Tatorte

29/11/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Heute vor fünfundvierzig Jahren wurde die erste Folge einer neuen Krimireihe ausgestrahlt, die Tatort hieß. Damals war das eine aufregende Sache, es gab noch nicht diese Schwemme von Krimis im Fernsehen wie heute. Wo man jeden Tag mindestens ein halbes Dutzend Krimis sehen kann. Von der Sendung Stahlnetz (Drehbücher von Wolfgang Menge, Regie Jürgen Roland) gab es 22 Folgen in zehn Jahren. Langsam und betulich. Keine Schießereien, keine Blutbäder. Alles in schwarz-weiß. Mit dem ersten Tatort kam Farbe in das deutsche Krimileben.

Und es kam ein wiedererkennbarer Vorspann, der bis heute nicht geändert wurde. Lediglich ein gewisser Til Schweiger, gerade als Hauptkommissar bei der Hamburger Mordkommission eingestellt, ließ über den Vorspann verlauten: Den würde ich gerne ändern. Also das finde ich irgendwie dämlich. Den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated. Und da werde ich für kämpfen, dass bei meinem ersten „Tatort“ ein anderer Vorspann läuft. Die Betonung liegt auf dem Wort kämpfen, Til Schweiger kämpft immer.

Das vierzigste Jubiläum des Tatorts ist mir nicht entgangen, ich schrieb heute vor fünf Jahren den Post ➱Tatort. In einem Jahr wird es wieder einen Tatort geben (den tausendsten), der Taxi nach Leipzig heißt, aber ich glaube nicht, dass ich darüber schreiben werde. Heute vor einer Woche wurde der Tatort Der große Schmerz von der ARD abgesetzt. Es war ein Tatort mit Til Schweiger (und Helene Fischer), der der erste Teil eines Dreiteilers war. Auch wenn Walter Richter, der den Hamburger Hauptkommissar Trimmel in dem Tatort Taxi nach Leipzig (➱hier ganz zu sehen) spielt, hier mit einer Pistole bedroht wird, spielen Waffen in diesem Tatort eigentlich keine Rolle.

Das ist in Der große Schmerz etwas anders. Auch hier sehen wir einen Hamburger Hauptkommissar, aber wie hat er sich verändert. ➱Lederjacke statt Anzug. Und Pistole statt Zigarre. Von der Pistole wird Nick Tschiller alias Til Schweiger auch Gebrauch machen. Da können wir sicher sein. Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben, hat Tschechow gesagt. In seinem ersten Tatort Willkommen in Hamburg (damals der teuerste Tatort aller Zeiten) gab es sieben Leichen, ein Jahr später in Kopfgeld schon neunzehn Leichen. Und teurer war der Tatort auch. Wahrscheinlich werden hier die Gagen nach dem Bodycount Prinzip gezahlt.

Das war aber noch nicht genug, in dem wegen der Ereignisse in Paris nicht gesendeten Tatort Der große Schmerz gab es siebenundvierzig Tote. Helene Fischer spielt darin eine Killerin – uns bleibt nichts erspart. Die Produzenten waren wahrscheinlich traurig, dass der Filmtitel Leichen pflastern seinen Weg schon vergeben war. Siebenundvierzig (oder waren es fünfzig) Tote gab es auch schon in dem Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur. Dafür gab es den Grimme Preis. Weshalb man für so etwas den Grimme Preis bekommt, weiß ich wirklich nicht. Vielleicht ist es doch keine so dolle Sache, auf der ➱Vorschlagsliste für den Grimme Preis zu stehen.

Nach Willkommen in Hamburg sagte der NDR Intendant Lutz Marmor (der jetzt auch der Vorsitzende der ARD ist) auf die Frage des Hamburger Abendblatts, ob ihm der Til Schweiger Tatort gefallen hätte: Ich fand ihn gelungen. Dass so viele Menschen zugesehen haben, insbesondere auch Jüngere, hat mich sehr gefreut. Auch ein Erfolgsformat wie der ‚Tatort‘ braucht mal einen neuen Impuls. Deshalb haben wir bei diesem „Tatort“ bewusst auf Action und einen Star wie Til Schweiger gesetzt, der sonst nicht in TV-Produktionen zu sehen ist. Lutz Marmor verdient 291.000 Euro. Er beweist damit wieder einmal, dass die Gehälter der Intendanten heutzutage in einem umgekehrten Verhältnis zur Qualität des Senders stehen. Die Formel stimmt nicht immer, zwar bekommt Tom Buhrow als Intendant des Westdeutschen Rundfunks 367.232 Euro im Jahr, aber das Programm des WDR ist auch besser.

Wenn man sich über diese Gehälter aufregt, dann sollte man einmal einen Blick auf die Gehälter der Kommissare im Fernsehen werfen. Die werden nämlich von den Sendeanstalten nicht wie bei der Polizei nach A12 besoldet (eine Besoldungsgruppe unter dem Studienrat), sondern bekommen, wenn sie einen großen Namen haben, so etwas wie 100.000 bis 120.000 Euro pro Folge. Til Schweiger bekommt mehr, man nimmt an, dass er 300.000 Euro pro Tatort erhält. Und bekommt vom NDR noch einen Rentenvertrag. Auf die Frage von Spiegel OnlineUm noch mal auf Til Schweiger zurückzukommen: Es soll ja nur eine ‚Tatort‘-Folge pro Jahr mit ihm geben. Hat man sein Engagement eigentlich auf eine bestimmte Zeit begrenzt? antwortete Christian GranderathEinen Gehirntumor, wie ihn Ulrich Tukur für seine Rolle im hessischen „Tatort“ als Ausstiegsmöglichkeit mit sich herumträgt, werden wir Schweiger ganz bestimmt nicht andichten. Falls er ein biblisches Alter wie Jopie Heesters erreicht, kann er gerne auch noch im Jahr 2068 in Hamburg ermitteln.


Für den Drehbuchautor Christoph Darnstädt, dessen Mutter Kinderbücher schrieb, ist Til Schweiger ein Held. Der Mediendienst Teleschau urteilte über Der große SchmerzFür Männer mit überdurchschnittlich hohem Testosteronspiegel und postpubertären Gewaltfantasien ist das alles ganz fraglos ein Fest. Alle anderen schalten besser beizeiten das Hirn aus. Und das Fernsehen gar nicht erst an. Allerdings ist das alles mit dem Geld der Hörer bezahlt worden, und man wagt es überhaupt nicht, das Wort vom Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender auszusprechen. Vom Volk bezahlte Verblödung betitelte vor Jahren Jens Jessen seinen ➱Artikel in der Zeit.

Aus Respekt vor den Opfern der grausamen Anschläge von Paris haben wir die Premiere der ‚Tatorte‘ mit Til Schweiger auf das kommende Jahr geschoben, sagte der NDR Programmdirektor Fernsehen Frank Beckmann. Es passt einfach nicht in diese Wochen, eine Krimireihe zu zeigen, in der es auch um einen terroristischen Angriff geht. Und statt jetzt einfach mal sein großes Maul zu halten, musste Til Schweiger wenig später dem Stern sagen: Die Terror-Anschläge in Paris haben mich unglaublich wütend, traurig und fassungslos gemacht. Ich finde aber, wir sollten uns nicht von Terroristen diktieren lassen, wie wir leben sollen, uns nicht unsere Freiheit rauben lassen, und dazu gehört auch die, was wir im Fernsehen zeigen.

In Taxi nach Leipzig gab es keine Schießereien, es gab nur die traurige Geschichte von einem toten Kind. Die Vorlage von Taxi nach Leipzig war ein Roman von Friedhelm Werremeier, der zuerst in der Krimireihe von Richard K. Flesch bei Rowohlt erschienen war (zuerst noch unter Werremeiers Pseudonym Jacob Wittenburg). Den Hauptkommissar Trimmel hatte der NDR schon einmal auf den Bildschirm gebracht, der ➱Fernsehfilm hieß Exklusiv! (nach dem Roman Ich verkaufe mich exklusiv von Friedhelm Werremeier aus dem Jahr 1968).  Die Erstausstrahlung des Films fand am 26. Oktober 1969 in der ARD statt. Exklusiv! wurde nachträglich in die Tatort Serie eingereiht und als Folge 9 der Reihe im Juli 1971 ausgestrahlt. In Exklusiv! trägt Kommissar Trimmel schon sein blaues Hemd, das ihn mit diesem Gangsterlook ein wenig wie Jean Gabin in Pépé le Moko aussehen lässt.

Taxi nach Leipzig war eine Romanverfilmung. Das ist außer Mode gekommen (die Kluftinger Krimis haben keinen Platz im Tatort bekommen), heute hat man Drehbuchautoren. Einen habe ich mal kennengelernt. Ich sah den weißen TR4, den mein Bruder gerade verkauft hatte, immer bei meinem Bierhändler stehen. Als ich das meinem Bruder sagte, brachte er mit einen großen Karton mit Ersatzteilen und das Owner’s Manual und sagte mir, ich solle das mal dem neuen Besitzer bringen. Der Bierhändler wusste, wo der Mann wohnte. Leider wohnte der im vierten Stock, der Karton mit den Ersatzteilen war sehr schwer. Wir hatten dann aber einen netten Nachmittag. Er hatte gerade sein zweites Tatort Drehbuch an die ARD verkauft und hatte sich diesen TR4 gegönnt, den auch Catherine Deneuve in Polanskis Ekel fährt (und den auch die englische Polizei einmal als Dienstwagen einsetzte). Damals kannte ihn noch niemand, heute ist er groß im Geschäft.

Und da wir gerade bei Automobilen sind: in den deutschen Tatorten gibt es wenig Exotisches. Trimmel fährt einen Ford Taunus, das passt zu ihm. Exotischer ist da schon der weiße Porsche 356 C, den der Zollfahnder Kressin fährt. Aber der ist wahrscheinlich nur ausgeliehen. Ulrich Tukur fährt mal einen ➱Ro80, doch da hört es auch schon auf.

So schöne Autos wie Columbo (Peugeot 403 Cabriolet) oder ➱Morse (Jaguar) haben sie alle nicht, nur wenn sie sich mal was aus der Asservatenkammer leihen. Es wäre schön wenn man Til Schweiger einen Opel Manta als Dienstwagen gegeben hätte, denn in dem Film Manta, Manta, da war er ganz er selbst. In der Fernsehwerbung macht Schweiger ➱Autos kaputt. Er ist der Nachfolger von Dieter Bohlen als Gesicht der VHV Versicherung.

Alle Schauspieler in Taxi nach Leipzig kamen vom Theater (auch Günther Lamprecht, der in einer Nebenrolle als Vopo gleich am Anfang des Films zu sehen ist). Walter Richter war Staatsschauspieler und Kammerschauspieler in München. Hans Peter Hallwachs kannte ich noch von der Bühne in Bremen zu Zadeks Zeiten, mein witziges Erlebnis mit Hallwachs und Bruno Ganz bei der Hamlet Aufführung habe ich schon in den Post ➱Richard Lester hineingeschrieben

Und dann war da noch Renate Schroeter, für die schwärmte ich damals sowieso. Es ist sicher etwas anderes, wenn richtige Schauspieler von der Bühne in einem Fernsehfilm auftreten, statt der üblichen bekannten Seriendarsteller, die nur im Fernsehen groß geworden sind. Taxi nach Leipzig war der erste Film des studierten Juristen Peter Schulze-Rohr, der zuvor Chefdramaturg beim Südwestfunk und Redakteur und Regisseur beim NDR gewesen war. Dies war solides deutsches Handwerk, ohne Blutbad und Leichen. Aber so sind die Filme der Serie Tatort leider nicht geblieben.

Ist der Krimi ein Psychogramm der Gesellschaft? Siegfried Kracauer hat es mit seinem Buch From Caligari to Hitler: A Psychological History of the German Film vorgemacht, dass man Filme so lesen kann. Es wäre eine interessante Sache, einmal die Tatort Folgen aus den letzten 45 Jahre auf ihre transportierte Ideologie, ihre Darstellung der Gesellschaft und ihre Helden zu untersuchen. In Taxi nach Leizig konnte man ein Deutschland von 1970 durchaus wieder erkennen, wenn man so will, sogar zwei Deutschlands.

Nicht jedes Drehbuch, jede Geschichte, jedes Thema ist gleich gut oder reizt einen. Aber wenn man den Tatort mit anderen Serien vergleicht, ist er immer noch deutlich realistischer, vielfältiger und politischer. Ob Kindesmissbrauch, Asylrecht, Kriegseinsatz in Afghanistan, der Umgang mit Neuen Medien, die alternde Gesellschaft oder Fußball – was politisch relevant ist, kommt auch vor. Und zwar nicht nur in den schicken Münchener Gegenden, die man von Derrick kennt sondern in Ludwigshafen am Rhein, in Münster, Kiel, Berlin oder München. Das ist schon ziemlich konkurrenzlos. Der Mann, der hier über die Sendung Tatort redet, ist kein Intendant oder Programmdirektor. Er ist Politiker und ist sehr, sehr stolz auf seine Sammlung von Tatort Sendungen, er hat sie alle. Ansonsten sind seine intellektuellen Interessen eher gering. Er ist einer von uns.

Tatort Sendungen sind natürlich nicht die Realität, die Reihe ist ein Kunstprodukt mit eigenen Regeln. Wie Detektivromane. In ihrem Buch The Long Week-End haben Robert Graves und Alan Hodge (der Ghostwriter von Winston Churchill) den wunderbaren Satz Detective novels, however, were no more intended to be judged by realistic standards than one would judge Watteau’s shepherds and shepherdesses in terms of contemporary sheep-farming mit leichter Hand dahingeworfen. Auch der Tatort hat nicht mit der wirklichen Polizeiarbeit und dem wirklichen Verbrechen zu tun, wenn Sie den ➱Artikel Der Fall ‚Tatort‘ von Sabine Rückert lesen, wissen Sie alles darüber.

Tatort: ein Kunstprodukt mit eigenen Regeln. Wir können auch den Begriff des Genres ins Spiel bringen. Und den schönen Satz von Raymond Chandler zitieren: To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment. Das wäre es doch – den Tatort als Form akzeptieren wie er ist und ihn filmisch und schauspielerisch besser zu machen. Denn das Genre hat sich totgelaufen. Oder wie Gustl Bayrhammer (der den Hauptkommissar Veigl spielte) bei seinem Abgang so treffend sagte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr. Doch Qualität wollen die Intendanten und Programmdirektoren nicht, sie setzen lieber auf den Genremix (ich habe darüber schon böse Worte in dem Post ➱Inspector Gently gesagt), die ➱Hybridisierung des Genres.

Das Fernsehen mit seinen zu hoch bezahlten Intendanten setzt auf Quote, und Quote macht man nicht, wenn man Qualitätsfernsehen macht. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass der Bruce Willis Verschnitt Til Schweiger noch 2068 ermittelt, aber vorerst bringt er Quote. Wegen der vielen Leichen. Da greift ein Kommissar schon mal zur Panzerfaust, der typischen Dienstwaffe von Hamburger Hauptkommissaren, damit das mit dem Bodycount in den Programmzeitschriften auch stimmt.

Die Rachetragödien des elisabethanischen und jakobäischen Zeitalters brachten sicher auch Zuschauer. Sie kommen in den letzten Jahren vermehrt auf englische Bühnen (Although it is four centuries since revenge tragedies like this first appeared on stage, they have lost little of their charge. And it seems we can’t get enough of them, schrieb der Guardian). Und kommen im Film besonders gut rüber, wenn man sie noch mit einer nackten ➱Charlotte Rampling (in Addio, fratello crudele, einer italienischen Verstümmelung von ‚Tis Pity She’s a Whore) garnieren kann. Der englische Regisseur Declan Donnellan, der zahlreiche dieser Stücke inzeniert hat (auch ‚Tis Pity She’s a Whore), sagte dazu: A really good horror reminds you that you’re not just the victim; you’re also the monster. Psycho is a great film because of the very subtle shifts of identification. You’re not just the woman who is murdered in the shower, you’re also the murderer. It’s entertainment at the deepest level.

Die Schamfrist der ARD, der Respekt vor den Opfern der grausamen Anschläge von Paris, geht im Januar zu Ende. Dann kann man die ersten beiden Teile von Til Schweigers Gemetzel sehen. Und wer es bis dahin nicht aushält, der kann sich ja all die Snuff, Gore und Slasher Filme ansehen, die das Internet zu bieten hat. Wir sollten uns nicht von Terroristen diktieren lassen, wie wir leben sollen, uns nicht unsere Freiheit rauben lassen, und dazu gehört auch die, was wir im Fernsehen zeigen. ➱Goya hat gesagt El sueño de la razón produce monstruos, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Spectre

05/11/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

A spectre is haunting Europe. Mit diesen Worten beginnt Karl Marx sein Kommunistisches Manifest. Auf jeden Fall in der englischen Ausgabe. Das Gespenst, das jetzt in Europa umgeht, konnte er noch nicht kennen. Es heißt auch spectre, hat aber nix mit dem Kommunismus zu tun. Was ist das nur wieder für ein Rummel! Wir streichen mal eben das Wort Rummel und sagen Hype. Hype klingt immer modern, so richtig with it. Wie die Slimline Anzüge, die Daniel Craig trägt. Die kommen von Tom Ford. Nicht mehr von Anthony Sinclair, wie die Anzüge Sean Connerys. Immerhin kommen die Schuhe noch aus England, von Crockett und Jones. Kann man nichts gegen sagen, aber wenn man wirklich Maßstäbe setzen wollte, dann sollten die Schuhe schon von Gaziano & Girling oder Edward Green kommen. Und die Anzüge auf keinen Fall von Tom Ford. Ian Fleming trug Maßschuhe von Peal (lesen Sie ➱hier mehr), aber an den Stil kommt man nicht wieder heran.

Sie merken schon, wohin die letzten Sätze führen: das Ganze ist wieder ein Fall für das product placement, ein gigantischer Werbespot (wie schon der Film ➱Kingsman). Selbst der Herrenausstatter Kelly’s in der Dänischen Straße hat sein Schaufenster mit solchen Bildern verziert, sieht aus wie Halloween, soll aber eine Assoziation zu Spectre sein. James Bond hat sich von einem Londoner Gentleman, einem Clubland Hero, zu einer Comic Strip Figur gewandelt. Der Literaturwissenschaftler Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism die Literaturform der romance so definiert:

The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form… At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Soll ich die letzten Sätze wiederholen? Und vielleicht noch fett setzen?

Die Formel der James Bond Geschichten ist sehr einfach, ➱Strukturalisten brauchen nur einen kleinen Teil der Wandtafel, um sie aufzuzeichnen. Das, was Roland Barthes hier zeigt, ist zwar nicht die Formel, aber viel länger wäre sie auch nicht. Es ist übrigens eine Formel, die man auch auf Beowulf und Asterix und Obelix anwenden kann: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form. Am Anfang die heile Welt, dann die Störung der Ordnung, man braucht einen Retter. Der Beste der Besten wird zu seinem König (zu seinem Geheimdienstchef oder seinem Druiden) gerufen. Er bekommt einen Auftrag. Und hat ein Abenteuer nach dem anderen. Mit Drachen, mit Römern, mit Dr No. Und mit schönen Frauen (es ist viel Erotik in ➱Sir Gawain and the Green Knight). Am Ende ist das Böse besiegt, man feiert in Camelot, im Londoner Club oder in einem kleinen gallischen Dorf (mit dem Verzehr von sangliers). Mit einfachen Strukturen kann man Leser und Zuschauer begeistern. Mit einer einfachen Ideologie, die aus der Zeit des Kalten Kriegs stammt, auch.

Vor über vierzig Jahren machte man sich an der Uni in der Englischen Philologie zum Außenseiter, wenn man über James Bond schrieb. Damals hielt sich die 007 Hysterie ja glücklicherweise noch halbwegs in Grenzen. Die Wiederbelebung von James Bond, den wir als Sean Connery kannten, durch Roger Moore hatte gerade stattgefunden. Aber mit dem Rolls Royce Vertreter ➱George Lazenby und The Saint Roger Moore war Bond sowieso tot. Jetzt kam das Jahrzehnt der Quarzuhren und des schlechten Geschmacks. Und der schlechten Bond Filme.

Doch die Filmindustrie beweist uns, dass man selbst mit dem flogging a dead horse immer noch glänzende Geschäfte machen kann. Die Familie ➱Broccoli besitzt mit den Rechten an den Romanen eine Maschine zum Gelddrucken. War man in den siebziger Jahren ein Außenseiter, wenn man über Bond (und seine vielen literarischen Kollegen und Vorläufer) schrieb, dann ist man heute ein Außenseiter, wenn man nicht über James Bond schreibt. Wie ich.

Alles muss in den Bond Filmen sensationeller sein als vorher: die Produktionskosten höher, die Autos schneller, die Frauen schöner, die Bösewichte böser. Diesmal kommt der Bösewicht aus Östereich und heißt Ernst Stavro Blofeld. Den ➱Namen hatte er schon mal, wir haben Donald Pleasance (und all die anderen Blofelds) nicht vergessen. Diese ganzen master criminals gehen einem ja langsam auf den Keks.

Arthur Conan Doyle hätte gut daran getan, Dr Moriarty (dessen Modell vielleicht ein gewisser Adam Worth war) in den Reichenbachfällen sterben zu lassen. Aber das Böse ist immer und überall, und so sind die Bösewichte heute in beinahe jeder TV Serie zu finden. Von Red John in The Mentalist bis zu den Bösewichten in Navy CIS, das ist schon etwas abgeschmackt. Als sie noch Dr Fu Manchu (die gelbe Gefahr), Carl Peterson (der Gegenspieler von Bulldog Drummond) oder Fantomas (der von dem Regisseur Louis de Feuillade zwischen 1908 und 1925 fünfhundertundzwei Mal auf die Leinwand gebracht wurde) hießen, waren master criminals irgendwie etwas Besonderes, heute sind die Nachfahren des ➱gothic villain eigentlich nur noch komisch. Und deplaziert.

August Gottlieb Meißner, der die Kriminal-Geschichte in der Literatur begründete (und die Leser dazu brachte, sich dem Verbrecher zuzuwenden), hat da etwas zu verantworten. Er hatte für seine Geschichten aber bessere Titel als dies simple Spectre. Unübertroffen bleibt sein Titel Blutschänder, Feuerleger und Mörder zugleich, den Gesetzen nach, und doch ein Jüngling von edler Seele. Wenn Sie mehr über die Geburtsstunde des Verbrechers in der Literatur wissen wollen, kann ich den langen Aufsatz von Marianne Willems ➱hier empfehlen.

Der Krimiautor R. Austin Freeman hat die Welt von James Bond nicht mehr kennengelernt, aber was er 1924 in seinem ➱Artikel The Art of the Detective Story über den Verfall der Gattung sagte, das kann man leicht heute auf das beziehen, was aus Flemings James Bond geworden ist: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents – tragic, horrible, even repulsive – form the actual theme, and the quality aimed at is horror – crude and pungent sensationalism. Here the writer’s object is to make the reader’s flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:


I shoot the hippopotamus 

with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones 

his hide is sure to flatten ‚em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader’s mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.

Ich stelle hier heute (in etwas überarbeiteter Form) noch einmal etwas hin, was ich am fünfzigsten Jahrestag des Kinostarts von Goldfinger geschrieben habe. Etwas Besseres fällt mir zum deutschen Kinostart von Spectre eh nicht ein. Außer dem Hinweis, dass James Bond in sechs Tagen fünfundneunzig Jahre alt wird. Nie war der Satz von Northrop Frye the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness so wahr wie heute.


Goldfinger, he’s the man
The man with the midas touch
A spider’s touch
Such a cold finger
Beckons you to enter his web of sin
But don’t go in

Heute wohnen viele so, aber wenn man in der Willow Road im feinen Hampstead wohnt, dann hasst man es, dass da alte Backsteinhäuser abgerissen werden, um einem solchen Neubau zu weichen. In den fünfziger Jahren baute jeder so, aber dieses Haus, wurde schon 1939 gebaut. Von einem zugezogenen Ungarn namens Ernő Goldfinger, der heute aus unerfindlichen Gründen als Englands bedeutendster Vertreter der Moderne gilt. Seine Bauten mochte niemand leiden (sogar ein Vorkämpfer der Moderne wie ➱Sir Nikolaus Pevsner äußert sich sehr zurückhaltend), den Menschen Ernő Goldfinger mochten noch weniger Leute leiden.

Er ist schon einmal in diesem Blog erwähnt worden. Nicht im Zusammenhang mit dem Kunsthistoriker ➱Nikolaus Pevsner oder der englischen Architektur (seine Bauten fallen unter den schönen Begriff Brutalist Architecture), sondern weil einer seiner Nachbarn in Hampstead (der ihn nicht ausstehen konnte) ihn in einen Roman hinein geschrieben hat.

In dem Post ➱Agentenmode aus dem Jahre 2010 war hier zu lesen: Den letzten Namen [Goldfinger] hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, das dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur.

Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bond meldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys ‚Goldfinger‘ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von ‚Goldfinger‘ schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger ‚Goldprick‘ zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Das Photo im oberen Absatz zeigt Ernő Goldfinger vor einem seiner Bauwerke; die Kinder, die in dem Trellick Tower Hochhaus wohnen, sehen nicht unbedingt glücklich aus. Vertical slums replaced horizontal slums, hat Harry Phibbs vom Guardian über das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bauwerk geschrieben. Die englische Presse ist nie sehr nett mit Ernő Goldfinger umgegangen, hat auch immer wieder genüsslich kolportiert, dass nach Ansicht der meisten Briten Goldfinger Selbstmord begangen habe, indem er vom Trellick Tower Hochhaus gesprungen sei. Solche urban myths halten sich lange. Der emigrierte ungarische Kommunist wird immer mit diesem Herrn verwechselt werden, den James Bond auf einem Golfplatz trifft.

Da ich gerade einen älteren Post zitiert habe, möchte ich noch etwas aus dem Post ➱Bond Girl zitieren, nämlich das schöne Gedicht von ➱Fiona Pitt-Kethley, das man gar nicht häufig genug zitieren kann. Es heißt Bond Girls (und findet sich auch in dem Post ➱Britt):

Back in my extra days, someone once swore
she’d seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was ‚a passer-by‘.)

I’ve passed the lot in Pinewood Studios.
It’s factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that’s where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind –
Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red –
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Das Bild von der vergoldeten Shirley Eaton kriegen wir nie wieder aus unseren Köpfen. Dieses Bild hätten wir gerne wieder aus unseren Köpfen. Aber es geht nicht, das Filmgedächtnis hat es schon gespeichert. Das ist Shirley Eaton in dem Film Doctor in the House, sie ist siebzehn. Aber sie hat schon begriffen, dass man mangelndes schauspielerisches Talent durch Oberweite und offene Blusenknöpfe kompensieren kann. Ein ehernes Gesetz der Filmindustrie, das natürlich auch für alle Filme mit Geheimagenten gilt.

Der junge Mann neben Shirley Eaton ist natürlich Dirk Bogarde (der ➱hier einen langen Post hat). Der, wenn er in der Spionagefilm Parodie Hot enough for June auch mal einen Geheimagenten spielen darf, jemand anderen als Shirley Eaton an seiner Seite hat. Geheimagenten brauchen nun mal Frauen, ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das Thema der Geheimagenten und ihrer Gespielinnen ist schier unerschöpflich, vielleicht komme ich eines Tages noch darauf zurück.

Natürlich wissen wir, dass die Frau in dem Roman Goldfinger den Namen Pussy Galore hat. Dazu sage ich jetzt lieber gar nichts. Sie wird ➱hier natürlich schon erwähnt. Das gleiche gilt für ➱Ursula Andress (Undress?), ➱Karin Dor und ➱Britt Ekland. Dass die Kritiker die Romanfigur James Bond zu einem sex maniac gemacht haben, sei völlig falsch, sagt der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der auch unter dem Pseudonym Robert Marham einen James Bond Roman schrieb):

Not once, in the twelve novels and eight stories, does Bond or his creator come anywhere near judging a character by his or her social standing. We hear a good deal about high living and the elegant scene at Blades Club, but that is a different matter; at worst, harmless vulgarity. The practice of fornication in itself is not enough, these days, to brand a man as a monster, but then perhaps Bond goes at it too hard, weaves a compensation-fantasy for author and reader, is on a wish-fulfilment deal and all that.

I myself could see no harm in this even if it were true, but it is not. One girl per trip, Bond’s average, is not excessive for a personable heterosexual bachelor, and his powers of performance would not rate the briefest of footnotes in Kinsey. It is true that all the girls are pretty and put up little resistance to Bond’s advances, and this may help to explain his unpopularity with those critics who find it difficult to seduce even very ugly girls. Die Passage findet sich in ➱Kingsley Amis‚ amüsantem Buch The James Bond Dossier. Einer ein klein wenig ironischen Untersuchung der Flemingschen Romanfigur.

Die ja außer ihrem Namen nichts mehr mit jenem James Bond gemein hat, der heute in aller Munde ist. Und der zur Karikatur einer Figur geworden ist, die vielleicht schon selbst eine Karikatur war. Schon der James Bond der Kritiker der sechziger Jahre hatte wenig mit dem 007 der Romane gemein: The curious momentary suspicion one feels from time to time, that the critics have somehow got hold of a completely different version of the work one has been reading, has never invaded my mind more powerfully than in the case of Ian Fleming and his critics, sagt Amis.

Und damit meinte er nicht die deutschen Kritiker, die voller Moral- und Ideologiekritik waren, sondern seine eigenen Landsleute. Wie zum Beispiel Malcolm Muggeridge, der Fleming als Etonian Mickey Spillane bezeichnete und über James Bond so nette Dinge sagte wie: In so far as one can focus on to so shadowy and unreal a character, he is utterly despicable: obsequious to his superiors, pretentious in his tastes, callous and brutal in his ways, with strong undertones of sadism, and an unspeakable cad in his relations with women, toward whom sexual appetite represents the only approach. 

Sean Connery war in den ersten Filmen noch eine erkennbare Variation des Romanhelden. Heute ist James Bond Arnold Schwarzenegger in der Verkleidung von Daniel Craig. Wie das Monster von Dr Frankenstein ist die Kunstfigur längst der Kontrolle seines Herrn entwischt. Die Stärke von Fleming liegt in seiner Detailtreue, sagt Amis. Das sagt auch ➱Fleming selbst: I try to write neatly, concisively, vividly, because I think that’s the way to write, I think that approach largely comes from my training as a fast-writing journalist under circumstances in which you damned well have to be neat, correct, concise and vivid. My journalistic training was far more valuable to me than all the English literature education I ever had. My plots are fantastic, while being often based upon truth. They go wildly beyond the probable not, I think, beyond the possible. 

To anchor my fantastic plots I employed the device of using real names of things and places. The constant use of real and familiar names and objects reassures the reader that both he and the writer have their feet on the ground in spite of being involved in a fantastic adventure. That is why I started using the technical device of referring to say, a Ronson lighter, a 41⁄2-litre Bentley with an Amherst-Villiers supercharger, the Ritz Hotel in London, the 21 Club in New York, the exact names of even the smallest details. All of this gives the reader the feeling of feasibility.

Das findet allerdings in den Augen moralisierender Kritiker keine Gnade: Diese Tatsachentreue im Kleinen schafft einen Pseudo-Realismus, der geistig unsauber ist, weil er den Anschein erweckt, auch alle Gewaltakte, Treulosigkeiten, Sexualabenteuer und kitschigen Bilder der Lebewelt müßten nach dem Leben gezeichnet sein, schreibt ein Peter Fischer im Jahre 1969. Für die Kritiker der sechziger Jahre wurde der Marineoffizier im englischen Geheimdienst zu einem Vorwand, schöne Allgemeinplätze zu produzieren: Wenn man Fleming schon reaktionär nennen will, dann nicht deswegen, weil er die Rolle des „Bösen“ mit einem Russen oder Juden besetzt. 

Er ist reaktionär, weil er exzessiv schematisiert. Schematisierung, manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant; Demokrat ist, wer die Schemata verwirft und Nuancen anerkennt, Unterscheidungen macht, Widersprüche rechtfertigt. Fleming ist reaktionär, wie im Grunde das Märchen reaktionär ist, jedes Märchen, – er ist der althergebrachte statisch-dogmatische Konservativismus der Märchen und Mythen, die eine elementare Weisheit vermitteln, die durch simples Licht- und Schattenspiel mitgeteilt wird… Wenn Fleming Faschist ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und beherrschen. So Umberto Eco in Der Fall James Bond. Dass der Spionageromane per se eine faschistoide Literaturform ist, hatte ➱Gertrude Himmelfarb für die Romane von John Buchan insinuiert, dessen Held Richard Hannay ja ein Vorläufer von James Bond ist.

Nicht viel an den James Bond Phantasien Ian Flemings war wirklich neu. Wunschfiguren, die mal eben schnell die Welt retten, hatte es schon zuvor gegeben. John Buchans Richard Hannay, Bulldog Drummond, Lemmy Caution und Hubert Bonisseur de la Bath (der Geheimagent OSS 117) waren das auch schon gewesen. Als die ersten James Bond Romane erschienen, konnte man Bond noch als eine Art cultural hero verstehen. Ein englischer Geheimagent zeigte den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, dass die Engländer immer noch das Great Game spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn man das Empire längst verloren hatte.

Ian Fleming wrote well, heißt es in dem Gedicht Bond Girls. So gut nun auch wieder nicht. Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write „novels of suspense“ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, vertraute er Raymond Chandler an. In der Welt der pillow fantasies ist die Welt immer bedroht. Muss in letzter Minute gerettet werden. Das Böse ist immer und überall, ich muss die Zeile aus Ba Ba Banküberfall wiederholen. Die Bösewichte sind natürlich keine Engländer, das ist ein Erbe der gothic novel (lesen Sie hier doch den Post ➱Gothick), wo der gothic villain auch nie aus England kommt. Sie mögen sich englisch geben wie Gert Fröbe als Auric Goldfinger, aber der ist in seiner Golfkleidung doch nur eine Karikatur eines englischen Gentleman. Und dann dieser braune Smoking! Die Bösewichte tragen in den Filmen immer seltsame Kleidung, niemals diese zeitlosen Anzüge von Anthony Sinclair wie Sean Connery. Der Kampf gegen das Böse ist in den Ausstattungsfilmen auch ein sartorialer Kampf gegen den schlechten Geschmack.

Arno Schmidt hat einmal über den viktorianischen Roman gesagt, dass da die Nebenfiguren zu Hauptfiguren werden. Ein Satz, der auch für Goldfinger gilt, der nichts ohne Honor Blackman, Harold Sakata (als Oddjob), Tania Mallet und die golddoublierte Shirley Eaton wäre. Angeblich waren die Produzenten Broccoli und Saltzman von Fröbe als Kindsmörder in Es geschah am hellichten Tage begeistert und waren deshalb auf ihn verfallen. Ich fand ihn als Naziverbrecher in ➱Alfred Andersch‘ Die Rote viel eindrucksvoller. Gert Fröbe war später noch einmal im Gespräch. Er sollte als Zwillingsbruder von Auric Goldfinger in Diamonds are Forever mitspielen, aber dann gab man den Gedanken doch auf. Ist auch besser so.

Arno Schmidt, der ja auch einen Erfolgsautor wie ➱Wilkie Collins übersetzte (und auch einen Spionageroman von Ian Flemings Bruder ➱Peter), bringt mich jetzt zu einem kleinen Exkurs. Es hat schon vor dem Auftauchen von James Bond phänomenale Erfolge von Autoren gegeben, deren Bestseller in die alltägliche Wirklichkeit hinein wirkten. Man denke nur an Wilkie Collins‘ Roman The Woman in WhiteIts success on publication was overwhelming. All throughout 1860 The Woman in White was the rage. Cloaks and bonnets, waltzes and quadrilles, were named after her; there was a Woman in White scent and even a hairbrush. Though the reviews were not altogether favourable, eminent men of letters were as delighted by the book as the reading public. Thackeray sat up all night and Mr Gladstone put off a theatre party to finish it. The Prince Consort revelled in it and recommended it to the austere Baron Stockmar, schreibt Maurice Richardson in Vorwort zu der ➱Everyman Ausgabe. All das werden wir bei Fleming eines Tages wieder haben: Mode- und Parfümindustrie und Staatsmänner (wie John F. Kennedy), die nicht aufhören können, diesen Autor zu lesen. Und schlechte Kritiken.

Die Filme retten die Romane Ian Flemings, so groß war der Erfolg der ersten Romane in England nicht. In Deutschland erst recht nicht. So hieß es beim Ullstein Verlag auf dem Buchrücken der deutschen Erstausgabe (Erstmalig in deutscher Sprache! stand vorne drauf): Casino Royale [ist] eine der harten, im amerikanischen Stil geschriebenen, abenteuerlichen Stories, mit denen der englische Autor Ian Fleming sich seinen Platz in der ersten Reihe der beliebtesten Kriminalautoren gesichert hat. Ullstein reichte den Autor übrigens wenig später wegen schlechter Verkaufszahlen an den Scherz Verlag weiter.

In der Tradition des harten amerikanischen Stils hätte sich Fleming auch gerne gesehen: I wanted my hero to be entirely an anonymous instrument and to let the action of the book carry him along. I didn’t believe in the heroic Bulldog Drummond types. I mean, rather, I didn’t believe that they could any longer exist in literature. I wanted this man more or less to follow the pattern of Raymond Chandler’s or Dashiell Hammett’s heroes—believable people, believable heroes. Aber in den sechziger Jahren waren Flemings Romane kalter Kaffee, Englands neuer Star hieß Len Deighton.

Der kam definitiv nicht aus der upper class wie Ian Fleming. Sein Held – the first anti-hero in spy fiction – hatte nicht einmal einen Namen. Harry Palmer hieß er erst in den Filmen. Ian Fleming war über The Ipcress File auf jeden Fall not amused. Er mokierte sich he could not be bothered with all [Deighton’s] kitchen sink writing and all this Nescafé. Ja, professional compliments are always pleasing, wie ➱Doc Boone in Stagecoach sagt. Andere hatten mehr Lob parat: A spy story with a difference (Observer), A master of fictional espionage (Daily Mail), The poet of the spy story… Deighton is so far in the front of other writers in the field that they are not even in sight (Sunday Times), The Ipcress File helped change the shape of the espionage thriller… the prose is still as crisp and fresh as ever… there is an infectious energy about this book which makes it a joy to read, or re-read (Daily Telegraph).

All das gilt noch immer. Ich hatte große Schwierigkeiten, nach einem halben Jahrhundert einen James Bond Roman noch einmal zu lesen. Len Deightons The Ipcress File habe ich mit Vergnügen in einem Stück gelesen. In schöner Bescheidenheit hat Deighton über seinen Debütroman gesagt: it did very well, but that was really because the critics used me as a blunt instrument to beat Ian Fleming over the head. Und Harry Saltzman, der Produzent von Dr NoFrom Russia with Love und Goldfinger, kaufte sofort die Filmrechte von Ipcress. Sie können den Anfang von The Ipcress File ➱hier lesen. Wenn Sie Goldfinger ganz lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Das Photo zeigt Len Deighton (in der Mitte) neben Eva Renzi bei den Dreharbeiten von Funeral in Berlin. Rechts von ihm stehen ➱Michael Caine und Paul Hubschmid. Paul Hubschmid ist der längste. Das weiß ich, weil ich am Donnerstag 27. September 1962, in der Komödie am Kurfürstendamm bei dem ersten Auftritt von ➱Juliette Gréco in Deutschland hinter ihm gesessen habe.

Die Leser von Len Deighton fanden eine Figur wie James Bond einfach lächerlich – was sie ja eigentlich auch ist. Deighton hat sich zum Thema James Bond kaum geäußert, andere Kollegen waren nicht so zurückhaltend. ➱Nicolas Freeling, ein wesentlich besserer Schriftsteller als Fleming, bezeichnete dessen Romane als a bit of elegant masturbation. Und ➱John le Carré nannte sie cultural pornography. Und äußerte sein Missfallen gegenüber der Superman figure who is ‚ennobled‘ by some sort of misty, patriotic ideas and who can commit any crime and break any law in the name of his own society. He’s a sort of licensed criminal who, in the name of false patriotism, approves of nasty crimes. So richtig das ist, muss man aber auch sagen, dass das letztlich Argumente sind, die R. Austin Freeman schon 1924 in The Art of the Detective Story vorgetragen hat. Und die zwanzig Jahre später noch einmal George Orwell in seinem ➱Essay Raffles and Miss Blandish formuliert hat.

Ähnlich wie die Literaten und Literaturwissenschaftler äußerte sich auch ➱Nina Hibbin, die im Daily Worker in ihrer Filmrezension Goldfinger—Slickest: Bond’s Latest Film Repeats the Dose Daily den Film in Grund und Boden verdammte: The cult of James Bondism ist a vicious one, a symptomatic sickness of our age…. But this is all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. The constantly lurking viciousness, and the glamorisation of violence — they are real enough…

Sie hatte Ähnliches schon zu den ersten Bond Filmen geschrieben, da hatte die jüdische Kommunistin (ohne die Ken Loach niemals hätte Kes drehen können) noch die Masse der high-brow Kritiker hinter sich. Jetzt ist die Front aufgeweicht. Leonard Mosley, der Filmkritiker des Daily Express tönte: Even for eggheads, I swear this film is worth a visit. Honor bright. My word is my Bond.

Und Roger Ebert schrieb: Of all the Bonds, ‚Goldfinger‘ (1964) is the best, and can stand as a surrogate for the others. If it is not a great film, it is a great entertainment, and contains all the elements of the Bond formula that would work again and again. Man kann die wichtigsten Positionen der Rezeption in James Chapmans seriösem und ausgewogenen Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Movies nachlesen. Er hat auch ein schönes Kapitel mit dem Titel Bondmania.

Mit den Bond Filmen rollte eine Vermarktungswelle an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Es gab bei Moeris eine 007 Armbanduhr, und es gab ein 007 Rasierwasser (so etwas wird heute noch verkauft). Selbst in Deutschland tauchten James Bond Anzüge auf. Den ersten habe ich 1965 in einem Schaufenster des Kaufhauses DeFaKa gesehen. In England heuerte die Firma ➱DAKS/Simpson den Photographen ➱Helmut Newton an. Der photographierte dann Möchtegern Geheimagenten in DAKS Anzügen für eine aufwendige Werbeaktion in den colour supplements von Sunday Times und Observer. Ian Fleming hatte sich überreden lassen, im Rahmen dieser Werbekampagne als Geheimdienstchef M photographiert zu werden. In Frankreich lief bei Dormeuil eine ähnliche Kampagne. Mit einer gewissen Berechtigung, denn ➱Dormeuil Tonik war der Stoff, den Fleming für seine Anzüge bevorzugte.

Die Anzüge von Sean Connery waren das äußerliche Symbol für die völlige Transformation eines Menschen. Die Romanfigur von Ian Fleming war (wie Fleming selbst) natürlich ein Gentleman, Sean Connery war ein schottischer Proll. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, war der Regisseur Terence Young. Wenn es einen James Bond gibt, dann ist er es. Ein Gentleman, der in Eton wie Ian Fleming – und der fiktionale Bond – gewesen war. Danach in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde gewesen. Er schleppte Connery als erstes zu seinem Schneider Anthony Sinclair. Der Rest ist Geschichte. Nie hat der Satz Kleider machen Leute so viel bedeutet wie jetzt.

Es ist erstaunlich, was man alles mit dem Namen James Bond verkaufen kann. Besonders gut gefallen hat mir dieser Werbetext:  Ein halbes Jahrhundert lang beeindruckte James Bond die Welt. Eine unantastbare Legende – von Männern verehrt, von Frauen begehrt. James Bond ist die ultimative Ikone der Männlichkeit – die vollkommene Kombination von unwiderstehlicher Kultiviertheit und kompromissloser Männlichkeit. In James Bond 007 verbinden sich all diese Charakteristika auf gefährlichste Weise zu einem kraftvollen Duft, der jene Dualität versprüht, die Bond so außergewöhnlich macht: der Mix von Kultiviertheit und Männlichkeit. James Bond 007 ist der maskuline Duft für den Bond Mann. Der Duft ist natürlich sehr exklusiv. Man kriegt ihn bei Rossmann. Bevor Sie sich das Zeuch kaufen, sollten Sie hier den Post ➱Aftershave lesen.

Etwas mehr als für das Rasierwasser, wird man für die Teile von Duponts James Bond Collection auf den Tisch legen müssen. Das Hemd von Turnbull & Asser, das Sean Connery hier trägt, kann man noch kaufen. Kostet schlappe 245 Pfund Sterling. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer mir letztens zugeflüstert hat, dass die Hemden von Turnbull & Asser nicht mehr aus der Jermyn Street, sondern aus Danzig von Emanuel Berg kommen. Da sind die Hemden bei ➱Rudolf Böll billiger. Und wahrscheinlich viel besser.

Den Smirnoff Wodka, den Bond hier trinkt, kann man natürlich auch kaufen. Aber – und das mag jetzt für viele wie ein Schock kommen – Bond Fans werden sich auf Heineken Bier umstellen müssen. Ich weiß jetzt nicht, ob die Plörre (die unfreundliche Zeitgenosse Grachtenpisse nennen) geschüttelt oder gerührt serviert wird. Die Filmfirma hat einen 28 Millionen Pfund Sterling Deal mit den Holländern gemacht, das war ein Drittel der Produktionskosten. Auf die Frage Did Fleming’s Meta-branding in the books have an impact on product placement in today’s movies and books? antwortete ➱Professor Chapman:

The answer is “Yes – and No”. The brand name products in Fleming’s books served a cultural-ideological purpose: as well as being indicators of snob value they can also be seen as reflecting the gradual emergence of Britain from a post-war culture of austerity (Casino Royale was published in 1953) to a culture of affluence. Today the ideological import of this is lost: I’ve met taxi drivers who wear Rolexes! The product placement in the films is more tied to commercial branding and has less obvious snob value: Aston Martin, yes, but Bond drinking Heineken in ‚Skyfall‘ is a mass-market rather than an exclusive product. This reflects the fact that the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader.

Ich habe noch nie einen Taxifahrer gesehen, der eine echte Rolex trug (Fahrer mit Rolex Fälschungen am Arm sieht man häufig, die kaufen die en gros beim Thailand Urlaub und verticken sie hinterher an die Kollegen), aber ich hatte schon mal eine Rolex von dem Typ, den Connery in Dr No trägt, in der Hand. Was damals übrigens die Uhr des Produzenten Albert Broccoli war. Rolex (die Firma hat ➱hier einen Post) war zu geizig, der Filmfirma ein Exemplar für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Das bereuen sie bis heute.

Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex trüge, ist seine Antwort: Omega. Die Uhr aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran (Bild). Ich will lieber nicht sagen, was mein Uhrmacher dem Typen gegeben hat, der die alte Rolex, bei der die Lünette fehlte, beim Pokern gewonnen hatte.

Inzwischen ist uns allen klar, dass man James Bond nur noch am Leben erhält, weil man die Filme für das product placement braucht. Seit der Great Gatsby ➱Verfilmung von 1974 hat die Filmindustrie diese Einnahmequelle in großem Stil entdeckt. Wer sich in der ersten kommerziellen Bond Welle solch eine potthässliche James Bond 007 Uhr von Moeris wie die da oben gekauft hat, kann heute ein gutes Geschäft damit machen. Wenn meine Mutter den dunkelblauen James Bond Anzug mit den Geheimtaschen von meinem Bruder nicht zum Roten Kreuz gegeben hätte, wäre der heute vielleicht auch noch etwas wert.

James Chapman hat mit dem Satz the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader natürlich recht. Schon vorher sagte John Adkins in The British Spy Novel in dem Kapitel Spies and the Class WarThe class issue has been one of the major concerns of British fiction this century. Die Welt Ian Flemings und seines Gentleman-Agenten bestand, um zwei Buchtitel zu zitieren, aus Snobbery with Violence (Colin Watson) und Clubland Heroes (Richard Usborne). Ian Fleming suggerierte dem Leser in seinen Romanen, er sei ein Teil der großen eleganten Welt. Aus dem Casino Royale der Romane ist (bildlich gesprochen) die Daddelhalle geworden, snobbery ist nicht mehr da, class auch nicht, dafür umso mehr violence. Die Bild Zeitung konnte vor Jahren titeln: Til Schweiger ist der „deutsche James Bond“. Darauf warten wir jetzt alle.

James Bond wurde bekanntlich am 11.11.1920 in Wattenscheid geboren. Den Film Skyfall (von dem ich letztens einen Teil im TV gesehen habe) hatte das einzige Kino von Wattenscheid nicht im Programm, da gab es die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Na ja, manche Kritiker fanden den Film auch grottenolmschlecht. James Bond nennt sich heute Daniel Craig und trägt wieder Anzüge, die wie die Anzüge von Anthony Sinclair aussehen. Er bereut es heute bitter, dass er mal den Decknamen Roger Moore verwendet und diese schrecklichen Klamotten getragen hat.

Auch der Name Pierce Brosnan, der BMW und die ➱Brioni Anzüge haben ihm nicht wirklich gefallen. Dass man ihn überredet hat, sich bei Facebook anzumelden, bereut er auch schon. Er kann seinen Ruhestand nicht wirklich genießen, immer wieder ruft M an (der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat und nicht mehr Bernard Lee, sondern Judi Dench heißt) und will etwas von ihm. England expects that every man will do his dutyDas ist das Schicksal des hero with a thousand faces, das olympische citior, altior, fortior gilt erst einmal für sie. Wenn da irgendwelche kleinwüchsigen Amerikaner auf einer mission impossibile sind und sich das gut verkauft, dann müssen sie im nächsten Film noch besser sein. Das ist der Fluch der Superhelden, die ewig leben müssen.

Die Geister, die wir gerufen haben, werden wir nicht mehr los. Der Kinostart für den neuesten James Bond Film Spectre ist für November angekündigt. Sie können sicher sein, dass ich nicht darüber schreiben werde [was soll ich jetzt dazu sagen? das war im Januar]. Die halbe Stunde, die ich von Skyfall gesehen habe, hat mir gereicht. Heute vor fünfzig Jahren hatte der Film Goldfinger seine deutsche Premiere. Ian Fleming hat die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebt.

An mir lief das (wie auch das ganze Genre ➱Fantasy) völlig vorbei. Ich habe den Film 1965 nicht gesehen. Der einzige filmische Geheimagent, den ich damals im Kino sah, hieß Lemmy Caution. Der trug wenigstens einen ➱Regenmantel, wie es sich für Geheimagenten gehört. Das taten auch Joel McCrea in Foreign Correspondent, Michael Caine in Ipcress und Richard Burton in The spy who came in from the cold. Sean Connery hatte als 007 keinen. Wenn England einen Agenten mit der Doppelnull in die Karibik oder nach Miami schickt, dann braucht der keinen Trench. Hier in Another Time, Another Place trägt Connery einen Aquascutum Kingsway, aber das ist natürlich kein James Bond Film.

Ian Fleming mag tot sein, aber der nächste James Bond Roman wird schon geschrieben (der letzte wurde von William Boyd geschrieben, er liegt bei mir noch irgendwo in der Mitte eines Bücherstapels). Von einem Mann namens Anthony Horowitz. Den kennen Sie vielleicht als Drehbuchautor von sechs Folgen von ➱Inspector Barnaby. Und – noch viel, viel besser – von 21 Folgen der ➱Serie Foyle’s War.

Horowitz hat über seinen Roman gesagt: It’s no secret that Ian Fleming’s extraordinary character has had a profound influence on my life, so when the estate approached me to write a new James Bond novel how could I possibly refuse? It’s a huge challenge – more difficult even than Sherlock Holmes in some ways – but having original, unpublished material by Fleming has been an inspiration. This is a book I had to write. Und weil es viel Geld bringt. Und wenn wir noch einen schönen Satz brauchen, wie wäre es mit dem schönen Satz: Une réception? A la bonne heure, ce sera l’occasion de porter mon smoking en alpaga. Sagt der Agent OSS 117 von Jean Bruce.

Falls Sie den Herrn hier nicht kennen sollten, das ist Barry Nelson als Jimmy Bond 1954 in Casino Royale (➱Peter Lorre war auch als Le Chiffre in dem 48 Minuten langen Film). Der ➱Smoking von Hubert Bonisseur de la Bath sitzt besser als der von Jimmy Bond (auch beim ➱Tanzen). Der mit den Worten von Macbeth zu fragen scheint: why do you dress me in borrow’d robes? So hat alles angefangen. Der Rentner in Wattenscheid ist nicht besonders stolz auf diese Verkleidung.

post scriptum: Dies stand schon im Netz, da fiel mir ein Gedichtband von Frank Schulz (dem Autor des Klassikers Kolks blonde Bräute) in die Hand, aus dem ich noch eben ein kleines Gedicht zitieren möchte:

Geschürt, nicht gerüttelt


Sein Name ist Bond,

James Bond. 

Das Girl, es ist blond,

schön blond.

Jawohl, Bond ist Schond.

Na ond?

Der Wiedergänger James Bond taucht auch in diesem Blog immer wieder auf. Wenn Ihnen nach noch mehr Bond zumute ist, dann könnten Sie auch noch lesen: MetropolisIan FlemingBachs CellosuitenSecret AgentsScotland foreverJames Bond007GoldfingerSir Thomas Sean ConneryCathy GaleBond GirlDaliah LaviBrittGeorge Spencer WatsonChristine KeelerSchmutzige LyrikJohn le CarréEric AmblerNicolas FreelingIntertextualitätKingsley AmisRitterRoyal Flying CorpsKyritz an der KnatterLaurence HarveyUli BeckerHaikuKingsmanOperation MincemeatKen AdamSiegfried SchürenbergAgentenmodeFilm und ModeEnglische Herrenschuhe (London)StilBlazerInspector Barnaby und die ModeJankerRoyal Flying CorpsAufklärungTalsperrenPlayboyGothickFantasy

Maj Sjöwall

25/09/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Die Leiche wurde am 8. Juli kurz nach 15 Uhr geborgen. Sie war ziemlich intakt und konnte noch nicht allzulange im Wasser gelegen haben – ein günstiger Zufall, der eigentlich alle Ermittlungsarbeit der Polizei hätte fördern müssen. Im Grunde war es ein Zufall, daß man die Leiche überhaupt fand. Unten vor der Schleusentreppe in Borenshult ist eine Mole, die die Einfahrt gegen See bei östlichen Winden schützt. Als im Frühjahr der Verkehr auf dem Kanal aufgenommen wurde, zeigte es sich, daß die Zufahrt wieder einmal zu verschlicken begonnen hatte. Die Schiffe hatten Schwierigkeiten beim Manövrieren, und ihre Schrauben rissen gelbgraue Modderwolken aus dem Schlamm des Kanalbetts. Es mußte etwas geschehen. Die Autoren dieses Kriminalromans haben Zeit, viel Zeit. Sie beschreiben detailliert die bürokratischen Schwierigkeiten. Kanalgesellschaft, Wege- und Wasserbauamt, Seefahrtsamt – wer ist zuständig? In der Zeit, die da vergeht, hat der Hamburger Kommissar Nick Tschiller alias Til Schweiger schon ein halbes Dutzend Bösewichte erschossen. Aber dann nimmt die Handlung des Romans doch ein wenig Fahrt auf:

So war der Stand der Dinge: Das Wetter war milde und schön, mit leichtem warmen Wind und spielerisch dahintreibenden Sommerwolken am Himmel. Auf der Mole und der Kanalböschung waren ziemlich viele Leute. Die meisten sonnten sich, einige angelten und zwei oder drei beobachten den Greifbagger. Die Schaufel hatte gerade wieder ein Maul voll Schlamm aufgenommen und begann sich zu heben. In seiner Kabine vollführte der Baggermaschinist mechanisch die gewohnten Handgriffe, der Baggermeister trank in seiner Kajüte eine Tasse Kaffee, der Decksmann stützte die Ellbogen auf die verschmutzte Reling und spuckte ins Wasser. Die Baggerschaufel bewegte sich aufwärts.
Als sie sich über die Wasseroberfläche hob, sprang ein Mann auf der Kaimauer auf und machte ein paar hastige Schritte auf das Schiff zu. Er ruderte mit den Armen und rief etwas. Der Decksmann, der kein Wort verstanden hatte, richtete sich auf. „Da ist einer in der Schaufel! Anhalten! Da ist einer in der Schaufel!“
Der Decksmann blickte verwirrt zuerst auf den Mann und dann auf die Baggerschaufel, die langsam über den Laderaum einschwenkte, um ihren Inhalt auszuspucken. Schmutziggraues Wasser floß aus der Schaufel, als der Maschinist sie über dem Laderaum zum Halten brachte. Und da sah der Decksmann, was der Mann auf der Mole schon vor ihm gesehen hatte: Über den Rand der Schaufel ragte ein weißer, nackter Arm. Die nächsten zehn Minuten waren lang und hektisch. Anweisungen wurden herausgebrüllt. Auf der Kaimauer stand ein Mann, der fortwährend wiederholte: „Es darf nichts angerührt werden. Alles muß bleiben, wie es ist, bis die Polizei kommt…“

Die Polizei kommt. In Gestalt des Ersten Kriminalassistenten (wenig später wird er Kommissar sein) bei der Stadtpolizei Stockholm. Er heißt Martin Beck. Den kennt heute die ganze Welt, vor einem halben Jahrhundert, als mit Roseanna (Die Tote im Götakanal) der erste Krimi des Autorenpaares Sjöwall und Wahlöö erschien, war er noch ein Unbekannter.

Die schwedische Schriftstellerin Maj Sjöwall wird heute achtzig. Sie ist nicht reich geworden mit den Romanen, die sie damals mit Per Wahlöö schrieb. Sie hat manchmal Schwierigkeiten, ihre Miete zu bezahlen. Ein Auto kann sie sich nicht leisten. Auf die Frage, ob es sie ärgere, dass sie heute von allen imitiert wird, hat sie geantwortet: Nein, es ärgert mich nicht, aber es ist schon ein bisschen bitter, dass sie heute so viel Geld mit den Krimis verdienen. Unsere Verträge waren damals überhaupt nicht gut. Wenn Per Wahlöö, mit dem sie seit 1963 zusammenlebte, und sie an all dem finanziell beteiligt gewesen wären, was man aus ihren Romanen gemacht hat, wäre sie heute eine Multimillionärin. Denn ohne Sjöwall und Wahlöö gäbe es keinen Schwedenkrimi, kein ➱Nordic Noir.

Per Wahlöö ist jetzt schon vierzig Jahre tot, Polismördaren (Der Polizistenmörder) und Terroristerna (Die Terroristen) waren die beiden letzten Romane des Duos. Im Gegensatz zu Maj Sjöwall ist ➱Henning Mankell reich geworden, sehr reich. Sie mag ihn nicht besonders, aber er schickt ihr immer seine Bücher. Und bedankt sich für die Inspiration. Er hat keinen Humor, sagt Maj Sjöwall. Humor hatten Sjöwall und Wahlöö reichlich, auch wenn der manchmal ein wenig schwarz war. Vielleicht ist es auch schwarzer Humor, dass Knopf Doubleday vor fünf Jahren den ersten Roman unter dem Titel Roseanna: A Martin Beck Police Mystery mit einem Vorwort von ausgerechnet Henning Mankell herausbrachte. Aus dem man dann noch einige Mankellsche Sprachhülsen wie A modern classic. . . . Lively, stylistically taut . . . Sjöwall and Wahlöö changed the genre pickte und sie auf dem Cover plazierte.

Nach ihrem zweiten Krimi war für die beiden klar, es sollten zehn Romane werden: Wir beschlossen, eine Serie von insgesamt zehn Büchern zu schreiben – und kein einziges mehr. Finito. Die zehn Romane, die sie in zehn Jahren schrieben, haben im Original einen Untertitelroman om en forbrydelse. Dieser Untertitel, der zeigen sollte, das alle zehn Romane zu einem Gesamtwerk gehörten, wurde nie unter die deutschen Titel gedruckt. Per Wahlöö hat zwei Jahre nach dem ersten Roman laut und deutlich Stellung zu der Konzeption des Werkes bezogen: Seine Grundidee besteht darin, in einem langen Roman von ca. dreitausend Seiten, der in sehr freistehende Teile, oder wenn man will Kapitel, aufgeteilt ist, einen Längsschnitt durch eine Gesellschaft von einer bestimmten aktuellen Struktur zu legen, die Kriminalität als soziale Funktion zu analysieren und ihre Relation zu der genannten Gesellschaft als auch den moralischen Lebensformen verschiedener Art, die sie umgeben, offenzulegen. Émile Zola hätte wahrscheinlich etwas Ähnliches gesagt. In den ersten beiden Romanen hielten sich die Autoren mit der Gesellschaftskritik noch ein wenig zurück (diesen Aspekt betont auch ➱Rudi Kost in Bi-ba-Bullenpack: Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft). Sie begannen mehr oder weniger konventionell in dem Subgenre der Kriminalromans, dem man die Namen police procedural, oder police crime drama gegeben hat. In dem Punkt sind sie Ed McBain nicht unähnlich.

Der Amerikaner Ed McBain, den sie ins Schwedische übersetzt hatten, war allerdings für sie kein wirkliches Vorbild. Der hatte seinen 25. Roman geschrieben (insgesamt sind es über fünfzig geworden), als sie ihn trafen: Der Mann war so müde, er war die Sache leid, sagt Maj Sjöwall. Aber sie verdanken ihm viel, sie haben sein 87. Polizeirevier von New York nach Stockholm versetzt. Natürlich mussten aus Steve Carella, Meyer Meyer (und wie sie alle heißen) erst einmal mit Martin Beck und Gunvald Larson richtige Schweden werden, die Multikulti Formel, die McBain für sein Polizeirevier hatte, funktionierte in Stockholm nicht: When I started writing, most of the police department in New York City, especially above the rank of detective, were Irish, Irish-American. I thought it would be more interesting … to use the actual ethnic background in New York City at the time.

Ed McBain hat unter vielen Namen geschrieben, häufig als Evan Hunter. Unter dem Namen schrieb er auch The Blackboard Jungle, aus dem ein erfolgreicher Film wurde (lesen Sie mehr in dem Post ➱Jugendkultur). Ed McBain hat wie Henning Mankell viel Geld verdient, aber er hat Qualität geliefert. Dass Krimis, wenn sie das Genre schon nicht transzendieren und zu wirklicher Literatur werden, einen gewissen qualitativen Standard einhalten sollten, hat Maj Swöwall, die für mehrere Verlage als Lektorin und Übersetzerin arbeitete, immer wieder gefordert: Momentan besteht die Gefahr der Abnutzung, weil so viele dasselbe Muster benutzen. Was ich mich frage, ist, ob die Autoren Krimis ungefähr so schreiben, wie man einen Kuchen backt: Man nimmt so und so viel Zucker, so viele Eier… Ich finde aber, der Kriminalroman muss einen bestimmten qualitativen Standard einhalten. Der massenmediale Mensch muss endlich anfangen, sein Hirn für etwas anderes zu gebrauchen. Diesen Gegensatz zwischen der Literaturform, wie wir, mein Mann und ich, sie anwendeten und der Gegenwart ist eklatant. Wir wollten die Form nutzen, um eine Gesellschaft zu beleuchten. Heute werden Krimis wie am Fließband produziert. Das muss sich ändern.

Ihr deutscher Verlag hieß in den sechziger Jahren Rowohlt, und die Krimireihe von Rowohlt (Sie können ➱hier sehen, was es in der Reihe alles gab) hatte damals dank Richard K. Flesch einen guten Ruf. Denn zuerst ging es dem Mann, der in der Branche Leichen-Flesch genannt wurde, um Qualität, nicht um Quantität. Allerdings, das muss man leider sagen, gab man für die Übersetzer nicht viel Geld aus. Vielleicht etwas mehr als der alte Goldmann, der wirklich knauserig war, seinen Übersetzern spendierte. Rowohlt hat 2008 die ganze Reihe in einer neuen Übersetzung herausgebracht, aber Presse und Fans waren nicht wirklich überzeugt. Die alten Übersetzungen von Eckehard Schultz waren gar nicht so schlecht.

Richard K. Flesch taten natürlich in den sechziger Jahren die niedrigen Verkaufszahlen mancher Autoren weh. Da war zum Beispiel ➱Edgar Box (von dem damals noch niemand in Deutschland wusste, dass es ➱Gore Vidal war), da war Nicholas Blake (der englische poet laureate Cecil Day-Lewis) oder ➱Thomas Sterling mit dem wunderbaren Der Fuchs von Venedig (verfilmt mit Rex Harrison als The Honey Pot). Der Fuchs von Venedig war ein Roman, den Richard K. Flesch selbst übersetzt hatte. Bevor er Verlagsleiter der Rowohlt Krimireihe wurde, hatte er als Übersetzer gearbeitet und Hemingway und Faulkner übersetzt. Auch die Franzosen wie Boileau-Narcejac gingen anfangs noch nicht gut (wurden aber schnell Bestseller). Sébastien Japrisot, der ➱Salingers Catcher in the Rye ins Französische übersetzt hatte, ging auch nicht. Aber Mord im Fahrpreis inbegriffen brauchte ich mir nicht zu kaufen, das hatte ich im ➱Kino gesehen. ➱Yves Montand und viele Stars. Und wirklich spannend. Das Kino war so gut wie leer. Man hatte in dem Vorort keinen Sinn für Qualität.

Das war auch das Problem von Flesch bei seinem ambitionierten Programm, er war froh, als Autoren wie Harry Kemelman, Chester Himes und Sjöwall/Wahlöö endlich Geld brachten. Das heißt, über die Startauflage von 20.000 Exemplaren hinauskamen. Erstaunlicherweise gelang das eines Tages auch deutschen Autoren wie Hansjörg Martin, Werremeier oder -ky. Beinahe all diese Krimis waren sozialkritisch, das war damals der Geist der Zeit, auch im ➱Kriminalroman. Die Émile Zola Variante des Krimis war keine Erfindung von Sjöwall/Wahlöö, auch ➱Nicolas Freeling (der eine Menge mit den Schweden gemein hat) beherrschte die schon. Flesch war als Herausgeber ein klein wenig schizophren. So gibt es die wunderbare Unterhaltung mit Michael Molsner über dessen Krimi Rote Messe: ›Ein Marxist als Sympathieträger, das werde ich nicht zulassen.‹ – ›Mei, Richard, ich bin Marxist und ich bin doch sympathisch.‹ – ›Du bist erstens kein Marxist, zweitens hast du keine Ahnung, wovon du redest. Marxisten sind Leute, die Autos anzünden.‹ – ›Ich bin Marxist, aber ich zünde keine Autos an.‹ ›Du erzählst Scheiße, du weißt nicht, was du sagst. Ich bin verantwortlich für diese Reihe, und in dieser Reihe taucht kein Marxist als Sympathieträger auf..Michael Molsner wechselte den Verlag. Ich überlege immer noch, ob irgendjemand dem Flesch mal erzählt hat, dass Maj Sjöwall Marxistin war? Links ist sie heute immer noch.

Meine erste mehr oder weniger wissenschaftliche Beschäftigung mit Sjöwall und Wahlöö liegt beinahe fünfzig Jahre zurück. Ich war wissenschaftliche Hilfskraft und Ghostwriter eines Professors, der einen Vortrag über Sjöwall/Wahlöö halten wollte. Er brauchte mich, weil er wusste, dass ich mehr von dem Thema verstand als er. Was ich ihm nie erzählt habe, war, dass ich Jan BrobergHarald Mogensen und Tage la Cour kannte, die mich damals mit allem Wichtigen aus Schweden und Dänemark versorgten. Mein Professor hatte immer wunderbare Ideen, solche Ideen, die der Engländer als high-faluting bezeichnen würde. Aus der tiefschürfenden Interpretation allein eines Romantitels konnte er einen halbstündigen Vortrag machen. Dem gegenüber stand meist eine völlige Unkenntnis des Romans. Aber das interessierte niemanden, von einem Professor erwartete man großartig klingende Interpretationen.

Wir waren also am Schreiben, das heißt, er warf seine Ideen in den Raum und ich schrieb. Lassen Sie uns den Originaltitel betrachten, Jay, sagte er. Und nahm den Rowohlt Band von Und die Großen lässt man laufen in die Hand. Hier, das ist doch großartig: Polis, polis, potatismos! Diese Symbolik! Polis ist die Stadt und potatimos hat mit dem Potentaten zu tun… An dieser Stelle war meine Langmut, die ich mir in Gesprächen mit ihm angewöhnt hatte, zu Ende. Ich sagte ihm, dass polis auf Schwedisch Polizei heißt. Und potatimos nichts anderes als Kartoffelmus. Der Satz kommt übrigens aus der Szene, wo ein Dreijähriger die Polizisten mit polis, polis, potatimos verspottet (die deutsche Übersetzung hat an dieser Stelle Bi-ba-Bullenpack). Was zur Folge hat, dass die etwas bescheuerten Streifenpolizisten Kristiansson und Kvant den Täter entkommen lassen, um das Kind und dessen Vater zu verwarnen. Wir haben an dem Tag nicht weitergearbeitet. Ich habe den Vortrag geschrieben, und er hat dann seine Stilsauce drüber gegossen. Die Zusammenarbeit zwischen Maj Sjöwall und Per Wahlöö hat etwas anders ausgesehen.

Und bevor ich es vergesse: Grattis på födelsedagen Maj Sjöwall.

Es gibt natürlich in diesem Blog schon einen Post zu ➱Sjöwall Wahlöö. Und sie werden immer wieder erwähnt. Wie in ➱Precision Class, ➱Tatort, ➱Nicolas Freeling, ➱Englische Krimiserien, ➱Margery Allingham, ➱Henning Mankell, ➱Désirée.

Kreuzworträtsel

03/06/2015 § Ein Kommentar

 

Kreuzworträtsel. Kriege ich nie hin. Mein Freund Georg immer, der löst sogar die in der Times. Manchmal schickt er mir welche vorbei. Ist vergebene Liebesmühe, ich habe nicht den Kopp dafür. Bei Colin Dexters Chief Inspector Morse ist das natürlich ganz anders, der löst der Kreuzworträtsel der Times in elf Minuten. Colin Dexter ist auch so ein Fanatiker: It’s a triumph in your own mind. You sit down with the crossword each morning over a boiled egg and you try to finish it before you finish the egg. And if you do so, then you get the feeling that the day has started off awfully well.

Muss man ein mathematisches Genie sein, um Kreuzworträtsel zu lösen? Ich gehörte mal dem exklusiven Klub der Matte Fünfer an, obwohl das vor Jahren auf einem Klassentreffen bestritten wurde. Weil ich die Fünf nur als Halbjahreszensur hatte, danach machte ich mal die Hausaufgaben. Und schrieb eine Eins nach der anderen. Unserem Matte Lehrer Walter D., der als junger Referendar schon meine Mutter am Lyceum unterrichtet hatte, hatte offensichtlich niemand erzählt, dass nach der Oberstufenreform im Lateinzweig der Schule nicht das volle Programm des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges unterrichtet werden sollte.

Das einzige, was ich aus dem Mathematik Unterricht wirklich mitgenommen habe, war die Frage meines Mitschülers Theo K., warum wir denn nun seit einem halben Jahr Kurvendiskussionen machten. Walter D. beantwortete das mit: Stellen Sie sich vor, Sie sind Konservendosenfabrikant, dann können Sie so berechnen, wieviel Weißblech Sie für ihre Dosen brauchen. Woraufhin Theo sagte: Wenn ich Konservendosenfabrikant wäre, dann hätte ich Leute wie Sie, die das für mich ausrechnen. Gab einen Eintrag im Klassenbuch, war aber ein starker Auftritt. Theo ist übrigens später Atomphysiker geworden. Trotz Walter D.

Als ich den Post ➱Endeavour geschrieben hatte, sprach mich ein Bekannter darauf an, der alle Romane von Colin Dexter gelesen hatte. Er schätzte die Romane, weil sie nicht nur gute Krimis waren, sondern ihm auch Bildung vermittelten. Und er erzählte mir eine kleine Geschichte. Er hatte einen Mathematiklehrer, der offenbar ein geklontes Exemplar von Walter D. war, seine Versetzung an einem humanistischen Gymnasium war gefährdet. Und dann las er in einem der Romane von Colin Dexter (ich nehme mal an, dass es The Remorseful Day war, wo sich die Sätze Perhaps it wasn’t altogether their fault. We’re never going to solve everything. It’s taken these mathematicians over three hundred years to solve Fermat’s Last Theorem finden) etwas über Pierre de Fermat. Und las mehr über ihn, und plötzlich interessierte ihn die Mathematik. Er schaffte die Versetzung, wurde immer besser, und wenig später gab er in der Oberstufe Nachhilfe in Mathematik.

Das hier ist unbestritten ein mathematisches Genie. Der Herr heißt Sir Jeremy Morse, als Zwölfjähriger hatte er schon seinen erkrankten Mathematiklehrer vertreten. Und als Student hatte er einen Fehler in dem Lehrbuch The Theory of Numbers gefunden. Das versichert uns sein Freund Earl Ferrers in seiner Autobiographie Whatever Next? Jeremy Morse wurde aber kein Mathematiklehrer, er wurde ein englischer Bankier, der nebenbei unter dem Pseudonym Esrom jahrelang das Kreuzworträtsel für den Observer konzipierte. Und sein Name – jetzt lasse ich die Katze aus dem Sack – wurde der Name des Inspektors, den Colin Dexter für seine Romane wählte: Inspector Morse is named after Sir Jeremy Morse, who I got to know in the 1950s when he started doing the Ximenes crossword in The Observer. And Dorothy Taylor wrote the The Observer’s Everyman crossword for years under the name Mrs B Lewis. So that’s the origin of Morse’s bagman. Schön, dass wir das endlich wissen, wie Morse und Lewis zu ihren Namen gekommen sind.

Im Jahre 2012 kam der Film Endeavour auf die englischen TV Bildschirme, es war der ➱Pilotfilm zur gleichnamigen ➱Serie, die ITV dann 2013 sendete. Endeavour ist das, was wir ein prequel nennen. So etwas ist ja in der Industrie Mode geworden, wenn Film oder Serie großen Erfolg haben. Wenn man so will, ist das ein alter Hut. Man kann James Fenimore Coopers The Deerslayer von 1841 als ein prequel zu dem zeitlich ersten Natty Bumppo Roman The Pioneers (1823) sehen. Aber man meint damit wohl eher Dinge wie Die Abenteuer des jungen Indiana Jones, und vielleicht bekommen wir eines Tages auch noch die Abenteuer des jungen James Bond.

Die Serie, auf die Endeavour anspielt, ist natürlich die Saga von Chief Inspector Morse, einem der größten Verkaufserfolge von ITV. Die Süddeutsche Zeitung sagte über Colin Dexters Romane: Seit Sherlock Holmes gibt es in der englischen Kriminalliteratur keine interessantere Figur als Chief Inspector Morse, für den The New York Times Book Review war Morse the most prickly, conceited, and genuinely brilliant detective since Hercule Poirot. Wie dem auch sei – Sherlock Holmes oder Hercule Poirot – viele Leser von Colin Dexter und Millionen von Zuschauern, die weltweit Morse gesehen haben (na ja, in Deutschland nicht) waren auch dieser Meinung. Das englische Publikum hatte John Thaw als Morse liebgewonnen, und auch Colin Dexter fand, dass er die perfekte Verkörperung der Figur war.

Unsere great detectives brauchen immer einen sidekick, Sherlock Holmes hatte Dr Watson, Hercule Poirot seinen Captain Hastings (und auch Edgar Allan Poes Dupin hatte einen Helfer). Unser junger great detective Endeavour Morse beginnt seine Karriere erst einmal als bag man von Inspector Fred Thursday (Roger Allam), einem Schauspieler, ohne den die Serie wohl nichts geworden wäre. Am Ende des Pilotfilms – in dem natürlich Kreuzworträtsel eine große Rolle spielen – fragt der Inspector Fred Thursday den jungen Morse, wo er sich in zwanzig Jahren sieht.

Endeavour Morse (Shaun Evans) blickt in den Rückspiegel, und wir sehen im Spiegel die Augen von John Thaw. Und die Originalmusik von Morse erklingt – der Komponist der Filmmusik ist Barrington Somers Pheloung, der schon die Musik für Morse und Lewis schrieb. Der rote Jaguar, den er eines Tages fahren wird, kommt in dieser Folge auch schon vor, man hat sich viel Mühe gegeben, Verbindungen zu der Serie Morse zu konstruieren.

Auch Abigail Thaw, die Tochter von John Thaw, hat in der Endeavour Serie eine Rolle als Dorothea Frazil, Chefredakteurin der Oxford Mail. Sie war damit sehr zufrieden: When they first approached me I just thought it would be a desk clerk with one line – my character was a cameo role in the pilot – but now she’s gone beyond that and it’s a lovely little part. I’m thrilled – it feels like a nice treat in my life and career to do something like this. I’m very proud to be in it. Als der junge Morse sie zum ersten Mal trifft, haben wir folgenden Dialog: “What did you say your name was?” “Morse. Why?” “Have we met?” “I don’t think so.” “Another life, then.”

Das ist natürlich ein kleiner in-joke, und davon lebt die Serie. Fans von Inspector Morse werden ihr Vergnügen haben, weil vieles aus der Serie hier schon erwähnt wird. Der Vorgesetzte von Morse, Chief Superintendent Strange, ist (wie der Pathologe Max) auch schon dabei, hier ist er noch ein einfacher Constable (im Bild rechts). Für zwanzig der dreiunddreißig Folgen von Morse, die ITV von 1987 bis 2000 sendete, gab es Romanvorlagen.

Den Inspector Lewis brauchte man nicht ganz neu zu erfinden, der stand schon in den Romanen und war in allen Folgen von Morse zu sehen. Aber den jungen Endeavour Morse, den musste man ganz neu erfinden. Aber damit kennt Russell Lewis, der als Siebenjähriger den kleinen Winston in Young Winston spielte, sich bestens aus. Er hatte schon große Teile von Inspector Lewis konzipiert und geschrieben (und die Folge The Way Through the Woods von Morse geschrieben). Russell Lewis hat den Autor Colin Dexter natürlich getroffen und mit ihm das Konzept besprochen, Dexter war mit dem ➱Ergebnis nicht unzufrieden (er hat wie in Morse und Lewis einige kleine Cameo Auftritte). Angeblich hat er sogar verfügt, dass es neben John Thaw nur Shaun Evans als Morse geben darf. Auf jeden Fall hat das Shaun Evans gesagt: I know that the creator, Colin Dexter, has it in his will that no one else can play the part. Which is as it should be. It’s not something that can go on and on. I really don’t think it will.

Endeavour endet bisher mit der Folge Neverland (der vierten Folge der zweiten Serie), aber so wie es endet, darf es nicht enden (wenn ich weiterschreiben wollte, müsste ich jetzt einen spoiler alarm einbauen). Zum Ende dieser Folge zitiert der junge Morse gegenüber Fred Thursday die letzte Strophe des Gedichts May von A.E. Housman:

Ensanguining the skies
How heavily it dies
Into the west away;
Past touch and sight and sound
Not further to be found,
How hopeless under ground
Falls the remorseful day.

Wir wissen, dass The remorseful day der Titel der letzten Folge von Morse ist, die Folge, in der Chief Inspector Endeavour Morse stirbt. Aber der junge Endeavour stirbt natürlich nicht – die Helden der Popular Culture leben ja sowieso ewig. Und Russell Lewis hat es die Morse Gemeinde mit einigen Zeilen schon wissen lassen, dass es weitergeht: Endeavour ’67 … Pepper – Piper – Purple Haze… As ‚Oxford’s finest‘ encounter friends and foes both old and new, our next quartet of mysteries will take the audience on a psychedelic Summer of Love fairground ride, filled with twists and turns shrieks and scares. For something wicked this way comes…

Das, was es bisher gibt, ist auf jeden Fall eine Kaufempfehlung. Selbst wenn Sie keine Kreuzworträtsel mögen. In Amerika lief Endeavour bei PBS, das ist für Amerika ja schon Bildungsfernsehen. Nicht alle waren begeistert, so schrieb Mike Hall in der New York TimesBeyond the easy pleasure of the Morse allusions, the tone and texture of the new work are substantially different: It’s blander, stiffer and more conventional, like many other well-made British period pieces. In hindsight, the original series may be overrated, but it had an acid tang that you remembered. At this point, “Endeavour” is more like ginger beer. Und das würde Morse natürlich nie trinken. Aber probieren Sie es selbst. Das einzige, was man wirklich bemängeln kann, ist, dass der Serie der Humor, der Morse und Lewis auszeichnet, völlig fehlt.

Lesen Sie auch: ➱Endeavour, ➱Inspector Lewis.

Endeavour

10/05/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

In Death Is Now My Neighbour, einer der letzten Folgen der englischen Krimiserie Morse, lernt Chief Inspector Morse diese hübsche Frau (Judy Loe) kennen. Und verliebt sich sofort. Er sie zum ersten Mal, als sie gerade eine Musikstudentin am Klavier begleitet. Die Studentin (Nina Tilbury) singt Cherubinos Non so piu cosa son, cosa faccio aus der Oper Le Nozze di Figaro. Enthusiastisch, aber ein klein wenig schräg neben der Tonspur. So sieht es die Rolle wohl vor (Sie können ➱hier ab Minute 13:20 hineinhören). Wenn Sie eine richtige Opernsängerin mit dieser Arie hören wollen, dann klicken Sie ➱hier Liliana Nikiteanu an (oder ➱dies ab Minute 18:30, aber das ist auch etwas schräg).

Es ist viel Musik in den Folgen von Inspector Morse, The Death of the Self zum Beispiel entführt uns nach Vicenza. Und dann nach Verona, wo die Opernsängerin Nicole Burgess (gespielt von Frances Barber) Signore, ascolta aus Puccinis Turandot singt. Sie können das ➱hier ab Minute 1:37 sehen und hören. Frances Barber sieht dabei richtig überzeugend aus, aber die Schauspielerin hat den Part nicht wirklich gesungen, es war die Stimme von Janis Kelly.

Das Signore, ascolta gibt es natürlich (ebenso wie das Nessun Dorma) massenhaft im Internet, Sie könnten ➱Ekaterina Shcherbachenko hier hören. Wenn Sie lieber die ➱Callas hören wollen, dann klicken Sie ➱hier. Die Aufnahme ist über fünfzig Jahre älter, hat aber große Momente. Und wiederum auch nicht. Wir können auch hören, welche Schwierigkeiten sie mit Puccini hat. Aber Walter Legge von der EMI hatte sie da hinein gequatscht, er wollte aus seinem Star alles herausholen. Finanziell gesehen. Er wusste, dass ihre ➱Stimme bald nicht mehr das sein würde, was sie einmal war.

Morse singt im Kirchenchor, er ist aber nicht The Singing Detective. Das ist eine Serie von Dennis Potter, die sehr sophisticated ist (das Remake von 2003 möchte ich lieber nicht erwähnen). Sozusagen Krimi für Fortgeschrittene. Lichtjahre entfernt von Til Schweigers Tatort Kommissar. Morse wird in der Serie jede Gelegenheit nutzen, um in die Oper zu kommen. Am Ende von Promised Land schafft er es noch in die neue Oper von Sydney. Und wenn sein Chef in The Way Through the Woods zu ihm sagt: You should’ve been here last summer. You only got the tail-end of it. Off sunning yourself in Beirut, kann Morse das nur trocken mit Bayreuth kommentieren.

In der ersten Folge der Serie (The Dead of Jericho) spielt Morse den Tristan Akkord auf dem Klavier der toten Klavierlehrerin, er liebt nun einmal Wagner. Er ist nicht der erste musikalische ➱Detektiv in der Geschichte der Krimiliteratur. Sherlock Holmes (hier Benedict Cumberbatch in der Rolle) spielte Geige, Lord Peter Wimsey Klavier. Holmes besaß sogar eine Stradivari. Das erzählt uns auf jeden Fall Dr Watson: We had a pleasant little meal together, during which Holmes would talk about nothing but violins, narrating with great exultation how he had purchased his own Stradivarius, which was worth at least five hundred guineas, at a Jew broker’s in Tottenham Court Road for fifty-five shillings.

Wir wollen mal hoffen, dass die Stradivari wirklich echt war. Frank Peter Zimmermann musste seine Stradivari (die den Namen Lady Inchiquin hatte) ja leider gerade zurückgeben. Aber es sind nicht nur die englischen gentleman detectives, die der Musik zugetan sind, wenn sie nicht sogar Komponisten sind wie Robert Bruce Montgomery. Der unter dem Pseudonym ➱Edmund Crispin diese wunderbar schrägen Professor Fen Romane schrieb. Auch die amerikanischen hard-boiled Kollegen der gentleman detectives sind nicht frei von musikalen Neigungen. In Chandlers Erzählung I’ll Be Waiting (die ➱hier einen Post hat) spielt Mozart eine große Rolle. Und in The Little Sister findet sich diese Unterhaltung zwischen einem Sergeant und Philip Marlowe:

„I play the piano a good deal,“ he said. „I have a seven-foot Steinway. Mozart and Bach mostly. I’m a bit old-fashioned. Most people find it dull stuff. I don’t.“

„Perfect casting,“ I said, and put a card somewhere.

„You’d be surprised how difficult some of that Mozart is,“ he said. „It sounds so simple when you hear it played well.“

„Who can play it well?“ I asked.

„Schnabel.“

„Rubinstein?“

He shook his head. „Too heavy. Too emotional. Mozart is just music. No comment needed from the performer.“ 

Und wenn Sie noch mehr Musik wollen, dann lesen Sie ➱James Mallahan Cains Serenade. Da merkt man auf jeder Seite, dass der Sohn einer Opernsängerin eigentlich selbst Sänger werden wollte. Und vielleicht sollte man anmerken, dass Chandlers Frau Cissy in erster Ehe mit einem Konzertpianisten verheiratet war (und selbst eine Pianistin war). Da liegt der Mozart nicht weit.

In The Death of the Self (➱hier ganz zu sehen) können Sie den Chief Inspector Morse auch als Begleiter der Sängerin Nicole Burgess im offenen Citroen zu einer Villa fahren sehen (ab Minute 39), die Palladios Rotonda sehr ähnlich ist. Hunderte von Stellen im Internet behaupten, dass es die Rotonda ist, aber sie ist es nicht. Wenn Sie den langen Post ➱Palladio gelesen haben, dann wissen Sie natürlich, dass es die Villa Pisani von Vincenzo Scamozzi ist.

In The Death of the Self treffen wir auch jemanden wieder, den wir heute in einer ganz anderen Rolle kennen. Das hier ist Michael Kitchen, der Star der ➱Serie Foyle’s War. In der Folge ist er allerdings nicht wie Foyle eine Personifikation des Guten und aller englischen Werte, da ist er ein international operierender Betrüger.

Wenn man Morse fragt: What’s your first name? antwortet er mit Inspector. Aber Adele Cecil lässt sich damit natürlich nicht abspeisen: Well, you could start by telling me your name. (Morse:) Everyone just calls me Morse. I do have a first name, of course, but I’d have to know you better. (Adele:) You won’t know me better if you don’t tell me. (Morse:) Right. My A whole life’s effort has revolved around Eve. Nine letters. And that is the truth, the whole truth. Das ist nun etwas für Menschen, die Kreuzworträtsel, Anagramme und solche Dinge lieben. People who do crosswords have blanks in their lives and they haven’t a clue how to fill them. Don’t you think? wird Adele sagen.

Morse liebt Kreuzworträtsel. Als ihn sein Chef fragt: What’s the matter? Brain not what it was? antwortet er My brain is fine, thank you. I did today’s Times crossword in 11 minutes. Das hört der Superintendent Strange nicht so gerne: If you spent more time on your case, you would have something to tell me. Am Ende von Death Is Now My Neighbour sind Adele Cecil, Morse und Lewis in einem Pub. Das englische Pub ist das natürliche Habitat von Morse. Und in dieser Szene in der Kneipe (Bild) erfahren wir auch zum ersten Mal den Vornamen von Morse: Adele Cecil: This anagram, „around eve“ — I’ve tried and I’ve tried, but all I can come up with is „Endeavour“. And no-one’s called Endeavour, surely? Morse: I told you — my mother was a Quaker, and Quakers sometimes call their children names like ‚Hope‘, and ‚Patience‘. My father was obsessed with Captain Cook, and his ship was called Endeavour. Why aren’t you both laughing? Lewis: You poor sod! Adele Cecil: I’m not calling you „Endeavour“. Lewis: Call him „Sir“. He likes that. Adele Cecil: Oh, no, no,— I’ll stick to „Morse“, like everyone else. Morse: [Raises his glass of beer.] Cheers.

Inzwischen gibt es als spin off der Serie Morse eine TV Serie, die Endeavour heißt, ein prequel, das die Erlebnisse des jungen Endeavour zeigt. So etwas musste ja kommen. Wenn sich der junge Police Constable Endeavour Morse hier an einen Jaguar lehnt, dann soll das noch nicht heißen, dass er schon damals einen besaß. Damals fuhr die Polizei noch schwarze Jaguars. In den Romanen von Colin Dexter, die der Serie zugrunde liegen, fuhr Morse einen alten Lancia. Aber den konnte man bei den Dreharbeiten angeblich nicht finden, den Jaguar kaufte man für 1.500 Pfund bei einem Schrotthändler.

Das Auto wurde berühmt wie die Serie, zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Senders ITV kam er sogar auf eine Briefmarke der englischen Post. In einer englischen Umfrage nach dem berühmtesten Auto der Filmgeschichte, schlug der weinrote Jaguar vor Jahren sogar das ➱Auto aus Chitty Chitty Bang Bang und James Bonds Aston Martin.

Dieses Photo hat ein englischer Morse Fan 1999 in Kalifornien geschossen. Wir wissen natürlich, dass das Original das Kennzeichen 248 RPA besitzt, aber ein Autokennzeichen Morse ist natürlich auch nicht schlecht. Die Geschichte von Morses Automobil ist immer wieder erzählt worden, wenn man ihr einen Titel geben sollte, dann wäre ➱Fitzgeralds The cruise of the rolling junk wohl angebracht. Für den Hauptdarsteller John Thaw war das Auto a beggar to drive, bei den Dreharbeiten war immer ein Mechaniker anwesend. Freunde der Firma Jaguar könnten jetzt noch den Post ➱Des Königs Jaguar lesen.

Ich hatte in ➱Inspector Lewis (dem spin off von Morse) versprochen, demnächst über Morse zu schreiben. Dies ist doch schon mal ein Anfang. Die dreiunddreißig Folgen von Morse (plus fünf Specials) mit John Thaw und Kevin Whately kosten etwas mehr als fünfzig Euro. Eine deutsche Tonspur gibt es leider nicht, aber es gibt englische Untertitel. Das ist auch eine schöne Gelegenheit, um Ihr Englisch zu schulen. Die Serie nach den Romanen von Colin Dexter war überall auf der Welt zu sehen. Nur in Deutschland nicht. Wahrscheinlich weil wir mit der deutschen Tatort ➱Tristesse und ➱Henning Mankell auskommen.

Goldfinger

14/01/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Goldfinger, he’s the man
The man with the midas touch
A spider’s touch
Such a cold finger
Beckons you to enter his web of sin
But don’t go in

Heute wohnen viele so, aber wenn man in der Willow Road im feinen Hampstead wohnt, dann hasst man es, dass da alte Backsteinhäuser abgerissen werden, um einem solchen Neubau zu weichen. In den fünfziger Jahren baute jeder so, aber dieses Haus, wurde schon 1939 gebaut. Von einem zugezogenen Ungarn namens Ernő Goldfinger, der heute aus unerfindlichen Gründen als Englands bedeutendster Vertreter der Moderne gilt. Seine Bauten mochte niemand leiden (sogar ein Vorkämpfer der Moderne wie ➱Sir Nikolaus Pevsner äußert sich sehr zurückhaltend), den Menschen Ernő Goldfinger mochten noch weniger Leute leiden.

Er ist schon einmal in diesem Blog erwähnt worden. Nicht im Zusammenhang mit dem Kunsthistoriker ➱Nikolaus Pevsner oder der englischen Architektur (seine Bauten fallen unter den schönen Begriff Brutalist Architecture), sondern weil einer seiner Nachbarn in Hampstead (der ihn nicht ausstehen konnte) ihn in einen Roman hinein geschrieben hat.

In dem Post ➱Agentenmode aus dem Jahre 2010 war hier zu lesen: Den letzten Namen [Goldfinger] hat sich der Schöpfer von James Bond mit besonderer Süffisanz ausgesucht. Er hatte nämlich einen Nachbarn namens Goldfinger, Ernö Goldfinger. Der war ein berühmter Architekt, aber Fleming fand, das dessen modernistisches Haus die ganze Londoner Vorstadt verschandelte (heute steht das Haus in der Willow Road unter Denkmalschutz). Und so wurde der ungarische Architekt zu einer Romanfigur.

Er hat noch jahrelang unter seinem Namen gelitten, ständige Telephonanrufe von Leuten, die sich als Bond, James Bond meldeten. Oder es sangen ihm Scherzbolde Shirley Basseys ‚Goldfinger‘ ins Ohr. Goldfinger will den Verlag von Fleming verklagen, aber er zieht seine Klage zurück. Woraufhin ihm der Jonathan Cape Verlag die Kosten der Rechtsanwälte erstattet und ihm sechs Exemplare von ‚Goldfinger‘ schenkt. Ian Fleming hatte angedroht, bei der zweiten Auflage die Romanfigur statt Goldfinger ‚Goldprick‘ zu nennen. Das wäre noch komischer geworden.

Das Photo im oberen Absatz zeigt Ernő Goldfinger vor einem seiner Bauwerke; die Kinder, die in dem Trellick Tower Hochhaus wohnen, sehen nicht unbedingt glücklich aus. Vertical slums replaced horizontal slums, hat Harry Phibbs vom Guardian über das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Bauwerk geschrieben. Die englische Presse ist nie sehr nett mit Ernő Goldfinger umgegangen, hat auch immer wieder genüsslich kolportiert, dass nach Ansicht der meisten Briten Goldfinger Selbstmord begangen habe, indem er vom Trellick Tower Hochhaus gesprungen sei. Solche urban myths halten sich lange. Der emigrierte ungarische Kommunist wird immer mit diesem Herrn verwechselt werden, den James Bond auf einem Golfplatz trifft.

Da ich gerade einen älteren Post zitiert habe, möchte ich noch etwas aus dem Post ➱Bond Girl zitieren, nämlich das schöne Gedicht von ➱Fiona Pitt-Kethley, das man gar nicht häufig genug zitieren kann. Es heißt Bond Girls (und findet sich auch in dem Post ➱Britt):

Back in my extra days, someone once swore
she’d seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was ‚a passer-by‘.)

I’ve passed the lot in Pinewood Studios.
It’s factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that’s where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind –
Black, Asian, White – blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red –
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Das Bild von der vergoldeten Shirley Eaton kriegen wir nie wieder aus unseren Köpfen. Dieses Bild hätten wir gerne wieder aus unseren Köpfen. Aber es geht nicht, das Filmgedächtnis hat es schon gespeichert. Das ist Shirley Eaton in dem Film Doctor in the House, sie ist siebzehn. Aber sie hat schon begriffen, dass man mangelndes schauspielerisches Talent durch Oberweite und offene Blusenknöpfe kompensieren kann. Ein ehernes Gesetz der Filmindustrie, das natürlich auch für alle Filme mit Geheimagenten gilt.

Der junge Mann neben Shirley Eaton ist natürlich Dirk Bogarde (der ➱hier einen langen Post hat). Der, wenn er in der Spionagefilm Parodie Hot enough for June auch mal einen Geheimagenten spielen darf, jemand anderen als Shirley Eaton an seiner Seite hat. Geheimagenten brauchen nun mal Frauen, ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das Thema der Geheimagenten und ihrer Gespielinnen ist schier unerschöpflich, vielleicht komme ich eines Tages noch darauf zurück.

Natürlich wissen wir, dass die Frau in dem Roman Goldfinger den Namen Pussy Galore hat. Dazu sage ich jetzt lieber gar nichts. Sie wird ➱hier natürlich schon erwähnt. Das gleiche gilt für ➱Ursula Andress (Undress?), ➱Karin Dor und ➱Britt Ekland. Dass die Kritiker die Romanfigur James Bond zu einem sex maniac gemacht haben, sei völlig falsch, sagt der englische Schriftsteller Kingsley Amis (der auch unter dem Pseudonym Robert Marham einen James Bond Roman schrieb):

Not once, in the twelve novels and eight stories, does Bond or his creator come anywhere near judging a character by his or her social standing. We hear a good deal about high living and the elegant scene at Blades Club, but that is a different matter; at worst, harmless vulgarity. The practice of fornication in itself is not enough, these days, to brand a man as a monster, but then perhaps Bond goes at it too hard, weaves a compensation-fantasy for author and reader, is on a wish-fulfilment deal and all that.

I myself could see no harm in this even if it were true, but it is not. One girl per trip, Bond’s average, is not excessive for a personable heterosexual bachelor, and his powers of performance would not rate the briefest of footnotes in Kinsey. It is true that all the girls are pretty and put up little resistance to Bond’s advances, and this may help to explain his unpopularity with those critics who find it difficult to seduce even very ugly girls. Die Passage findet sich in ➱Kingsley Amis‚ amüsantem Buch The James Bond Dossier. Einer ein klein wenig ironischen Untersuchung der Flemingschen Romanfigur.

Die ja außer ihrem Namen nichts mehr mit jenem James Bond gemein hat, der heute in aller Munde ist. Und der zur Karikatur einer Figur geworden ist, die vielleicht schon selbst eine Karikatur war. Schon der James Bond der Kritiker der sechziger Jahre hatte wenig mit dem 007 der Romane gemein: The curious momentary suspicion one feels from time to time, that the critics have somehow got hold of a completely different version of the work one has been reading, has never invaded my mind more powerfully than in the case of Ian Fleming and his critics, sagt Amis.

Und damit meinte er nicht die deutschen Kritiker, die voller Moral- und Ideologiekritik waren, sondern seine eigenen Landsleute. Wie zum Beispiel Malcolm Muggeridge, der Fleming als Etonian Mickey Spillane bezeichnete und über James Bond so nette Dinge sagte wie: In so far as one can focus on to so shadowy and unreal a character, he is utterly despicable: obsequious to his superiors, pretentious in his tastes, callous and brutal in his ways, with strong undertones of sadism, and an unspeakable cad in his relations with women, toward whom sexual appetite represents the only approach. 

Sean Connery war in den ersten Filmen noch eine erkennbare Variation des Romanhelden. Heute ist James Bond Arnold Schwarzenegger in der Verkleidung von Daniel Craig. Wie das Monster von Dr Frankenstein ist die Kunstfigur längst der Kontrolle seines Herrn entwischt. Die Stärke von Fleming liegt in seiner Detailtreue, sagt Amis. Das sagt auch ➱Fleming selbst: I try to write neatly, concisively, vividly, because I think that’s the way to write, I think that approach largely comes from my training as a fast-writing journalist under circumstances in which you damned well have to be neat, correct, concise and vivid. My journalistic training was far more valuable to me than all the English literature education I ever had. My plots are fantastic, while being often based upon truth. They go wildly beyond the probable not, I think, beyond the possible. 

To anchor my fantastic plots I employed the device of using real names of things and places. The constant use of real and familiar names and objects reassures the reader that both he and the writer have their feet on the ground in spite of being involved in a fantastic adventure. That is why I started using the technical device of referring to say, a Ronson lighter, a 41⁄2-litre Bentley with an Amherst-Villiers supercharger, the Ritz Hotel in London, the 21 Club in New York, the exact names of even the smallest details. All of this gives the reader the feeling of feasibility.

Das findet allerdings in den Augen moralisierender Kritiker keine Gnade: Diese Tatsachentreue im Kleinen schafft einen Pseudo-Realismus, der geistig unsauber ist, weil er den Anschein erweckt, auch alle Gewaltakte, Treulosigkeiten, Sexualabenteuer und kitschigen Bilder der Lebewelt müßten nach dem Leben gezeichnet sein, schreibt ein Peter Fischer im Jahre 1969. Für die Kritiker der sechziger Jahre wurde der Marineoffizier im englischen Geheimdienst zu einem Vorwand, schöne Allgemeinplätze zu produzieren: Wenn man Fleming schon reaktionär nennen will, dann nicht deswegen, weil er die Rolle des „Bösen“ mit einem Russen oder Juden besetzt. 

Er ist reaktionär, weil er exzessiv schematisiert. Schematisierung, manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant; Demokrat ist, wer die Schemata verwirft und Nuancen anerkennt, Unterscheidungen macht, Widersprüche rechtfertigt. Fleming ist reaktionär, wie im Grunde das Märchen reaktionär ist, jedes Märchen, – er ist der althergebrachte statisch-dogmatische Konservativismus der Märchen und Mythen, die eine elementare Weisheit vermitteln, die durch simples Licht- und Schattenspiel mitgeteilt wird… Wenn Fleming Faschist ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz mit Hilfe von Mythen von Mythen und Fetischen zu herrschen und beherrschen. So Umberto Eco in Der Fall James Bond. Dass der Spionageromane per se eine faschistoide Literaturform ist, hatte ➱Gertrude Himmelfarb für die Romane von John Buchan insinuiert, dessen Held Richard Hannay ja ein Vorläufer von James Bond ist.

Nicht viel an den James Bond Phantasien Ian Flemings war wirklich neu. Wunschfiguren, die mal eben schnell die Welt retten, hatte es schon zuvor gegeben. John Buchans Richard Hannay, Bulldog Drummond, Lemmy Caution und Hubert Bonisseur de la Bath (der Geheimagent OSS 117) waren das auch schon gewesen. Als die ersten James Bond Romane erschienen, konnte man Bond noch als eine Art cultural hero verstehen. Ein englischer Geheimagent zeigte den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, dass die Engländer immer noch das Great Game spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn sie das Empire verloren längst hatten. Ian Fleming wrote well, heißt es in dem Gedicht Bond Girls. So gut nun auch wieder nicht. Probably the fault about my books is that I don’t take them seriously enough… you after all write „novels of suspense“ – if not sociological studies – whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, vertraute er Raymond Chandler an.

In der Welt der pillow fantasies ist die Welt immer bedroht. Muss in letzter Minute gerettet werden. Das Böse ist immer und überall. Die Bösewichte sind natürlich keine Engländer, das ist ein Erbe der gothic novel (lesen Sie hier doch den Post ➱Gothick), wo der gothic villain auch nie aus England kommt. Sie mögen sich englisch geben wie Gert Fröbe als Auric Goldfinger, aber der ist in seiner Golfkleidung doch nur eine Karikatur eines englischen Gentleman. Und dann dieser braune Smoking! Die Bösewichte tragen in den Filmen immer seltsame Kleidung, niemals diese zeitlosen Anzüge von Anthony Sinclair wie Sean Connery. Der Kampf gegen das Böse ist in den Ausstattungsfilmen auch ein sartorialer Kampf gegen den schlechten Geschmack.

Arno Schmidt hat einmal über den viktorianischen Roman gesagt, dass da die Nebenfiguren zu Hauptfiguren werden. Ein Satz, der auch für Goldfinger gilt, der nichts ohne Honor Blackman, Harold Sakata (als Oddjob), Tania Mallet und die golddoublierte Shirley Eaton wäre. Angeblich waren die Produzenten Broccoli und Saltzman von Fröbe als Kindsmörder in Es geschah am hellichten Tage begeistert und waren deshalb auf ihn verfallen. Ich fand ihn als Naziverbrecher in ➱Alfred Andersch‘ Die Rote viel eindrucksvoller. Gert Fröbe war später noch einmal im Gespräch. Er sollte als Zwillingsbruder von Auric Goldfinger in Diamonds are Forever mitspielen, aber dann gab man den Gedanken doch auf. Ist auch besser so.

Die Filme retten die Romane Ian Flemings, so groß war der Erfolg der ersten Romane in England nicht. In Deutschland erst recht nicht. So hieß es beim Ullstein Verlag auf dem Buchrücken der deutschen Erstausgabe (Erstmalig in deutscher Sprache! stand vorne drauf): Casino Royale [ist] eine der harten, im amerikanischen Stil geschriebenen, abenteuerlichen Stories, mit denen der englische Autor Ian Fleming sich seinen Platz in der ersten Reihe der beliebtesten Kriminalautoren gesichert hat. Ullstein reichte den Autor übrigens wenig später wegen schlechter Verkaufszahlen an den Scherz Verlag weiter.

In der Tradition des harten amerikanischen Stils hätte sich Fleming auch gerne gesehen: I wanted my hero to be entirely an anonymous instrument and to let the action of the book carry him along. I didn’t believe in the heroic Bulldog Drummond types. I mean, rather, I didn’t believe that they could any longer exist in literature. I wanted this man more or less to follow the pattern of Raymond Chandler’s or Dashiell Hammett’s heroes—believable people, believable heroes. Aber in den sechziger Jahren waren Flemings Romane kalter Kaffee, Englands neuer Star hieß Len Deighton.

Der kam definitiv nicht aus der upper class wie Ian Fleming. Sein Held – the first anti-hero in spy fiction – hatte nicht einmal einen Namen. Harry Palmer hieß er erst in den Filmen. Ian Fleming war über The Ipcress File auf jeden Fall not amused. Er mokierte sich he could not be bothered with all [Deighton’s] kitchen sink writing and all this Nescafé. Ja, professional compliments are always pleasing, wie ➱Doc Boone in Stagecoach sagt. Andere hatten mehr Lob parat: A spy story with a difference (Observer), A master of fictional espionage (Daily Mail), The poet of the spy story… Deighton is so far in the front of other writers in the field that they are not even in sight (Sunday Times), The Ipcress File helped change the shape of the espionage thriller… the prose is still as crisp and fresh as ever… there is an infectious energy about this book which makes it a joy to read, or re-read (Daily Telegraph).

All das gilt noch immer. Ich hatte große Schwierigkeiten, nach einem halben Jahrhundert einen James Bond Roman noch einmal zu lesen. Len Deightons The Ipcress File habe ich mit Vergnügen in einem Stück gelesen. In schöner Bescheidenheit hat Deighton über seinen Debütroman gesagt: it did very well, but that was really because the critics used me as a blunt instrument to beat Ian Fleming over the head. Und Harry Saltzman, der Produzent von Dr NoFrom Russia with Love und Goldfinger kaufte sofort die Filmrechte von Ipcress. Sie können den Anfang von The Ipcress File ➱hier lesen. Wenn Sie Goldfinger ganz lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Das Photo zeigt Len Deighton (in der Mitte) neben Eva Renzi bei den Dreharbeiten von Funeral in Berlin. Rechts von ihm stehen ➱Michael Caine und Paul Hubschmid. Paul Hubschmid ist der längste. Das weiß ich, weil ich am Donnerstag 27. September 1962, in der Komödie am Kurfürstendamm bei dem ersten Auftritt von ➱Juliette Gréco in Deutschland hinter ihm gesessen habe.

Die Leser von Len Deighton fanden eine Figur wie James Bond einfach lächerlich – was sie ja eigentlich auch ist. Deighton hat sich zum Thema James Bond kaum geäußert, andere Kollegen waren nicht so zurückhaltend. ➱Nicolas Freeling, ein besserer Schriftsteller als Fleming, bezeichnete dessen Romane als a bit of elegant masturbation. Und ➱John le Carré nannte sie cultural pornography. Und äußerte sein Missfallen gegenüber der Superman figure who is ‚ennobled‘ by some sort of misty, patriotic ideas and who can commit any crime and break any law in the name of his own society. He’s a sort of licensed criminal who, in the name of false patriotism, approves of nasty crimes. So richtig das ist, muss man aber auch sagen, dass das letztlich Argumente sind, die R. Austin Freeman schon 1924 in seinem ➱Artikel The Art of the Detective Story vorgetragen hat. Und die zwanzig Jahre später noch einmal George Orwell in seinem ➱Essay Raffles and Miss Blandish formuliert hat.

Ähnlich wie die Literaten und Literaturwissenschaftler äußerte sich auch ➱Nina Hibbin, die im Daily Worker in ihrer Filmrezension Goldfinger—Slickest: Bond’s Latest Film Repeats the Dose Daily den Film in Grund und Boden verdammte: The cult of James Bondism ist a vicious one, a symptomatic sickness of our age…. But this all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. But this is all one vast, gigantic confidence trick to blind the audience to what is going on underneath. The constantly lurking viciousness, and the glamorisation of violence — they are real enough…

Sie hatte Ähnliches schon zu den ersten Bond Filmen geschrieben, da hatte die jüdische Kommunistin (ohne die Ken Loach niemals hätte Kes drehen können) noch die Masse der high-brow Kritiker hinter sich. Jetzt war die Front aufgeweicht. Leonard Mosley, der Filmkritiker des Daily Express tönte: Even for eggheads, I swear this film is worth a visit. Honor bright. My word is my Bond.

Und Roger Ebert schrieb: Of all the Bonds, ‚Goldfinger‘ (1964) is the best, and can stand as a surrogate for the others. If it is not a great film, it is a great entertainment, and contains all the elements of the Bond formula that would work again and again. Man kann die wichtigsten Positionen der Rezeption in James Chapmans seriösem und ausgewogenen Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Movies nachlesen. Er hat auch ein schönes Kapitel mit dem Titel Bondmania.

Mit den Bond Filmen rollte eine Vermarktungswelle an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Es gab bei Moeris eine 007 Armbanduhr, und es gab ein 007 Rasierwasser (so etwas wird heute noch verkauft). Selbst in Deutschland tauchten James Bond Anzüge auf. Den ersten habe ich 1965 in einem Schaufenster des Kaufhauses DeFaKa gesehen. In England heuerte die Firma ➱DAKS/Simpson den Photographen ➱Helmut Newton an. Der photographierte dann Möchtegern Geheimagenten in DAKS Anzügen für eine aufwendige Werbeaktion in den colour supplements von Sunday Times und Observer. Ian Fleming hatte sich überreden lassen, im Rahmen dieser Werbekampagne als Geheimdienstchef M photographiert zu werden. In Frankreich lief bei Dormeuil eine ähnliche Kampagne. Mit einer gewissen Berechtigung, denn ➱Dormeuil Tonik war der Stoff, den Fleming für seine Anzüge bevorzugte.

Die Anzüge von Sean Connery waren das äußerliche Symbol für die völlige Transformation eines Menschen. Die Romanfigur von Ian Fleming war (wie Fleming selbst) natürlich ein Gentleman, Sean Connery war ein schottischer Proll. Der Geburtshelfer für den eleganten James Bond, der sich wie selbstverständlich im Londoner Clubland bewegt, alle Weinsorten kennt und seine Anzüge aus der Savile Row bezieht, war der Regisseur Terence Young. Wenn es einen James Bond gibt, dann ist er es. Ein Gentleman, der in Eton wie Ian Fleming (und der fiktionale Bond) gewesen war. Danach in Cambridge. Er war zwar kein Commander in der Royal Navy wie Ian Fleming und dessen Geschöpf James Bond, aber er war Offizier der Garde gewesen. Er schleppte Connery als erstes zu seinem Schneider Anthony Sinclair. Der Rest ist Geschichte. Nie hat der Satz Kleider machen Leute so viel bedeutet wie jetzt.

Es ist erstaunlich, was man alles mit dem Namen James Bond verkaufen kann. Besonders gut gefallen hat mir dieser Werbetext:  Ein halbes Jahrhundert lang beeindruckte James Bond die Welt. Eine unantastbare Legende – von Männern verehrt, von Frauen begehrt. James Bond ist die ultimative Ikone der Männlichkeit – die vollkommene Kombination von unwiderstehlicher Kultiviertheit und kompromissloser Männlichkeit. In James Bond 007 verbinden sich all diese Charakteristika auf gefährlichste Weise zu einem kraftvollen Duft, der jene Dualität versprüht, die Bond so außergewöhnlich macht: der Mix von Kultiviertheit und Männlichkeit. James Bond 007 ist der maskuline Duft für den Bond Mann. Der Duft ist natürlich sehr exklusiv. Man kriegt ihn bei Rossmann. Bevor Sie sich das Zeuch kaufen, sollten Sie hier den Post ➱Aftershave lesen.

Etwas mehr als für das Rasierwasser, wird man für die Teile von Duponts James Bond Collection auf den Tisch legen müssen. Das Hemd von Turnbull & Asser, das Sean Connery hier trägt, kann man noch kaufen. Kostet schlappe 245 Pfund Sterling. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer mir letztens zugeflüstert hat, dass die Hemden von Turnbull & Asser nicht mehr aus der Jermyn Street, sondern aus Danzig von Emanuel Berg kommen. Da sind die Hemden bei ➱Rudolf Böll billiger. Und wahrscheinlich besser.

Den Smirnoff Wodka, den Bond hier trinkt, kann man natürlich auch kaufen. Aber – und das mag jetzt für viele wie ein Schock kommen – Bond Fans werden sich auf Heineken Bier umstellen müssen. Ich weiß jetzt nicht, ob die Plörre geschüttelt oder gerührt serviert wird. Die Filmfirma hat einen 28 Millionen Pfund Sterling Deal mit den Holländern gemacht, das war ein Drittel der Produktionskosten. Auf die Frage Did Fleming’s Meta-branding in the books have an impact on product placement in today’s movies and books? antwortete ➱Professor Chapman:

The answer is “Yes – and No”. The brand name products in Fleming’s books served a cultural-ideological purpose: as well as being indicators of snob value they can also be seen as reflecting the gradual emergence of Britain from a post-war culture of austerity (Casino Royale was published in 1953) to a culture of affluence. Today the ideological import of this is lost: I’ve met taxi drivers who wear Rolexes! The product placement in the films is more tied to commercial branding and has less obvious snob value: Aston Martin, yes, but Bond drinking Heineken in ‚Skyfall‘ is a mass-market rather than an exclusive product. This reflects the fact that the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader.

Ich habe noch nie einen Taxifahrer gesehen, der eine echte Rolex trug (Fahrer mit Rolex Fälschungen am Arm sieht man häufig), aber ich hatte schon mal eine Rolex von dem Typ, den Connery in Dr No trägt, in der Hand. Was damals übrigens die Uhr des Produzenten Albert Broccoli war; Rolex (die Firma hat ➱hier einen Post) war zu geizig, der Filmfirma ein Exemplar für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Das bereuen sie bis heute.

Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex trüge, ist seine Antwort: Omega. Die Uhr aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran (Bild). Ich will lieber nicht sagen, was mein Uhrmacher dem Typen gegeben hat, der die alte Rolex, bei der die Lünette fehlte, beim Pokern gewonnen hatte

Inzwischen ist uns allen klar, dass man James Bond nur noch am Leben erhält, weil man die Filme für das product placement braucht. Seit der Great Gatsby ➱Verfilmung von 1974 hat die Filmindustrie diese Einnahmequelle in großem Stil entdeckt. Wer sich in der ersten kommerziellen Bond Welle solch eine potthässliche James Bond 007 Uhr von Moeris wie die da oben gekauft hat, kann heute ein gutes Geschäft damit machen. Wenn meine Mutter den dunkelblauen James Bond Anzug mit den Geheimtaschen von meinem Bruder nicht zum Roten Kreuz gegeben hätte, wäre der heute vielleicht auch noch etwas wert.

James Chapman hat mit dem Satz the films are mass-market popular movies produced for the widest possible audience, whereas Fleming saw himself as writing for “the more sophisticated” type of reader natürlich recht. Schon vorher sagte John Adkins in The British Spy Novel in dem Kapitel Spies and the Class WarThe class issue has been one of the major concerns of British fiction this century. Die Welt Ian Flemings und seines Gentleman-Agenten bestand, um zwei Buchtitel zu zitieren, aus Snobbery with Violence (Colin Watson) und Clubland Heroes (Richard Usborne). Ian Fleming suggerierte dem Leser in seinen Romanen, er sei ein Teil der großen eleganten Welt. Aus dem Casino Royale der Romane ist (bildlich gesprochen) die Daddelhalle geworden, snobbery ist nicht mehr da, class auch nicht, dafür umso mehr violence. Die Bild Zeitung konnte vor Jahren titeln: Til Schweiger ist der „deutsche James Bond“. Darauf warten wir alle.

James Bond wurde bekanntlich am 11.11.1920 in Wattenscheid geboren. Den Film Skyfall (von dem ich letztens einen Teil im TV gesehen habe) hatte das einzige Kino von Wattenscheid nicht im Programm, da gab es die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Na ja, manche Kritiker fanden den Film auch grottenolmschlecht. James Bond nennt sich heute Daniel Craig und trägt wieder Anzüge, die wie die Anzüge von Anthony Sinclair aussehen. Er bereut es heute bitter, dass er mal den Decknamen Roger Moore verwendet und diese schrecklichen Klamotten getragen hat.

Auch der Name Pierce Brosnan, der BMW und die ➱Brioni Anzüge haben ihm nicht wirklich gefallen. Dass man ihn überredet hat, sich bei Facebook anzumelden, bereut er auch schon. Er kann seinen Ruhestand nicht wirklich genießen, immer wieder ruft M an (der inzwischen eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat und nicht mehr Bernard Lee, sondern Judi Dench heißt) und will etwas von ihm. England expects that every man will do his dutyDas ist das Schicksal des hero with a thousand faces, das olympische citior, altior, fortior gilt erst einmal für sie. Wenn da irgendwelche kleinwüchsigen Amerikaner auf einer mission impossibile sind und sich das gut verkauft, dann müssen sie im nächsten Film noch besser sein. Das ist der Fluch der Superhelden, die ewig leben müssen.

Die Geister, die wir gerufen haben, werden wir nicht mehr los. Der Kinostart für den neuesten James Bond Film ist für November angekündigt. Sie können sicher sein, dass ich nicht darüber schreiben werde. Die halbe Stunde, die ich von Skyfall gesehen habe, hat mir gereicht. Heute vor fünfzig Jahren hatte der Film Goldfinger seine deutsche Premiere. Ian Fleming hat die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebt.

An mir lief das auch völlig vorbei. Ich habe den Film 1965 nicht gesehen. Der einzige filmische Geheimagent, den ich damals im Kino sah, hieß Lemmy Caution. Der trug wenigstens einen ➱Regenmantel, wie es sich für Geheimagenten gehört. Das taten auch Joel McCrea in Foreign Correspondent, Michael Caine in Ipcress und Richard Burton in The spy who came in from the cold. Sean Connery hatte als 007 keinen. Wenn England einen Agenten mit der Doppelnull in die Karibik oder nach Miami schickt, dann braucht der keinen Trench. Hier in Another Time, Another Place trägt Connery einen Aquascutum Kingsway, aber das ist natürlich kein James Bond Film.

Ian Fleming mag tot sein, aber der nächste James Bond Roman wird schon geschrieben (der letzte wurde von William Boyd geschrieben, er liegt bei mir noch irgendwo in der Mitte eines Bücherstapels). Von einem Mann namens Anthony Horowitz. Den kennen Sie vielleicht als Drehbuchautor von sechs Folgen von ➱Inspector Barnaby. Und – noch viel, viel besser – von 21 Folgen der ➱Serie Foyle’s War.

Horowitz hat über seinen Roman gesagt: It’s no secret that Ian Fleming’s extraordinary character has had a profound influence on my life, so when the estate approached me to write a new James Bond novel how could I possibly refuse? It’s a huge challenge – more difficult even than Sherlock Holmes in some ways – but having original, unpublished material by Fleming has been an inspiration. This is a book I had to write. Und weil es viel Geld bringt. Und wenn wir noch einen schönen Satz brauchen, wie wäre es mit dem schönen Satz: Une réception? A la bonne heure, ce sera l’occasion de porter mon smoking en alpaga. Sagt der Agent OSS 117 von Jean Bruce.

Falls Sie den Herrn hier nicht kennen sollten, das ist Barry Nelson als Jimmy Bond 1954 in Casino Royale (➱Peter Lorre war auch als Le Chiffre in dem 48 Minuten langen Film). Der ➱Smoking von Hubert Bonisseur de la Bath sitzt besser als der von Jimmy Bond (auch beim ➱Tanzen). Der mit den Worten von Macbeth zu fragen scheint: why do you dress me in borrow’d robes? So hat alles angefangen. Der Rentner in Wattenscheid ist nicht besonders stolz auf diese Verkleidung.

post scriptum: Dies stand schon im Netz, da fiel mir ein Gedichtband von Frank Schulz (dem Autor des Klassikers Kolks blonde Bräute) in die Hand, aus dem ich noch eben ein kleines Gedicht zitieren möchte:

Geschürt, nicht gerüttelt


Sein Name ist Bond,

James Bond. 

Das Girl, es ist blond,

schön blond.

Jawohl, Bond ist Schond.

Na ond?

Der Wiedergänger James Bond taucht auch in diesem Blog immer wieder auf. Wenn Ihnen nach noch mehr Bond zumute ist, dann könnten Sie auch noch lesen: MetropolisIan FlemingBachs CellosuitenSecret AgentsScotland foreverJames Bond007GoldfingerSir Thomas Sean ConneryCathy GaleBond GirlDaliah LaviBrittGeorge Spencer WatsonChristine KeelerSchmutzige LyrikJohn le CarréEric AmblerNicolas FreelingIntertextualitätKingsley AmisRitterRoyal Flying CorpsKyritz an der KnatterLaurence HarveyUli BeckerHaikuKingsmanOperation MincemeatKen AdamSiegfried SchürenbergAgentenmodeFilm und ModeEnglische Herrenschuhe (London)StilBlazerInspector Barnaby und die ModeJankerRoyal Flying CorpsAufklärungTalsperrenPlayboy

Siegfried Schürenberg

12/01/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Der Chef von Scotland Yard heißt Sir John, er hat meistens keinen Nachnamen. Unter den Commissioners of Police of the Metropolis ist allerdings nur ein Sir John gewesen. Da hat man auf der Wikipedia Seite vergessen, Sir John Appleby dazu zu zählen (sein Schöpfer Michael Innes hat ➱hier einen Post). In dem Film Der Hexer heißt Sir John Walford mit Nachnamen, da konnte man wohl nicht am Original vorbei, wo im Roman von Edgar Wallace ein Colonel Walford die Londoner Polizei befehligt. Wenn Sie The Ringer im Original lesen wollen, klicken Sie ➱hier. Den ➱Film habe ich natürlich auch.

Der Sir John in den deutschen Edgar Wallace Filmen ist immer etwas trottelig. Vor allem, wenn er von Siegfried Schürenberg gespielt wird (in einigen Filmen ist Ernst Fritz Fürbringer als Sir Archibald Morton der Chef von Scotland Yard). Es ist das Schicksal des Schauspielers Siegfried Schürenberg, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Er macht das Beste daraus.

Und immer wieder bringt er diesen Satz: Aber das hätten sie doch berücksichtigen müssen. Das ist ein running gag wie Hol schon mal den Wagen, Harry (Sie könnten jetzt auch den Post ➱Derrick lesen). In Deutschland ist man mit kleinen Gags zufrieden. Es war ja unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein, wie die Werbung versicherte.

Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode.

Das ist natürlich nicht Siegfried Schürenberg, sondern Bernard Lee als Geheimdienstchef M in Dr No (für die James Bond Freunde gibt es übrigens hier übermorgen etwas Schönes), ihm lieh Schürenberg die ➱Stimme. Wie auch James Stewart, Kirk Douglas, Cary Grant, Walter Matthau, Laurence Olivier und Vincent Price. Und auch Julius Caesar in mehreren Asterix Filmen.

Und ihm hier. Wir kennen ihn als Rhett Butler in Gone with the Wind, aber Clark Gables deutsche Stimme war seit 1932 Siegfried Schürenberg. In Schürenbergs Nachruf stand 1993 im Spiegel zu lesen: Totgesagte sterben später – und daß Schürenberg, der schon in den frühen Sechzigern den total senilen und vertrottelten Scotland-Yard-Chef „Sir John“ gab, nach solchen Rollen noch 30 Jahre weiterlebte, das beweist nur, wie gut er als Schauspieler war. Er hatte den Job einst bei Max Reinhardt gelernt, er spielte Theater in Wien, Zürich und Berlin, und wenn der deutsche Nachkriegsfilm einen weltläufigen Lebemann brauchte, war er stets erste Wahl. In fast 80 deutschen Filmen ist er aufgetreten, doch in einer seiner größten Rollen blieb er unsichtbar: als deutsche Stimme von Clark Gable in „Vom Winde verweht“. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Schürenberg Ende August in Berlin gestorben.

Die MGM hatte Schürenberg in den dreißiger Jahren als deutsche Synchronstimme von Clark Gable ausgewählt. Als 1953 im MGM Synchronisations Atelier in Berlin Gone with the Wind synchronisiert wurde, bestand MGM auf Schürenberg. Wie er allerdings diesen berühmten Satz am Ende, Frankly my dear I don’t give a damn, spricht, das weiß ich nicht. Ich habe nur die ➱Originalfassung als DVD. Er bleibt dem beinahe gleichaltrigen Clark Gable bis zu dessen Tod treu, auch The Misfits hat er noch synchronisiert. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Sybille Schmitz 1934 in dem deutschen Science Fiction Film Der Herr der Welt. Sie galt als die schönste Frau der deutschen Filmwelt, hatte aber ein trauriges Leben.

Ich weiß nicht, ob Siegfried Schürenberg mit seinem langen Leben zufrieden gewesen ist. Er war viermal verheiratet, einmal mit einer Frau aus Bremen. Wo er auch mal eine Spielzeit gewesen ist. Und den Malvolio in Was ihr Wollt gespielt hat, das kann man im Shakespeare Jahrbuch lesen. Hier ist er als eleganter Herr im ➱Frack in Der Mann, der Sherlock Holmes war, aber das haben wir vergessen, weil wir uns nur noch an Hans Albers und Heinz Rühmann erinnern. Das ist das Schicksal von Siegfried Schürenberg gewesen. Er ist ein Mann der zweiten Reihe. Erst wenn er den Trottel Sir John spielt, wird man sich an ihn erinnern.

Er soll ein verschlossener Mann gewesen sein. Sagt Andreas Neumann in Sir John jagt den Hexer: Siegfried Schürenberg und die Edgar Wallace-Filme. Neumann hatte den Schauspieler 1974 kennen gelernt, da hatte der sich gerade vom Filmgeschäft verabschiedet. Das ➱Buch, zu dem Eddie Arent ein Vorwort geschrieben hat, sagt nicht sehr viel über den Privatmann Schürenberg, aber mehr werden wir wohl nicht erfahren. Siegfried Schürenberg wurde heute vor 115 Jahren als Siegfried Hermann Andreas Wittig geboren. Ich dachte, ich widme ihm mal einige Zeilen. Damit kein Leser sagt: Aber das hätten sie doch berücksichtigen müssen.

 
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