So gesehen fördert Henning Mankell auf Umwegen auch die schwedische Literatur. Der Besuch des Leibarztes (hier ein Photo aus dem Film von 2012) ist übrigens ein sehr schönes Buch. Besser als ein Mankell. Im eigenen Kleinverlag brachte Wolfgang Butt zwischen 1987 und 1994 Literatur aus Skandinavien heraus. Meistens Krimis, die er mir freundlicherweise immer vorbeischickte. Das war meine zweite Begegnung mit dem skandinavischen Krimi.

Die erste Begegnung hieß Sjöwall/Wahlöö, und ohne Per Wahlöö Sjöwall und Maj Sjöwall (die hier die Posts Sjöwall Wahlöö und Maj Sjöwall haben) gäbe es keinen Schwedenkrimi und kein Nordic Noir, keine Kommissarin Sarah Lund (40 Folgen), keine Kommissarin Maria Wern (18 Folgen, wo Marika Lagercrantz in einer Folge auch mitspielen darf), keinen Kommissar William Wisting (10 Folgen). Und keinen Kurt Wallander. Aber alles ist immer sehr dunkel. Sehr lang. Und sehr realistisch.

Die Romanautorin Dorothy Sayers hat einen Realismus in ihren Romanen nie gewollt: For, however realistic the background, the novelist’s only native county is Cloud-Cuckooland, where they do but jest, poison in jest: no offence to the world. In ihrem Buch The Long Week-End haben Robert Graves und Alan Hodge (der Ghostwriter von Winston Churchill) den wunderbaren Satz Detective novels, however, were no more intended to be judged by realistic standards than one would judge Watteau’s shepherds and shepherdesses in terms of contemporary sheep-farming mit leichter Hand dahingeworfen.

Das kleine englische Dorf (Mayhem Parva, wie es Colin Watson genannt hat), in dem wir uns immer so zuhause fühlten und wo Miss Marple, Lord Peter Wimsey oder Tom Barnaby ermitteln, ist romanmäßig unwiederbringlich dahin. Früher war das Verbrechen im englischen Landhaus, jetzt ist es auf der ganzen Welt. Und ganz besonders in Schweden. Das bedeutet aber nicht, dass man die schönen englischen Detektivromane aus dem golden age of detective fiction nicht mehr lesen darf. Ich habe noch keinen neueren Roman aus Skandinavien gelesen, der ansatzweise an das intellektuelle Vergnügen der Lektüre eines Romans von Michael Innes heranreichte.

Sjöwall und Wahlöö haben den dirty realism nach Skandinavien gebracht. Aber wo sie noch eine Botschaft hatten, haben ihre Nachfolger nur noch den dirty realism, mit der Betonung auf dirty. Unrasierte Kriminalkommissare, zerrissen in Kierkegaardschen Selbstzweifeln mit der Aquavitflasche in der Hand, in der Tristesse des Alltags eines postsozialistischen Wohlfahrtsstaates, gehen mir inzwischen auf den Keks. Vor allem, weil bei den meisten skandinavischen Kriminalromanen doch immer wieder Sjöwall und Wahlöö durchscheinen. Dann kann man auch gleich Sjöwall Wahlöö lesen. Und wenn man noch mehr Alltagstristesse braucht, bleibt einem ja immer noch Emile Zola.

Dem Rezensenten des österreichischen Kurier war das mit der Kommissarin Lund alles zu viel des Guten, er schrieb: Grau ist die Farbe der Sarah Lund. Grau beginnt die erste Folge der neuen dritten Staffel der Kultserie, die ab heute im ZDF läuft: Aus den Schatten löst sich ein halb nackter, auf einem Schiff gefangen gehaltener Mann. Grau wie grausam. Der Mann flieht in Panik und stürzt sich ins Wasser. Schnitt und Auftritt Sarah Lund. Eine zierliche Frau im schwarz-weißen Strickpulli schlurft aus dem WC und zieht sich ungeniert den Reißverschluss zu. Dass ihr neuer Assistent daneben steht und zuschaut? Egal. So würde sich Saga Norén (gespielt von Sofia Helin) in Bron/Broen (Die Brücke: Transit in den Tod) natürlich nie gehen lassen. Die Reihe hat 38 Folgen, die natürlich ganz großartig sind: Die ebenso grandios erzählte wie gespielte Reihe gilt als Perle der skandinavischen Thriller-Schatzkammer und erlebt nun die dritte Auflage mit fünf Doppelfolgen.

Rebecka Martinsson (gespielt von Ida Engvoll) würde sich auch nicht gehen lassen. Die Serie wurde liebevoll von der FAZ begrüßt: Ein neuer Schweden-Krimi im Ersten führt die Tradition des ‚Nordic Noir‘ fort: ‚Rebecka Martinsson‘ handelt von einem Verbrechen, bei dem sich im einsamen Norden des Landes ein ganzer Ort verdächtig macht. Beinahe all diese Nordic Noir Serien ähneln einander, ich habe manchmal das Gefühl, die Fernsehanstalten tauschen die Drehbücher untereinander aus. Gerettet wird das Ganze mal gerade eben noch durch den ältesten Trick der Filmindustrie: schöne Frauen. Die allerdings selten nackt sind (lesen Sie dazu doch einmal den Post Nackt), dafür ist es da oben einfach zu kalt, und die Zeit des Schwedenfilms ist eh vorbei.

Wenn die hübschen Frauen nicht wären (hier Marie Bach Hansen in Das Team), wäre das Ganze unheimlich langweilig, weil letztenendes doch immer dieselbe Geschichte erzählt wird. Ob in vier oder in zwanzig Folgen. Selbst die dünnste Story, die mal eben bei den Rentnercops oder Notruf Hafenkante für das Vorabendprogramm reichen würde, wird gedehnt (das man das in Deutschland inzwischen auch kann, können Sie in dem Post Nordholm lesen) und überdehnt. Sergei Bondartschuks Krieg und Frieden dauert 395 Minuten auf der Leinwand, da wären wir bei Forbrydelsen mit Sarah Lund, das jetzt auf arte The Killing heißt, mal gerade mit der sechsten Folge der ersten Staffel fertig.

Damit wir die weiblichen Heldinnen voneinander unterscheiden können, bekommen sie Beigaben, so wie Sherlock Holmes seine Pfeife hat und einen Deerstalker trägt. Marie Bach Hansen braucht keine Beigaben, sie ist 1,80 m groß und blond, da reicht schon ein enges Unterhemd. So etwas würde Sarah Lund nicht reichen, die trägt immer einen weiten Norweger Pullover. Der modisch ein Renner wurde. Als die Gattin von Prince Charles die Dreharbeiten besuchte, bekam sie von Sofie Grabol auch so einen geschenkt. Die Kommissarin Saga Norén trägt Lederhosen und fährt einen Porsche 911S mit einer seltsamen Farbe. Das können wir uns merken.

Es ist die Stunde der Frauen, Kommissarinnen überall, in Norwegen, Schweden und Dänemark. Und bei uns im Fernsehen. An manchen Produktionen haben sich ARD und ZDF finanziell beteiligt. Für manche Schauspielerinnen kann eine Serie ein Karrierestart sein, das hier ist Moa Gammel als Elin Nordenskiöld in der Serie Maria Wern, Kripo Gotland. Aber auch etablierte Schauspielerinnen scheuen sich nicht, in einem Krimi mitzuwirken. So spielte zum Beispiel Marika Lagercrantz in Reißende Wasser (Järngänget) eine Kriminalkommissarin. Mit schicker Sonnenbrille. Aber hatte sie das nötig?

Das Böse kommt aus dem Norden: Die Welt des nordischen Krimiromans hat der Journalist Tobias Gohlis 2003 seine Untersuchung des skandinavischen Krimis betitelt. Es gibt noch andere Bücher, auch schon akademische. Zum Beispiel gibt es zu der Serie Bron/Broen das Buch Beyond The Bridge: Contemporary Danish Television Drama von dem deutschen Professor Tobias Hochscherf und der dänischen Professorin Heidi Philipsen. Keinesweg akademisch ist dieses Buch hier: Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben. Ist aber sehr witzig. Intelligenter als Vieles, das als Nordic Noir (oder Finnish Weird) verkauft wird.

Inzwischen sind mehr als hundert Krimiautoren aus Schweden, Dänemark und Norwegen auf dem deutschen Markt präsent (vierzig davon kommen aus Schweden). Aber zahlenmäßige Menge bedeutet nicht gleichzeitig auch Qualität. Das Dutzend skandinavischer Krimis, die ich im Laufe der Jahre geschenkt bekommen habe, hat mich nicht vom Stuhl gerissen. Vielleicht waren es die falschen Romane, obgleich mir die Schenkenden immer versicherten, dass dies das Beste aus Skandinavien sei. Ich bin da nicht so sicher. Das Krimigenre Nordic Noir führt direkt in den Abgrund der skandinavischen Psyche, schrieb die NZZ. Was sagt Hamlet zu Polonius? Words, words, words.

Gestern Abend gab es auf arte die Folgen 9-12 der ersten Staffel mit der Kommissarin Sarah Lund. Heute Nacht gibt es im Ersten Programm Henning Mankells Wallander. Das hört nie auf mit dem Nordic Noir. Der Porsche 911S von Saga Norén mit der fiesen Farbe ist bei einer Auktion für einen guten Zweck für 125.000 Pfund versteigert worden. Einen Sarah Lund Pullover bekommt man schon für 360 Euro.

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