Nudität

27/02/2021 § Hinterlasse einen Kommentar

Schönheitschirurg Peter Hauptmann (Filip Peeters) stranguliert und peitscht seine Affäre Silvie Stein (Ursina Lardi) in seinem Sex-Appartment aus. Sie stöhnt vor Begierde und lässt sich willig auf das Liebesspiel ein. Als ihre Freundin Julia ihr jedoch erzählt, dass auch sie zu einem heißen Sado-Maso-Spiel von Peter in dessen Wohnung eingeladen wurde, bricht für Silvie eine Welt zusammen. Denn die Rechtsanwältin glaubt fest, dass nur sie die speziellen Phantasien von Peter befriedigen kann. Aus Rache, Eifersucht und Verzweiflung ermordet Silvie schließlich ihre Freundin Julia. Das konnte man 2014 so im web.de Magazin lesen. Da stand auch, dass die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi in vier Jahren in fünf Tatort Sendungen aufgetreten ist. In dem ✺Polizeiruf 110, den die ARD gestern sendete, war sie auch zu sehen.

Warum diese Häufung der Rollen? Weil man sie braucht, als femme fatale und ein bisschen nackt, um so einem todlangweiligen Tatort ein wenig Pep zu geben. Dieser Tatort hieß ✺Frühstück für immer, es gab ihn vor wenigen Tagen im Fernsehen. Habe ich reingeguckt, nur aus Verzweiflung, weil es mal wieder nix im Fernsehen gab. Außer Talkshows zu Corona, wo immer dieselben Leute auftreten. Ich kannte den Film allerdings schon, habe ihn sogar schon hier erwähnt. Für Christian Buß vom Spiegel war das eine ganz tolle Sache: 

‚Fifty Shades of Grey‘ in Leipzig? Saalfeld und Keppler ermitteln im SM-Milieu. Was leicht zum Trendstück über die neue angebliche Lust an der Unterwerfung hätte werden können, ist ein grausamer Krimi über die Grauzonen der Erotik – und der erste starke MDR-Tatort‘ seit Jahren. Seit den Tagen der Gothic Novel und den Phantasien des Marquis de Sade hält sich dieser Sado-Kram ja hartnäckig. Meist in Fantasy Filmen, selten im Leipziger Tatort. Ich fand diese SM Klamotte albern, aber Ursina Lardi rettet jeden Film. Frühstück für immer war übrigens der drittletzte Tatort aus Leipzig, dann wurden die Kommissare Simone Thomalla und Martin Wuttke (hier rechts neben Ursina Lardi) entlassen. Für immer.

Ich habe in dem Post Nackt im Jahre 2019 etwas über die Nackheit im deutschen Tatort geschrieben, offenbar muss Nackheit sein, weil man auf Quoten hofft. In dem Tatort ✺Freddy tanzt war Ursina Lardi wieder dabei, sie spielte eine alleinerziehende Kunstprofessorin, die nebenbei als Prostituierte in einem Schickeria Lokal arbeitet. Das ist ja die typische Nebentätigkeit von Kunstprofessorinnen. Wer kann so etwas glauben?

Im Tatort ✺Dunkelfeld spielte Lardi eine Polizistenwitwe, die mit dem Kommissar Karow (mit dem sie mal ein Verhältnis hatte) entführt wird, aber in Wirklichkeit mit den Entführern zusammenarbeitet. Man hatte ihr dafür Klamotten angezogen, die sie die ganze Zeit nackt aussehen ließen. Das muss offensichtlich sein. Coleridges Wort von der willing suspension of disbelief steht als Motto über den meisten TatortProduktionen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Die Tatorte werden ja nicht besser, wie der Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (gespielt von Gustl Bayrhammer) bei seinem Abgang so nett sagte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr. Damals gab es allerdings noch keine Nackheit im Tatort.

Heute vor sechsundachtzig Jahren erhielt der Film ✺It Happened One Night den Oscar in allen fünf Hauptkategorien, der Film war ein Riesenerfolg. Weil da jemand ein bisschen nackt war. Das war nicht Claudette Colbert, das war Clark Gable. Als der Film sein Oberhemd auszieht, konnte das Publikum sehen, dass er kein Unterhemd trug. Die Verkaufszahlenvon Unterhemden sanken in den USA dramatisch. Die romantic comedy kam in die Kinos, als der Motion Picture Code noch nicht griff. Sätze wie: Scenes of passion should not be introduced when not essential to the plot. In general, excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element und Excessive and lustful kissing, lustful embraces, suggestive postures and gestures, are not to be shown, hatten noch keine Gültigkeit. 

Ein Jahr, bevor man Clark Gables nackten Oberkörper im Kino sehen konnte, war dieser Film der Skandal Amerikas. So ausgezogen-angezogen war die kleine Temple Drake in ✺The Story of Temple Drake (der softcoreVersion von Faulkners Roman Sanctuary) allerdings nie, das Filmplakat suggeriert nach über achtzig Jahren immer noch Sex. Der Film führte direkt zur Etablierung des Motion Picture Code, Themen wie Kleinstadtbordelle und Vergewaltigungen (Sex perversion or any inference to it is forbidden) sollte es im amerikanischen Kino nie wieder geben. Was haben sich die beiden Katholiken Martin Quigley und Father Daniel Lord, die den Motion Picture Codeverfassten, bloß dabei gedacht, als sie schrieben: excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element? Wer ist das lower and baser element? Ich glaube, das sind wir. Miriam Hopkins landete übrigens noch Jahrzehnte später in Russ Meyers Softporno ✺Fanny Hill.  

Raymond Chandler (reloaded)

07/02/2021 § Hinterlasse einen Kommentar

Es geht heute noch einmal um Übersetzungen, gute und schlechte. Oder wie der Franzose sagt: Les traductions sont comme les femmes: quand elles sont belles, elles ne sont pas fidèles, et quand elles sont fidèles, elles ne sont pas belles. Am letzten Sonntag gab es hier Proust, heute gibt es hier Chandler. Ich las in der Zeitung, dass es eine neue Übersetzung der Romane von Raymond Chandler gäbe, die sehr cool sein sollte. Ich notierte mir das auf einem Zettel und ließ es erst einmal liegen. Mich beschäftigten gerade die Übersetzungen von Marcel Prousts Recherche. Und ehrlich gesagt, hatte ich mich für Chandler Übersetzungen noch nie wirklich interessiert. Aber vielleicht hat doch das eine mit dem anderen zu tun: beide Autoren wurden dem deutschen Publikum durch Übersetzungen in den fünfziger Jahren bekannt; beide Autoren waren große Stilisten in der Sprache, in der sie schrieben, beide Autoren haben ihre Übersetzer herausgefordert. Chandlers Englisch war das Upper Class Englisch seiner englischen Public School Erziehung, das gesprochene amerikanische Englisch – das H.L. Mencken in seinem Klassiker The American Languagebeschrieb – musste er erst einmal lernen. Er wird zu einem Meister dieser Sprache: If I hadn’t grown up on Latin and Greek, I doubt if I would know so well how to draw the very subtle line between what I call a vernacular style and what I should call an illiterate or faux naif style. There’s a hell of a lot of difference, to my mind.

Raymond Chandler war ein gebildeter Mann. Er wußte, wer Proust war, in einem Brief an seinen Verleger vergleicht er den Stil von Dashiell Hammet und James Malahan Cain miteinander. Zu Ungunsten von Cain: I hope the day will come when I don’t have to ride around on Hammett and James Cain, like an organ grinder’s monkey. Hammett is all right. I give him everything. There were a lot of things he could not do, but what he did he did superbly. But James Cain—faugh! Everything he touches smells like a billygoat. He is every kind of writer I detest, a faux naif, a Proust in greasy overalls, a dirty little boy with a piece of chalk and a board fence and nobody looking. Such people are the offal of literature, not because they write about dirty things but because they do it in a dirty way. Ich persönlich mag James Mallahan Cain, ich finde, dass sein Roman Serenade der Höhepunkt des melodramatischen Kitsches ist, der in der Zeit der tough guy writers geschrieben wurde. Aber diese wunderbare kleine Beleidigung im Vorübergehen: a Proust in greasy overalls, die hat schon etwas.

Die coole Blondine in dem Absatz oben ist auf dem Cover der neuen Penguin Ausgabe, und diese coole Blondine soll Eileen Wade in The Long Good-Bye sein. Wo wir Sätze finden wie: Es gibt solche Blondinen und solche, das ist heutzutage fast schon ein geflügelter Witz. Alle Blondinen haben ihre Mucken, mit Ausnahme vielleicht nur der wasserstoffblonden, die jenseits der Chemie so blond sind wie ein Zulu und von Gemüt so glatt wie ein Bürgersteig. Da gibt es das kleine süße Blondchen, das piepst und zwitschert, und die große statuenhafte Blondine, die nur einen einzigen ihrer eisblauen Blicke braucht, um einen auf Distanz zu halten. 

Da gibt es die Blondine, die hinreißend zu einem aufschaut und ebenso hinreißend duftet und schimmert und einem am Arm hängt und die dann immer so sehr, sehr müde ist, wenn man sie heimbringt. Sie macht dauernd diesen hilflosen Eindruck und hat dauernd diese gottverdammten Kopfschmerzen, und man würde ihr am liebsten eine runterhauen, wenn man nicht heilfroh wäre, das mit den Kopfschmerzen noch rechtzeitig entdeckt zu haben, bevor man zuviel Zeit, Geld und Hoffnung in sie investiert hat. Ich weiß nicht, von wem die Übersetzung ist, aber sie ist auf jeden Fall ziemlich nah am Original (der Blondinenkatalog findet sich hier im 13. Kapitel. Und eine Erklärung für das Knopfloch auf der falschen Seite bei Humphrey Bogarts Jackett finden Sie hier).

Coole Blondinen gehören offenbar zu Philip Marlowe, ebenso wie das leicht heruntergekommene Büro, in dem wir in The Big Sleep der einzigen Erwähnung von Proust in Chandlers Romanen begegnen, wenn Vivian Regan sagt: «Well, you do get up,» she said, wrinkling her nose at the faded red settee, the two odd semi-easy chairs, the net curtains that needed laundering and the boy’s size library table with the venerable magazines on it to give the place a professional touch. «I was beginning to think perhaps you worked in bed, like Marcel Proust.» «Who’s he?» I put a cigarette in my mouth and stared at her. She looked a little pale and strained, but she looked like a girl who could function under a strain. «A French writer, a connoisseur in degenerates. You wouldn’t know him.» «Tut, tut,» I said. «Come into my boudoir.»


Obgleich ich mich, wie gesagt, eigentlich nicht für die Übersetzungen von Chandler interessiere, weiß ich doch, dass The Big Sleep (hier im Volltext) in deutscher Übersetzung zum erstenmal bei einem kleinen Verlag in Nürnberg namens Nest Verlag erschienen war. Der Verlag hat eine gewisse Berühmtheit, weil er von Karl Anders gegründet worden war, der nach der Emigration als Korrespondent für die BBC über die Nürnberger Prozesse berichtet hatte.

Der Nest Verlag sollte ein politischer Verlag sein, der Bücher zum Thema Völkerverständigung und Vergangenheitsbewältigung druckte, aber so schön der Gedanke war, die Bücher verkauften sich nicht. Um eine finanzielle Basis für den Verlag zu haben, nahm Karl Anders Krimis ins Verlagsprogramm, das war der Beginn der Krimireihe Krähen Bücher, die sich bemühte, qualitätsvolle Krimis in guten Übersetzungen zu präsentieren. Helmut Karasek wird 2011 sagen: diese Übersetzungen können sich heute noch sehen lassen. Er weiß gar nicht, wie recht er hat. Politische Bedeutung erlangten die Krähen Bücher noch in einer nicht geahnten Weise, die Übersetzungen des Nest Verlages wanderten in die Produkte des Verlags Volk und Welt in Ostberlin, Chandler und Hammett waren in der DDR ideologisch gedultete Autoren. 

Dies hier ist der Umschlag zu der Übersetzung von Chandlers The Little Sister, 1953 in der Übersetzung von Peter Fischer erschienen (Fischer hat später noch Dashiell Hammett für Goldmann und Joseph Hayes für S. Fischer übersetzt). Die Übersetzung hielt sich lange, erschienen auch in anderen Verlagen (zum Beispiel Ullstein, die beinahe das ganze Programm vom Nest Verlag übernahmen), bis der Diogenes Verlag 1975 eine neue Übersetzung von dem berühmten Walter E. Richartz auf den Markt brachte. Im letzten Jahr hat Diogenes den Roman von Robin Detje neu übersetzen lassen, das war das, was ich in der Zeitung gelesen hatte. 

1953 erschien im Verlag von Karl Anders ein Buch, das sozusagen das begleitende Theoriewerk für die Krähen Krimisdarstellte: Fritz Wölckens Der literarische Mord. Es war seine Habilitationsschrift gewesen, zehn Jahre später wurde er Ordinarius für Anglistik an der Uni München. Ich kann mir das hier jetzt einfach machen, alles, was Sie über Wölcken und sein Werk wissen sollten, steht schon in dem Post Eric Ambler. Dies ist nicht das Cover vom Nest Verlag, sondern das Cover der digitalen Neuauflage des CulturBooks Verlag aus dem Jahre 2015. Die hat ein vorzügliches Vorwort von Thomas Wörtche, und das kann ich Ihnen hier auch zur Lektüre anbieten.

Raymond Chandlers berühmtester Roman The Big Sleep wurde von Mary Brand unter dem Titel Der tiefe Schlaf übersetzt. Eine Frau namens Mary Brand wird man in einem Lexikon vergebens suchen. Wenn man den Namen bei Wikipedia eingibt, bekommt mal als erstes die Hauptkommissarin Marie Brand, gespielt von Marielle Millowitsch, angeboten. Aber die haben nichts miteinander zu tun, in Wirklichkeit war Mary Brand das Pseudonym der Übersetzerin Maria von Schweinitz, die für den Nest Verlag auch Chandlers The High Window und The Lady in the Lake übersetzte. Und vieles mehr, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek kommt sie auf hunderte von Eintragungen. Ihre Übersetzung von The Big Sleep wurde von Ullstein bis in die siebziger Jahre nachgedruckt (eine Liste mit allen deutschen Ausgaben von Chandler finden Sie hier).

Und wenn Sie diesen Link anklicken, können Sie die angeblich besten fünfundzwanzig Cover von The Big Sleepbetrachten. Dies hier ist auch dabei, mit dem Kommentar: Büchergilde Gutenberg (Germany) (2013) (Artist: Thomas M. Müller). Driving down the highway into the sunset, with a lone palm tree as witness. The cover art may be from Germany, but this guy totally gets California. Die Ausgabe der Edition Büchergilde war durchgehend von dem Designer Thomas M. Müller illustriert, alles im Stil der dreißiger Jahre. Allerdings sahen die Bücher damals anders aus, das weiß ich, weil ich inzwischen einige Erstausgaben besitze, eine hat mir die Daniela geschenkt. Für die Büchergilde Ausgabe aus dem Jahr 2013 hat man die Übersetzung von Gunar Ortlepp gewählt, der den Roman 1974 für den Diogenes Verlag übersetzt hat. Weshalb der Verlag im letzten Jahr den Roman von Frank Heibert neu übersetzen ließ, das weiß ich nicht. Und weshalb Chandlers Roman unbedingt ein Nachwort von Donna Leon bekommen musste, das weiß ich auch nicht. Chandler und Donna Leon, das geht irgendwie nicht zusammen.

Das Diogenes Lektorat rechtfertigte die neue Übersetzung mit der Aussage: So eine knappe und schnelle Sprache, wie Chandler sie hatte, gab es noch nicht im Deutschen zur Zeit der früheren Übersetzungen. Wirklich? Nehmen wir einmal einen Satz aus dem vierten Kapitel: She approached me with enough sex appeal to stampede a business men’s lunch. Der lautet bei Frank Heibert: So sexy, wie sie sich auf mich zuschob, hätte sie jeden Businesslunch in eine Stampede verwandeln können. Mir gefällt das Verb zuschob nicht, und mit dem Verb stampede ist dem Übersetzer etwas durcheinandergeraten. In der ersten Übersetzung von Mary Brand klingt das etwas behäbiger: Sie näherte sich mir mit genügend Sex-Appeal, um einem Geschäftsmann den Appetit auf den Lunch zu verschlagen. Aber bei Gunar Ortlepp ist das 1974 durchaus richtig: Sie näherte sich mir mit genug Sex-Appeal, um eine ganze Aufsichtsratssitzung zu sprengen. Ich habe das Beispiel einer Besprechung der dpa entnommen, in der Heibert gegen Mary Brand ausgespielt wird, Gunar Ortlepp aber gar nicht erwähnt wird. 

Gunar Ortlepp war nicht irgendjemand, er war Kulturredakteur beim Spiegel, er kannte Arno Schmidt und hat ihn interviewt, als der Zettels Traum schrieb, und er hat The Big Sleep und Hammetts Blood Harvest für Diogenes übersetzt. Ich habe eigentlich an seiner Übersetzung von The Big Sleep, die sich hier im Volltext im Internet findet, wenig auszusetzen. Nehmen wir mal den Anfang des Romans: It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. Das klingt bei Ortlepp so: Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen verhieß. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Sportschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gut gekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet. 

Heiberts Übersetzung aus dem Jahre 2019 bietet folgenden Text: Es war gegen elf Uhr vormittags, Mitte Oktober, keine Sonne am Himmel, und die klare Luft am Fuß der Berge sah nach hartem, nassem Regen aus. Ich trug meinen taubenblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Einstecktuch, schwarze Budapester und schwarze Wollstrümpfe mit dunkelblauem Uhrenmuster. Ich war sauber, rasiert, korrekt und nüchtern, egal, wer das merkte. Ich war hundert Prozent der gutangezogene Privatdetektiv. Ich hatte einen Termin mit vier Millionen Dollar. Ist das wirklich besser? Musste das sein? Gut, taubenblau ist wohl besser als kobaltblau, das Einstecktuch ist besser als das Brusttaschenbuch. Aber dafür hat der Übersetzer große Schwierigkeiten mit den Hollywood Foothills und so etwas Geniales wie klatschkalter Regen gelingt ihm nicht.

Der Übersetzer Frank Heibert (wer hat ihm bloß diese Klamotten ausgesucht?) liest bei YouTube seine Übersetzung vor, die Videos wurden vom Verlag ins Netz gestellt. Mit dem Kommentar: Der Start der großen Neuedition! Über die Neuedition konnte man lesen: Der Schweizer Diogenes Verlag gibt die Krimis um den abgewrackten Detektiv Philip-Marlowe so nach und nach in einer Sprache heraus, die dem Heute entspricht. Eine Sprache, die dem Heute entspricht, solche Sätze lese ich zu gerne. Der Diogenes Verlag zitiert auf der Seite zu dem Buch einige Rezensionen: Frank Heibert macht den Oldtimer zu einem Genuss für alle, denen ein paar Erschossene nicht die Freude an guter Literatur nehmen – besser als jeder Tatort! Das findet sich in der Hessischen Allgemeinen. Noch tiefsinniger ist Sex, Drugs und doppelte Spielchen, herrlich! von dem Wiener Lifestyle Magazin Woman. Offenbar ist das Feuilleton der Zeit oder der Süddeutschensehr zurückhaltend gegenüber den Neuübersetzungen, sodaß man schon auf solche Rezensionen zurückgreifen muss.

Der Diogenes Verlag, der vor wenigen Jahren die Rechte an seinem Autor Georges Simenon an einen anderen Schweizer Verlag verloren hat, macht jetzt mit zwei Neuübersetzungen Anstrengungen, wieder in das Geschäft mit der Kriminalliteratur zu kommen, Simenon hatte sich ja sechzig Millionen mal verkauft. Jetzt heißt es über Chandler: Start der großen Neuedition. Die Philip-Marlowe-Romane von preisgekrönten Übersetzern und mit Nachworten von berühmten Chandler-Fans wie Donna Leon, Michael Connelly, Clemens Meyer und Rainer Moritz. Der Verlag wäre besser beraten, aus den vorhandenen Titeln mal die richtigen Luschen auszusortieren. Sätze wie Chandlers Romane sind haarsträubend übersetzt … Ein bisschen mehr Pflege könnte dieser Klassiker gebrauchen, kann man immer wieder lesen. Ein Beispiel wäre Hans Wollschlägers Übersetzung von The Long Goodbye (das hier sind Nina van Pallandt und Elliott Gould in der ✺Verfilmung von 1973), für die die Rezensenten bestenfalls das Wort hölzern fanden. 

Wenn man Joyces Ulysses übersetzt, garantiert das nicht, dass man auch Chandler übersetzen kann. Wollschläger schafft es, das schöne Wort unputdownablemit unwiderleglich zu übersetzen, und people that hold up a liquor store werden bei ihm Leute, die einen Schnapsladen betreiben. Da kann man dann auch (in Mord im Regen) einen Longdrink mit einem langen Drink übersetzen. Als Wollschläger die Briefe von Chandler übersetzte, wurde seine Übersetzung im Spiegel von Martin Compart wunderbar auseinandergenommen. Viele Leser begrüßten Comparts vernichtende Kritik, so konnte man in den Leserbriefen lesen: Die Enttarnung des Starübersetzers Wollschläger war überfällig, oder: Ich bin seit den fünfziger Jahren Chandler-Fan und habe Hans Wollschläger immer für den schlechtesten Übersetzer gehalten, da er offenbar weder die englische noch die deutsche Sprache beherrscht und es fertigbringt, mit seinem holprigen Deutsch noch aus Chandler einen Langweiler zu machen.

Noch furchtbarer war die Übersetzung von The Lady in the Lake durch Helmut Karasek. In der Fachzeitschrift Der Übersetzer fand sich 1987 ein Verriss, der mit den Worten endete: Daß die Übersetzung so ist, hat der Übersetzer zu verantworten. Daß sie erschienen ist, geht aufs Konto des Diogenes Verlags, und dieser muß sich sagen lassen: Es ist unanständig, solchen Schrott als Literatur unter die Leute zu bringen. Dieser Roman – er ist einer von Chandlers besten – muß noch einmal neu übersetzt werden, aber diesmal bitte ins Deutsche. Karasek wird allen Chandler Fans dafür in Erinnerung bleiben, weil er you darn fool mit Sie zusammengeflickter Narr übersetzt hat.

Fritz Wölcken wollte mit seinem Buch im Nest Verlag den Kriminalroman aus der Gosse holen und zeigen, dass er zur Literatur gehört. Die Einsicht, dass Kriminalromane richtige Literatur sein können, hatte es schwer, sich durchzusetzen. It doesn’t matter a damn what a novel is about, that the only fiction of any moment in any age is that which does magic with words, hat Chandler geschrieben, und diese Magie mit Worten, die kann er immer wieder herbeizaubern. Er hat in einem Brief kurz vor seinem Tod gesagt: To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment. Er hätte bessere Übersetzer verdient als Wollschläger, Karasek und Heibert.

Einer meiner ersten Aufsätze, den ich als junger Literaturwissenschaftler bei einer seriösen literaturwissenschaftlichen Zeitschrift einreichte, verstörte die Redaktion damals sehr. Der Schriftsteller Raymond Chandler galt den Herren als nicht literaturwürdig. Wir waren in Deutschland weit hinter den Franzosen zurück, André Gide hatte aus seiner Bewunderung für Dashiell Hammett nie einen Hehl gemacht, und die Existentialisten waren von den tough guy writers hin und weg. Muss ich noch sagen, dass Camus‘ Roman L’étranger auf James Mallahan Cains The Postman always rings twice basiert? Aber nach langem Hin und Her hat die Redaktion den Artikel über Chandler angenommen und gedruckt. Das war vor beinahe fünfzig Jahren eine Sensation, heute würde jede Redaktion einer literarischen Zeitschrift einen Chandler Artikel von mir mit Kusshand nehmen, meine Leser kriegen das natürlich hier umsonst. 

Es gibt viel Chandler in diesem Blog. Das begann im Februar 2010 mit dem Post Ritter, dem im Juli 2010 der Post Raymond Chandler folgte. Und dann noch mehr. Das Beste, was ich zu Chandler schrieb, steht in dem Post Raymond Thornton Chandler. In dem es auch als Schmankerl eine kleine Verfilmung von Chandlers Kurzgeschichte I’ll be Waiting mit Marg Helgenberger als Eve Cressy zu sehen gibt.

John le Carré ✝

14/12/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

David Cornwell, den wir besser unter seinem Schriftstellernamen John le Carré kennen, ist vorgestern im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben. Vor neun Jahren habe ich ihm mit dem Post John le Carré zum achtzigsten Geburtstag gratutliert, ich stelle diesen Post mit minimalen Änderungen heute noch einmal ein. Wenn Sie den Post Sir Sean Connery gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Doktorarbeit über den englischen Spionageroman geschrieben habe. In der le Carré natürlich auch auftauchte. Ich habe noch mehrfach über ihn geschrieben, einer der Aufsätze hatte den schönen Untertitel nolstagia for a lost paradise. John le Carré, der mit Ian Fleming wenig gemein hat, weil er erzählerisch eher in der Tradition von Joseph Conrad und Graham Greene und nicht der bang-bang, kiss-kiss stories (wie Fleming seine Romane nannte) steht, war eine Ausnahmeerscheinung im Genre des Spionageromans. Wenn Sie eine kurze Geschichte des englischen Spionageromans lesen wollen, klicken Sie hier den ausführlichen Post Secret Agents an. John le Carré war ein leidenschaftlicher Europäer. Er war vielleicht auch ein typischer Engländer, aber sein England hatte wenig mit dem England von Boris Johnson, den er verachtete, zu tun: Wenn ich mich heute in Grossbritannien umschaue, sehe ich, dass sich die Gesichter der Menschen verändert haben. In Cornwall, wo ich die meiste Zeit lebe, sehe ich das, was wir früher das ‹Dritte-Welt-Gefühl› genannt haben. Die Menschen sind deprimiert und getrieben, halten aber irgendwie durch. Der Humor ist verschwunden. Grossbritannien ist ein sehr unglückliches Land. Das muss sich ändern. Aber woraus können wir Hoffnung schöpfen?

Es ist hoffentlich noch nicht zu spät für die Geburtstagswünsche, John le Carré ist gestern achtzig geworden. Er ist derjenige Autor von realistischen englischen Spionageromanen, den man in Deutschland immer liebte. Immer wieder hat es Interviews mit ihm gegeben, sein Kollege Len Deighton (inzwischen 82) wurde in den deutschen quality papers nie so gefeiert. Wahrscheinlich mögen wir le Carré, weil er so aussieht, wie wir uns den typischen englischen upper middle class Gentleman vorstellen. Und weil er (wie sein Romanheld George Smiley) Deutsch kann. Er war ja auch lange in Deutschland, in Bonn und Hamburg. Offiziell im diplomatischen Dienst, etwas weniger offiziell war er beim MI6. Den hat er irgendwann verlassen (oder vielleicht doch nicht?), um seine Romane über den englischen Geheimdienst zu schreiben. Für den Geheimdienst hatte er schon während seiner Zeit in der Armee und während seines Studiums gearbeitet, er war der perfect spy, doppelte Existenzen und Betrug gehörten von klein auf zu seinem Leben. Seit dem autobiographischen Roman The Perfect Spy wissen wir einiges über die kriminelle Vergangenheit seines Vaters.

Die ersten beiden Romane von le Carré, Call for the Dead und A Murder of Quality, erschienen gleichzeitig mit Len Deightons Debütroman The Ipcress File. Deighton und le Carré veränderten in den sechziger Jahren den englischen Spionageroman vollständig, die abgegriffene Ian Fleming Romanformel hatte ausgedient. Sie hat natürlich nie ausgedient, es wird immer Leute geben, die die James Bond Romane ganz toll finden. Es wird wahrscheinlich auch immer Leser für die G-Man Jerry Cotton Hefte geben.

Len Deighton repräsentierte den Geist der Zeit, das Swinging London swingte auch in seine Romane hinein. Ähnlich wie Antonionis Blow-Up, wie SchlesingersDarling oder LestersThe Knack gehörten Len Deightons Romane in diese Kultur. George Melly hätte sie ruhig in Revolt into Style erwähnen können. Deightons namenloser Held, der in den Filmen Harry Palmer hieß (aber natürlich eigentlich Michael Caine hieß), war cool wie eine Hundeschnauze. Er war einer der ersten literarischen Geheimagenten, der nicht aus der Oberklasse kam. Das passte natürlich wunderbar zu Michael Caine, der mit dem Londoner Cockney Akzent aufgewachsen war; wenn man ein Ohr für Akzente hat, kann man den sprachlichen Klassenunterschied auf der Originaltonspur von ✺The Ipcress File sehr schön hören.

Das Swinging London war nicht die Sache von John le Carré, er strebte in seinen Romanen nach Höherem als ein Chronist des Zeitgeschmacks der sixties zu sein. Er hat in vielen Interviews Joseph Conrad und Graham Greene als seine literarischen Vorbilder bezeichnet, man merkt das auf beinahe jeder Seite seiner Romane. Er hat allerdings auch P.G. Wodehouse als sein Vorbild bezeichnet, das merkt man nun nicht unbedingt. le Carrés Romane sind – im Gegensatz zu den Romanen Deightons – weitgehend humorfrei. Er wäre nie auf die Idee gekommen (oder vielleicht doch), eine völlige Fälschung seines Lebenslaufes in das Who is Who zu schmuggeln wie Len Deighton das getan hat: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Nichts davon ist wahr, ich finde es immer noch sehr komisch.

John le Carré hielt sich nicht in den Niederungen der Trivialliteratur auf, um sich nach oben zu schreiben wie Raymond Chandler. Er begann gleich ganz oben, und nach der Verfilmung von ✺The Spy Who Came in from the Cold wusste die ganze Welt, dass England einen Superstar des Spionageromans hatte. Die Literaturkritiker sind ja auch immer nett zu ihm gewesen und haben ihm beinahe von Anfang an versichert, dass er kein Autor von billigen Thrillern wäre, sondern dass seine Romane zumindest auf der Ebene von Graham Greenes entertainments anzusiedeln wären. Es bestand für ihn also eigentlich gar kein Grund, seine Whippets so abzurichten, dass sie bei der Erwähnung des Wortes critic zu knurren anfingen.

Len Deighton überließ seinem Kollegen erst einmal das Feld des Spionageromans, da ihn andere Dinge interessierten: so schrieb er zwei Kochbücher, einen London-Führer und dann den Roman Bomber, in den Jahre der historischen Recherche hineingegangen waren. Seine Jahre bei der RAF haben ihn nie so recht losgelassen, damit meine ich jetzt nicht einen Roman wie Goodbye, Mickey Mouse sondern sein Buch über den Luftkrieg, Fighter: The True Story of the Battle of Britain, das ihm die Anerkennung der englischen Historikerzunft eintrug. Ich erwähne das mal eben im Kontrast zu John le Carré, um zu zeigen, dass die Bandbreite von Len Deighton viel größer ist als die von John le Carré.

Es kam für die Gemeinde der John le Carré Fans wie ein Schock, dass le Carré seinen vom Publikum geliebten Helden George Smiley aufgab, der in den ersten Romanen – und besonders in der Trilogie, die später unter dem Namen The Quest for Karla veröffentlicht wurde – so etwas wie eine moralische Instanz geworden war. Ähnlich wie der Kapitän Charles Marlow für manche Romane Joseph Conrads. Damals schrieb Bernd Eilert in Der Rabe unter der Rubrik Der Rabe rät abSeit le Carré seinen altmodischen Spion Smiley pensioniert hat, fehlt seinen Geschichten das, was sie anderen Spionage-Romanen voraushatten: eine gewisse Würde… Das haben viele Leser ähnlich gesehen, denn George Smiley, über den der Autor sagte The moment I had Smiley as a figure, with that past, that memory, that uncomfortable private life and that excellence in his profession, I knew I had something I could live with and work with, war ihnen ans Herz gewachsen. Mir auch, ich habe zwar weiterhin die meisten Romane von le Carré gekauft (und manchmal auch gelesen, häufig jedoch nicht), aber es war nicht mehr das, was ich mochte.

George Smiley begann sein literarisches Leben in Call for the Dead. Er kommt leider nicht so furchtbar oft in Filmen vor. Er wurde in ✺The Deadly Affair von James Mason gespielt, der passte genau in die Rolle. In der TV-Fassung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy wird er von Sir Alec Guinness gespielt – aber so sieht der George Smiley meiner Romanwelt nicht aus, sorry. Deshalb gibt es hier als Bild einmal den Helden mehrerer Len Deighton Verfilmungen zu sehen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine hervorragende Verfilmung von ✺Tinker, Tailor, Soldier, Spy.

Le Carré hatte sich in seinem ersten Roman bemüßigt gefühlt, zur Erklärung der Romanfigur noch A Brief History of George Smiley hinzuzufügen (Sie können sie hier nachlesen). Eigentlich eine ungewöhnliche Sache für einen Romanautor. Sie zeigt aber, dass le Carré von Anfang an diesen George Smiley als Serienhelden im Kopf hatte, so wie Conan Doyle seinen Sherlock Holmes im Kopf hatte – auch wenn le Carré seinem Helden den Sturz in die Reichenbach Fälle erspart. In den nächsten Romanen fristet George Smiley ein wenig eine Randexistenz. Man fürchtete damals als Leser doch schon den Tod in den Reichenbachfällen als le Carré The Naive and Sentimental Lover schrieb. Ein Roman, der ihm von den Kritikern um die Ohren gehauen wurde. Vielleicht stammt die Geschichte mit den Hunden aus dieser Zeit. Aber dann, wie Phönix aus der Asche, war George Smiley wieder da. Und dann gleich als Trilogie (Tinker Tailor Soldier SpyThe Honourable Schoolboy und Smiley’s People). Und auch noch passend zu all den Skandalen des englischen Geheimdienstes von Burgess und Maclean bis Kim Philby war er der einzige, der England retten konnte. Dafür sind die Helden des englischen Spionageromans ja da, ob sie Richard Hannay, James Bond oder George Smiley heißen. Immer müssen sie England retten. Meistens noch in der letzten Minute. Was wären die Engländer bloß ohne ihre spy novel Autoren?

John le Carré wurde vor Jahren in einem Interview der BBC gefragt, welche Romane er für seine besten hielte. Seine Antwort war: The Spy Who Came in from the ColdTinker, Tailor, Soldier, SpyThe Tailor of Panama,The Constant Gardener. Da Geburtstagskinder immer Recht haben, lassen wir das mal so stehen.

Sir Sean Connery ✝

01/11/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich wollte eine Doktorarbeit über englische Lyrik und englische Malerei in der Vorromantik schreiben, aber das gefiel meinem Professor überhaupt nicht. Interdisziplinäre Arbeiten waren damals nicht angesagt. Dass ich als Literaturwissenschaftler auch über Kunst schreiben kann, das können Sie sehen, wenn Sie in den Blog vita brevis, ars longa schauen. Ich verzichtete auf das Projekt, obgleich es mir weh tat. Ich schlug meinem Professor als Thema die Geschichte der englischen Spionageliteratur vor. Davon hatte er schon einmal gehört, es war damals die große Zeit von James Bond. Über den wollte ich aber eigentlich gar nicht schreiben, denn als Ian Fleming seinen Helden James Bond erfand, gab es schon mehr als ein halbes Jahrhundert englische Helden, die immer in der letzten Minute das Empire retteten. Über das Thema habe ich zuletzt in dem Post Basisformel etwas gesagt. Nichts an James Bond war originell, Fleming bediente sich der Ingredienzien der reichhaltig vorhandenen englischen cloak and dagger Literatur. 

William Cook hat das im New Statesman so zusammengefasst: James Bond is the culmination of an important but much-maligned tradition in English literature. As a boy, Fleming devoured the Bulldog Drummond tales of Lieutenant Colonel Herman Cyril McNeile (aka ‚Sapper‘) and the Richard Hannay stories of John Buchan. His genius was to repackage these antiquated adventures to fit the fashion of postwar Britain, at a time when the patriotic certainties championed in these Boys’ Own romps were under fresh assault from a new liberal elite. In this respect, like all good writers, Fleming was innovative and conservative. Aptly, the ‚Listener‘ called him a supersonic Buchan. In Bond, he created a Bulldog Drummond for the jet age.

Ich schrieb meine Arbeit, die Fakultät nahm sie naserümpfend an. Aber ein deutscher Verlag druckte sie noch im selben Jahr, und das Buch wurde in der Zeit wohlwollend rezensiert. Das sorgte bei der Fakultät für noch mehr Naserümpfen, man sah das Ganze als einen Verfall der Kultur. Aber es gab im wirklichen Leben eine Kultur jenseits der Philosophischen Fakultät, in der James Bond schnell zu einem cultural hero wurde. Ich bin kein großer Fan von Ian Fleming, seine Kollegen John le Carré und Len Deighton schrieben einwandfrei die besseren Romane. Von den Romanen John Buchans ganz zu schweigen.Der kanadische Literaturwissenschaftler Northop Frye hat über diese Art von Literatur gesagt: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form… At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Das gilt natürlich nur für die Romane. Und die Filme. Das mit der refrigerated deathlessness gilt nicht für das wirkliche Leben. James Bond, der in zehn  Tagen hundert Jahre alt wird, mag unsterblich sein, Schauspieler, die ihn verkörpert haben, sind es nicht.

Nun ist der erste Darsteller von James Bond gestorben, also derjenige, der in dem Film ✺Dr No zu Sylvia Trench sagt: My Name is Bond. James Bond. Den Mann, der 1954 in diesem ✺Film behauptete, James Bond zu sein, den lassen wir mal lieber weg. Sir Sean Connery, unser einzig wahrer James Bond, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Friedlich, im Schlaf. Er hat andere Filmrollen in seinem Leben gehabt, aber die Rolle des Geheimagenten mit der Doppel Null ist die, die uns zuerst einfällt, wenn wir den Namen Sean Connery hören. Möge er in Frieden ruhen, wir werden ihn nicht vergessen.
Ich stelle hier heute etwas ein, das in der ein oder anderen Form schon einmal hier stand. Es ist ein wenig überarbeitet, und man kann auch Filme anklicken. Der ursprüngliche Post hieß, glaube ich, Goldfinger (er taucht aber auch als Spectre auf), und deshalb fangen wir mal mit ✺Shirley Bassey an:
Goldfinger, he’s the man
The man with the midas touch
A spider’s touch
Such a cold finger
Beckons you to enter his web of sin
But don’t go in

Heute wohnen viele so, aber wenn man in der Willow Road im feinen Hampstead wohnt, dann hasst man es, dass da alte Backsteinhäuser abgerissen werden, um einem solchen Neubau zu weichen. In den fünfziger Jahren baute jeder so, aber dieses Haus, wurde schon 1939 gebaut. Von einem zugezogenen Ungarn namens Ernő Goldfinger, der heute aus unerfindlichen Gründen als Englands bedeutendster Vertreter der Moderne gilt. Seine Bauten mochte niemand leiden (sogar ein Vorkämpfer der Moderne wie Sir Nikolaus Pevsner äußert sich sehr zurückhaltend), den Menschen Ernő Goldfinger mochten noch weniger Leute leiden.

Er ist schon einmal in diesem Blog erwähnt worden. Nicht im Zusammenhang mit dem Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner oder der englischen Architektur (seine Bauten fallen unter den schönen Begriff Brutalist Architecture), sondern weil einer seiner Nachbarn in Hampstead (der ihn nicht ausstehen konnte) ihn in einen Roman hinein geschrieben hat.

In dem Post Agentenmode aus dem Jahre 2010 war hier zu lesen: Den letzten Namen [Goldfinger] hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, dass dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur.

Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bond meldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys ‚Goldfinger‘ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von ‚Goldfinger‘ schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger ‚Goldprick‘ zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Das Photo im oberen Absatz zeigt Ernő Goldfinger vor einem seiner Bauwerke; die Kinder, die in dem Trellick Tower Hochhaus wohnen, sehen nicht unbedingt glücklich aus. Vertical slums replaced horizontal slums, hat Harry Phibbs vom Guardian über das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bauwerk geschrieben. Die englische Presse ist nie sehr nett mit Ernő Goldfinger umgegangen, hat auch immer wieder genüsslich kolportiert, dass nach Ansicht der meisten Briten Goldfinger Selbstmord begangen habe, indem er vom Trellick Tower Hochhaus gesprungen sei. Solche urban myths halten sich lange. Der emigrierte ungarische Kommunist wird immer mit diesem Herrn verwechselt werden, den James Bond auf einem Golfplatz trifft.

Da ich gerade einen älteren Post zitiert habe, möchte ich noch etwas aus dem Post Bond Girl zitieren, nämlich das schöne Gedicht von Fiona Pitt-Kethley, das man gar nicht häufig genug zitieren kann. Es heißt Bond Girls (und findet sich auch in dem Post Britt):
Back in my extra days, someone once swore
she’d seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was ‚a passer-by‘.)

I’ve passed the lot in Pinewood Studios.
It’s factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that’s where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind –
Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red –
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Das Bild von der vergoldeten Shirley Eaton kriegen wir nie wieder aus unseren Köpfen. Dieses Bild hätten wir gerne wieder aus unseren Köpfen. Aber es geht nicht, das Filmgedächtnis hat es schon gespeichert. Das ist Shirley Eaton in dem Film ✺Doctor in the House, sie ist siebzehn. Aber sie hat schon begriffen, dass man mangelndes schauspielerisches Talent durch Oberweite und offene Blusenknöpfe kompensieren kann. Ein ehernes Gesetz der Filmindustrie, das natürlich auch für alle Filme mit Geheimagenten gilt.

Der junge Mann neben Shirley Eaton ist natürlich Dirk Bogarde (der hier einen langen Post hat). Der, wenn er in der Spionagefilm Parodie Hot enough for June auch mal einen Geheimagenten spielen darf, jemand anderen als Shirley Eaton an seiner Seite hat. Geheimagenten brauchen nun mal Frauen, ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das Thema der Geheimagenten und ihrer Gespielinnen ist schier unerschöpflich, vielleicht komme ich eines Tages noch darauf zurück.

Natürlich wissen wir, dass die Frau in dem Roman Goldfinger den Namen Pussy Galore hat. Dazu sage ich jetzt lieber gar nichts. Sie wird hier natürlich schon erwähnt. Das gleiche gilt für Ursula Andress (Undress?), Karin Dor und Britt Ekland. Dass die Kritiker die Romanfigur James Bond zu einem sex maniac gemacht haben, sei völlig falsch, sagt der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der auch unter dem Pseudonym Robert Markham einen James Bond Roman schrieb):

Not once, in the twelve novels and eight stories, does Bond or his creator come anywhere near judging a character by his or her social standing. We hear a good deal about high living and the elegant scene at Blades Club, but that is a different matter; at worst, harmless vulgarity. The practice of fornication in itself is not enough, these days, to brand a man as a monster, but then perhaps Bond goes at it too hard, weaves a compensation-fantasy for author and reader, is on a wish-fulfilment deal and all that.

I myself could see no harm in this even if it were true, but it is not. One girl per trip, Bond’s average, is not excessive for a personable heterosexual bachelor, and his powers of performance would not rate the briefest of footnotes in Kinsey. It is true that all the girls are pretty and put up little resistance to Bond’s advances, and this may help to explain his unpopularity with those critics who find it difficult to seduce even very ugly girls. Die Passage findet sich in Kingsley Amis‚ amüsantem BuchThe James Bond Dossier. Einer ein klein wenig ironischen Untersuchung der Flemingschen Romanfigur.

Die ja außer ihrem Namen nichts mehr mit jenem James Bond gemein hat, der heute in aller Munde ist. Und der zur Karikatur einer Figur geworden ist, die vielleicht schon selbst eine Karikatur war. Schon der James Bond der Kritiker der sechziger Jahre hatte wenig mit dem 007 der Romane gemein: The curious momentary suspicion one feels from time to time, that the critics have somehow got hold of a completely different version of the work one has been reading, has never invaded my mind more powerfully than in the case of Ian Fleming and his critics, sagt Amis.

Und damit meinte er nicht die deutschen Kritiker, die voller Moral- und Ideologiekritik waren, sondern seine eigenen Landsleute. Wie zum Beispiel Malcolm Muggeridge, der Fleming als Etonian Mickey Spillane bezeichnete und über James Bond so nette Dinge sagte wie: In so far as one can focus on to so shadowy and unreal a character, he is utterly despicable: obsequious to his superiors, pretentious in his tastes, callous and brutal in his ways, with strong undertones of sadism, and an unspeakable cad in his relations with women, toward whom sexual appetite represents the only approach. 

Sean Connery war in den ersten Filmen noch eine erkennbare Variation des Romanhelden. Heute ist James Bond Arnold Schwarzenegger in der Verkleidung von Daniel Craig. Wie das Monster von Dr Frankenstein ist die Kunstfigur längst der Kontrolle seines Herrn entwischt. Die Stärke von Fleming liegt in seiner Detailtreue, sagt Amis. Das sagt auch Fleming selbst: I try to write neatly, concisively, vividly, because I think that’s the way to write, I think that approach largely comes from my training as a fast-writing journalist under circumstances in which you damned well have to be neat, correct, concise and vivid. My journalistic training was far more valuable to me than all the English literature education I ever had. My plots are fantastic, while being often based upon truth. They go wildly beyond the probable not, I think, beyond the possible. 

To anchor my fantastic plots I employed the device of using real names of things and places. The constant use of real and familiar names and objects reassures the reader that both he and the writer have their feet on the ground in spite of being involved in a fantastic adventure. That is why I started using the technical device of referring to say, a Ronson lighter, a 41⁄2-litre Bentley with an Amherst-Villiers supercharger, the Ritz Hotel in London, the 21 Club in New York, the exact names of even the smallest details. All of this gives the reader the feeling of feasibility.

Das findet allerdings in den Augen moralisierender Kritiker keine Gnade: Diese Tatsachentreue im Kleinen schafft einen Pseudo-Realismus, der geistig unsauber ist, weil er den Anschein erweckt, auch alle Gewaltakte, Treulosigkeiten, Sexualabenteuer und kitschigen Bilder der Lebewelt müßten nach dem Leben gezeichnet sein, schreibt ein Peter Fischer im Jahre 1969. Für die Kritiker der sechziger Jahre wurde der Marineoffizier im englischen Geheimdienst zu einem Vorwand, schöne Allgemeinplätze zu produzieren: Wenn man Fleming schon reaktionär nennen will, dann nicht deswegen, weil er die Rolle des ‚Bösen‘ mit einem Russen oder Juden besetzt. 

Er ist reaktionär, weil er exzessiv schematisiert. Schematisierung, manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant; Demokrat ist, wer die Schemata verwirft und Nuancen anerkennt, Unterscheidungen macht, Widersprüche rechtfertigt. Fleming ist reaktionär, wie im Grunde das Märchen reaktionär ist, jedes Märchen, – er ist der althergebrachte statisch-dogmatische Konservativismus der Märchen und Mythen, die eine elementare Weisheit vermitteln, die durch simples Licht- und Schattenspiel mitgeteilt wird… Wenn Fleming Faschist ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und beherrschen. So Umberto Eco in Der Fall James Bond. Dass der Spionageroman per se eine faschistoide Literaturform ist, hatte Gertrude Himmelfarb für die Romane von John Buchan insinuiert, dessen Held Richard Hannay ja ein Vorläufer von James Bond ist.

Nicht viel an den James Bond Phantasien Ian Flemings war wirklich neu. Wunschfiguren, die mal eben schnell die Welt retten, hatte es schon zuvor gegeben. John Buchans Richard Hannay, Bulldog Drummond, Lemmy Caution und Hubert Bonisseur de la Bath (der Geheimagent OSS 117) waren das auch schon gewesen. Als die ersten James Bond Romane erschienen, konnte man Bond noch als eine Art cultural hero verstehen. Ein englischer Geheimagent zeigte den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, dass die Engländer immer noch das Great Game spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn sie das Empire längst verloren hatten. Ian Fleming wrote well, heißt es in dem Gedicht Bond Girls. So gut nun auch wieder nicht. Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write ’novels of suspense‘ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, vertraute er Raymond Chandler an.

In der Welt der pillow fantasies ist die Welt immer bedroht. Muss in letzter Minute gerettet werden. Das Böse ist immer und überall. Die Bösewichte sind natürlich keine Engländer, das ist ein Erbe der gothic novel (lesen Sie hier doch den Post Gothick), wo der gothic villain auch nie aus England kommt. Sie mögen sich englisch geben wie Gert Fröbe als Auric Goldfinger, aber der ist in seiner Golfkleidung doch nur eine Karikatur eines englischen Gentleman. Und dann dieser braune Smoking! Die Bösewichte tragen in den Filmen immer seltsame Kleidung, niemals diese zeitlosen Anzüge von Anthony Sinclair wie Sean Connery. Der Kampf gegen das Böse ist in den Ausstattungsfilmen auch ein sartorialer Kampf gegen den schlechten Geschmack.

Arno Schmidt (der einen Spionageroman von Ian Flemings Bruder übersetzt hatte) hat einmal über den viktorianischen Roman gesagt, dass da die Nebenfiguren zu Hauptfiguren werden. Ein Satz, der auch für ✺Goldfinger gilt, der nichts ohne Honor Blackman, Harold Sakata (als Oddjob), Tania Mallet und die golddoublierte Shirley Eaton wäre. Angeblich waren die Produzenten Broccoli und Saltzman von Fröbe als Kindsmörder in Es geschah am hellichten Tage begeistert und waren deshalb auf ihn verfallen. Ich fand ihn als Naziverbrecher in Alfred Andersch‘ Die Rote viel eindrucksvoller. Gert Fröbe war später noch einmal im Gespräch. Er sollte als Zwillingsbruder von Auric Goldfinger in Diamonds are Forever mitspielen, aber dann gab man den Gedanken doch auf. Ist auch besser so.

Die Filme retten die Romane Ian Flemings, so groß war der Erfolg der ersten Romane in England nicht. In Deutschland erst recht nicht. So hieß es beim Ullstein Verlag auf dem Buchrücken der deutschen Erstausgabe (Erstmalig in deutscher Sprache! stand vorne drauf): Casino Royale [ist] eine der harten, im amerikanischen Stil geschriebenen, abenteuerlichen Stories, mit denen der englische Autor Ian Fleming sich seinen Platz in der ersten Reihe der beliebtesten Kriminalautoren gesichert hat. Ullstein reichte den Autor übrigens wenig später wegen schlechter Verkaufszahlen an den Scherz Verlag weiter.

In der Tradition des harten amerikanischen Stils hätte sich Fleming auch gerne gesehen: I wanted my hero to be entirely an anonymous instrument and to let the action of the book carry him along. I didn’t believe in the heroic Bulldog Drummond types. I mean, rather, I didn’t believe that they could any longer exist in literature. I wanted this man more or less to follow the pattern of Raymond Chandler’s or Dashiell Hammett’s heroes—believable people, believable heroes. Aber in den sechziger Jahren waren Flemings Romane kalter Kaffee, Englands neuer Star hieß Len Deighton.

Der kam definitiv nicht aus der upper class wie Ian Fleming. Sein Held – the first anti-hero in spy fiction – hatte nicht einmal einen Namen. Harry Palmer hieß er erst in den Filmen. Ian Fleming war über The Ipcress File auf jeden Fall not amused. Er mokierte sich he could not be bothered with all [Deighton’s] kitchen sink writing and all this Nescafé. Ja, professional compliments are always pleasing, wie Doc Boone in Stagecoach sagt. Andere hatten mehr Lob parat: A spy story with a difference (Observer), A master of fictional espionage (Daily Mail), The poet of the spy story… Deighton is so far in the front of other writers in the field that they are not even in sight (Sunday Times), The Ipcress File helped change the shape of the espionage thriller… the prose is still as crisp and fresh as ever… there is an infectious energy about this book which makes it a joy to read, or re-read (Daily Telegraph).

All das gilt noch immer. Ich hatte große Schwierigkeiten, nach einem halben Jahrhundert einen James Bond Roman noch einmal zu lesen. Len Deightons The Ipcress File habe ich mit Vergnügen in einem Stück gelesen. In schöner Bescheidenheit hat Deighton über seinen Debütroman gesagt: it did very well, but that was really because the critics used me as a blunt instrument to beat Ian Fleming over the head. Und Harry Saltzman, der Produzent von Dr NoFrom Russia with Love und Goldfinger kaufte sofort die Filmrechte von ✺Ipcress. Sie können den Anfang von The Ipcress Filehier lesen. Das Photo zeigt Len Deighton (in der Mitte) neben Eva Renzi bei den Dreharbeiten von Funeral in Berlin. Rechts von ihm stehen Michael Caine und Paul Hubschmid. Paul Hubschmid ist der längste. Das weiß ich, weil ich am Donnerstag 27. September 1962, in der Komödie am Kurfürstendamm bei dem ersten Auftritt von Juliette Gréco in Deutschland hinter ihm gesessen habe.

Die Leser von Len Deighton fanden eine Figur wie James Bond einfach lächerlich – was sie ja eigentlich auch ist. Deighton hat sich zum Thema James Bond kaum geäußert, andere Kollegen waren nicht so zurückhaltend. Nicolas Freeling, ein besserer Schriftsteller als Fleming, bezeichnete dessen Romane als a bit of elegant masturbation. Und John le Carré nannte sie cultural pornography. Und äußerte sein Missfallen gegenüber der Superman figure who is ‚ennobled‘ by some sort of misty, patriotic ideas and who can commit any crime and break any law in the name of his own society. He’s a sort of licensed criminal who, in the name of false patriotism, approves of nasty crimes. So richtig das ist, muss man aber auch sagen, dass das letztlich Argumente sind, die R. Austin Freeman schon 1924 in seinem ArtikelThe Art of the Detective Story vorgetragen hat. Und die zwanzig Jahre später noch einmal George Orwell in seinem EssayRaffles and Miss Blandish formuliert hat.

Ähnlich wie die Literaten und Literaturwissenschaftler äußerte sich auch Nina Hibbin, die im Daily Worker in ihrer Filmrezension Goldfinger—Slickest: Bond’s Latest Film Repeats the Dose Daily den Film in Grund und Boden verdammte: The cult of James Bondism ist a vicious one, a symptomatic sickness of our age…. But this is all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. The constantly lurking viciousness, and the glamorisation of violence — they are real enough…

Sie hatte Ähnliches schon zu den ersten Bond Filmen geschrieben, da hatte die jüdische Kommunistin (ohne die Ken Loach niemals hätte Kes drehen können) noch die Masse der high-brow Kritiker hinter sich. Jetzt war die Front aufgeweicht. Leonard Mosley, der Filmkritiker des Daily Express tönte: Even for eggheads, I swear this film is worth a visit. Honor bright. My word is my Bond.

Und Roger Ebert schrieb: Of all the Bonds, ‚Goldfinger‘ (1964) is the best, and can stand as a surrogate for the others. If it is not a great film, it is a great entertainment, and contains all the elements of the Bond formula that would work again and again. Man kann die wichtigsten Positionen der Rezeption in James Chapmans seriösem und ausgewogenen Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Movies nachlesen. Er hat auch ein schönes Kapitel mit dem Titel Bondmania.

Mit den Bond Filmen rollte eine Vermarktungswelle an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Es gab bei Moeris eine 007 Armbanduhr, und es gab ein 007 Rasierwasser (so etwas wird heute noch verkauft). Selbst in Deutschland tauchten James Bond Anzüge auf. Den ersten habe ich 1965 in einem Schaufenster des Kaufhauses DeFaKa gesehen. In England heuerte die Firma DAKS/Simpson den Photographen Helmut Newton an. Der photographierte dann Möchtegern Geheimagenten in DAKS Anzügen für eine aufwendige Werbeaktion in den colour supplements von Sunday Times und Observer. Ian Fleming hatte sich überreden lassen, im Rahmen dieser Werbekampagne als Geheimdienstchef M photographiert zu werden. In Frankreich lief bei Dormeuil eine ähnliche Kampagne. Mit einer gewissen Berechtigung, denn Dormeuil Tonik war der Stoff, den Fleming für seine Anzüge bevorzugte.

Die Anzüge von Sean Connery waren das äußerliche Symbol für die völlige Transformation eines Menschen. Die Romanfigur von Ian Fleming war (wie Fleming selbst) natürlich ein Gentleman, Sean Connery war ein schottischer Proll. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, war der Regisseur Terence Young. Wenn es einen James Bond gibt, dann ist er es. Ein Gentleman, der in Eton wie Ian Fleming (und der fiktionale Bond) gewesen war. Danach in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde gewesen. Er schleppte Connery als erstes zu seinem Schneider Anthony Sinclair. Der Rest ist Geschichte. Nie hat der Satz Kleider machen Leute so viel bedeutet wie jetzt.

Es ist erstaunlich, was man alles mit dem Namen James Bond verkaufen kann. Besonders gut gefallen hat mir dieser Werbetext:  Ein halbes Jahrhundert lang beeindruckte James Bond die Welt. Eine unantastbare Legende – von Männern verehrt, von Frauen begehrt. James Bond ist die ultimative Ikone der Männlichkeit – die vollkommene Kombination von unwiderstehlicher Kultiviertheit und kompromissloser Männlichkeit. In James Bond 007 verbinden sich all diese Charakteristika auf gefährlichste Weise zu einem kraftvollen Duft, der jene Dualität versprüht, die Bond so außergewöhnlich macht: der Mix von Kultiviertheit und Männlichkeit. James Bond 007 ist der maskuline Duft für den Bond Mann. Der Duft ist natürlich sehr exklusiv. Man kriegt ihn bei Rossmann. Bevor Sie sich das Zeuch kaufen, sollten Sie hier den Post Aftershave lesen.

Etwas mehr als für das Rasierwasser, wird man für die Teile von Duponts James Bond Collection auf den Tisch legen müssen. Das Hemd von Turnbull & Asser, das Sean Connery hier trägt, kann man noch kaufen. Kostet schlappe 245 Pfund Sterling. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer mir letztens zugeflüstert hat, dass die Hemden von Turnbull & Asser nicht mehr aus der Jermyn Street, sondern aus Danzig von Emanuel Berg kommen. Da sind die Hemden bei Rudolf Böll billiger. Und wahrscheinlich besser.

Den Smirnoff Wodka, den Bond hier trinkt, kann man natürlich auch kaufen. Aber – und das mag jetzt für viele wie ein Schock kommen – Bond Fans werden sich auf Heineken Bier, vulgo Grachtenpisse, umstellen müssen. Ich weiß jetzt nicht, ob die Plörre geschüttelt oder gerührt serviert wird. Die Filmfirma hat einen 28 Millionen Pfund Sterling Deal mit den Holländern gemacht, das war ein Drittel der Produktionskosten. Auf die Frage Did Fleming’s Meta-branding in the books have an impact on product placement in today’s movies and books? antwortete Professor Chapman:

The answer is “Yes – and No”. The brand name products in Fleming’s books served a cultural-ideological purpose: as well as being indicators of snob value they can also be seen as reflecting the gradual emergence of Britain from a post-war culture of austerity (Casino Royale was published in 1953) to a culture of affluence. Today the ideological import of this is lost: I’ve met taxi drivers who wear Rolexes! The product placement in the films is more tied to commercial branding and has less obvious snob value: Aston Martin, yes, but Bond drinking Heineken in ‚Skyfall‘ is a mass-market rather than an exclusive product. This reflects the fact that the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader.

Ich habe noch nie einen Taxifahrer gesehen, der eine echte Rolex trug (Fahrer mit Rolex Fälschungen am Arm sieht man häufig), aber ich hatte schon mal eine Rolex von dem Typ, den Connery in Dr No trägt, in der Hand. Was damals übrigens die Uhr des Produzenten Albert Broccoli war; Rolex (die Firma hat hier einen Post) war zu geizig, der Filmfirma ein Exemplar für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Das bereuen sie bis heute.

Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex trüge, ist seine Antwort: Omega. Die Uhr aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran (Bild). Ich will lieber nicht sagen, was mein Uhrmacher dem Typen gegeben hat, der die alte Rolex, bei der die Lünette fehlte, beim Pokern gewonnen hatte.

Inzwischen ist uns allen klar, dass man James Bond nur noch am Leben erhält, weil man die Filme für das product placement braucht. Seit der Great Gatsby Verfilmung von 1974 hat die Filmindustrie diese Einnahmequelle in großem Stil entdeckt. Wer sich in der ersten kommerziellen Bond Welle solch eine potthässliche James Bond 007 Uhr von Moeris wie die da oben gekauft hat, kann heute ein gutes Geschäft damit machen. Wenn meine Mutter den dunkelblauen James Bond Anzug mit den Geheimtaschen von meinem Bruder nicht zum Roten Kreuz gegeben hätte, wäre der heute vielleicht auch noch etwas wert.

James Chapman hat mit dem Satz the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader natürlich recht. Schon vorher sagte John Adkins in The British Spy Novel in dem Kapitel Spies and the Class WarThe class issue has been one of the major concerns of British fiction this century. Die Welt Ian Flemings und seines Gentleman-Agenten bestand, um zwei Buchtitel zu zitieren, aus Snobbery with Violence (Colin Watson) und Clubland Heroes (Richard Usborne). Ian Fleming suggerierte dem Leser in seinen Romanen, er sei ein Teil der großen eleganten Welt. Aus dem Casino Royale der Romane ist (bildlich gesprochen) die Daddelhalle geworden, snobbery ist nicht mehr da, class auch nicht, dafür umso mehr violence. Die Bild Zeitung konnte vor Jahren titeln: Til Schweiger ist der ‚deutsche James Bond‘. Darauf warten wir alle.

James Bond wurde bekanntlich am 11.11.1920 in Wattenscheid geboren. Den Film ✺Skyfall (von dem ich letztens einen Teil im TV gesehen habe) hatte das einzige Kino von Wattenscheid nicht im Programm, da gab es die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Na ja, manche Kritiker fanden den Film auch grottenolmschlecht. James Bond nennt sich heute Daniel Craig und trägt wieder Anzüge, die wie die Anzüge von Anthony Sinclair aussehen. Er bereut es heute bitter, dass er mal den Decknamen Roger Moore verwendet und diese schrecklichen Klamotten getragen hat.

Auch der Name Pierce Brosnan, der BMW und die Brioni Anzüge haben ihm nicht wirklich gefallen. Dass man ihn überredet hat, sich bei Facebook anzumelden, bereut er auch schon. Er kann seinen Ruhestand nicht wirklich genießen, immer wieder ruft M an (der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat und nicht mehr Bernard Lee, sondern Judi Dench heißt) und will etwas von ihm. England expects that every man will do his duty. Das ist das Schicksal des hero with a thousand faces, das olympische citior, altior, fortior gilt erst einmal für sie. Wenn da irgendwelche kleinwüchsigen Amerikaner auf einer mission impossibile sind und sich das gut verkauft, dann müssen sie im nächsten Film noch besser sein. Das ist der Fluch der Superhelden, die ewig leben müssen.

Die Geister, die wir gerufen haben, werden wir nicht mehr los. Der Kinostart für den neuesten James Bond Film ist für November angekündigt. Sie können sicher sein, dass ich nicht darüber schreiben werde. Die halbe Stunde, die ich von Skyfall gesehen habe, hat mir gereicht. 1964 Jahren hatte der Film Goldfinger seine deutsche Premiere. Ian Fleming hat die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebt.

An mir lief das auch völlig vorbei. Ich habe den ✺Film 1965 nicht gesehen. Der einzige filmische Geheimagent, den ich damals im Kino sah, hieß Lemmy Caution. Der trug wenigstens einen Regenmantel, wie es sich für Geheimagenten gehört. Das taten auch Joel McCrea in Foreign Correspondent, Michael Caine in Ipcress und Richard Burton in The spy who came in from the cold. Sean Connery hatte als 007 keinen. Wenn England einen Agenten mit der Doppelnull in die Karibik oder nach Miami schickt, dann braucht der keinen Trench. Hier in Another Time, Another Place trägt Connery einen Aquascutum Kingsway, aber das ist natürlich kein James Bond Film.

Ian Fleming mag tot sein, aber der nächste James Bond Roman wird schon geschrieben (der letzte wurde von William Boyd geschrieben, er liegt bei mir noch irgendwo in der Mitte eines Bücherstapels). Von einem Mann namens Anthony Horowitz. Den kennen Sie vielleicht als Drehbuchautor von sechs Folgen von Inspector Barnaby. Und – noch viel, viel besser – von 21 Folgen der SerieFoyle’s War.

Horowitz hat über seinen Roman gesagt: It’s no secret that Ian Fleming’s extraordinary character has had a profound influence on my life, so when the estate approached me to write a new James Bond novel how could I possibly refuse? It’s a huge challenge – more difficult even than Sherlock Holmes in some ways – but having original, unpublished material by Fleming has been an inspiration. This is a book I had to write. Und weil es viel Geld bringt. Und wenn wir noch einen schönen Satz brauchen, wie wäre es mit dem schönen Satz: Une réception? A la bonne heure, ce sera l’occasion de porter mon smoking en alpaga. Sagt der Agent OSS 117 von Jean Bruce.

Falls Sie den Herrn hier nicht kennen sollten, das ist Barry Nelson als Jimmy Bond 1954 in ✺Casino Royale (Peter Lorre war auch als Le Chiffre in dem 48 Minuten langen Film). Der Smoking von Hubert Bonisseur de la Bath sitzt besser als der von Jimmy Bond (auch beim ✺Tanzen). Der mit den Worten von Macbeth zu fragen scheint: why do you dress me in borrow’d robes? So hat alles angefangen. Der Rentner in Wattenscheid ist nicht besonders stolz auf diese Verkleidung.


post scriptum: Dies stand schon im Netz, da fiel mir ein Gedichtband von Frank Schulz (dem Autor des Klassikers Kolks blonde Bräute) in die Hand, aus dem ich noch eben ein kleines Gedicht zitieren möchte:
Geschürt, nicht gerüttelt Sein Name ist Bond, James Bond.  Das Girl, es ist blond, schön blond. Jawohl, Bond ist Schond. Na ond?


Bei ✺arte gibt es eine kleine Sean Connery Doku, da wird sich noch etwas folgen. Es wird Sie nicht wundern, dass bei einem Blogger, der sozusagen James Bond seinen Doktortitel verdankt, Ian Flemings Fantasiefigur immer wieder im Blog aufgetaucht ist. Lesen Sie auch: Sir Thomas Sean ConnerySecret AgentsSpectreSylvia TrenchDominoAgentenmodeMetropolisIan FlemingBachs CellosuitenSecret AgentsScotland foreverJames Bond007GoldfingerCathy GaleBond GirlDaliah LaviBrittGeorge Spencer WatsonChristine KeelerSchmutzige LyrikJohn le CarréEric AmblerNicolas FreelingIntertextualitätKingsley AmisRitterRoyal Flying CorpsKyritz an der KnatterLaurence HarveyUli BeckerHaikuKingsmanOperation MincemeatKen AdamSiegfried SchürenbergFilm und ModeEnglische Herrenschuhe (London)StilBlazerInspector Barnaby und die ModeJankerRoyal Flying CorpsAufklärungTalsperrenPlayboy

Nordic Noir

17/07/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich wusste nicht, was da über den Bildschirm flimmerte. Lohnte sich das Hingucken? Ich schaltete den Teletext ein, da ich nicht wusste, unter welchem Berg von Zeitungen sich die Programmzeitschrift verbarg. Offenbar hatte in diesem Film, den die Degeto in Norwegen gekauft hatte, ein Kommissar namens Wisting seinen zweiten Fall zu lösen. Der Teletext blieb nicht auf der Ebene der sachlichen Beschreibung: Mit einer grandiosen Kameraarbeit, der präzise inszenierten Ermittlergeschichte und einem dramatischen Showdown bietet der zweite Teil der Doppelfolge ‚Jagdhunde‘ alles, was die Erfolgsmarke ‚Nordic Noir‘ auszeichnet. Meisterhaft beherrschen die Serienmacher die hohe Kunst des Thrillergenres, beim Zuschauen ein Gänsehautgefühl zu erzeugen. So etwas nimmt dem Zuschauer das Denken ab, er weiß jetzt, dass das alles grandios, präzise und dramatisch ist. Dass die Serienmacher eine hohe Kunst meisterhaft beherrschen. Und dann gibt es da noch ein Gütesiegel drauf, das Nordic Noir heißt.

Ich fand das Ganze mit seinen holzschnittartigen Figuren stinkelangweilig. Ich bin da offensichtlich nicht ganz alleine: Eine gewisse kalt-düster-befremdliche nordische Atmosphäre mag ‚Kommissar Wisting‘ dabei durchaus auszustrahlen vermögen – doch die allzu konstruierten Plots und die in Setzkastenlogik entworfenen Charaktere verhindern leider konsequent eine zweite Ebene, die etwas Ernsthaftes zu den verhandelten Themen – Vereinsamung und Überforderung – hätte beitragen können. Dass ich gewisse Vorbehalte gegenüber dem, was neuerdings als Nordic Noir verkauft wird, habe, das können sie schon dem Post Henning Mankell entnehmen.

Ich kenne Mankells Übersetzer Wolfgang Butt, der mit seiner Arbeit nicht immer glücklich gewesen ist. Als ich mich vor Jahren mit ihm über Mankell unterhielt, sagte er, dass er gerade Per Olov Enquists Der Besuch des Leibarztes übersetzte. Das sei eine schöne Aufgabe. Dadurch, dass er an Mankell gut verdiene, könne er eine Vielzahl von schwedischen Autoren, die sonst keine Chance auf eine Übersetzung gehabt hätten, sozusagen zum Discountpreis übersetzen. So gesehen fördert Henning Mankell auf Umwegen auch die schwedische Literatur. Der Besuch des Leibarztes (hier ein Photo aus dem Film von 2012) ist übrigens ein sehr schönes Buch. Besser als ein Mankell. Im eigenen Kleinverlag brachte Wolfgang Butt zwischen 1987 und 1994 Literatur aus Skandinavien heraus. Meistens Krimis, die er mir freundlicherweise immer vorbeischickte. Das war meine zweite Begegnung mit dem skandinavischen Krimi.

Die erste Begegnung hieß Sjöwall/Wahlöö, und ohne Per Wahlöö Sjöwall und Maj Sjöwall (die hier die Posts Sjöwall Wahlöö und Maj Sjöwall haben) gäbe es keinen Schwedenkrimi und kein Nordic Noir, keine Kommissarin Sarah Lund (40 Folgen), keine Kommissarin Maria Wern (18 Folgen, wo Marika Lagercrantz in einer Folge auch mitspielen darf), keinen Kommissar William Wisting (10 Folgen). Und keinen Kurt Wallander. Aber alles ist immer sehr dunkel. Sehr lang. Und sehr realistisch.

Die Romanautorin Dorothy Sayers hat einen Realismus in ihren Romanen nie gewollt: For, however realistic the background, the novelist’s only native county is Cloud-Cuckooland, where they do but jest, poison in jest: no offence to the world. In ihrem Buch The Long Week-End haben Robert Graves und Alan Hodge (der Ghostwriter von Winston Churchill) den wunderbaren Satz Detective novels, however, were no more intended to be judged by realistic standards than one would judge Watteau’s shepherds and shepherdesses in terms of contemporary sheep-farming mit leichter Hand dahingeworfen.

Das kleine englische Dorf (Mayhem Parva, wie es Colin Watson genannt hat), in dem wir uns immer so zuhause fühlten und wo Miss Marple, Lord Peter Wimsey oder Tom Barnaby ermitteln, ist romanmäßig unwiederbringlich dahin. Früher war das Verbrechen im englischen Landhaus, jetzt ist es auf der ganzen Welt. Und ganz besonders in Schweden. Das bedeutet aber nicht, dass man die schönen englischen Detektivromane aus dem golden age of detective fiction nicht mehr lesen darf. Ich habe noch keinen neueren Roman aus Skandinavien gelesen, der ansatzweise an das intellektuelle Vergnügen der Lektüre eines Romans von Michael Innes heranreichte.

Sjöwall und Wahlöö haben den dirty realism nach Skandinavien gebracht. Aber wo sie noch eine Botschaft hatten, haben ihre Nachfolger nur noch den dirty realism, mit der Betonung auf dirty. Unrasierte Kriminalkommissare, zerrissen in Kierkegaardschen Selbstzweifeln mit der Aquavitflasche in der Hand, in der Tristesse des Alltags eines postsozialistischen Wohlfahrtsstaates, gehen mir inzwischen auf den Keks. Vor allem, weil bei den meisten skandinavischen Kriminalromanen doch immer wieder Sjöwall und Wahlöö durchscheinen. Dann kann man auch gleich Sjöwall Wahlöö lesen. Und wenn man noch mehr Alltagstristesse braucht, bleibt einem ja immer noch Emile Zola.

Dem Rezensenten des österreichischen Kurier war das mit der Kommissarin Lund alles zu viel des Guten, er schrieb: Grau ist die Farbe der Sarah Lund. Grau beginnt die erste Folge der neuen dritten Staffel der Kultserie, die ab heute im ZDF läuft: Aus den Schatten löst sich ein halb nackter, auf einem Schiff gefangen gehaltener Mann. Grau wie grausam. Der Mann flieht in Panik und stürzt sich ins Wasser. Schnitt und Auftritt Sarah Lund. Eine zierliche Frau im schwarz-weißen Strickpulli schlurft aus dem WC und zieht sich ungeniert den Reißverschluss zu. Dass ihr neuer Assistent daneben steht und zuschaut? Egal. So würde sich Saga Norén (gespielt von Sofia Helin) in Bron/Broen (Die Brücke: Transit in den Tod) natürlich nie gehen lassen. Die Reihe hat 38 Folgen, die natürlich ganz großartig sind: Die ebenso grandios erzählte wie gespielte Reihe gilt als Perle der skandinavischen Thriller-Schatzkammer und erlebt nun die dritte Auflage mit fünf Doppelfolgen.

Rebecka Martinsson (gespielt von Ida Engvoll) würde sich auch nicht gehen lassen. Die Serie wurde liebevoll von der FAZ begrüßt: Ein neuer Schweden-Krimi im Ersten führt die Tradition des ‚Nordic Noir‘ fort: ‚Rebecka Martinsson‘ handelt von einem Verbrechen, bei dem sich im einsamen Norden des Landes ein ganzer Ort verdächtig macht. Beinahe all diese Nordic Noir Serien ähneln einander, ich habe manchmal das Gefühl, die Fernsehanstalten tauschen die Drehbücher untereinander aus. Gerettet wird das Ganze mal gerade eben noch durch den ältesten Trick der Filmindustrie: schöne Frauen. Die allerdings selten nackt sind (lesen Sie dazu doch einmal den Post Nackt), dafür ist es da oben einfach zu kalt, und die Zeit des Schwedenfilms ist eh vorbei.

Wenn die hübschen Frauen nicht wären (hier Marie Bach Hansen in Das Team), wäre das Ganze unheimlich langweilig, weil letztenendes doch immer dieselbe Geschichte erzählt wird. Ob in vier oder in zwanzig Folgen. Selbst die dünnste Story, die mal eben bei den Rentnercops oder Notruf Hafenkante für das Vorabendprogramm reichen würde, wird gedehnt (das man das in Deutschland inzwischen auch kann, können Sie in dem Post Nordholm lesen) und überdehnt. Sergei Bondartschuks Krieg und Frieden dauert 395 Minuten auf der Leinwand, da wären wir bei Forbrydelsen mit Sarah Lund, das jetzt auf arte The Killing heißt, mal gerade mit der sechsten Folge der ersten Staffel fertig.

Damit wir die weiblichen Heldinnen voneinander unterscheiden können, bekommen sie Beigaben, so wie Sherlock Holmes seine Pfeife hat und einen Deerstalker trägt. Marie Bach Hansen braucht keine Beigaben, sie ist 1,80 m groß und blond, da reicht schon ein enges Unterhemd. So etwas würde Sarah Lund nicht reichen, die trägt immer einen weiten Norweger Pullover. Der modisch ein Renner wurde. Als die Gattin von Prince Charles die Dreharbeiten besuchte, bekam sie von Sofie Grabol auch so einen geschenkt. Die Kommissarin Saga Norén trägt Lederhosen und fährt einen Porsche 911S mit einer seltsamen Farbe. Das können wir uns merken.

Es ist die Stunde der Frauen, Kommissarinnen überall, in Norwegen, Schweden und Dänemark. Und bei uns im Fernsehen. An manchen Produktionen haben sich ARD und ZDF finanziell beteiligt. Für manche Schauspielerinnen kann eine Serie ein Karrierestart sein, das hier ist Moa Gammel als Elin Nordenskiöld in der Serie Maria Wern, Kripo Gotland. Aber auch etablierte Schauspielerinnen scheuen sich nicht, in einem Krimi mitzuwirken. So spielte zum Beispiel Marika Lagercrantz in Reißende Wasser (Järngänget) eine Kriminalkommissarin. Mit schicker Sonnenbrille. Aber hatte sie das nötig?

Das Böse kommt aus dem Norden: Die Welt des nordischen Krimiromans hat der Journalist Tobias Gohlis 2003 seine Untersuchung des skandinavischen Krimis betitelt. Es gibt noch andere Bücher, auch schon akademische. Zum Beispiel gibt es zu der Serie Bron/Broen das Buch Beyond The Bridge: Contemporary Danish Television Drama von dem deutschen Professor Tobias Hochscherf und der dänischen Professorin Heidi Philipsen. Keinesweg akademisch ist dieses Buch hier: Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben. Ist aber sehr witzig. Intelligenter als Vieles, das als Nordic Noir (oder Finnish Weird) verkauft wird.

Inzwischen sind mehr als hundert Krimiautoren aus Schweden, Dänemark und Norwegen auf dem deutschen Markt präsent (vierzig davon kommen aus Schweden). Aber zahlenmäßige Menge bedeutet nicht gleichzeitig auch Qualität. Das Dutzend skandinavischer Krimis, die ich im Laufe der Jahre geschenkt bekommen habe, hat mich nicht vom Stuhl gerissen. Vielleicht waren es die falschen Romane, obgleich mir die Schenkenden immer versicherten, dass dies das Beste aus Skandinavien sei. Ich bin da nicht so sicher. Das Krimigenre Nordic Noir führt direkt in den Abgrund der skandinavischen Psyche, schrieb die NZZ. Was sagt Hamlet zu Polonius? Words, words, words.

Gestern Abend gab es auf arte die Folgen 9-12 der ersten Staffel mit der Kommissarin Sarah Lund. Heute Nacht gibt es im Ersten Programm Henning Mankells Wallander. Das hört nie auf mit dem Nordic Noir. Der Porsche 911S von Saga Norén mit der fiesen Farbe ist bei einer Auktion für einen guten Zweck für 125.000 Pfund versteigert worden. Einen Sarah Lund Pullover bekommt man schon für 360 Euro.

Lesen Sie auch: Sjöwall Wahlöö, Maj SjöwallHenning Mankell

St Pauli Noir

16/02/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

krimische, stand im Betreff der E-Mail, und dann im Text: simone buchholz kannsde lesen; spielen in HH & HB; saubere schreibe, saubere plots und dito personage. Er schreibt alles klein, habe ich auch mal gemacht, ist aber lange her. Wenn mein Hamburger Freund, der sonst nur hochgeistiges Zeug liest, mir schon einen Krimitip gibt, dann muss ich dem natürlich nachgehen. Ich hatte noch nie etwas von Simone Buchholz gehört, aber das sagt nichts. Als ich letztens im Radio hörte, dass Mary Higgins Clark gestorben war, wusste ich, dass ich zwar den Namen kannte, aber nie einen ihrer Romane gelesen hatte. Wenn Sie den Post Der Sessel vor dem Schrank gelesen haben, dann wissen Sie, weshalb Krimis nicht unbedingt ganz oben auf meiner Leseliste stehen.

Aber der Sache mit Simone Buchholz wollte ich nachgehen, ich kaufte mir bei ebay und Booklooker für relativ wenig Geld ein kleines Paket von ihren Hamburg Krimis zusammen und begann zu lesen. Um mich nach St Pauli entführen zu lassen. Das ist nicht mehr das St Pauli, wo ich in meinem ersten Semester an der Uni Hamburg diese hübsche kleine Nutte traf, wo Tim Mälzer bei Easy Rider Lederjacken verkaufte, nicht das St Pauli von Dieter Wedels Der König von St Pauli. Hier singt Lale Andersen nicht mehr von der roten Laterne von St Pauli und auch Hans Albers‘ Das Herz von Pauli erklingt hier nicht mehr.

In der Kneipe liegen ein paar letzte Sonnenstrahlen herum. Auf der abgewetzten Holztheke stehen die Gläser von letzter Nacht, in manchen schimmern noch Zitronenschalen, in manchen stehen nur die Pfützen von was auch immer, Hauptsache, der Verstand ist dabei draufgegangen, zumindest für ein paar Stunden. Ich habe Kneiperauch im Auge, oder was für Rauch auch immer. Vielleicht kommt er gar nicht aus der Kneipe, vielleicht kommt er aus meinem Kopf, vielleicht kommt er aus meinem Herzen. Hier redet die Romanfigur einer Frau, die St Pauli Krimis schreibt und die im Augenblick der ganz große Hit ist.

Der Himmel hängt tief, er sieht aus, als müsse er sich sofort hinlegen. Von der Elbe steigt Nebel auf, zäh und gemein wie eine alte Krähe. Ich schlage meinen Mantelkragen hoch, aber es hilft nichts: Die Feuchtigkeit kriecht mir in die Knochen. Mein Kopf tut weh, ich habe zu wenig geschlafen. Es ist Anfang März, es ist erst halb acht, und zu meinen Füßen liegt ein totes Mädchen. Zwei philippinische  Matrosen auf Landgang haben sie gefunden, so fängt der Krimi Revolverherz von Simone Buchholz an. Man kann anders anfangen, also zum Beispiel so:


It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. Keine Leiche, die zu Füßen des Ich-Erzählers liegt, aber auch ein wenig Wetter. Raymond Chandler geht in The Big Sleep sparsamer damit um, a look of hard wet rain in the clearness of the foothills genügt ihm für den Anfang.

Wetter ist wichtig, in Hamburg oder Los Angeles. Im Krimi wie in jenen Romanen, die zur richtigen Literatur gehören. Das wissen wir nicht erst, seit F.C. Delius seine Dissertation Der Held und sein Wetter geschrieben hat. Simone Buchholz, die seit 2009 Krimis schreibt, räumt dem Hamburger Wetter in ihren Romanen viel Raum ein. Wegen dieses Wetters ist sie auch nach Hamburg gezogen, hat sie gesagt. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich wohl eher nach Los Angeles ziehen, das Schietwedder hier oben kenne ich.


Der Himmel hat dieses spezielle, etwas dunkle Herbstblau, das den Winter ankündigt. Das kommt von den Wolken. Die sind schwerer als im Frühling und im Sommer, die haben eine andere Qualität. Mehr Gewicht, mehr Bumms in den Backen. Sie sind eher beige als weiß, und das wirkt sich natürlich auf den Himmel aus. Und auch, wenn die Sonne da ist, hat sie die Dunkelheit immer schon im Gepäck. Der Hamburger Novemberhimmel ist ein aufdringliches Ding in Moll, ein sentimentales, dramatisches Gebilde, aber das darf man nicht so ernst nehmen. Tut der Himmel ja selber nicht. Das ist der Himmel in dem Roman Schwedenbitter, ähnliche Beschreibungen finden wir in beinahe allen neun Romanen, von Revolverherz bis Hotel Cartagena.

Revolverherz ist bei Droemer Knaur erschienen, Hotel Cartagena bei Suhrkamp, seit 2009 haben die eine eigene Krimireihe. Von Droemer Knaur zu Suhrkamp ist sicherlich ein literarischer Aufstieg. Und Suhrkamp ist stolz auf seine Erfolgsautorin, die in Deutschland sicherlich zu Recht alle Krimipreise abgeräumt hat und gerade für den Friedrich Glauser Preis nominiert wurde. Das Internet ist voll mit lobenden Rezensionen. Suhrkamp verkauft die Rechte für Übersetzungen auch gerne an ausländische Verlage. Jeff Noon schrieb im Spectator: Blue Night has a unique style: fragmented, flitting from subject to subject. It flirts with the avant-garde. […] This is a punk rock album translated into a hard-bitten tale of low life scum and a lone officer. Fierce enough to stab the heart.

Die Ich-Erzählerin von Revolverherz ist die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, ihr Vater war ein amerikanischer Offizier, ihre Mutter eine Deutsche. Ihr Vater ist tot, die Mutter ist schon lange abgehauen. Chastity Riley ist irgendwas Mitte vierzig, und das bleibt sie in den Romanen. Und was sehen Sie, wenn Sie mich anschauen, zum Beispiel? Ich weiß ja nicht, wie lange Sie mir schon zusehen. Vielleicht seit ein paar Jahren. Vielleicht seit ein paar Stunden. Würde mich wirklich interessieren, was Sie sehen, was da für Sie noch zu sehen ist, außer dem etwas comicmäßig geschnittenen Gesicht, den zu großen Lippen, der leicht schiefen Nase und den müden Augen, die immer daherkommen, als wären sie zu stark geschminkt, aber das sind nur die dunklen Ringe, denn ich benutze gar keine Schminke. Was sehen Sie, außer dem großen, ein bisschen knochigen Körper und den langen, rot-braunen Haaren, die fast immer ausehen wie direkt aus der Shampoowerbung?Das ist mir manchmal richtig peinlich, wenn die Leute da verstohlen draufglotzen. Ich kann nichts dafür, dass die Haare sind, wie sie sind. Wenigstens werden sie langsam grau.

Wirklich erwachsen ist sie nicht und wird das wohl nie. Chas Riley hat keine Familie mehr, ihre Familie sind die Kriminalkommissare, mit denen sie zusammenarbeitet. Der Kommissar Faller, den wir uns ungefähr vorstellen können wie Armin Rohde in Nachtschicht, ist für sie ein Vaterersatz. Sie hat einen Lover, der Klatsche heißt und ein Kleinkrimineller ist. Der hat irgendwann eine Kneipe, die Blaue Nacht heißt: Ich glaube, dass Klatsche auch deshalb seine Karriere als Einbrecherkönig an den Nagel gehängt hat, weil ihm spätestens im Knast klar wurde, dass er als Krimineller zwar Tresore knacken darf, aber keine Herzen. Und das macht er doch so gern. Bei mir versucht er’s immer noch täglich. Gern würde ich sagen, dass er da auf Granit beißt, das stimmt aber so nicht ganz. Ich bin eher Toastbrot in seinen Händen: etwas zäh, im Ganzen jedoch ziemlich bröckelig. Bevor die Autorin Krimis schrieb, hat sie über Erste Liebe, erster Sex und Orgasmen geschrieben, sie kennt sich da also aus.

Neben der bröckeligen Toastbrotbeziehung, die für einige Romane dauert, wird Chas Riley auch noch etwas mit dem Kommissar Bülent Inceman anfangen. Auch der Hauptkommissar Ivo Stepanovic ist hinter ihr her. Und sie hat auch nichts gegen eine Zufallsbekanntschaft aus einer Bar: Am Himmel steht der Mond, von dem sie heute Morgen im Radio erzählt haben. Er ist riesig, und er ist rot, er spricht von Nähe und Entfernung zugleich, und er scheint mit aller Kraft auf diesen Fußboden, auf dem ich noch nie lag und vermutlich auch nicht nochmal liegen werde. Der Mond zieht mich zu sich hoch, ich ziehe den Mann zu mir runter. Seine Hand unter meinem Rücken und meine Hand in seinem Nacken reichen uns als Startsignal, Flug zum Mond und zurück. Achtung, wir fliegen und sind da, es geht fast so schnell, wie wir getrunken haben. Klamotten aus wäre wirklich ein übertriebener Aufwand gewesen. Später liegen wir halb nebeneinander, halb aufeinander  und rauchen Zigaretten. Vielleicht hätte ich ihn doch fragen sollen, wie er heißt.

Während es für Chandlers Philip Marlowe keine Frauen gibt, hat diese weibliche Version eines tough guy hero also durchaus Sex. In jedem Roman. Sie bekommt daneben von der Autorin all die Attribute zugeschrieben, die die Helden der hard-boiled novel der dreißiger Jahre auszeichneten, die schnoddrige lakonische Redeweise, den Alkohol, die Zigaretten. Und deshalb hat Suhrkamp den Satz von William Ryan If Philip Marlowe and Bernie Gunther got together in a Hamburg speakeasy and had a literary love child, then that might just explain Chastity Riley – Simone Buchholz’s tough, acerbic and utterly engaging central character auf den Buchdeckel gedruckt.

Es sagt sich ja viel und schnell in der Welt der Werbung. Wir sollten etwas vorsichtig sein, wenn wir solche Verwandtschaften konstruieren. Chandler und Hammett waren beide Soldaten im Ersten Weltkrieg gewesen, hatten einen Beruf gehabt und etwas vom Leben in der Weltwirtschaftskrise und der Great Depression mitbekommen, bevor sie zu schreiben begannen. Simone Buchholz hatte ein abgebrochenes Studium der Literatur und Philosophie hinter sich, hat zehn Jahre gekellnert und war fünfzehn Jahre als Journalistin gearbeitet, das ist etwas anderes. Ich will nicht auf die Lebenserfahrung hinaus, sondern auf die Zeit. Chandler und Hammett schreiben in einer Zeit, als eine neue Form des American English praktisch auf der Straße liegt.

Wenn man sich die englische Übersetzung Blue Night anschaut, merkt man schnell, dass der Roman alles von seiner Originalität verliert. Klingt nur noch wie schlechter Chandler: The engine coughs one last time, harrumphs like an old man under a dark sky, and floods. I get out of the car, sit down on the rust-gilded bonnet and feel the thick, cold air on my face. Cigarette. But first smoke the fog dry. Raymond Chandler hat in seinem Essay The Simple Art of Murder gesagt, dass die Sprache der hard-boiled novel eigentlich gar nicht die Erfindung von Dashiell Hammett ist: I believe this style, which does not belong to Hammett or to anybody, but is the American language (and not even exclusively that any more), can say things he did not know how to say, or feel the need of saying. In his hands it had no overtones, left no echo, evoked no image beyond a distant hill. Es schreiben ja damals viele so, nicht nur Hammett, Chandler und Hemingway. Das sind auch noch John O’Hara, James Mallahan Cain, Horace McCoy und der Mann, der das Drehbuch zu Out of the Past geschrieben hat.

Unsere taffe Chas Riley ist immer am Rauchen. Und Husten: Das ist kein Anfängerhusten. Alle paar Minuten kommt ein hässlicher alter Hofhund aus meinen Lungen gekrochen, und der rasselt beim Bellen ziemlich übel mit der Kette. Ich sollte im Bett liegen und eine Tasse Tee trinken, statt hier in HSV-Land rumzustehen und zwei alten Rednecks auf ihre zerschmetterten Köpfe zu kucken. Ich halte mir den Unterarm vor den Mund. Da ist er wieder. Der Hustenhund. ‚Sie sind krank‘, sagt der Calabretta und nimmt mir die Zigarette weg. ‚Sie sollten endlich zum Arzt gehen‘, sagt der Brückner. Er versucht, sehr streng zu kucken, als er das sagt. Geradezu gescheitelt. Huh, gleich hab ich Angst. ‚Sie will das nicht hören‘, sagt der Schulle, ‚und das ist eine Frechheit. Ich hab auch schon die Pest am Hals.‘ Er fasst sich an den Kehlkopf und macht Altmännergeräusche. Jaja, denke ich und huste zu Ende. Es schmeckt ein bisschen nach Blut. Als der harte Hund meine Stimme wieder freigibt, sage ich: Ihr könnt euch ja über mich beschweren. Kann ich meine Zigarette wiederhaben?‘ ‚Nein‘, faucht der Calabretta.


Was diese Frau in einem Roman an Ziggis und an Alkohol vernichtet, würde einen normalen Menschen umbringen, es ist vielleicht etwas zu viel des Guten, was die Autorin ihrer Heldin von Roman zu Roman zumutet. Würde Violetta Valéry so viel rauchen, sie würde den ersten Akt von La Traviata nicht überleben. In Chandlers Roman The Big Sleep wird das Wort Zigarette achtundsechzig Mal erwähnt, lange Passagen mit dem Hustenhund hat er nicht nötig. Bei ihm stehen Sätze wie: I sat there and poisoned myself with cigarette smoke and listened to the rain and thought about it. Das sind Sätze, die im Gedächtnis bleiben.

Ich habe das Gefühl, dass in dem ganzen Gelaber um uns herum sehr viel ersäuft. Wenn man will, dass die Leute einem zuhören, muss man so schreiben, dass sie beim Lesen stolpern, hat Simone Buchholz gesagt. Und das tut sie, wir stolpern immer wieder über ungewöhnliche Formulierungen. Sätze, die manchmal nur Sinn machen, wenn man einen anderen Roman der Autorin kennt. Ein Satz wie die Nachbarwohnung zerkratzt mir das Gesicht, als ich an ihr vorbeigehe, macht nur Sinn, wenn man weiß, dass in dieser Nachbarwohnung einst ihr Lover Klatsche wohnte. Und ein Kapiteltitel wie Geblitzdingst verlangt vom Leser, dass er den Film Men in Black gesehen hat.

Neun Romane in elf Jahren, Sjöwall Wahlöö (bei denen sich Buchholz dieses Element der Polizeitruppe borgt) hatten da schon zehn Romane fertig, aber die schrieben zu zweit. Neun Romane, von Revolverherz bis Hotel Cartagena, die man durchaus alle lesen kann, sind eine schöne Leistung. Ich wünschte mir, es wären ein paar weniger Romane gewesen und dass ihr ein strenger, nörgeliger Verlagslektor von Zeit zu Zeit auf die Finger klopfen würde bei diesem Zuviel an stilitischen Einfällen. So wie Maxwell Perkins Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe auf die Finger geklopft hatte oder wie Albert Erskine, der William Faulkner betreute. Doch welcher Verlag hat heute noch einen Lektor? Es ist mein eigenes Problem, dass ich Romane immer so lese, als wäre ich der Verlagslektor und hätte meinen Rotstift dabei.

Aber ich will die Romane von Simone Buchholz nicht schlechtmachen, vielleicht ist sie wirklich das Beste, was die deutsche Krimiszene zur Zeit hat. Es war entspannend, während ich die Günderrode, Ossian, Hölderlin und Heidegger las, mal so etwas zu lesen. To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment, hat Raymond Chandler einmal gesagt, Simone Buchholz ist auf dem besten Weg to make something like literature out of it.

Nordholm

08/02/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Ort Nordholm gibt es nicht auf der Landkarte Schleswig Holsteins, den gibt es nur im ZDF. Offenbar schon seit 2015, ist aber glücklicherweise an mir vorbeigelaufen. Vor Wochen habe ich in der Zeitung gelesen, dass sich Zuschauer beschwerten, dass der Krimi Das Mädchen am Strand viel zu lang gewesen sei. Ich hatte vom zweiten Teil des Krimis eine halbe Stunde gesehen und kann die Klagen voll verstehen. Gut photographiert, aber inhaltsleer.

Die Handlung reichte vielleicht mal gerade für das Vorabendprogramm, im Notruf Hafenkante wäre man nach einer Dreiviertelstunde mit dem Thema durch gewesen. Aber dies hier quälte sich über 180 Minuten hin. Was kann ein Regisseur nicht alles aus 180 Minuten machen. Sergei Bondartschuk war nach zwei Stunden mit der Schlacht von Waterloo fertig, und in drei Stunden hatte er ein Drittel von Krieg und Frieden geschafft. Und das bietet mehr an Handlung als diese läppische Strandgeschichte, die in Lütjenburg und Umgebung gedreht wurde.

Kriminalfilme, bei denen Leichen am Strand gefunden werden, sind nicht unbedingt etwas Neues. Ich darf vielleicht an den schönen französischen Film Ertrinken Verboten erinnern. Ist keine drei Stunden, sondern nur 95 Minuten lang, aber keine Minute langweilig. Der Film hat eine ähnliche Struktur wie Das Mädchen am Strand: ein Küstenort, ein Mord, zwei Kommissare, die sich nicht ausstehen können, ermitteln. Einer kennt den Ort, der andere nicht. Der Film liefert auch, in der Art von Claude Chabrol, eine soziologische Bestandsaufnahme einer Kleinstadt, wo viele der Anwohner etwas zu verbergen haben.

Dass Krimis nicht nur von dem whodunit bestimmt werden, sondern im Hintergrund ein Psychogramm einer Gesellschaft zeigen, war ein Phänomen der sechziger Jahre. Seien es die Romane von Nicolas Freeling oder Janwillem van de Wetering, die uns ein verbrecherisches Holland hinter den Fenstern ohne Gardinen zeigten, oder seien es die Autoren des sogenannten Neuen Deutschen Kriminalromans wie H.J. Martin, Friedhelm Werremeier, -ky etc. , der Krimi wurde immer soziologischer.

Die Schweden Sjöwall und Wahlöö gaben ihren zehn Romanen einen Untertitel: roman om en forbrydelse. Die einzelnen Romane sollten nur die Teile eines dreitausend Seiten umfassenden Romans sein, der einen Längsschnitt durch die Gesellschaft legte und die Kriminalität als soziale Funktion analysierte. Aus all dem hat Thomas Berger, der bei dem Zweiteiler Das Mädchen am Strand wie schon bei Tod eines Mädchens und Die verschwundene Familie Regie führte (und die Drehbücher zu den beiden letzten Zweiteilern schrieb), nichts gelernt. In seiner Nordholm Saga bleibt das versuchte Psychogramm der Gesellschaft flach wie das Land.

Es kommt noch hinzu, dass die Nordholm Krimis überhaupt nicht Neues waren, der erste Teil war schlichtweg von der englischen Serie ✺Broadchurch abgekupfert. Die taz schrieb dazu: Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. “Tod eines Mädchens‘ war das für deutsche Verhältnisse überdurchschnittliche, mehr als nur leidlich spannende inoffizielle Remake (um nicht zu sagen: Plagiat) der herausragenden britischen Serie ‚Broadchurch‘. In ‚Broadchurch‘ ging es um den Mord an dem elfjährigen Jungen Danny. Vor allem aber ging es darum, was so ein Mord mit einer Kleinstadtgemeinschaft macht, in der jeder jeden kennt. Dieses Psychogramm jenseits aller Krimi-Konventionen wurde in zwei weiteren Staffeln vertieft, deren jüngste das ZDF seinen Zuschauern bislang vorenthalten hat.

Am Strand von Dorset gab es in Broadchurch Felsen. Die gibt es nun in den Orten der Dreharbeiten Lütjenburg, Hohwacht, Kellenhusen oder Schwedeneck nicht. Aber Felsen wollte man unbedingt haben, so wurden die Dreharbeiten für kurze Zeit auf die Insel Moen verlegt, wo es ja schöne Kreidefelsen gibt (zu den Kreidefelsen gibt es hier schon einen langen Post). Nordholm ist ein synthetisch zusammengesetzer Ort. Aber das Meer muss irgendwie sein. Eine Serie wie Der Kommissar und das Meer gibt es schon, und selbst Wilsberg war schon auf Norderney. Aber bleiben wir in Schleswig-Holstein, dem einzig echten Norden. Hier wird überall gemordet, und immer ist ein Fernsehteam dabei.

Ich kam vor Jahren mal zwei Tage nicht in meine Bank, weil in dem Haus ein Tatort gedreht wurde, ich musste eine andere Zweigstelle nehmen. Axel Milberg habe ich nicht gesehen, aber seine Assistentin, die vorher Pornodarstellerin war (und für die Joseph von Westphalen einen Miniroman geschrieben hat), fröstelte auf der Straße. Die Tatorte aus Kiel vermeide ich, wenn ich da mal hineingucke, kenne ich nichts von Kiel. Das Haus, in dem meine Bank ist, war auch nicht im Film zu sehen, weil man da nur oben im zweiten Stock in einem Wohnzimmer gedreht hat. Und dafür der ganze Aufwand mit einem riesigen Gerüst, das hätte man auch im Studio drehen können. Doch die Kosten interessieren die Produzenten nicht, das wird ja alles von den Gebührenzahlern getragen.

In Tod eines Mädchens war auch Hinnerk Schönemann zu sehen gewesen. Der gehört aber eigentlich nicht nach Nordholm, sondern nach Schwanitz, auch einem Ort, der nicht auf der Landkarte ist. Manche Serien, die hier im Lande gedreht wurden, sind inzwischen Geschichte. Die Vorabendserie Kripo Holstein wurde nach einem Jahr eingestellt, die Motoren der Küstenwache dieseln nicht mehr, das Duo aus Lübeck ermittelt nicht mehr. So haben wir hier nur noch den Kommissar Borowski, die Kollegen von Nord Nord Mord auf Sylt und seit 2014 die Krimireihe Nord bei Nordwest, die in besagtem Schwanitz spielt. Aber wie lange noch? Vorgestern ist die rothaarige Kommissarin in der Folge In eigener Sache den Filmtod gestorben. Bela Lugosi ist in seinem Leben sechsunddreißig Mal den Filmtod gestorben, das erwarten wir von Bela Lugosi. Aber von Henny Reents erwarten wir das nicht. Nicht einmal. Wie geht es weiter? Zwei Folgen mit den Arbeitstiteln Der Anschlag und Conny & Maik sind schon in Vorbereitung.

Die Formel der Serie war einfach: Schwanitz, ein hübsches kleines Dorf an der Ostsee, wo jeder jeden kennt. Ein Tierarzt, der eigentlich Kriminalkommissar ist, zwei rothaarige Schönheiten und ein bisschen Humor. Aber in dem letzten Film In eigener Sache gab es keinen Humor mehr und eine rothaarige Frau weniger. Das Formelgerüst war zerbrochen, die Filmmusik, die wie das Tonband eines Bestatttungsinstituts klang, sollte dem Ganzen ein bisschen Tiefe geben. Gab es nicht. Wenn nicht in letzter Minute der Vater der rothaarigen Kommissarin, ein ehemaliger Geheimagent, als deus ex machina ins Bild kommend, den Serienmörder erschossen hätte, wären alle tot gewesen.

So sehr wir den Verlust beklagen, wir sollten Verständnis dafür haben, wenn Schauspielerinnen wie Henny Reents oder Friederike Kempter (die Nadeshda Krusenstern aus dem Münsteraner Tatort) den Filmtod wählen, um aus der Serie auszusteigen. Vielleicht ist ihnen das einfach alles zu blöd, immer wieder dasselbe zu spielen.

Der Sessel vor dem Schrank

24/01/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Sessel vor dem Schrank ist die Replik eines Art Deco Möbel, ein schwerer brauner Ledersessel. Die Franzosen würden so etwas fauteuil confortable nennen. Wenn ich in dem Post über Sir John Hurt schrieb, dass ich den Roman Tinker, Tailor, Soldier, Spy von John le Carré aus dem Schrank geholt habe, dann klingt das nach nichts Besonderem. Ist es aber doch. Weil man die Schranktür kaum öffnen kann, nur einen Spalt. Da kann man sich schon das Handgelenk brechen, wenn man da ein Buch aus dem Regal angeln will. Das ist natürlich sehr unpraktisch, aber es hat seine Bedeutung. Der Ledersessel steht an dieser Stelle, damit man die Schranktür nicht öffnen kann.

Krimis, seien es Romane, Filme oder Fernsehserien, kommen in diesem Blog immer wieder vor. Manchmal mögen die Leser das, der Post Ertrinken Verboten brachte im letzten November riesige Leserzahlen. Ich habe die Posts zu dem Thema Kriminalliteratur auch in dem Themenblog The Simple Art of Murder gesammelt. Der enthält einundsechzig Posts, was bei beinahe zweieinhalbtausend Posts in SILVAE eher eine quantité négligeable ist. Ich könnte mehr zu dem Thema schreiben, aber ich will nicht. Und das hat seinen Grund.

Als ich noch kein Blogger, sondern ein Literaturwissenschaftler an einer Uni war, habe ich mich einmal mit dem Genre des Krimis beschäftigt. Habe einige Lexikonartikel, Aufsätze und Bücher geschrieben, mit Krimiautoren korrespondiert. Michael Innes konnte kein Deutsch, aber seine Tochter hat ihm übersetzt, was ich über ihn geschrieben habe. Ich war auf einer Tagung, wo die ganze Crème de la Crème der deutschen Krimiszene versammelt war. Friedhelm Werremeier, der die schönen Trimmel Romane schrieb und -ky, der seinen bürgerlichen Namen damals noch geheimhielt. Ich habe Harald Mogensen in Kopenhagen besucht, der gerade mit Tage la Cour dieses tolle Murder Book veröffentlicht hatte, und Jan Broberg versorgte mich aus Schweden mit allem, was ich über die schwedische Krimiszene wissen musste. Sjöwall/Wahlöö wurde damals gerade berühmt. Die gab es auch gleich bei Rowohlt; Richard K. Flesch, der bei Rowohlt die Krimireihe aufbaute, hatte ein Händchen für gute Autoren. Leichen-Flesch hieß er in der Branche, er war dem Whisky sehr zugetan, das weiß ich noch. Ich habe, als ich ihn interviewte, den Whisky dankend abgelehnt, ich wollte noch zurück auf die Autobahn.

Aber das ist alles sehr lange her. Ich habe vor Jahrzehnten die meisten Krimis verschenkt und dann hunderte von englischen Krimis und die gesamte dicke, fette Sekundärliteratur in den Schrank getan. Der ist 1,30 hoch, 80 cm breit und 40 cm tief, da passen viele Bücher hinein, wenn man die zweite Reihe auch belegt. Der Schrank ist abgeschlossen, und vor ihm steht eben dieser schwere Ledersessel, der sich kaum bewegen lässt und der verhindern soll, dass ich die Schranktür öffne. Man muss auch mal mit Dingen aufhören können, mit denen man sich mal beschäftigt hat. Dann denkt man, dass es Zeit wäre, nun was ganz andres zu tun, um Hannes Wader mal zu paraphrasieren. Über schöne Frauen und französische Filme kann man immer schreiben, über Krimis nicht.

Als ich anfing, diesen Blog zu schreiben, hatte ich mir gedacht, dass die Krimis hier überhaupt nicht hinein sollten. Es sollte sowieso nichts von dem hinein, was ich mal gemacht hatte. An das Letzte habe ich mich gehalten, nur sechs von 2.436 Posts sind vorher schon einmal veröffentlicht worden, der ganze Rest ist neu. Gewiß, ich widerspreche mir zuweilen. Aber der Wahrheit widerspreche ich nie, sagt Montaigne. Doch dann habe ich nach einem Monat Bloggen ein klein bisschen gesündigt, weil ich über Raymond Chandler geschrieben habe. Ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei, Raymond Chandlers Romane sind nicht weggeschlossen, die stehen bei der amerikanischen Literatur im Regal. Neben Hemingway und Fitzgerald.

Ich besitze sogar zwei Erstausgaben, eine hat mir die Daniela mal geschenkt, weil sie weiß, dass ich Raymond Chandler liebe. Und das wäre doch schade, wenn die Bücher in dem Schrank verschwänden, den man nicht öffnen kann, weil der Sessel davor steht. I have a sense of exile from thought, a nostalgia of the quiet room and balanced mind. I am a writer, and there comes a time when that which I write has to belong to me, has to be written alone and in silence, with no one looking over my shoulder, no one telling me a better way to write it. It doesn’t have to be great writing, it doesn’t even have to be terribly good. It just has to be mine.

Sieben Kommissare auf der Suche nach dem Sinn

05/01/2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Theaterstück Waiting for Godot wurde am 5. Januar 1953 in Paris zum erstenmal aufgeführt, im selben Jahr war es auch schon in Berlin zu sehen. Die deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven ist 1993 von seiner Frau noch einmal auf den neuesten Stand gebracht worden, da Beckett sein Stück immer wieder umgeschrieben hat. 1967 hat Beckett im Schiller Theater Berlin sein Stück Endspiel inszeniert. Mein Freund Jimmy hat mich damals angerufen und mir erzählt, dass er gerade Samuel Beckett in einem Straßencafé auf dem Ku’damm gesehen habe. Der hätte verloren mit seinem Rollkragenpullover und seinem abgeschabten Regenmantel in einer Ecke gesessen und sei nicht bedient worden, weil der Kellner ihn für einen Penner gehalten habe. Auf diesem Photo kann man aber sehen, dass er mindestens einmal in Berlin ein Bier bekommen hat. Wenn ein Photograph dabei ist, dann geht das auch in Berlin.

Das Stück Waiting for Godot galt als revolutionär für das Theater, ließ aber viele Zuschauer etwas ratlos zurück. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist, dass bei einer deutschen Aufführung in den sechziger Jahren ein Mann mit einem langen schwarzen Mantel durch den Zuschauerraum eilte und vorne angekommen rief: Ich bin Godot, Sie brauchen nicht länger zu warten, Sie können nach Hause gehen. Ich nehme an, dass dieser wunderbare Gag Samuel Beckett nicht gefallen hätte.

Schon zwei Jahrzehnte vor Waiting for Godot gab es ein Theaterstück, das sich gegen das Illusionstheater wandte. Da kommt während einer Theaterprobe für Pirandellos Stück Il giuoco delle parti plötzlich eine sechsköpfige Familie auf die Bühne und verlangt vom Theaterdirektor, dass er sie in das Stück schreibt:

   Theaterdirektor: Ich probe jetzt! Und Sie wissen genau, dass während der Probe niemand herein darf. Wer sind die Herrschaften? Was wollen Sie?

   Der Vater: Wir sind auf der Suche nach einem Autor.

   Theaterdirektor: Aber hier ist kein Autor, wir proben kein neues Stück.

   Die Stieftochter: Umso besser, Herr Direktor! Dann könnten wir Ihr neues Theaterstück sein.

Das Theaterstück ist natürlich Luigi Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor. Hier gibt es keine aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung mehr, selbst ein fourth wall break ist für eine Inszenierung denkbar. Wir wollen das mit den aristotelischen Einheiten nicht so ernstnehmen, Shakespeare hält sich selten daran. Aber dennoch haben seine Stücke eine logische Handlung, machen einen Sinn. Und verzichten nicht auf Peripetie und Anagnorisis. Die zwanziger Jahre zerstören das bürgerliche Illusionstheater, ob das nun Pirandello ist, der Expressionismus oder Brecht mit seinem Verfremdungseffekt.

Aber der Zuschauer, der Geld für eine Eintrittskarte bezahlt hat, möchte auf der Bühne etwas dafür bekommen, einen gewissen Sinn sehen. Sonst könnte er ja auch ins Varieté oder in den Zirkus gehen. Vor vielen Jahren habe ich in Bremen in den Kammerspielen in der Böttcherstraße Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf (die amerikanische Antwort auf John Osbornes Look Back in Anger) gesehen. Ich saß hinter dem Bremer Kultursenator Willy Dehnkamp und seiner Frau. Als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp in schönstem Bremisch zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Da war sie, die Frage nach dem Sinn, auf den Punkt gebracht.

Sie stellte sich mir wieder, als ich vor Tagen den Tatort Das Team sah. Sieben Personen auf der Suche nach einem Autor, ein Psychospiel, das mehr Fragen als Antworten bot. Der Handlungsrahmen ist simpel, in Nordrhein-Westfalen sind in kurzer Zeit vier Kriminalkommissare umgebracht worden, nun soll ein Team gebildet werden, um den Mörder zu fassen. Der Ministerpräsident hat diesen Plan befürwortet. Der tritt übrigens wirklich selbst auf, und Armin Laschet wirkt in seiner Rolle überzeugender als manche der Schauspieler, die Kriminalkommissare spielen sollen. Sieben Kommissare, zwei Coaches, ein Raum.

Das ist nichts Neues, so etwas hat es schon gegeben. Eine Gruppe von Leuten in einem Raum, huis clos, niemand kommt rein oder raus, einer ist der Mörder. Der Kriminalroman And then there were none von Agatha Christie hat eine ähnliche Struktur (hier And then there were none als Film), der französische Film 8 Femmes (nach einem Theaterstück) hat auch solch eine Struktur.

Wenn sich Zuschauer bei Das Team nach einer Viertelstunde zu langweilen begannen, dann kann man das verstehen, an Filme wie And then there were none und 8 Femmes kommt diese Improvisationstragödie nicht heran. Der Regisseur Jan Georg Schütte ist durch ähnliche Werke bekannt geworden: Altersglühen: Speed Dating für Senioren, Wellness für Paare und Klassentreffen verzichteten auf ein Drehbuch und überließen den Fortgang der Handlung dem Improvisationstalent der Darsteller. Zwar besaß die Sache die Einheit von Zeit, Raum und Handlung, den Charakter eines amateurhaften Laienspiels wurde dieser Tatort niemals los. Das Ganze war übrigens in zwei Tagen abgedreht.

Kommissar Thiel aus Münster war nicht in das vom SEK bewachte Hotel gekommen, er ist gerade einem Mordanschlag entkommen. Wird uns erzählt. Seine Assistentin Nadeshda Krusenstern ist in der Sendung zu sehen, stirbt allerdings den Filmtod. Friederike Kempter wollte nach siebzehn Jahren mit Thiel und Börne sowieso aus dem Tatort heraus. Unser Thiel wird nicht sterben, dafür verdient er zu viel beim Tatort, vor drei Jahren forderten Axel Prahl und Jan Josef Liefers 250.000 Euro pro Sendung. Maria Furtwängler bekam damals schon 220.000 Euro, das bekommt ein wirklicher Kriminalkommissar in zehn Jahren. Ich will mal hoffen, dass die blonde Nadeshda irgendwo wieder eine Rolle bekommt, es sind ja etliche Tatort Kommissare wie zum Beispiel Ulrike Folkerts im Pensionsalter.

Statt Das Team hätte das Ganze auch Much Ado About Nothing heißen können. Die Begeisterung der Zuschauer hielt sich in Grenzen. Das Traumschiff unter seinem neuen Kapitän Florian Silbereisen segelte quotenmäßig an dem Improvisations-Tatort vorbei. Viele Zuschauer schalteten auch auf Miss Marple: Der Wachsblumenstrauß um. In der Nacht gab es dann noch eine Folge vom Klassentreffen für die ganz hartgesottenen Jan Georg Schütte Fans. Der in dem Team übrigens als Leiter des SEK eine klägliche Figur abgab. Das war der Jahresbeginn mit der liebsten Sendung der Deutschen. Kann es schlimmer kommen? Es kann wahrscheinlich, heute Abend ermittelt Til Schweiger.

Ich habe gestern aus Zufall noch einen Tatort gesehen, man kriegt sie ja jeden Tag serviert. Der Krimi hieß Freddy tanzt, den kannte ich zwar schon. Aber ich habe ihn mir wegen Ursina Lardi und der Musik angeguckt, der Film war vollgestopft mit kleinen Bildungsanspielungen. War nicht wirklich gut, aber die Musik und Ursina Lardi retten jeden Tatort. Ob das nun Freddy tanzt oder Frühstück für immer ist.

Nebenrollen in sieben Tatorten, warum tut sie das? Ich glaube, Ursina Lardi macht das zur Erholung, weil sie eigentlich auf dem Theater zu Hause ist. Hier als Elsa in Salvatore Sciarrinos Lohengrin. Ich glaube, ich schreibe mal über sie. Und über all die anderen schönen Frauen, die Nebenrollen in Krimis spielen. Bis dahin können Sie sich dieses Showreel mit kleinen Filmausschnitten anschauen. Und falls Sie sich heute bei Til Schweiger langweilen sollten, dann hätte ich als Alternativprogramm den Liebesfilm Sag mir nichts mit Ursina Lardi. Lohnt sich unbedingt. Ist von einem Regisseur, der sein Handwerk versteht und keine Improvisationsfilme drehen muss.

Lesen Sie auch: TatorteTatort und Botulismus. Die Sendung Tatort wird auch noch erwähnt in den Posts: Inspector GentlyInspector Lewis, Endeavour, Maj Sjöwall, Sjöwall Wahlöö, Henning Mankell, Nicolas FreelingDerrickWankelmotor, Anatomie, August von Platen, Ludwigslust, 25 Jahre, Heinrich Vogeler, Ingeburg Thomsen, Tulpen

Ertrinken verboten

18/11/2019 § Hinterlasse einen Kommentar

Sie steht am frühen Morgen unter der Dusche, als sie hört, dass zwei Einbrecher ihren Freund im Nebenzimmer bedrohen. Sie nimmt ihre Pistole, die in dem Halfter an der Wand hängt, und fordert die maskierten Eindringlinge auf, ihre Waffen fallen zu lassen. So beginnt der Kriminalfilm La Guerre des polices, den Dominik Graf in seiner Liebeserklärung an den Polar, den französischen Kriminalfilm, zitiert. Ich wollte das heute zuerst Polar nennen, aber ich weiß nicht, ob Sie mit diesem Wort, das aus Police und Argot gebildet wurde, etwas hätten anfangen können. Dominik Graf habe ich mit seinem Film Zielfahnder schon in dem Post Nackt erwähnt, seit Monaten will ich etwas über ihn schreiben (er wird schon in dem Post Klaus Wennemann erwähnt, aber das reicht nicht). Irgendwann kriege ich das hin. Marlène Jobert hat natürlich ihre Pistole in der Dusche, weil sie bei der Polizei ist, sie hat in diesem Film eine ganz andere Rolle als in Le Passager de la pluie. Doch das Photo ist auf jeden Fall ein guter Anfang, um über den französischen Kriminalfilm zu schreiben.

Im französischen Kriminalfilm haben Kommissare große Macht, vielleicht mehr Macht als in der Wirklichkeit. Das hat auch etwas mit der Struktur der französischen Polizei zu tun. Fans von Kommissar Maigret wissen, dass sein Arbeitsplatz der Quai des Orfèvre ist, aber er wird immer wieder in die Provinz beordert, um dort Morde aufzuklären. Wie zum Beispiel in Maigret kennt kein Erbarmen (Maigret et l’Affaire Saint-Fiacre), wo er in seinen Heimatort zurückkehrt. Die Romanvorlage gilt als einer der besten Romane von Simenon.

Die Kommissare kommen aus der Großstadt, aber sie durchschauen die ländliche Gesellschaft schnell. Wie der Inspektor Lavardin, den wir aus den Filmen von Claude Chabrol wie Hühnchen in Essig (Poulet au vinaigre) kennen. Oder der Kommissar Pierre Niémans in dem Film Die purpurnen Flüsse (Les Rivières pourpres). Die haben da zwar in der Provinz auch Polizei, aber das ist die Gendamerie, die kann in der Welt der Filme die schwierigen Fälle nicht lösen, da muss schon ein Kommissar von der police nationale aus der Großstadt kommen.

In dem Film Ertrinken verboten (✺Noyade interdite) kommen gleich zwei, Paul Molinat (Philippe Noiret) und Leroyer (Guy Marchand). Sie können einander nicht ausstehen, und Kommissar Molinat vermutet, dass Leroyer nicht nur wegen der Toten am Strand in dem kleinen Badeort am Atlantik auftaucht, sondern dass er auch wegen seiner Vergangenheit hier ist. Ich habe den Film vor Jahrzehnten einmal gesehen, und ich mochte ihn sehr. Lakonisch, bösartig, mit schwarzem Humor. Ich habe ihn auch schon in dem Post Les Films de ma Vie erwähnt. Ich habe jahrelang versucht, eine DVD zu bekommen, vergeblich. Die Romanvorlage von Andrew Coburn war erhältlich, der Film nicht. Aber dank der russischen Quelle, die ich schon mehrfach empfohlen habe, kann man ihn jetzt sehen.

Kommissar Molinat ist aus Bordeaux angereist, aber der kleine Badeort ist ihm nicht unbekannt. Er hat hier mal gewohnt, ist fortgezogen, als seine Frau ins Meer gegangen war. Nie wieder aufgetaucht. Jetzt finden sich beinahe täglich Leichen am Strand. Guy Marchand (den ich schon in dem Post Léo Malet erwähnt habe) kennt den Ort nicht, aber er scheint etwas von der Vergangenheit von seinem Kollegen zu wissen.

Ich mag Philippe Noiret und Guy Marchand (der schon in dem Post Léo Malet auftaucht) und all die schönen Frauen, die in dem Film zu sehen sind. Sie werden noch Karriere machen. Die hübsche Marie Trintignant (die Tochter von Jean-Louis Trintignant), die Noiret hier im Arm hält, leider nicht so lange, weil sie von ihrem Freund im Drogenrausch umgebracht wurde.

Die Blonde in der Mitte ist Gabrielle Lazure. Die hatte eine ihrer ersten Rollen in dem Film✺La Belle Captive, aus dem diese Bild stammt. Der Film, der damals eine Sensation war, ist von Alain Robbe-Grillet, und über dessen Softporno Filme habe ich in dem Post Robbe-Grillet schon Böses gesagt. Der Film hat der Karriere von Gabrielle Lazure allerdings nicht geschadet, sie ist in furchtbar vielen Filmen zu sehen, aber kaum jemals wieder in einem guten Film wie Noyade interdite. Sie hat gerade in dem Buch Maman… cet océan entre nous mit ihrer Mutter abgerechnet, der sie offenbar eine schlimme Kindheit verdankte.

Neben Gabrielle Lazure steht Elisabeth Bourgine. Die kennen wir schon, wir können sie zur Zeit immer wieder bei ZDFneo in den Wiederholungen von Death in Paradise sehen. In dem Post Polanski wird sie auch schon erwähnt. Wir brauchen diese drei hübschen Frauen, nicht nur weil François Truffaut gesagt hat Le cinéma c’est de l’art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes, sie sind für die Handlung unentbehrlich.

Kommissar Leroyer hat sich in den schönen jungen Frauen getäuscht, so wie wir uns als Zuschauer in ihnen getäuscht haben. Wenn Leroyer mit Marie Trintignant, mit der er flirtete, wenn sie halbnackt am Strand lag, jetzt im Bett liegt, hat die plötzlich eine Pistole in der Hand. Das wird er überleben. Auch dass ihn Gabrielle Lazure die Treppe hinunterstürzt. Aber das lange Messer, das Elisabeth Bourgine in der Hand hält, das überlebt er nicht. Spätestens jetzt wissen wir, dass auch die Leichen am Strand auf das Konto der jungen Frauen gehen, die so leicht bekleidet durch den Film flitterten und so unschuldig wirkten.

Am Ende des Films verstauen sie ihr Gepäck in einem weißen Golf mit Pariser Kennzeichen und reisen ab. Aber sie kommen nicht bis Paris, die Polizei ist ihnen schon auf den Fersen. Da bleibt ihnen am Schluss nur ein Ende wie in ✺Thelma & Louise. Für unseren Kommissar Molinat wird es ein Happy End geben, er wird in dem kleinen Ort bleiben und sich mit der hübschen Marie (Anne Roussel), der Tochter seiner ehemaligen Geliebten Winny (Stefania Sandrelli) zusammentun.

Solche Kriminalfilme zu drehen, ist etwas, was die Franzosen können. Und sie haben auch die Filmkritiker, die das würdigen: Pierre Granier-Deferre ménage une ambiance chargée d’électricité. L’humour y est noir. Presque dérangeant. Un policier qui sort des sentiers battus, se mouvant au rythme du ressac de l’océan. Un érotisme soft porté par des actrices qui n’hésitent pas à se dévêtir devant l’objectif du cinéaste pour contenter le regard voyeur de certains personnages comme des spectateurs masculins en général. On pourrait lui reprocher son manque de rythme mais connaissant l’œuvre de ce cinéaste auquel il arrive de prendre son temps ‚Noyade Interdite‘, en terme de vélocité, demeure dans la continuité…

Der Film wurde in St Palais sur Mer gedreht. Ich weiß sogar, wo das ist. Als ich die kleine Geschichte Sommerurlaub schrieb, wollte ich meine Heldin da am Strand plazieren. Aber das ging nicht, sie sollte Elisabeth Bourgine und Marie Trintignant keine Konkurrenz machen. Die schöne Buchhändlerin mochte eine Zicke sein, eine femme fatale war sie nicht. Bei den Dreharbeiten suchte die Filmfirma junge Mädchen, die sich am Strand tummeln sollten. Natürlich nicht für einen érotisme soft porté par des actrices qui n’hésitent pas à se dévêtir devant l’objectif du cinéaste. Die Filmfirma verlangte eine Beurlaubung durch die Schule oder die Begleitung von Erwachsenen. Die Schülerinnen des Lyzeums aus dem benachbarten Royan stellten vergeblich einen Antrag auf Unterrichtsbefreiung. Sie waren dennoch bei den Dreharbeiten dabei und präsentierten dem Direktor am Tag danach Entschuldigungsschreiben von ihren Eltern. Vielleicht ist eine von ihnen ja Schauspielerin geworden, das weiß man in Frankreich nie.