Leipzig

29/11/2017 § Hinterlasse einen Kommentar

In dem Tatort Rot Rot Tot wird sie von Curd Jürgens umgebracht, aber es war ein anderer Tatort, mit dem die April gestorbene Schauspielerin Renate Schroeter berühmt wurde. Der hieß Taxi nach Leipzig, er wurde am 29. November 1970 um 20:20 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Es gab noch kein Konzept für die Sendereihe, man nahm, was man hatte. Und Taxi nach Leipzig (nach einem Roman von Friedhelm Werremeier) war beim NDR gerade fertig. Der erste Tatort hat natürlich in diesem Blog schon einen Post. Wenn Sie gerade nichts anderes vorhaben, dann könnten Sie jetzt mal eben 1970 lesen. Sie könnten heute abend gleich zwei Sendungen aus der Tatort Serie sehen, an so etwas hat man 1970 noch nicht gedacht. Sie könnten sich natürlich auch Taxi nach Leipzig anschauen, habe ich extra für Sie vorbereitet. Was tut man nicht alles für seine Leser.

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Verzierungen

26/11/2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Hallo, hat heute zufällig jemand „Wilsberg“ angeschaut und das Lied im Abspann erkannt? Das war ein ganz bekannter Song, aber ich komm nicht drauf. Sätze wie diesen findet man zuhauf im Internet. Am Ende eines Wilsberg Krimis gibt es immer einen Song. Immer englisch. Die sind da in Münster ziemlich anglophil. Es ist neuerdings Mode geworden, an Krimisendungen zum Schluss einen Song dranzuklatschen.

Manchmal geht das auf. Zum Beispiel gab es in dem Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden Martha Wainwrights Dans le silence, was ein sehr schönes Lied ist. Es ist übrigens auch ein schöner Tatort, nicht diese billige Dutzendware, sondern eine sorgfältig photographierte Geschichte, die schon Kinoqualität hatte.

Ich zitiere mal eben ein Gegenbeispiel, den Polizeiruf 110, der den Titel Ikarus hat. Der ist eigentlich nur erwähnenswert, weil es die letzte Sendung mit dem motoradfahrenden Polizeihauptmeister Horst Krause ist. Der Rest ist mit Jules et Jim verglichen worden, ist aber eher peinlich. Aber am Ende, als man schon schön schläfrig war, da gab es ein Lied, das jeden wach werden ließ. Sanft, eingängig, traurig. Es war Serge Gainsbourgs La Noyée. Hat nichts mit Polizeihauptmeister Horst Krause und seinem Hund zu tun, ist aber immer schön. Egal, ob Serge Gainsbourg das singt, oder ob Carla Bruni das haucht.

Es gibt Krimisendungen, in denen ein Lied strukturell sein kann. Das Lied ➱Unser Land, das Hans Hartz in der ersten Folge der Serie Schwarz-Rot-Gold sang, beherrschte die Handlung. Es ist übrigens ein Lied, das heute noch seine Bedeutung hat, ich habe es in dem Post Unser Land zitiert. Die musikalischen Verzierungen in den meisten Krimisendungen haben keine wirkliche Funktion. Rudolf Arnheim hatte einstmals postuliert: Filmmusik war immer nur dann gut, wenn man sie nicht bemerkte. Können Sie sich noch an die Musik des ersten Tatorts Taxi nach Leipzig erinnern? Die Gitarre am Schluss war ja nett, kann aber nicht mit La Noyée konkurrieren.

Natürlich findet man in den Tatort Sendungen auch klassische Musik. So kann man auf einer Seite der ARD lesen: Dieser „Tatort“ hat einen artifiziellen Rahmen, in dem der Musik eine exponierte Rolle zukommt. Die Musik wurde teilweise exklusiv vom hr- Sinfonieorchester eingespielt. Insgesamt enthält der Film 23 Ausschnitte aus Werken der klassischen Musik. Die Damen und Herren auf dem Gruppenphoto hier sind diejenigen, die im Laufe der 90 Minuten niedergemetzelt werden. Die bodycount Fans sind noch am Zählen, es ist irgendetwas zwischen 47 und 53 Toten. Bei 23 klassischen Musikstücken gibt das eine Relation von zwei Toten pro Musikstück. Händels Lascia ch’io pianga ist auch dabei. Gab es auch schon mal in Ein starkes Team, als Maja Maranow traurig war. Zusammen mit der schönen Maja Maranow ist Händels Arie immer O.K.

Der Tatort mit den vielen Toten hatte den Titel Im Schmerz geboren. Er sollte nicht verwechselt werden mit dem Tatort Der große Schmerz. Auch da gab es siebenundvierzig Tote. Diese junge Dame hier spielt eine russische Killerin, normalerweise soll sie wohl eine Sängerin sein. Nicht, dass sie das Lascia ch’io pianga singen könnte, oder wie Carla Bruni das La Noyée hauchen könnte. Sie singt auch glücklicherweise in dem Tatort nicht. Es ist eine gewisse Helene Fischer.

Ich habe mit dem guten Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden (hier noch einmal ein Bild daraus) und Martha Wainwrights Dans le silence angefangen, und ich bin dann niveaumäßig immer weiter nach unten gegangen. Jetzt bin ich bei Til Schweiger Tatorten angekommen. Da drunter geht wenig. Vielleicht der Botulismus Mörder aus Münster, doch dann ist Schluss. Eine Tatort Musik sollte noch erwähnt werden, sie ist von Klaus Doldinger und klingt so. Es gibt sie in jedem Tatort, wenn es nach Til Schweiger gegangen wäre, dann gäbe es sie nicht mehr. Glücklicherweise geht nicht alles nach Til Schweiger.

Vor über neunzig Jahren beklagte der Krimiautor R. Austin Freeman in The Art of the Detective Story den Verfall der Gattung: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents – tragic, horrible, even repulsive – form the actual theme, and the quality aimed at is horror – crude and pungent sensationalism. Here the writer’s object is to make the reader’s flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:

I shoot the hippopotamus
with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones
his hide is sure to flatten ‚em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader’s mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.

Es fällt nicht schwer, das eins zu eins auf heutige Tatort Produktionen zu übertragen, ob sie nun durch Musik gerettet werden sollen oder nicht. Ich gucke mir das sowieso nicht mehr man; wenn man Krimis mit Stil sucht, dann wendet man sich nach England. Bei diesen beiden Herren ist man immer gut aufgehoben.

Und es gibt in allen Folgen von Morse auch viel Musik. Morse spielt Klavier, singt im Chor und ist in jedem Konzert zu finden. Er liebt Wagner und besucht sogar Bayreuth (sein Chef glaubt, dass er in Beirut war). In einem solchen Krimi darf sich die Liebe des Helden zur Musik auch auf die Filmmusik auswirken. Das sind keine Verzierungen, die an eine Handlung geklebt werden, das ist etwas Funktionales. Vielleicht bekommen die deutschen Zuschauer die Serie, dies es überall auf der Welt gab, ja auch einmal zu sehen. Die einzigen Deutschen, die Morse im Fernsehen sehen konnten, lebten in der DDR, da war er seit 1989 auf DDR2 zu sehen.

Die literarische Figur, die sich Colin Dexter ausgedacht hat, liebt nicht nur die Musik, er zitiert auch gerne. Morse hat klassische Philologie in Oxford studiert (Colin Dexter auch, er allerdings in Cambridge), er ist ein gebildeter Mann, er zitiert gerne Literatur. Damit ist Colin Dexter voll in der Tradition des englischen Krimis im Golden Age of the Detective Story, als gebildete Autoren für ein gebildetes Publikum schreiben. Das sind Verzierungen, die man gerne mag, und nebenbei bildet ein Krimi von, sagen wir, Michael Innes ja auch ungemein. Ich nehme mal an, dass die Romane von Michael Innes, Edmund Crispin, Josephine Tey oder Margery Allingham nicht zu der Bettlektüre von Til Schweiger gehören. Bis zur letzten Folge von Morse, die The Remorseful Day heißt (was aus How Clear, How Lovely Bright von A. E. Housman stammt), ist die Serie vollgespickt mit Zitaten.

So etwas ist in deutschen Krimis eher selten. Und wenn, dann findet man es in der völlig schrägen Krimireihe, die München Mord heißt. Da deklamiert Alexander Held (Bild) als Kommissar Schaller schon mal völlig unvermittelt das Gedicht Über die Heide von Theodor Storm. Man ist als Zuschauer nicht darauf gefasst, und so haben die Verse eine große Wirkung:

Über die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –
Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geisten umher;
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Da kann man nur sagen: weiter so. Peppt den deutschen Krimi mit Bildung und Musik auf, fünfzig Leichen sind ein Irrweg.

Prequel

06/09/2017 § Hinterlasse einen Kommentar

ZDF_neo setzt auf englische Krimiserien. Die man auch unendlich wiederholen kann. Wie zum Beispiel ➱Inspector Barnaby. Oder ➱Inspector LewisVera, Inspector Banks etc. Oder, auf einem niedrigerem Niveau, aber ganz vergnüglich, Agatha Raisin. Jetzt hat man etwas neues, nämlich ein sogenanntes Prequel. Eine Serie die ➱Der junge Inspektor Morse heißt. Heißt im Original Endeavour und hat hier schon einen Post. Und wir haben zu der Serie ein Sequel, das Lewis heißt. Aber der Mittelteil fehlt uns, eine Serie, die es hier nie zu sehen gab (außer mal in der DDR), doch das macht offenbar nichts.

Der fehlende Mittelteil ist selbstverständlich die Serie Morse (die ➱hier natürlich schon einen Post hat), eine der besten englischen Krimiserien. 33 Folgen, je zwei Stunden lang (ohne die Werbung 100 Minuten). Die Serie lief von 1987 bis zum Jahre 2000. Überall in der Welt, nur nicht – wie gesagt – bei uns. Die Serie basiert auf den Romanen von Colin Dexter, der es sich nicht nehmen ließ, in dreißig Folgen einen kleinen Cameo Auftritt zu haben.

Auch bei den ➱Lewis Filmen war er gelegentlich zu sehen (im Prequel ➱Endeavour auch). Und die Drehbuchautoren von Prequel und Sequel, die sich aus den Romanen von Colin Dexter bedienten, konnten ständig mit ihm zusammenarbeiten. Jetzt sind sie auf sich alleingestellt, denn im März ist Colin Dexter (hier auf dem Bild neben seinen beiden Detektiven) im Alter von 86 Jahren gestorben. Alle Folgen von Inspector Morse (18 DVDs) bekommt man für 43,90. Nur in englischer Sprache, aber es gibt englische Untertitel.

Und das ist immer besser als eine schlechte Synchronisation. Wie die von dem Pilotfilm von Endeavour, der am Sonntag gesendet wurde. Das hier ist Roger Allam als Detective Inspector Fred Thursday, der dem jungen Detective Constable Morse eine Art väterlicher Freund ist. Roger Allam ist ein berühmter englischer Schauspieler, der seinen Ruhm dem Theater verdankt. In diesem Punkt unterscheiden sich englische Krimiserien von deutschen. Viele berühmte englische Schauspieler finden es nicht unter ihrer Würde, in einer Krimiserie mitzuspielen.

Roger Allam war letztens hier im Fernsehen in dem Dreiteiler The Politician’s Husband (Der Mann an ihrer Seite) zu sehen. Da spielte er Marcus Brock, den Chief Whip des House of Commons. Und er sagte in einer Szene, wörtlich bekomme ich das nicht mehr zusammen: Wenn wir fünfzig Prozent der Zeit, die wir auf unsere Whitehall Intrigen verwenden, auf die Lösung von Problemen verwenden würden, könnten wir etwas erreichen. Darüber könnte man einmal nachdenken. Roger Allam hat eine klar erkennbare sonore Stimme, die seinem Inspector Fred Thursday Autorität verleiht. Leider nicht in der deutschen Fassung, da ist die Stimme des  deutschen Synchronsprechers eine Fehlbesetzung.

In dem Pilotfilm von Endeavour findet sich auch der Schauspieler Danny Webb. Hier können wir ihn in dem Film Churchill als General Alan Brooke sehen, die Rolle hat er wahrscheinlich bekommen, weil er dem General sehr ähnlich sieht. Man konnte ihn am Montag in der Barnaby Folge Dance with the Dead sehen. Er ist ein sehr versatiler Schauspieler, der auch in dem Pilotfilm zu ➱Lewis eine Rolle hatte.

In Der junge Inspektor Morse spielt er den Detective Sergeant Arthur Lott, einen Mann, der keine Zierde für die Polizei ist. Inspector Thursday hat ihn gerade gefeuert, er ist versetzt worden. Und hat da noch auf dem Flur eine kleine Hassrede für den jungen Morse übrig: Flunked out again, have you … college? I read your file, boy. Three years Lonsdale. Threw the towel in before your finals. That’s the trouble with you poshos, no gumption. First sign of bother, it’s off back home to mummy, tail between. Mm, no hard feelings. You’ve done me a favour. Pastures new. Vice in the smoke. And you on the slow boat to China. 

Was redet der Sergeant da? Er hat die Personalakte von Morse gelesen, weiß, dass der ohne Examen die Uni verlassen hat. Aber vice in the smoke? Er ist zur Sittenpolizei (vice) nach London versetzt worden. Ein Slang Dictionary belehrt uns, dass London the smoke ist. Die Gründe liegen auf der Hand. Mir begegnete dieses smoke vor Jahrzehnten zum ersten Mal, als ich Marjorie Allinghams The Tiger in the Smoke las. London war schon im 19. Jahrhundert die Stadt von Qualm und Rauch.

Wenn Wordsworth in seinem Gedicht ➱Composed upon Westminster Bridge von der smokeless air spricht, dann hat er wohl den einzigen Tag des Jahres erwischt, wo es keinen Smog gab (lesen Sie mehr in ➱Touristen). Slowboat to China ist ein Song, das ist nicht so schwer. Sogar Miss Piggy hat ihn gesungen. Und was ist mit den pastures new? Das ist John Milton, die letzte Zeile von Lycidas. Gut, das ist inzwischen sprichwörtlich geworden, aber es bleibt Milton. Der Drehbuchautor Russell Lewis, der auch mehrere Folgen von Lewis geschrieben hat, hat da eine Menge Bildung in sein Drehbuch gepackt. Was natürlich alles in der deutschen Übersetzung verlorengeht.

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist, dichtete einst ➱Gottfried Benn. Man müsste mehr Geld in die Hand nehmen und bessere Übersetzer bezahlen, wenn man gute englische Serien adäquat ins Deutsche bringen will. Und man brauchte auch etwas mehr Intelligenz in den Rundfunkanstalten. Lutz Marmor verdient beim NDR beinahe 300.000 Euro, ich weiß nicht wofür. Beim ZDF werden die Intendanten nicht viel weniger bekommen. Der Herr, der sich hier mit Inspector Thursday unterhält, heißt John Light. Er spielt einen englischen Geheimagenten namens Dempsey, der auf einen Minister aufpassen soll. Er sieht ein wenig so aus wie Michael Caine in Ipcress, das ist wohl so beabsichtigt.

Der Minister Sir Richard Lovell (süffisant arrogant gespielt von Patrick Malahide) nimmt an Sexparties mit Minderjährigen teil, die Analogie zu dem Christine Keeler Skandal (der ➱hier einen langen Post hat) liegt auf der Hand. Zumal Patrick Malahide eine gewisse Ähnlichkeit mit John Profumo hat. Und es wird auch direkt auf den Christine Keeler Skandal angespielt, wenn der Geheimagent im Gespräch mit DI Thursday sagt: We’re still going round with a dustpan and brush after Cliveden. Am Ende bringt der MI5 Agent Dempsey dem Minister ein Rücktrittsgesuch zur Unterschrift.

Als der Minister sich weigert und den Premierminister Wilson anrufen will (We’ll see what Harold has to say about this), unterbricht Dempsey die Verbindung mit seiner Pistole. Und sagt dem Minister, für den das alles nur ein harmless bit of fun ist: This is what he has to say about it. There’s two ways out. This one or do I have to get blood on my shoes?

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Was noch schlimmer ist, wenn aus einem guten Film wichtige Szenen herausgeschnitten werden. Ich habe diese Szene mit dem Minister und dem Geheimagenten mit ihren kulturellen und historischen Konnotationen etwas ausführlicher besprochen, weil sie in der am Sonntag gesendeten Fassung fehlte. Der Film war zu lang, und um 20.15 mussten Frau Merkel und Herr Schulz sprechen. Da hätte man lieber noch eine Folge von Der junge Inspektor Morse senden sollen. Oder einen alten ➱Wallace. Oder vier Agatha Raisin. Oder die Neujahrsansprache von Helmuth Kohl 1986. Schlimmer als das sogenannte Duell konnte nichts sein.

Das Skript zum Pilotfilm von Endeavour finden Sie ➱hier. Noch mehr zu englischen Krimiserien in den Posts: Englische Krimiserien, Endeavour, Kreuzworträtsel, Inspector Lewis, Inspector Barnaby und die Mode, Inspector Gently und Janker.

1970

29/11/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Es gab im Jahre 1970 Annäherungen zwischen der BRD (ich weiß jetzt nicht mehr, ob man damals überhaupt diesen fiesen DDR Begriff überhaupt verwenden durfte) und der DDR. Zum einen trafen sich Willy Brandt und Willi Stoph, zum anderen sendete der NDR am 29. November den ersten Tatort, der Taxi nach Leipzig hieß. Die Hauptrolle in dem Film spielte ein Hamburger Kommissar namens Trimmel. Der sich mit seinem Kollegen in der DDR (den er noch aus den Tagen des Reichskriminalamts kennt) sehr gut verstand. Wahrscheinlich besser, als sich Willy Brandt und Willi Stoph verstanden haben. Der Grundlagenvertrag ließ noch auf sich warten, aber immerhin war Wandel durch Annäherung angesagt. Vielleicht hat der erste Tatort auch ein klein wenig zu diesem Wandel durch Annäherung beigetragen. Falls Sie heute Abend noch nichts vorhaben, schauen Sie sich doch ➱hier den deutsch-deutschen Kriminalfilm an.

Die Sendung Tatort ist die am längsten laufende Reihe im deutschen Fernsehen, der Polizeiruf 110 des DFF kam erst ein Jahr später. Warum brauchte man im Arbeiter- und Bauernparadies überhaupt eine Krimisendung, wo es doch im ganzen sozialistischen Land kein Verbrechen geben konnte? Rulo Melchert wusste in seinem Artikel Hauptsache, es ist ein Krimi: Chancen einer Romanform 1966 die Antwort: Warum ein Gebiet unserer Literatur vernachlässigen, das bei den Lesern viel gelesen wird, auf sie so großen Einfluß nimmt? Warum an einer Stelle ausschalten, wo sich sonst Ideologie westlicher Himmelrichtung breit macht?

Man suchte in der ARD damals nach einer Nachfolgesendung für Jürgen Rolands Stahlnetz (eine hervorragende Reihe mit den Drehbüchern von Wolfgang Menge) und wollte der Konkurrenz des ZDF und deren Reihe Der Kommissar etwas entgegensetzen. Nicht mehr in dem altbackenen Schwarz-Weiß, in dem die auch die ➱Edgar Wallace Filme daherkamen, sondern gleich in Farbe.

Als die ARD Oberen überraschend beschlossen, das von dem Theaterwissenschaftler Gunther Witte (der mit dem ganzen Krimigenre ➱nichts am Hut hatte) entwickelte Konzept in die Tat umzusetzen, hatte man allerdings außer den Plänen nichts vorzuzeigen. Es sollte für jedes Land einen Kommissar geben, und es sollte Lokalkolorit in die Sendung kommen. Da nahm man, sozusagen aus Verlegenheit, den gerade beim NDR abgedrehten Film Taxi nach Leipzig und verpasste ihm das Etikett Tatort. Gunther Witte gab der Reihe kein langes Leben, die Rede war damals von zwei, vielleicht fünf Jahren.

Das Drehbuch zu Taxi nach Leipzig hatte Friedhelm Werremeier (Bild) zusammen mit dem Regisseur Peter Schulze-Rohr geschrieben. Vielleicht hat der Produktionsleiter des Films Dieter Meichsner noch daran mitgewirkt. Der war ja für seine Drehbücher berühmt, ich nenne nur mal den Dreiteiler Der Stechlin (Fontanes Romanvorlage hat ➱hier einen Post) und die achtzehn Teile der Serie ➱Schwarz-Rot-Gold mit Uwe Friedrichsen als Zollfahnder Zaluskowski. Leute wie Dieter Meichsner und Wolfgang Menge findet man beim Fernsehen nicht mehr. Dafür verdient aber der NDR Intendant Lutz Marmor heute über 300.000 Euro im Jahr, soviel Geld haben diejenigen, die einmal Qualitätsfernsehen gemacht haben, wahrscheinlich nicht in zehn Jahren bekommen. Das ist eine seltsame Entwicklung: das Programm wird immer schlechter, irgendwann gibt es nur noch den Degeto Mansch, aber die Intendanten verdienen sich dumm und dösig.

Die Schauspieler des Films kamen, nicht wie heute aus irgendwelchen läppischen Fernsehserien des Vorabendprogramms, die kamen alle vom Theater. Walter Richter, der den mürrischen Trimmel gab, war ja ein berühmter Mann gewesen. Günter Lamprecht, der einen Grenzbeamten spielt (was uns immer an den Satz Gänsefleisch mal `n Kofferraum uffmachen? denken lässt), stand am Anfang seiner Karriere. Hans-Peter Hallwachs hatte ich zu Peter Zadeks Zeiten noch auf der Bremer Bühne gesehen, er steht auch ➱hier im Blog mit einer kleinen komischen (aber wahren) Geschichte drin.

Die weibliche Hauptrolle in Taxi nach Leipzig spielte Renate Schroeter, für die schwärmte ich damals. Ich besaß zwar als Student damals kein Fernsehgerät, aber den Film habe ich trotzdem gesehen. Wegen Renate Schroeter. Und wegen Paul Trimmel, denn Werremeiers ersten Roman Ich verkaufe mich exklusiv (der unter dem Titel ➱Exklusiv nachträglich in die Tatort Reihe aufgenommen wurde) hatte ich damals schon gelesen. Ich las viele Krimis, meistens ➱englische Krimis, sie waren wichtig zum Ausgleich für das Studium. Genauso wichtig wie Westernfilme, die damals neue Formen annahmen, der Spätwestern (der ➱hier einen langen Post hat) hatte begonnen.

Damals war beinahe alles neu. In Frankreich gab es die ➱Neue Welle in Kino und Roman, in Deutschland gab es den Neuen deutschen Kriminalroman. Auf jeden Fall hieß die Tagung im Kloster Loccum so, wo jeder war, der damals in der Krimiszene irgendwas bedeutete. Denn Autoren wie Werremeier und -ky (und wie sie alle hießen) veränderten die Krimilandschaft. Viele deutsche Autoren versuchten allerdings nur, Georges Simenon, ➱Sjöwall Wahlöö, Nicolas Freeling (der ➱hier einen Post hat) oder Janwillem van de Wetering zu imitieren, aber so gut wie die waren sie nie.

Womit ich kein böses Wort über Friedhelm Werremeier sagen will, man kann seine Trimmel Romane nach Jahrzehnten immer noch lesen. Ich habe es getestet. Und auch kein böses Wort über den Rendsburger Studiendirektor Dr Edward Hoop, der unter dem Pseudonym Paul Henricks bei Rowohlt eine Menge durchaus seriöser Romane schrieb. Sein Lektor Richard K. Flesch bei Rowohlt schätzte ihn sehr. Henricks Sieben Tage Frist für Schramm war ein Bestseller. Wurde schlecht verfilmt mit Joachim Fuchsberger und Horst Tappert. Wenn Sie den Film sehen wollen, klicken Sie ➱hier. Aber gucken Sie sich lieber Taxi nach Leipzig an. Modehistorisch interessant ist allerdings der British Warm Offiziersmantel von Joachim Fuchsberger, während Tappert den stereotypischen ➱Trenchcoat eines Fernsehkommissars trägt. Fuchsbergers Mantel muss Tappert schwer beeindruckt haben, denn was trug er bei seinem ersten Auftritt als Derrick? Richtig, einen ➱British Warm.

Man konnte die neuen deutschen Krimis mit den Romanen der Schweden, Holländer, Engländer und Franzosen vergleichen, denn bei Rowohlt hatte Richard K. Flesch (manchmal Leichen-Flesch) genannt, eine Krimireihe hochgezogen, die sicherlich das Beste war, was es damals gab. Von Richard K. Flesch gibt es kein Bild im Internet, man könnte glauben, dass er ein Phantom sei. Aber es hat ihn wirklich gegeben, ich habe ihn mal einen Nachmittag lang interviewt. Er hatte eine angebrochene Flasche Whisky vor sich auf dem Tisch, der mit Manuskripten beladen war. Er bot mir einen Whisky an, aber ich wollte nachher noch auf die Autobahn. Nüchtern. Ich habe noch ein Dutzend Briefe von ihm, alle mit grüner Cheftinte unterschrieben. Heute gibt es Leute wie ihn auch wohl nicht mehr. Und gute Tatort Sendungen sind auch rar geworden. Sehr rar.

Man hat den tausendsten Tatort auch wieder Taxi nach Leipzig genannt, doch den habe ich mir nicht angeguckt. Aber den alten Film aus dem Jahre 1970, den lege ich heute Abend in den DVD Player.

Es gab in diesem Blog schon zwei Posts, die ➱Tatort und ➱Tatorte heißen. Und dann gibt es natürlich den Post Botulismus, der von einem ganz bescheuerten Tatort handelt. Und dann hätte ich da noch für Krimifreunde anzubieten: Maj SjöwallSjöwall WahlööHenning MankellTulpenEnglische KrimiserienInspector GentlyKlaus WennemannTraumwagen

Botulismus

30/09/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Was Botulismus ist, wusste ich schon, als ich noch klein war. Ich las immer auf die Schnelle die Lesemappen, bevor mein Vater die ins Wartezimmer legte. Und in der Kristall gab es einmal eine abenteuerliche Fortsetzungsgeschichte (alle Illustrierten hatten in den fünfziger Jahren abenteuerliche Fortsetzungsgeschichten), worin alle Passagiere eines Flugzeugs von Botulismus befallen waren. Ich weiß nicht mehr, wie die Sache ausging, aber ich beschloss, niemals in einem Flugzeug Bohnensalat zu essen. Dabei kann der sehr lecker sein. Jahre später sagte ich beim Mittagessen: Ich möchte lieber keinen Bohnensalat. Ich dachte dabei allerdings nicht an die Insassen des Flugzeugs. Meine Mutter guckte mich erstaunt an, da sagte ihre Freundin Marietta, die an dem Tag mit uns am Tisch saß: Wahrscheinlich ist wieder Willi Klevenhusen schuld. Sie hatte auch Kinder auf dem Gymnasium und kannte die Sache schon. Sie ahnte, dass der Biologielehrer Dr Willi Klevenhusen mal wieder seine flammende Rede über die Gefahren des Botulismus gehalten hatte.

Dem war auch so. Dr Klevenhusen, der ansonsten ein eher ruhiger Naturwisssenschaftler war – und der schon über die Selbstreinigungskraft des Flußwassers geforscht hatte, als die Politik dieses Thema noch nicht entdeckt hatte – steigerte sich bei seinem Botulismus Vortrag immer ein wenig ins Melodramatische. So ähnlich wie ➱Charles Dickens auf seinen Vortragsreisen, der nicht glücklich war, wenn bei der Mordszene aus Oliver Twist nicht in den ersten Reihen einige Damen ohnmächtig wurden. Willi Klevenhusens rhetorischer Erfolg war, dass die Schüler zu Hause den Bohnensalat verschmähten.

Aber die Gefahren sind natürlich da, wie wir hier an diesem Botulismus Opfer sehen können. Dies ist ein Bild aus dem Tatort Feierstunde, den uns die ARD am letzten Sonntag bescherte. Wir sind in Münster, einer der kriminellsten Städte Deutschlands, nicht nur wegen der anarchistischen Radfahrer. Dass Münster kriminell ist, das wissen wir aus Wilsberg und den Tatort Sendungen mit Boerne und Thiel. Es gibt ja Städte, die für das Verbrechen geschaffen scheinen. Wie ➱Oxford (Oxford [ist] die ideale Brutstätte für Mordgedankenund ➱Midsomer. Oder eben Münster.

Für diesen neuen Tatort vom Sonntag brauchen wir einen verrückten Professor. Wie diesen Herrn hier. Der hat sich im letzten halben Jahr im Darknet so viele Waffen verschafft, dass er eine halbe Infanteriekompanie damit ausrüsten könnte. Weil er seinen Kollegen Boerne umbringen will: Ich schieße ihn vor allen Leuten in sein kleines selbstgerechtes Herz. Ich will ihn krepieren sehen, sein Ego, seine Hybris, seine Eitelkeit. Das mit den Waffenkäufen ist natürlich niemandem aufgefallen. Und seine Psychiaterin findet die Waffenkäufe auch nicht bedenklich. Im erzkatholischen Münster ist so etwas offensichtlich üblich. In Oxford oder Midsomer würde das auffallen.

Nun kommt es leider zu unschönen Szenen. Hier bedroht unser verrückter Professor (der gar kein richtiger Professor, sondern nur ein Juniorprofessor ist) gerade den Dekan seiner Fakultät. Das tut man nicht unter Akademikern. Einen Dekan redet man mit Spectabilis an, aber hält ihm keine Pistole an den Kopf. Der verrückte Professor hat ja eine lange Tradition in der populären Kultur, von Doktor Victor Frankenstein bis zu Dr Emmett „Doc“ Brown.

Nicht immer tritt der mad scientist so auf. Man erkennt den verrückten Professor nicht gleich, vor allem, wenn er wie Professor Götz im Tatort Feierstunde ständig therapiert wird. Allerdings hat die Sache hier einen kleinen Haken, denn die Therapeutin ist auch komplett verrückt. Und will ebenso wie ihr Patient den guten Professor Boerne unter die Erde bringen. Und an dieser Stelle bietet sich das gute alte Botox an. Damit hat sie mit tödlichen Folgen mal experimentiert, bis sie von der Uni flog.

Botox wird normalerweise von Schönheitschirurgen für die kurzzeitige Verschönerung von Filmstars und Filmsternchen verwendet. Wie zum Beispiel dieser Dame. Die, ich wiederhole das noch einmal, nicht mit ➱Donald Trump verwandt ist. Botox ist – wie der schlecht gewordene Bohnensalat – ein tödliches Zeug. Das der arme Boerne jetzt intus hat, weil sein Intimfeind es in die Partyhäppchen injiziert hat. Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, daß ein Ding kein Gift sei, sagt Paracelsus.

Ich nehme an, dass Drehbuchautor und Regisseur auch ganz viel von diesem Nervengift in sich gehabt haben, als sie diesen Schwachsinn produzierten. Der Spiegel urteilte: Der gesellschaftspolitische Auftrag: Keiner vorhanden. Zwar wird hier – von ALS und Sterbehilfe bis Darknet und Amoklauf – reichlich öffentlich-rechtlicher Debattenstoff verwurstet, aber lediglich als Erzählgimmicks für eine Thrillergroteske. Statt aufklärerischem Gestus gibt es nur kranken Humor, als Talkshowfutter taugt das nicht. Ich habe übrigens bei diesem Schwachsinn in aller Ruhe acht Hemden gebügelt.

Am Ende des Tatorts ist Boerne tot. Gottseidank, möchte man ausrufen. Aber er ist nicht wirklich tot, dann wäre der 30. Tatort aus Münster ja der letzte gewesen, und die Münsteraner Tatorte sind die beliebtesten in Deutschland. Boerne und Thiel bekommen pro Tatort 120.000 Euro. Jeder. Jetzt wollen sie das Doppelte. Da kann man mal sehen, was der Genuss von Botox anstellt. Der gute Boerne wird nicht auf das viele Geld verzichten, er hat sich ja nur tot gestellt. Pathologen wissen, wie man so etwas macht. Und deshalb verzichtet die Psychotherapeutin, ihn zu erschießen, so wie sie gerade den Juniorprofessor erschossen hat. Mitten ins Herz. Just, als der die Sinnlosigkeit seines Tuns einsah. Seit ➱Rudyard Kipling wissen wir: the female of the species is more deadly than the male. 

Diesen Herrn konnte man am Sonntag auch sehen. Er war aber nicht im Tatort, obgleich er mit dem Gesicht und seinem miesen Charakter prima einen Verbrecher spielen könnte. Caesare Lombroso hätte seine Freude an ihm gehabt. Er hat am Sonntag auch gemeuchelt, nicht mit der pumpgun oder Botox, nur mit dem Telephon. Und hat später, von Reportern bedrängt, den wunderbar schwachsinnigen Satz gesagt: Ich bin nicht für die Außendarstellung verantwortlich. Es wird Bruno Labbadia sicher trösten, dass Dietmar Beiersdorfer vor Jahren in einem Gespräch mit Chrismon gesagt hat: Ja. Demut ist ein Führungsprinzip. Ich möchte nach außen wie nach innen in den Club hinein derjenige sein, der geerdet ist, der sich zurücknimmt, der versucht, allen mit Toleranz zu begegnen. Ich verstehe unter Demut, jeden Menschen so zu achten und so zu behandeln, wie ich auch gern behandelt werden möchte.

Um Demut ging es in dem Krimi Feierstunde auch, der arrogante Boerne sollte ein besserer Mensch werden. Dies ist die Münsteraner Version einer griechischen Tragödie, hier geht es um ➱Katharsis. Für den Regisseur Lars Jessen war der Film über weite Strecken ein Kammerspiel. Glücklicherweise hat er nur von Kammerspiel geredet und es nicht gewagt, seinen Zelluloidschrott zu einer Art Huis Clos zu stilisieren. Diese drei Akademiker knobeln gerade aus, wer dem Professor Boerne zu einem schnelleren Tod verhelfen soll. Gott schuf den Professor, aber der Teufel die Kollegen. Oder, um bei Sartre zu bleiben: l‘ enfer c’est les autres.

Ist jemand für die Außendarstellung der ARD verantwortlich? Könnte dieser Lutz Marmor, der mehr als 300.000 Euro im Jahr verdient, nicht mal dafür sorgen, dass solcher Schwachsinn wie der Tatort Feierstunde gar nicht erst produziert wird? Nein, das kann er nicht. Weil er schon den ➱Til Schweiger Tatort ganz toll fand. Da hat er nicht daran gedacht, dass da im Gesetz steht, das für die ARD gilt: Gewalt darf nicht verharmlost oder verherrlicht werden. In dem Zusammenhang muss ich sagen, dass ich in dem Post zu ➱Frank Finlay geschrieben habe: Man finanziert diesem grenzdebilen Til Schweiger seinen Zelludloidschrott Tschiller: Off Duty (ein krachender Action-Film, der richtig viel Spaß macht, so der NDR). Das darf man über Deutschlands beliebtesten Schauspieler nicht sagen, der hat Abitur. Es ist einem damals bei Manta, Manta nicht aufgefallen. Hat der Juniorprofessor Götz die Til Schweiger Tatorte gesehen? Hätte er sich auch für die Beseitigung von Boerne eine Panzerfaust im Darknet bestellen sollen?

Es ist Til Schweiger nicht gelungen, dass die ARD den Vorspann für den Tatort aufgegeben hat. Das hätte er gerne gehabt. Der Vorspann ist das einzige, was die Tatort Sendungen noch eint, vom ➱Usambaraveilchen bis zur Feierstunde. Ich habe das Usambaraveilchen erwähnt, weil hier Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (gespielt von Gustl Bayrhammer) seinen letzten Fall hatte. Bayrhammer hat dann bei seinem Abgang so nett gesagt: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr.

Beinahe jeden Tag gibt es Kochshows im deutschen Fernsehen. Wenn Clemens Wilmenrod das noch erlebt hätte! Jeden Tag neue Gerichte, von belgischer Moppelkotze bis zum Avocado Papaya Salat. Doch selten bereiten die Fernsehköche einen guten Bohnensalat zu. Die Fernsehsender tischen uns noch etwas anderes auf: jeden Tag kann man quer durch die Sender 19 Stunden Krimis sehen, mindestens 50 Krimis gibt es jede Woche. Ist unsere Gesellschaft kriminell?

Gibt es überhaupt Beziehungen zwischen Krimi und Gesellschaft? Siegfried Kracauer war der Meinung, dass man die Filme einer Nation als eine Art Psychogramm der Gesellschaft sehen kann. Sein From Caligari to Hitler (➱hier im Volltext) ist ein überzeugendes Buch. Doch wir möchten lieber nicht daran denken, was dabei herauskäme, wenn man alle deutschen Krimiserien (➱hier eine Liste von dem, was da so gesendet wird) auf ihren ideologischen Gehalt untersuchen würde. Die Krimiserien sind fiktive Geschichten, dies sind nicht die Stahlnetz Filme von Jürgen Roland, die auf wahren Begebenheiten basierten. Und auch die meisten Kriminalromane, deren illegitime Kinder die Fernsehkrimis ja sind, haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Sagt auch eine Romanfigur in ➱Michael Innes‚ Roman Lament of a MakerI have always felt a curious attraction in romances of detection—a species of popular fiction which bears much the same relation to the world of actual crime as does pastoral poetry to the realities of rural economy.

Es juckt mich ja ein wenig in den Fingern, zu dem Thema etwas zu schreiben, vielleicht fange ich irgendwann mal mit den deutschen Regionalkrimis an. Zum Beispiel dem Polizeiruf 110, dem Tatort Pendant der DDR. Ich würde mir die Folgen aus Schwerin mit Kurt Böwe und Uwe Steimle nehmen. Und natürlich München Mord oder Kluftinger. Die ➱Nachtschicht nicht zu vergessen, wahrscheinlich das Beste, das hierzulande produziert wird. Diese drei Damen hier sind nicht auf deutschen Straßen unterwegs. Sie sind die Hauptdarstellerinnen der englischen Serie ➱No Offense, hundert Mal besser als der Tatort Feierstunde.

Der deutsche Tatort ist hier schon in den Posts ➱Tatort und ➱Tatorte ein Thema gewesen. Sie könnten auch noch diese Posts lesen: Sjöwall WahlööHenning MankellInspector LewisEndeavourInspector GentlyGiftmordDerrick

Der Tatort Feierstunde ist noch zwei Tage in der ➱Mediathek, aber erst ab 20.00, weil der Film nicht jugendfrei ist.

Tatorte

29/11/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Heute vor fünfundvierzig Jahren wurde die erste Folge einer neuen Krimireihe ausgestrahlt, die Tatort hieß. Damals war das eine aufregende Sache, es gab noch nicht diese Schwemme von Krimis im Fernsehen wie heute. Wo man jeden Tag mindestens ein halbes Dutzend Krimis sehen kann. Von der Sendung Stahlnetz (Drehbücher von Wolfgang Menge, Regie Jürgen Roland) gab es 22 Folgen in zehn Jahren. Langsam und betulich. Keine Schießereien, keine Blutbäder. Alles in schwarz-weiß. Mit dem ersten Tatort kam Farbe in das deutsche Krimileben.

Und es kam ein wiedererkennbarer Vorspann, der bis heute nicht geändert wurde. Lediglich ein gewisser Til Schweiger, gerade als Hauptkommissar bei der Hamburger Mordkommission eingestellt, ließ über den Vorspann verlauten: Den würde ich gerne ändern. Also das finde ich irgendwie dämlich. Den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated. Und da werde ich für kämpfen, dass bei meinem ersten „Tatort“ ein anderer Vorspann läuft. Die Betonung liegt auf dem Wort kämpfen, Til Schweiger kämpft immer.

Das vierzigste Jubiläum des Tatorts ist mir nicht entgangen, ich schrieb heute vor fünf Jahren den Post ➱Tatort. In einem Jahr wird es wieder einen Tatort geben (den tausendsten), der Taxi nach Leipzig heißt, aber ich glaube nicht, dass ich darüber schreiben werde. Heute vor einer Woche wurde der Tatort Der große Schmerz von der ARD abgesetzt. Es war ein Tatort mit Til Schweiger (und Helene Fischer), der der erste Teil eines Dreiteilers war. Auch wenn Walter Richter, der den Hamburger Hauptkommissar Trimmel in dem Tatort Taxi nach Leipzig (➱hier ganz zu sehen) spielt, hier mit einer Pistole bedroht wird, spielen Waffen in diesem Tatort eigentlich keine Rolle.

Das ist in Der große Schmerz etwas anders. Auch hier sehen wir einen Hamburger Hauptkommissar, aber wie hat er sich verändert. ➱Lederjacke statt Anzug. Und Pistole statt Zigarre. Von der Pistole wird Nick Tschiller alias Til Schweiger auch Gebrauch machen. Da können wir sicher sein. Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben, hat Tschechow gesagt. In seinem ersten Tatort Willkommen in Hamburg (damals der teuerste Tatort aller Zeiten) gab es sieben Leichen, ein Jahr später in Kopfgeld schon neunzehn Leichen. Und teurer war der Tatort auch. Wahrscheinlich werden hier die Gagen nach dem Bodycount Prinzip gezahlt.

Das war aber noch nicht genug, in dem wegen der Ereignisse in Paris nicht gesendeten Tatort Der große Schmerz gab es siebenundvierzig Tote. Helene Fischer spielt darin eine Killerin – uns bleibt nichts erspart. Die Produzenten waren wahrscheinlich traurig, dass der Filmtitel Leichen pflastern seinen Weg schon vergeben war. Siebenundvierzig (oder waren es fünfzig) Tote gab es auch schon in dem Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur. Dafür gab es den Grimme Preis. Weshalb man für so etwas den Grimme Preis bekommt, weiß ich wirklich nicht. Vielleicht ist es doch keine so dolle Sache, auf der ➱Vorschlagsliste für den Grimme Preis zu stehen.

Nach Willkommen in Hamburg sagte der NDR Intendant Lutz Marmor (der jetzt auch der Vorsitzende der ARD ist) auf die Frage des Hamburger Abendblatts, ob ihm der Til Schweiger Tatort gefallen hätte: Ich fand ihn gelungen. Dass so viele Menschen zugesehen haben, insbesondere auch Jüngere, hat mich sehr gefreut. Auch ein Erfolgsformat wie der ‚Tatort‘ braucht mal einen neuen Impuls. Deshalb haben wir bei diesem „Tatort“ bewusst auf Action und einen Star wie Til Schweiger gesetzt, der sonst nicht in TV-Produktionen zu sehen ist. Lutz Marmor verdient 291.000 Euro. Er beweist damit wieder einmal, dass die Gehälter der Intendanten heutzutage in einem umgekehrten Verhältnis zur Qualität des Senders stehen. Die Formel stimmt nicht immer, zwar bekommt Tom Buhrow als Intendant des Westdeutschen Rundfunks 367.232 Euro im Jahr, aber das Programm des WDR ist auch besser.

Wenn man sich über diese Gehälter aufregt, dann sollte man einmal einen Blick auf die Gehälter der Kommissare im Fernsehen werfen. Die werden nämlich von den Sendeanstalten nicht wie bei der Polizei nach A12 besoldet (eine Besoldungsgruppe unter dem Studienrat), sondern bekommen, wenn sie einen großen Namen haben, so etwas wie 100.000 bis 120.000 Euro pro Folge. Til Schweiger bekommt mehr, man nimmt an, dass er 300.000 Euro pro Tatort erhält. Und bekommt vom NDR noch einen Rentenvertrag. Auf die Frage von Spiegel OnlineUm noch mal auf Til Schweiger zurückzukommen: Es soll ja nur eine ‚Tatort‘-Folge pro Jahr mit ihm geben. Hat man sein Engagement eigentlich auf eine bestimmte Zeit begrenzt? antwortete Christian GranderathEinen Gehirntumor, wie ihn Ulrich Tukur für seine Rolle im hessischen „Tatort“ als Ausstiegsmöglichkeit mit sich herumträgt, werden wir Schweiger ganz bestimmt nicht andichten. Falls er ein biblisches Alter wie Jopie Heesters erreicht, kann er gerne auch noch im Jahr 2068 in Hamburg ermitteln.


Für den Drehbuchautor Christoph Darnstädt, dessen Mutter Kinderbücher schrieb, ist Til Schweiger ein Held. Der Mediendienst Teleschau urteilte über Der große SchmerzFür Männer mit überdurchschnittlich hohem Testosteronspiegel und postpubertären Gewaltfantasien ist das alles ganz fraglos ein Fest. Alle anderen schalten besser beizeiten das Hirn aus. Und das Fernsehen gar nicht erst an. Allerdings ist das alles mit dem Geld der Hörer bezahlt worden, und man wagt es überhaupt nicht, das Wort vom Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender auszusprechen. Vom Volk bezahlte Verblödung betitelte vor Jahren Jens Jessen seinen ➱Artikel in der Zeit.

Aus Respekt vor den Opfern der grausamen Anschläge von Paris haben wir die Premiere der ‚Tatorte‘ mit Til Schweiger auf das kommende Jahr geschoben, sagte der NDR Programmdirektor Fernsehen Frank Beckmann. Es passt einfach nicht in diese Wochen, eine Krimireihe zu zeigen, in der es auch um einen terroristischen Angriff geht. Und statt jetzt einfach mal sein großes Maul zu halten, musste Til Schweiger wenig später dem Stern sagen: Die Terror-Anschläge in Paris haben mich unglaublich wütend, traurig und fassungslos gemacht. Ich finde aber, wir sollten uns nicht von Terroristen diktieren lassen, wie wir leben sollen, uns nicht unsere Freiheit rauben lassen, und dazu gehört auch die, was wir im Fernsehen zeigen.

In Taxi nach Leipzig gab es keine Schießereien, es gab nur die traurige Geschichte von einem toten Kind. Die Vorlage von Taxi nach Leipzig war ein Roman von Friedhelm Werremeier, der zuerst in der Krimireihe von Richard K. Flesch bei Rowohlt erschienen war (zuerst noch unter Werremeiers Pseudonym Jacob Wittenburg). Den Hauptkommissar Trimmel hatte der NDR schon einmal auf den Bildschirm gebracht, der ➱Fernsehfilm hieß Exklusiv! (nach dem Roman Ich verkaufe mich exklusiv von Friedhelm Werremeier aus dem Jahr 1968).  Die Erstausstrahlung des Films fand am 26. Oktober 1969 in der ARD statt. Exklusiv! wurde nachträglich in die Tatort Serie eingereiht und als Folge 9 der Reihe im Juli 1971 ausgestrahlt. In Exklusiv! trägt Kommissar Trimmel schon sein blaues Hemd, das ihn mit diesem Gangsterlook ein wenig wie Jean Gabin in Pépé le Moko aussehen lässt.

Taxi nach Leipzig war eine Romanverfilmung. Das ist außer Mode gekommen (die Kluftinger Krimis haben keinen Platz im Tatort bekommen), heute hat man Drehbuchautoren. Einen habe ich mal kennengelernt. Ich sah den weißen TR4, den mein Bruder gerade verkauft hatte, immer bei meinem Bierhändler stehen. Als ich das meinem Bruder sagte, brachte er mit einen großen Karton mit Ersatzteilen und das Owner’s Manual und sagte mir, ich solle das mal dem neuen Besitzer bringen. Der Bierhändler wusste, wo der Mann wohnte. Leider wohnte der im vierten Stock, der Karton mit den Ersatzteilen war sehr schwer. Wir hatten dann aber einen netten Nachmittag. Er hatte gerade sein zweites Tatort Drehbuch an die ARD verkauft und hatte sich diesen TR4 gegönnt, den auch Catherine Deneuve in Polanskis Ekel fährt (und den auch die englische Polizei einmal als Dienstwagen einsetzte). Damals kannte ihn noch niemand, heute ist er groß im Geschäft.

Und da wir gerade bei Automobilen sind: in den deutschen Tatorten gibt es wenig Exotisches. Trimmel fährt einen Ford Taunus, das passt zu ihm. Exotischer ist da schon der weiße Porsche 356 C, den der Zollfahnder Kressin fährt. Aber der ist wahrscheinlich nur ausgeliehen. Ulrich Tukur fährt mal einen ➱Ro80, doch da hört es auch schon auf.

So schöne Autos wie Columbo (Peugeot 403 Cabriolet) oder ➱Morse (Jaguar) haben sie alle nicht, nur wenn sie sich mal was aus der Asservatenkammer leihen. Es wäre schön wenn man Til Schweiger einen Opel Manta als Dienstwagen gegeben hätte, denn in dem Film Manta, Manta, da war er ganz er selbst. In der Fernsehwerbung macht Schweiger ➱Autos kaputt. Er ist der Nachfolger von Dieter Bohlen als Gesicht der VHV Versicherung.

Alle Schauspieler in Taxi nach Leipzig kamen vom Theater (auch Günther Lamprecht, der in einer Nebenrolle als Vopo gleich am Anfang des Films zu sehen ist). Walter Richter war Staatsschauspieler und Kammerschauspieler in München. Hans Peter Hallwachs kannte ich noch von der Bühne in Bremen zu Zadeks Zeiten, mein witziges Erlebnis mit Hallwachs und Bruno Ganz bei der Hamlet Aufführung habe ich schon in den Post ➱Richard Lester hineingeschrieben

Und dann war da noch Renate Schroeter, für die schwärmte ich damals sowieso. Es ist sicher etwas anderes, wenn richtige Schauspieler von der Bühne in einem Fernsehfilm auftreten, statt der üblichen bekannten Seriendarsteller, die nur im Fernsehen groß geworden sind. Taxi nach Leipzig war der erste Film des studierten Juristen Peter Schulze-Rohr, der zuvor Chefdramaturg beim Südwestfunk und Redakteur und Regisseur beim NDR gewesen war. Dies war solides deutsches Handwerk, ohne Blutbad und Leichen. Aber so sind die Filme der Serie Tatort leider nicht geblieben.

Ist der Krimi ein Psychogramm der Gesellschaft? Siegfried Kracauer hat es mit seinem Buch From Caligari to Hitler: A Psychological History of the German Film vorgemacht, dass man Filme so lesen kann. Es wäre eine interessante Sache, einmal die Tatort Folgen aus den letzten 45 Jahre auf ihre transportierte Ideologie, ihre Darstellung der Gesellschaft und ihre Helden zu untersuchen. In Taxi nach Leizig konnte man ein Deutschland von 1970 durchaus wieder erkennen, wenn man so will, sogar zwei Deutschlands.

Nicht jedes Drehbuch, jede Geschichte, jedes Thema ist gleich gut oder reizt einen. Aber wenn man den Tatort mit anderen Serien vergleicht, ist er immer noch deutlich realistischer, vielfältiger und politischer. Ob Kindesmissbrauch, Asylrecht, Kriegseinsatz in Afghanistan, der Umgang mit Neuen Medien, die alternde Gesellschaft oder Fußball – was politisch relevant ist, kommt auch vor. Und zwar nicht nur in den schicken Münchener Gegenden, die man von Derrick kennt sondern in Ludwigshafen am Rhein, in Münster, Kiel, Berlin oder München. Das ist schon ziemlich konkurrenzlos. Der Mann, der hier über die Sendung Tatort redet, ist kein Intendant oder Programmdirektor. Er ist Politiker und ist sehr, sehr stolz auf seine Sammlung von Tatort Sendungen, er hat sie alle. Ansonsten sind seine intellektuellen Interessen eher gering. Er ist einer von uns.

Tatort Sendungen sind natürlich nicht die Realität, die Reihe ist ein Kunstprodukt mit eigenen Regeln. Wie Detektivromane. In ihrem Buch The Long Week-End haben Robert Graves und Alan Hodge (der Ghostwriter von Winston Churchill) den wunderbaren Satz Detective novels, however, were no more intended to be judged by realistic standards than one would judge Watteau’s shepherds and shepherdesses in terms of contemporary sheep-farming mit leichter Hand dahingeworfen. Auch der Tatort hat nicht mit der wirklichen Polizeiarbeit und dem wirklichen Verbrechen zu tun, wenn Sie den ➱Artikel Der Fall ‚Tatort‘ von Sabine Rückert lesen, wissen Sie alles darüber.

Tatort: ein Kunstprodukt mit eigenen Regeln. Wir können auch den Begriff des Genres ins Spiel bringen. Und den schönen Satz von Raymond Chandler zitieren: To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment. Das wäre es doch – den Tatort als Form akzeptieren wie er ist und ihn filmisch und schauspielerisch besser zu machen. Denn das Genre hat sich totgelaufen. Oder wie Gustl Bayrhammer (der den Hauptkommissar Veigl spielte) bei seinem Abgang so treffend sagte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr. Doch Qualität wollen die Intendanten und Programmdirektoren nicht, sie setzen lieber auf den Genremix (ich habe darüber schon böse Worte in dem Post ➱Inspector Gently gesagt), die ➱Hybridisierung des Genres.

Das Fernsehen mit seinen zu hoch bezahlten Intendanten setzt auf Quote, und Quote macht man nicht, wenn man Qualitätsfernsehen macht. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass der Bruce Willis Verschnitt Til Schweiger noch 2068 ermittelt, aber vorerst bringt er Quote. Wegen der vielen Leichen. Da greift ein Kommissar schon mal zur Panzerfaust, der typischen Dienstwaffe von Hamburger Hauptkommissaren, damit das mit dem Bodycount in den Programmzeitschriften auch stimmt.

Die Rachetragödien des elisabethanischen und jakobäischen Zeitalters brachten sicher auch Zuschauer. Sie kommen in den letzten Jahren vermehrt auf englische Bühnen (Although it is four centuries since revenge tragedies like this first appeared on stage, they have lost little of their charge. And it seems we can’t get enough of them, schrieb der Guardian). Und kommen im Film besonders gut rüber, wenn man sie noch mit einer nackten ➱Charlotte Rampling (in Addio, fratello crudele, einer italienischen Verstümmelung von ‚Tis Pity She’s a Whore) garnieren kann. Der englische Regisseur Declan Donnellan, der zahlreiche dieser Stücke inzeniert hat (auch ‚Tis Pity She’s a Whore), sagte dazu: A really good horror reminds you that you’re not just the victim; you’re also the monster. Psycho is a great film because of the very subtle shifts of identification. You’re not just the woman who is murdered in the shower, you’re also the murderer. It’s entertainment at the deepest level.

Die Schamfrist der ARD, der Respekt vor den Opfern der grausamen Anschläge von Paris, geht im Januar zu Ende. Dann kann man die ersten beiden Teile von Til Schweigers Gemetzel sehen. Und wer es bis dahin nicht aushält, der kann sich ja all die Snuff, Gore und Slasher Filme ansehen, die das Internet zu bieten hat. Wir sollten uns nicht von Terroristen diktieren lassen, wie wir leben sollen, uns nicht unsere Freiheit rauben lassen, und dazu gehört auch die, was wir im Fernsehen zeigen. ➱Goya hat gesagt El sueño de la razón produce monstruos, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Spectre

05/11/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

A spectre is haunting Europe. Mit diesen Worten beginnt Karl Marx sein Kommunistisches Manifest. Auf jeden Fall in der englischen Ausgabe. Das Gespenst, das jetzt in Europa umgeht, konnte er noch nicht kennen. Es heißt auch spectre, hat aber nix mit dem Kommunismus zu tun. Was ist das nur wieder für ein Rummel! Wir streichen mal eben das Wort Rummel und sagen Hype. Hype klingt immer modern, so richtig with it. Wie die Slimline Anzüge, die Daniel Craig trägt. Die kommen von Tom Ford. Nicht mehr von Anthony Sinclair, wie die Anzüge Sean Connerys. Immerhin kommen die Schuhe noch aus England, von Crockett und Jones. Kann man nichts gegen sagen, aber wenn man wirklich Maßstäbe setzen wollte, dann sollten die Schuhe schon von Gaziano & Girling oder Edward Green kommen. Und die Anzüge auf keinen Fall von Tom Ford. Ian Fleming trug Maßschuhe von Peal (lesen Sie ➱hier mehr), aber an den Stil kommt man nicht wieder heran.

Sie merken schon, wohin die letzten Sätze führen: das Ganze ist wieder ein Fall für das product placement, ein gigantischer Werbespot (wie schon der Film ➱Kingsman). Selbst der Herrenausstatter Kelly’s in der Dänischen Straße hat sein Schaufenster mit solchen Bildern verziert, sieht aus wie Halloween, soll aber eine Assoziation zu Spectre sein. James Bond hat sich von einem Londoner Gentleman, einem Clubland Hero, zu einer Comic Strip Figur gewandelt. Der Literaturwissenschaftler Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism die Literaturform der romance so definiert:

The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form… At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Soll ich die letzten Sätze wiederholen? Und vielleicht noch fett setzen?

Die Formel der James Bond Geschichten ist sehr einfach, ➱Strukturalisten brauchen nur einen kleinen Teil der Wandtafel, um sie aufzuzeichnen. Das, was Roland Barthes hier zeigt, ist zwar nicht die Formel, aber viel länger wäre sie auch nicht. Es ist übrigens eine Formel, die man auch auf Beowulf und Asterix und Obelix anwenden kann: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form. Am Anfang die heile Welt, dann die Störung der Ordnung, man braucht einen Retter. Der Beste der Besten wird zu seinem König (zu seinem Geheimdienstchef oder seinem Druiden) gerufen. Er bekommt einen Auftrag. Und hat ein Abenteuer nach dem anderen. Mit Drachen, mit Römern, mit Dr No. Und mit schönen Frauen (es ist viel Erotik in ➱Sir Gawain and the Green Knight). Am Ende ist das Böse besiegt, man feiert in Camelot, im Londoner Club oder in einem kleinen gallischen Dorf (mit dem Verzehr von sangliers). Mit einfachen Strukturen kann man Leser und Zuschauer begeistern. Mit einer einfachen Ideologie, die aus der Zeit des Kalten Kriegs stammt, auch.

Vor über vierzig Jahren machte man sich an der Uni in der Englischen Philologie zum Außenseiter, wenn man über James Bond schrieb. Damals hielt sich die 007 Hysterie ja glücklicherweise noch halbwegs in Grenzen. Die Wiederbelebung von James Bond, den wir als Sean Connery kannten, durch Roger Moore hatte gerade stattgefunden. Aber mit dem Rolls Royce Vertreter ➱George Lazenby und The Saint Roger Moore war Bond sowieso tot. Jetzt kam das Jahrzehnt der Quarzuhren und des schlechten Geschmacks. Und der schlechten Bond Filme.

Doch die Filmindustrie beweist uns, dass man selbst mit dem flogging a dead horse immer noch glänzende Geschäfte machen kann. Die Familie ➱Broccoli besitzt mit den Rechten an den Romanen eine Maschine zum Gelddrucken. War man in den siebziger Jahren ein Außenseiter, wenn man über Bond (und seine vielen literarischen Kollegen und Vorläufer) schrieb, dann ist man heute ein Außenseiter, wenn man nicht über James Bond schreibt. Wie ich.

Alles muss in den Bond Filmen sensationeller sein als vorher: die Produktionskosten höher, die Autos schneller, die Frauen schöner, die Bösewichte böser. Diesmal kommt der Bösewicht aus Östereich und heißt Ernst Stavro Blofeld. Den ➱Namen hatte er schon mal, wir haben Donald Pleasance (und all die anderen Blofelds) nicht vergessen. Diese ganzen master criminals gehen einem ja langsam auf den Keks.

Arthur Conan Doyle hätte gut daran getan, Dr Moriarty (dessen Modell vielleicht ein gewisser Adam Worth war) in den Reichenbachfällen sterben zu lassen. Aber das Böse ist immer und überall, und so sind die Bösewichte heute in beinahe jeder TV Serie zu finden. Von Red John in The Mentalist bis zu den Bösewichten in Navy CIS, das ist schon etwas abgeschmackt. Als sie noch Dr Fu Manchu (die gelbe Gefahr), Carl Peterson (der Gegenspieler von Bulldog Drummond) oder Fantomas (der von dem Regisseur Louis de Feuillade zwischen 1908 und 1925 fünfhundertundzwei Mal auf die Leinwand gebracht wurde) hießen, waren master criminals irgendwie etwas Besonderes, heute sind die Nachfahren des ➱gothic villain eigentlich nur noch komisch. Und deplaziert.

August Gottlieb Meißner, der die Kriminal-Geschichte in der Literatur begründete (und die Leser dazu brachte, sich dem Verbrecher zuzuwenden), hat da etwas zu verantworten. Er hatte für seine Geschichten aber bessere Titel als dies simple Spectre. Unübertroffen bleibt sein Titel Blutschänder, Feuerleger und Mörder zugleich, den Gesetzen nach, und doch ein Jüngling von edler Seele. Wenn Sie mehr über die Geburtsstunde des Verbrechers in der Literatur wissen wollen, kann ich den langen Aufsatz von Marianne Willems ➱hier empfehlen.

Der Krimiautor R. Austin Freeman hat die Welt von James Bond nicht mehr kennengelernt, aber was er 1924 in seinem ➱Artikel The Art of the Detective Story über den Verfall der Gattung sagte, das kann man leicht heute auf das beziehen, was aus Flemings James Bond geworden ist: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents – tragic, horrible, even repulsive – form the actual theme, and the quality aimed at is horror – crude and pungent sensationalism. Here the writer’s object is to make the reader’s flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:


I shoot the hippopotamus 

with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones 

his hide is sure to flatten ‚em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader’s mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.

Ich stelle hier heute (in etwas überarbeiteter Form) noch einmal etwas hin, was ich am fünfzigsten Jahrestag des Kinostarts von Goldfinger geschrieben habe. Etwas Besseres fällt mir zum deutschen Kinostart von Spectre eh nicht ein. Außer dem Hinweis, dass James Bond in sechs Tagen fünfundneunzig Jahre alt wird. Nie war der Satz von Northrop Frye the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness so wahr wie heute.


Goldfinger, he’s the man
The man with the midas touch
A spider’s touch
Such a cold finger
Beckons you to enter his web of sin
But don’t go in

Heute wohnen viele so, aber wenn man in der Willow Road im feinen Hampstead wohnt, dann hasst man es, dass da alte Backsteinhäuser abgerissen werden, um einem solchen Neubau zu weichen. In den fünfziger Jahren baute jeder so, aber dieses Haus, wurde schon 1939 gebaut. Von einem zugezogenen Ungarn namens Ernő Goldfinger, der heute aus unerfindlichen Gründen als Englands bedeutendster Vertreter der Moderne gilt. Seine Bauten mochte niemand leiden (sogar ein Vorkämpfer der Moderne wie ➱Sir Nikolaus Pevsner äußert sich sehr zurückhaltend), den Menschen Ernő Goldfinger mochten noch weniger Leute leiden.

Er ist schon einmal in diesem Blog erwähnt worden. Nicht im Zusammenhang mit dem Kunsthistoriker ➱Nikolaus Pevsner oder der englischen Architektur (seine Bauten fallen unter den schönen Begriff Brutalist Architecture), sondern weil einer seiner Nachbarn in Hampstead (der ihn nicht ausstehen konnte) ihn in einen Roman hinein geschrieben hat.

In dem Post ➱Agentenmode aus dem Jahre 2010 war hier zu lesen: Den letzten Namen [Goldfinger] hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, das dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur.

Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bond meldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys ‚Goldfinger‘ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von ‚Goldfinger‘ schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger ‚Goldprick‘ zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Das Photo im oberen Absatz zeigt Ernő Goldfinger vor einem seiner Bauwerke; die Kinder, die in dem Trellick Tower Hochhaus wohnen, sehen nicht unbedingt glücklich aus. Vertical slums replaced horizontal slums, hat Harry Phibbs vom Guardian über das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bauwerk geschrieben. Die englische Presse ist nie sehr nett mit Ernő Goldfinger umgegangen, hat auch immer wieder genüsslich kolportiert, dass nach Ansicht der meisten Briten Goldfinger Selbstmord begangen habe, indem er vom Trellick Tower Hochhaus gesprungen sei. Solche urban myths halten sich lange. Der emigrierte ungarische Kommunist wird immer mit diesem Herrn verwechselt werden, den James Bond auf einem Golfplatz trifft.

Da ich gerade einen älteren Post zitiert habe, möchte ich noch etwas aus dem Post ➱Bond Girl zitieren, nämlich das schöne Gedicht von ➱Fiona Pitt-Kethley, das man gar nicht häufig genug zitieren kann. Es heißt Bond Girls (und findet sich auch in dem Post ➱Britt):

Back in my extra days, someone once swore
she’d seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was ‚a passer-by‘.)

I’ve passed the lot in Pinewood Studios.
It’s factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that’s where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind –
Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red –
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Das Bild von der vergoldeten Shirley Eaton kriegen wir nie wieder aus unseren Köpfen. Dieses Bild hätten wir gerne wieder aus unseren Köpfen. Aber es geht nicht, das Filmgedächtnis hat es schon gespeichert. Das ist Shirley Eaton in dem Film Doctor in the House, sie ist siebzehn. Aber sie hat schon begriffen, dass man mangelndes schauspielerisches Talent durch Oberweite und offene Blusenknöpfe kompensieren kann. Ein ehernes Gesetz der Filmindustrie, das natürlich auch für alle Filme mit Geheimagenten gilt.

Der junge Mann neben Shirley Eaton ist natürlich Dirk Bogarde (der ➱hier einen langen Post hat). Der, wenn er in der Spionagefilm Parodie Hot enough for June auch mal einen Geheimagenten spielen darf, jemand anderen als Shirley Eaton an seiner Seite hat. Geheimagenten brauchen nun mal Frauen, ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das Thema der Geheimagenten und ihrer Gespielinnen ist schier unerschöpflich, vielleicht komme ich eines Tages noch darauf zurück.

Natürlich wissen wir, dass die Frau in dem Roman Goldfinger den Namen Pussy Galore hat. Dazu sage ich jetzt lieber gar nichts. Sie wird ➱hier natürlich schon erwähnt. Das gleiche gilt für ➱Ursula Andress (Undress?), ➱Karin Dor und ➱Britt Ekland. Dass die Kritiker die Romanfigur James Bond zu einem sex maniac gemacht haben, sei völlig falsch, sagt der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der auch unter dem Pseudonym Robert Marham einen James Bond Roman schrieb):

Not once, in the twelve novels and eight stories, does Bond or his creator come anywhere near judging a character by his or her social standing. We hear a good deal about high living and the elegant scene at Blades Club, but that is a different matter; at worst, harmless vulgarity. The practice of fornication in itself is not enough, these days, to brand a man as a monster, but then perhaps Bond goes at it too hard, weaves a compensation-fantasy for author and reader, is on a wish-fulfilment deal and all that.

I myself could see no harm in this even if it were true, but it is not. One girl per trip, Bond’s average, is not excessive for a personable heterosexual bachelor, and his powers of performance would not rate the briefest of footnotes in Kinsey. It is true that all the girls are pretty and put up little resistance to Bond’s advances, and this may help to explain his unpopularity with those critics who find it difficult to seduce even very ugly girls. Die Passage findet sich in ➱Kingsley Amis‚ amüsantem Buch The James Bond Dossier. Einer ein klein wenig ironischen Untersuchung der Flemingschen Romanfigur.

Die ja außer ihrem Namen nichts mehr mit jenem James Bond gemein hat, der heute in aller Munde ist. Und der zur Karikatur einer Figur geworden ist, die vielleicht schon selbst eine Karikatur war. Schon der James Bond der Kritiker der sechziger Jahre hatte wenig mit dem 007 der Romane gemein: The curious momentary suspicion one feels from time to time, that the critics have somehow got hold of a completely different version of the work one has been reading, has never invaded my mind more powerfully than in the case of Ian Fleming and his critics, sagt Amis.

Und damit meinte er nicht die deutschen Kritiker, die voller Moral- und Ideologiekritik waren, sondern seine eigenen Landsleute. Wie zum Beispiel Malcolm Muggeridge, der Fleming als Etonian Mickey Spillane bezeichnete und über James Bond so nette Dinge sagte wie: In so far as one can focus on to so shadowy and unreal a character, he is utterly despicable: obsequious to his superiors, pretentious in his tastes, callous and brutal in his ways, with strong undertones of sadism, and an unspeakable cad in his relations with women, toward whom sexual appetite represents the only approach. 

Sean Connery war in den ersten Filmen noch eine erkennbare Variation des Romanhelden. Heute ist James Bond Arnold Schwarzenegger in der Verkleidung von Daniel Craig. Wie das Monster von Dr Frankenstein ist die Kunstfigur längst der Kontrolle seines Herrn entwischt. Die Stärke von Fleming liegt in seiner Detailtreue, sagt Amis. Das sagt auch ➱Fleming selbst: I try to write neatly, concisively, vividly, because I think that’s the way to write, I think that approach largely comes from my training as a fast-writing journalist under circumstances in which you damned well have to be neat, correct, concise and vivid. My journalistic training was far more valuable to me than all the English literature education I ever had. My plots are fantastic, while being often based upon truth. They go wildly beyond the probable not, I think, beyond the possible. 

To anchor my fantastic plots I employed the device of using real names of things and places. The constant use of real and familiar names and objects reassures the reader that both he and the writer have their feet on the ground in spite of being involved in a fantastic adventure. That is why I started using the technical device of referring to say, a Ronson lighter, a 41⁄2-litre Bentley with an Amherst-Villiers supercharger, the Ritz Hotel in London, the 21 Club in New York, the exact names of even the smallest details. All of this gives the reader the feeling of feasibility.

Das findet allerdings in den Augen moralisierender Kritiker keine Gnade: Diese Tatsachentreue im Kleinen schafft einen Pseudo-Realismus, der geistig unsauber ist, weil er den Anschein erweckt, auch alle Gewaltakte, Treulosigkeiten, Sexualabenteuer und kitschigen Bilder der Lebewelt müßten nach dem Leben gezeichnet sein, schreibt ein Peter Fischer im Jahre 1969. Für die Kritiker der sechziger Jahre wurde der Marineoffizier im englischen Geheimdienst zu einem Vorwand, schöne Allgemeinplätze zu produzieren: Wenn man Fleming schon reaktionär nennen will, dann nicht deswegen, weil er die Rolle des „Bösen“ mit einem Russen oder Juden besetzt. 

Er ist reaktionär, weil er exzessiv schematisiert. Schematisierung, manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant; Demokrat ist, wer die Schemata verwirft und Nuancen anerkennt, Unterscheidungen macht, Widersprüche rechtfertigt. Fleming ist reaktionär, wie im Grunde das Märchen reaktionär ist, jedes Märchen, – er ist der althergebrachte statisch-dogmatische Konservativismus der Märchen und Mythen, die eine elementare Weisheit vermitteln, die durch simples Licht- und Schattenspiel mitgeteilt wird… Wenn Fleming Faschist ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und beherrschen. So Umberto Eco in Der Fall James Bond. Dass der Spionageromane per se eine faschistoide Literaturform ist, hatte ➱Gertrude Himmelfarb für die Romane von John Buchan insinuiert, dessen Held Richard Hannay ja ein Vorläufer von James Bond ist.

Nicht viel an den James Bond Phantasien Ian Flemings war wirklich neu. Wunschfiguren, die mal eben schnell die Welt retten, hatte es schon zuvor gegeben. John Buchans Richard Hannay, Bulldog Drummond, Lemmy Caution und Hubert Bonisseur de la Bath (der Geheimagent OSS 117) waren das auch schon gewesen. Als die ersten James Bond Romane erschienen, konnte man Bond noch als eine Art cultural hero verstehen. Ein englischer Geheimagent zeigte den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, dass die Engländer immer noch das Great Game spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn man das Empire längst verloren hatte.

Ian Fleming wrote well, heißt es in dem Gedicht Bond Girls. So gut nun auch wieder nicht. Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write „novels of suspense“ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, vertraute er Raymond Chandler an. In der Welt der pillow fantasies ist die Welt immer bedroht. Muss in letzter Minute gerettet werden. Das Böse ist immer und überall, ich muss die Zeile aus Ba Ba Banküberfall wiederholen. Die Bösewichte sind natürlich keine Engländer, das ist ein Erbe der gothic novel (lesen Sie hier doch den Post ➱Gothick), wo der gothic villain auch nie aus England kommt. Sie mögen sich englisch geben wie Gert Fröbe als Auric Goldfinger, aber der ist in seiner Golfkleidung doch nur eine Karikatur eines englischen Gentleman. Und dann dieser braune Smoking! Die Bösewichte tragen in den Filmen immer seltsame Kleidung, niemals diese zeitlosen Anzüge von Anthony Sinclair wie Sean Connery. Der Kampf gegen das Böse ist in den Ausstattungsfilmen auch ein sartorialer Kampf gegen den schlechten Geschmack.

Arno Schmidt hat einmal über den viktorianischen Roman gesagt, dass da die Nebenfiguren zu Hauptfiguren werden. Ein Satz, der auch für Goldfinger gilt, der nichts ohne Honor Blackman, Harold Sakata (als Oddjob), Tania Mallet und die golddoublierte Shirley Eaton wäre. Angeblich waren die Produzenten Broccoli und Saltzman von Fröbe als Kindsmörder in Es geschah am hellichten Tage begeistert und waren deshalb auf ihn verfallen. Ich fand ihn als Naziverbrecher in ➱Alfred Andersch‘ Die Rote viel eindrucksvoller. Gert Fröbe war später noch einmal im Gespräch. Er sollte als Zwillingsbruder von Auric Goldfinger in Diamonds are Forever mitspielen, aber dann gab man den Gedanken doch auf. Ist auch besser so.

Arno Schmidt, der ja auch einen Erfolgsautor wie ➱Wilkie Collins übersetzte (und auch einen Spionageroman von Ian Flemings Bruder ➱Peter), bringt mich jetzt zu einem kleinen Exkurs. Es hat schon vor dem Auftauchen von James Bond phänomenale Erfolge von Autoren gegeben, deren Bestseller in die alltägliche Wirklichkeit hinein wirkten. Man denke nur an Wilkie Collins‘ Roman The Woman in WhiteIts success on publication was overwhelming. All throughout 1860 The Woman in White was the rage. Cloaks and bonnets, waltzes and quadrilles, were named after her; there was a Woman in White scent and even a hairbrush. Though the reviews were not altogether favourable, eminent men of letters were as delighted by the book as the reading public. Thackeray sat up all night and Mr Gladstone put off a theatre party to finish it. The Prince Consort revelled in it and recommended it to the austere Baron Stockmar, schreibt Maurice Richardson in Vorwort zu der ➱Everyman Ausgabe. All das werden wir bei Fleming eines Tages wieder haben: Mode- und Parfümindustrie und Staatsmänner (wie John F. Kennedy), die nicht aufhören können, diesen Autor zu lesen. Und schlechte Kritiken.

Die Filme retten die Romane Ian Flemings, so groß war der Erfolg der ersten Romane in England nicht. In Deutschland erst recht nicht. So hieß es beim Ullstein Verlag auf dem Buchrücken der deutschen Erstausgabe (Erstmalig in deutscher Sprache! stand vorne drauf): Casino Royale [ist] eine der harten, im amerikanischen Stil geschriebenen, abenteuerlichen Stories, mit denen der englische Autor Ian Fleming sich seinen Platz in der ersten Reihe der beliebtesten Kriminalautoren gesichert hat. Ullstein reichte den Autor übrigens wenig später wegen schlechter Verkaufszahlen an den Scherz Verlag weiter.

In der Tradition des harten amerikanischen Stils hätte sich Fleming auch gerne gesehen: I wanted my hero to be entirely an anonymous instrument and to let the action of the book carry him along. I didn’t believe in the heroic Bulldog Drummond types. I mean, rather, I didn’t believe that they could any longer exist in literature. I wanted this man more or less to follow the pattern of Raymond Chandler’s or Dashiell Hammett’s heroes—believable people, believable heroes. Aber in den sechziger Jahren waren Flemings Romane kalter Kaffee, Englands neuer Star hieß Len Deighton.

Der kam definitiv nicht aus der upper class wie Ian Fleming. Sein Held – the first anti-hero in spy fiction – hatte nicht einmal einen Namen. Harry Palmer hieß er erst in den Filmen. Ian Fleming war über The Ipcress File auf jeden Fall not amused. Er mokierte sich he could not be bothered with all [Deighton’s] kitchen sink writing and all this Nescafé. Ja, professional compliments are always pleasing, wie ➱Doc Boone in Stagecoach sagt. Andere hatten mehr Lob parat: A spy story with a difference (Observer), A master of fictional espionage (Daily Mail), The poet of the spy story… Deighton is so far in the front of other writers in the field that they are not even in sight (Sunday Times), The Ipcress File helped change the shape of the espionage thriller… the prose is still as crisp and fresh as ever… there is an infectious energy about this book which makes it a joy to read, or re-read (Daily Telegraph).

All das gilt noch immer. Ich hatte große Schwierigkeiten, nach einem halben Jahrhundert einen James Bond Roman noch einmal zu lesen. Len Deightons The Ipcress File habe ich mit Vergnügen in einem Stück gelesen. In schöner Bescheidenheit hat Deighton über seinen Debütroman gesagt: it did very well, but that was really because the critics used me as a blunt instrument to beat Ian Fleming over the head. Und Harry Saltzman, der Produzent von Dr NoFrom Russia with Love und Goldfinger, kaufte sofort die Filmrechte von Ipcress. Sie können den Anfang von The Ipcress File ➱hier lesen. Wenn Sie Goldfinger ganz lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Das Photo zeigt Len Deighton (in der Mitte) neben Eva Renzi bei den Dreharbeiten von Funeral in Berlin. Rechts von ihm stehen ➱Michael Caine und Paul Hubschmid. Paul Hubschmid ist der längste. Das weiß ich, weil ich am Donnerstag 27. September 1962, in der Komödie am Kurfürstendamm bei dem ersten Auftritt von ➱Juliette Gréco in Deutschland hinter ihm gesessen habe.

Die Leser von Len Deighton fanden eine Figur wie James Bond einfach lächerlich – was sie ja eigentlich auch ist. Deighton hat sich zum Thema James Bond kaum geäußert, andere Kollegen waren nicht so zurückhaltend. ➱Nicolas Freeling, ein wesentlich besserer Schriftsteller als Fleming, bezeichnete dessen Romane als a bit of elegant masturbation. Und ➱John le Carré nannte sie cultural pornography. Und äußerte sein Missfallen gegenüber der Superman figure who is ‚ennobled‘ by some sort of misty, patriotic ideas and who can commit any crime and break any law in the name of his own society. He’s a sort of licensed criminal who, in the name of false patriotism, approves of nasty crimes. So richtig das ist, muss man aber auch sagen, dass das letztlich Argumente sind, die R. Austin Freeman schon 1924 in The Art of the Detective Story vorgetragen hat. Und die zwanzig Jahre später noch einmal George Orwell in seinem ➱Essay Raffles and Miss Blandish formuliert hat.

Ähnlich wie die Literaten und Literaturwissenschaftler äußerte sich auch ➱Nina Hibbin, die im Daily Worker in ihrer Filmrezension Goldfinger—Slickest: Bond’s Latest Film Repeats the Dose Daily den Film in Grund und Boden verdammte: The cult of James Bondism ist a vicious one, a symptomatic sickness of our age…. But this is all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. The constantly lurking viciousness, and the glamorisation of violence — they are real enough…

Sie hatte Ähnliches schon zu den ersten Bond Filmen geschrieben, da hatte die jüdische Kommunistin (ohne die Ken Loach niemals hätte Kes drehen können) noch die Masse der high-brow Kritiker hinter sich. Jetzt ist die Front aufgeweicht. Leonard Mosley, der Filmkritiker des Daily Express tönte: Even for eggheads, I swear this film is worth a visit. Honor bright. My word is my Bond.

Und Roger Ebert schrieb: Of all the Bonds, ‚Goldfinger‘ (1964) is the best, and can stand as a surrogate for the others. If it is not a great film, it is a great entertainment, and contains all the elements of the Bond formula that would work again and again. Man kann die wichtigsten Positionen der Rezeption in James Chapmans seriösem und ausgewogenen Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Movies nachlesen. Er hat auch ein schönes Kapitel mit dem Titel Bondmania.

Mit den Bond Filmen rollte eine Vermarktungswelle an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Es gab bei Moeris eine 007 Armbanduhr, und es gab ein 007 Rasierwasser (so etwas wird heute noch verkauft). Selbst in Deutschland tauchten James Bond Anzüge auf. Den ersten habe ich 1965 in einem Schaufenster des Kaufhauses DeFaKa gesehen. In England heuerte die Firma ➱DAKS/Simpson den Photographen ➱Helmut Newton an. Der photographierte dann Möchtegern Geheimagenten in DAKS Anzügen für eine aufwendige Werbeaktion in den colour supplements von Sunday Times und Observer. Ian Fleming hatte sich überreden lassen, im Rahmen dieser Werbekampagne als Geheimdienstchef M photographiert zu werden. In Frankreich lief bei Dormeuil eine ähnliche Kampagne. Mit einer gewissen Berechtigung, denn ➱Dormeuil Tonik war der Stoff, den Fleming für seine Anzüge bevorzugte.

Die Anzüge von Sean Connery waren das äußerliche Symbol für die völlige Transformation eines Menschen. Die Romanfigur von Ian Fleming war (wie Fleming selbst) natürlich ein Gentleman, Sean Connery war ein schottischer Proll. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, war der Regisseur Terence Young. Wenn es einen James Bond gibt, dann ist er es. Ein Gentleman, der in Eton wie Ian Fleming – und der fiktionale Bond – gewesen war. Danach in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde gewesen. Er schleppte Connery als erstes zu seinem Schneider Anthony Sinclair. Der Rest ist Geschichte. Nie hat der Satz Kleider machen Leute so viel bedeutet wie jetzt.

Es ist erstaunlich, was man alles mit dem Namen James Bond verkaufen kann. Besonders gut gefallen hat mir dieser Werbetext:  Ein halbes Jahrhundert lang beeindruckte James Bond die Welt. Eine unantastbare Legende – von Männern verehrt, von Frauen begehrt. James Bond ist die ultimative Ikone der Männlichkeit – die vollkommene Kombination von unwiderstehlicher Kultiviertheit und kompromissloser Männlichkeit. In James Bond 007 verbinden sich all diese Charakteristika auf gefährlichste Weise zu einem kraftvollen Duft, der jene Dualität versprüht, die Bond so außergewöhnlich macht: der Mix von Kultiviertheit und Männlichkeit. James Bond 007 ist der maskuline Duft für den Bond Mann. Der Duft ist natürlich sehr exklusiv. Man kriegt ihn bei Rossmann. Bevor Sie sich das Zeuch kaufen, sollten Sie hier den Post ➱Aftershave lesen.

Etwas mehr als für das Rasierwasser, wird man für die Teile von Duponts James Bond Collection auf den Tisch legen müssen. Das Hemd von Turnbull & Asser, das Sean Connery hier trägt, kann man noch kaufen. Kostet schlappe 245 Pfund Sterling. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer mir letztens zugeflüstert hat, dass die Hemden von Turnbull & Asser nicht mehr aus der Jermyn Street, sondern aus Danzig von Emanuel Berg kommen. Da sind die Hemden bei ➱Rudolf Böll billiger. Und wahrscheinlich viel besser.

Den Smirnoff Wodka, den Bond hier trinkt, kann man natürlich auch kaufen. Aber – und das mag jetzt für viele wie ein Schock kommen – Bond Fans werden sich auf Heineken Bier umstellen müssen. Ich weiß jetzt nicht, ob die Plörre (die unfreundliche Zeitgenosse Grachtenpisse nennen) geschüttelt oder gerührt serviert wird. Die Filmfirma hat einen 28 Millionen Pfund Sterling Deal mit den Holländern gemacht, das war ein Drittel der Produktionskosten. Auf die Frage Did Fleming’s Meta-branding in the books have an impact on product placement in today’s movies and books? antwortete ➱Professor Chapman:

The answer is “Yes – and No”. The brand name products in Fleming’s books served a cultural-ideological purpose: as well as being indicators of snob value they can also be seen as reflecting the gradual emergence of Britain from a post-war culture of austerity (Casino Royale was published in 1953) to a culture of affluence. Today the ideological import of this is lost: I’ve met taxi drivers who wear Rolexes! The product placement in the films is more tied to commercial branding and has less obvious snob value: Aston Martin, yes, but Bond drinking Heineken in ‚Skyfall‘ is a mass-market rather than an exclusive product. This reflects the fact that the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader.

Ich habe noch nie einen Taxifahrer gesehen, der eine echte Rolex trug (Fahrer mit Rolex Fälschungen am Arm sieht man häufig, die kaufen die en gros beim Thailand Urlaub und verticken sie hinterher an die Kollegen), aber ich hatte schon mal eine Rolex von dem Typ, den Connery in Dr No trägt, in der Hand. Was damals übrigens die Uhr des Produzenten Albert Broccoli war. Rolex (die Firma hat ➱hier einen Post) war zu geizig, der Filmfirma ein Exemplar für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Das bereuen sie bis heute.

Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex trüge, ist seine Antwort: Omega. Die Uhr aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran (Bild). Ich will lieber nicht sagen, was mein Uhrmacher dem Typen gegeben hat, der die alte Rolex, bei der die Lünette fehlte, beim Pokern gewonnen hatte.

Inzwischen ist uns allen klar, dass man James Bond nur noch am Leben erhält, weil man die Filme für das product placement braucht. Seit der Great Gatsby ➱Verfilmung von 1974 hat die Filmindustrie diese Einnahmequelle in großem Stil entdeckt. Wer sich in der ersten kommerziellen Bond Welle solch eine potthässliche James Bond 007 Uhr von Moeris wie die da oben gekauft hat, kann heute ein gutes Geschäft damit machen. Wenn meine Mutter den dunkelblauen James Bond Anzug mit den Geheimtaschen von meinem Bruder nicht zum Roten Kreuz gegeben hätte, wäre der heute vielleicht auch noch etwas wert.

James Chapman hat mit dem Satz the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader natürlich recht. Schon vorher sagte John Adkins in The British Spy Novel in dem Kapitel Spies and the Class WarThe class issue has been one of the major concerns of British fiction this century. Die Welt Ian Flemings und seines Gentleman-Agenten bestand, um zwei Buchtitel zu zitieren, aus Snobbery with Violence (Colin Watson) und Clubland Heroes (Richard Usborne). Ian Fleming suggerierte dem Leser in seinen Romanen, er sei ein Teil der großen eleganten Welt. Aus dem Casino Royale der Romane ist (bildlich gesprochen) die Daddelhalle geworden, snobbery ist nicht mehr da, class auch nicht, dafür umso mehr violence. Die Bild Zeitung konnte vor Jahren titeln: Til Schweiger ist der „deutsche James Bond“. Darauf warten wir jetzt alle.

James Bond wurde bekanntlich am 11.11.1920 in Wattenscheid geboren. Den Film Skyfall (von dem ich letztens einen Teil im TV gesehen habe) hatte das einzige Kino von Wattenscheid nicht im Programm, da gab es die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Na ja, manche Kritiker fanden den Film auch grottenolmschlecht. James Bond nennt sich heute Daniel Craig und trägt wieder Anzüge, die wie die Anzüge von Anthony Sinclair aussehen. Er bereut es heute bitter, dass er mal den Decknamen Roger Moore verwendet und diese schrecklichen Klamotten getragen hat.

Auch der Name Pierce Brosnan, der BMW und die ➱Brioni Anzüge haben ihm nicht wirklich gefallen. Dass man ihn überredet hat, sich bei Facebook anzumelden, bereut er auch schon. Er kann seinen Ruhestand nicht wirklich genießen, immer wieder ruft M an (der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat und nicht mehr Bernard Lee, sondern Judi Dench heißt) und will etwas von ihm. England expects that every man will do his dutyDas ist das Schicksal des hero with a thousand faces, das olympische citior, altior, fortior gilt erst einmal für sie. Wenn da irgendwelche kleinwüchsigen Amerikaner auf einer mission impossibile sind und sich das gut verkauft, dann müssen sie im nächsten Film noch besser sein. Das ist der Fluch der Superhelden, die ewig leben müssen.

Die Geister, die wir gerufen haben, werden wir nicht mehr los. Der Kinostart für den neuesten James Bond Film Spectre ist für November angekündigt. Sie können sicher sein, dass ich nicht darüber schreiben werde [was soll ich jetzt dazu sagen? das war im Januar]. Die halbe Stunde, die ich von Skyfall gesehen habe, hat mir gereicht. Heute vor fünfzig Jahren hatte der Film Goldfinger seine deutsche Premiere. Ian Fleming hat die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebt.

An mir lief das (wie auch das ganze Genre ➱Fantasy) völlig vorbei. Ich habe den Film 1965 nicht gesehen. Der einzige filmische Geheimagent, den ich damals im Kino sah, hieß Lemmy Caution. Der trug wenigstens einen ➱Regenmantel, wie es sich für Geheimagenten gehört. Das taten auch Joel McCrea in Foreign Correspondent, Michael Caine in Ipcress und Richard Burton in The spy who came in from the cold. Sean Connery hatte als 007 keinen. Wenn England einen Agenten mit der Doppelnull in die Karibik oder nach Miami schickt, dann braucht der keinen Trench. Hier in Another Time, Another Place trägt Connery einen Aquascutum Kingsway, aber das ist natürlich kein James Bond Film.

Ian Fleming mag tot sein, aber der nächste James Bond Roman wird schon geschrieben (der letzte wurde von William Boyd geschrieben, er liegt bei mir noch irgendwo in der Mitte eines Bücherstapels). Von einem Mann namens Anthony Horowitz. Den kennen Sie vielleicht als Drehbuchautor von sechs Folgen von ➱Inspector Barnaby. Und – noch viel, viel besser – von 21 Folgen der ➱Serie Foyle’s War.

Horowitz hat über seinen Roman gesagt: It’s no secret that Ian Fleming’s extraordinary character has had a profound influence on my life, so when the estate approached me to write a new James Bond novel how could I possibly refuse? It’s a huge challenge – more difficult even than Sherlock Holmes in some ways – but having original, unpublished material by Fleming has been an inspiration. This is a book I had to write. Und weil es viel Geld bringt. Und wenn wir noch einen schönen Satz brauchen, wie wäre es mit dem schönen Satz: Une réception? A la bonne heure, ce sera l’occasion de porter mon smoking en alpaga. Sagt der Agent OSS 117 von Jean Bruce.

Falls Sie den Herrn hier nicht kennen sollten, das ist Barry Nelson als Jimmy Bond 1954 in Casino Royale (➱Peter Lorre war auch als Le Chiffre in dem 48 Minuten langen Film). Der ➱Smoking von Hubert Bonisseur de la Bath sitzt besser als der von Jimmy Bond (auch beim ➱Tanzen). Der mit den Worten von Macbeth zu fragen scheint: why do you dress me in borrow’d robes? So hat alles angefangen. Der Rentner in Wattenscheid ist nicht besonders stolz auf diese Verkleidung.

post scriptum: Dies stand schon im Netz, da fiel mir ein Gedichtband von Frank Schulz (dem Autor des Klassikers Kolks blonde Bräute) in die Hand, aus dem ich noch eben ein kleines Gedicht zitieren möchte:

Geschürt, nicht gerüttelt


Sein Name ist Bond,

James Bond. 

Das Girl, es ist blond,

schön blond.

Jawohl, Bond ist Schond.

Na ond?

Der Wiedergänger James Bond taucht auch in diesem Blog immer wieder auf. Wenn Ihnen nach noch mehr Bond zumute ist, dann könnten Sie auch noch lesen: MetropolisIan FlemingBachs CellosuitenSecret AgentsScotland foreverJames Bond007GoldfingerSir Thomas Sean ConneryCathy GaleBond GirlDaliah LaviBrittGeorge Spencer WatsonChristine KeelerSchmutzige LyrikJohn le CarréEric AmblerNicolas FreelingIntertextualitätKingsley AmisRitterRoyal Flying CorpsKyritz an der KnatterLaurence HarveyUli BeckerHaikuKingsmanOperation MincemeatKen AdamSiegfried SchürenbergAgentenmodeFilm und ModeEnglische Herrenschuhe (London)StilBlazerInspector Barnaby und die ModeJankerRoyal Flying CorpsAufklärungTalsperrenPlayboyGothickFantasy